Artikel

Die Artikel-Übersicht auf GameStar.de mit Previews, Hintergrund-Berichten, Reports, Kolumnen, Interviews, Kinofilm-Kritiken und mehr.

Kolumne: »Killerspiele«-Aktion des AAW

Was wir daraus lernen können

GameStar Chefredakteur Michael Trier erklärt in der Kolumne, wie die Aktion »Familien gegen Killerspiele« für alle Seiten zu einem erfreulichen Ergebnis gekommen ist.

Von Michael Trier |

Datum: 19.10.2009


»Killerspiele«-Aktion des AAW : Auf dem Platz vor der Staatsoper in Stuttgart stehen Container und Infostand der AAW. Auf dem Platz vor der Staatsoper in Stuttgart stehen Container und Infostand der AAW. Die Süddeutsche nannte es jüngst »Provokation im öffentlichen Raum als Medienstrategie«.
Gemeint ist das gewollte Übers-Ziel-Hinausschießen, der bewusste Einsatz überzogener Vergleiche oder weitgehend tabuisierter Reizbegriffe, um im ständig anschwellenden Grundrauschen unserer Mediendemokratie seinem Thema Gehör zu verschaffen.

Wollte man nun dem Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden (AAW) als Veranstalter der Aktion »Familien gegen Killerspiele« (siehe News) in Stuttgart soviel taktisches Kalkül unterstellen, hätte man eine, wenn auch zynische, Erklärung für den wiederholten Vergleich der zugegebenermaßen plump inszenierten Anti-Spiele-Aktion mit den Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten in diversen Internet-Foren.
Doch scheint hier vielmehr blinder Aktionismus anstelle bewusster Provokation die Triebfeder gewesen zu sein.

Dabei kann man angesichts der Komplexität unseres sozialen und medialen Miteinanders durchaus Verständnis entwickeln für das AAW. Das Bündnis verfolgt ja durchweg hehre und unterstützenswerte Ziele, wie eine Veränderung der Gesellschaft hin zu mehr Verständnis und Miteinander. Aber wo anfangen mit dem Verändern? Irgendwo muss man ja schließlich Beginnen mit dem Aufräumen dieses gefühlten Saustalls. Da bieten sich, und hier kommt nun doch medienstrategisches Kalkül ins Spiel, die sogenannten »Killerspiele« an. Da werden die Öffentlichkeit und die Medien drauf springen, besonders wenn Worte wie »Familie« angedockt sind.

Wirklich bemerkenswert an dieser Aktion sind aus unserer Sicht aber vor allem vier Dinge.

Erstens: Das grandiose Scheitern der Aktion.

Zwar spricht zum Beispiel die badische Zeitung von »etwa zwei Dutzend Computerspielen wie das umstrittene Conter-Strike« die von »vor allem Jugendlichen« in den bereit gestellten Müll-Container geworfen worden seien. Davon abgesehen, dass der Container von Größe und Erwartung her für zehntausende Spielepackungen dimensioniert war, ist nach GameStar-Recherchen auch diese »Erfolgsmeldung« weit übertrieben. Wir zählten vor Ort gerade mal drei Packungen.

Zweitens: Die entlarvende Reaktion der Medien.

Obwohl von öffentlicher Seite, also aus der Bevölkerung heraus, offensichtlich kaum Interesse an der Aktion bestand, standen die Medienvertreter mit Kamera- und Reporter-Teams vor Ort Schlange. Und da zu einem bestimmten Termin Ergebnisse in Form von Bildmaterial vorliegen müssen (man kann ja nicht ewig warten, bis die verflixte Realität endlich den Produktionsplan befolgt), wurde eben so getan, als sei alles so, wie man es sich morgens bei der Redaktionskonferenz überlegt hatte: Leute, bevorzugt Kinder und Jugendliche, müssen Spielepackungen in den Container werfen. Das muss effektvoll gefilmt werden. Als nun die Menschen mit tütenweise zu entsorgenden Spielen ausblieben, hat man eben zwei herausgepickt, die, gefilmt aus unterschiedlicher Perspektive, die gleichen Schachteln mehrmals in den Behälter knallten. Anstatt zu berichten, was wirklich war, wurde von einigen (nicht von allen) Redaktionen so getan, als sei die Aktion erfolgreich im Sinne der Veranstalter gelaufen.

Drittens: Die Reaktion (oder Nichtreaktion) der Öffentlichkeit.

»Killerspiele«-Aktion des AAW : Vertreter von AAW und Spielerveband kamen ins Gespräch. Vertreter von AAW und Spielerveband kamen ins Gespräch. Vor nicht allzu langer Zeit noch wäre ein Aufruf wie »Familien gegen Killerspiele« von wesentlich mehr Bevölkerungsinteresse und flankierenden Entrüstungsstürmen begleitet gewesen. In diesem Fall gab’s auffallend viele gleichgültige oder sogar kritische Reaktionen. Anscheinend zeigt das unermüdliche Argumentieren in Diskussionsrunden, das zähe Ringen um differenzierte Betrachtung des Themas und die medienübergreifende Berichterstattung der seriösen Fachpresse erste Wirkung. Unser Eindruck: Die Leute glauben einfach nicht mehr jede Unterstellung, wissen besser Bescheid über Jugendschutz in Deutschland - oder können das Thema einfach nicht mehr hören. Auch weil sie den Glauben an schnell wirkende Patentlösungen verloren haben und längst wissen oder zumindest fühlen, dass wir es beim Thema gesellschaftliche Akzeptanz von Video- und PC-Spielen mit einem langwierigen Prozess zu tun haben, den Schlagwortfronten eher bremsen als vorantreiben. Die Spieler selbst wissen das schon lange und sind endlich auch in der Lage, sich zu artikulieren, sich Gehör zu verschaffen und damit am Dialog teilzunehmen.

Viertens: Die Reaktion der Spieler.

»Killerspiele«-Aktion des AAW : Schon lange gibt es die Kommunikation der Spieler untereinander, in Foren, in Blogs, in sozialen Netzwerken, per E-Mail und Messenger. Und gerade im Vorfeld von TV-Sendungen oder bei Terminen im Bundestag zum Thema Spiele glühten all diese Plattformen förmlich unter dem Traffic-Ansturm und oft auch vor Entrüstung. Nur drang davon bisher eher wenig nach außen. Nun hat sich mit dem auch von GameStar unterstützten Verband für Deutschlands Video- und Computerspieler (VDVC) ein von der Branche losgelöster Interessenverband gebildet, der die Position der Spieler in den Medien bündeln und vertreten kann. Zwar ist hier noch Raum für Professionalisierung, aber allein die Gründung dieses unabhängigen Verbandes ist ein Riesenschritt für Video- und PC-Spieler in Deutschland. Mit der Piratenpartei haben wir bei dieser Aktion in Stuttgart gleich noch eine zweite Kraft vor Ort gesehen, die die üblichen Berichterstattungsmechanismen in Frage stellt und eine eigene Meinung vertritt.
Das zudem die Vertreter von AAW, VDVC und der Piraten friedlich miteinander den Meinungsaustausch gesucht und manchmal sogar gefunden haben, stimmt uns optimistisch für die gesellschaftliche Akzeptanz unseres Hobbys in Deutschland.

Das ist die schönste Erkenntnis aus dieser sehr viel über unsere Gesellschaft, ihre medialen Mechanismen und den Stand der Diskussion um Spiele und Gewalt enthüllenden Aktion in Stuttgart. Danke liebes AAW, für so viele Einsichten.

» Report: Spott für die »Killerspiele«-Killer
» Video-Eindrücke der Spieleentsorgung

Diesen Artikel:   Kommentieren (54) | Drucken | E-Mail
Sagen Sie Ihre Meinung (» alle Kommentare)
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten!
» Zum Login

Sie sind noch nicht in der GameStar-Community angemeldet?
» Zur kostenlosen Anmeldung
Erster Beitrag  |  » Neuester Beitrag
1 2 3 ... 6 weiter »
Avatar Hanfblatt -93-
Hanfblatt -93-
#1 | 19. Okt 2009, 18:33
Dieser Kommentar wurde ausgeblendet, da er nicht den Kommentar-Richtlinien entspricht.
Avatar Zitterbacke
Zitterbacke
#2 | 19. Okt 2009, 18:39
Was ich sowieso sehr fragwürdig finde... Bevor ich ein Spiel wegschmeisse, verkauf ich es doch eher. Die tun ja geradezu so als wäre der Teufel persönlich auf den DVDs. Hexenjagd wie schon vorher einer treffend bemerkte. Hätte sie lieber mal die ganzen Schußwaffen in den Container geschmissen, das wär vielleicht sinnvoller und ertragreicher gewesen. Ohne Waffen, kein Amoklauf (zumindest nicht in dem Ausmaß).
rate (83)  |  rate (7)
Avatar daniel79
daniel79
#3 | 19. Okt 2009, 18:44
na, das ist wohl nach hinten losgegangen...

@zitterbacke
schusswaffen wären ja noch unrealistischer. hast du ne ahnung was die dinger kosten? ausserdem sind diese waffen, genauso wie spiele, teil eines hobbies einer person die sich wohl kaum freiwillig und ohne guten grund davon trennen wird. bei den spielen hätte ich jetzt noch eher damit gerechnet dass evtl. ein paar leicht beeinflussbare eltern ihre kinder zwingen würden spiele in den container zu werfen. glücklicherweise gibt es davon aber wohl doch nicht so viele wie ich befürchtet hatte bzw. werden die kinder dieser eltern solche spiele wohl von haus aus nicht besitzen.
rate (28)  |  rate (6)
Avatar squieky
squieky
#4 | 19. Okt 2009, 18:47
Die sind nur im Hassrausch gegen alles was zu den Amokläufen führen KÖNNTE. Ist doch nix neues das Leute den Teufel an die Wand malen wenn sowas passiert...die bekannte Suche nach dem Sündenbock.

Dabei ist die Antwort so einfach: Intoleranz und Rücksichtslosigkeit anderen gegenüber, genau das Gleiche was dem Amokläufer angetan wurde wird nun von den Eltern der Opfer an andere übertragen - sie gehn einem ständig auf die Nerven und versuchen einen zu unterdrücken/übergehen. Und ich sag es mal so, wer einzelne über Millionen stellt, egal wie traurig es auch sein mag, der hat einen an der Waffel.

Jetzt ist das ganze nach hinten los gegangen und ich könnte wetten das sich die Eltern der Opfer total aufregen und die Menscheit verfluchen. Nur weil einer das Essmesser misbraucht muss man nicht gleich alle Messer verbieten.
rate (36)  |  rate (3)
Avatar Seth90
Seth90
#5 | 19. Okt 2009, 18:49
Eine gute Zusammenfassung und Auswertung des Tages. Ich war zwar (leider) nicht da baer diese Kolumne stimmt im großen und ganzen mit meiner Wahrnehmung überein.
rate (22)  |  rate (3)
Avatar Leeroy Kincaid
Leeroy Kincaid
#6 | 19. Okt 2009, 18:51
Gute Kolumne.

Das was mir übrigens am negativsten aufgefallen ist, sind die vielen kindischen und unreifen Kommentare in den News hier und auf anderen Seiten. Diese erschweren die Bestrebungen der Branche endlich ernst genommen zu werden. Wenn man also nichts als unreifen Blödsinn zu sagen hat, sollte man doch mal lieber still sein.
rate (40)  |  rate (8)
Avatar BoINgsi
BoINgsi
#7 | 19. Okt 2009, 19:05
Zitat von Leeroy Kincaid:
Gute Kolumne.

Das was mir übrigens am negativsten aufgefallen ist, sind die vielen kindischen und unreifen Kommentare in den News hier und auf anderen Seiten. Diese erschweren die Bestrebungen der Branche endlich ernst genommen zu werden. Wenn man also nichts als unreifen Blödsinn zu sagen hat, sollte man doch mal lieber still sein.


Was ist da unreif?

90% der Spieler haben einfach recht, diese Aktion ist mehr als bemitleidenswert anstatt die richtigen Probleme anzugehen werden die Spiele verdonnert.

Was mir als erstes auffällt ist das immer CS an allem schuld sein soll aber warum? ich bin nun 27 spiele shooter seit dem ich 14 bin und habe keine
Aggressionen und so gehts vielen anderen auch und wir wollen halt nicht verstehen das sie die schönen Spiele Beschuldigen der Teufel zu sein.

Warum geht niemand gegen Sportschützenvereine vor? oder gegen das halten einer Waffe? warum werden da die Gesetze nicht verschärft?
Warum sammeln die da in der Riesen Tonne keine Waffen auf diesen vereinen?

Das was die da gemacht haben ist tiefstes Mittelalter und erinnert sehr stark an die Hexenverbrennung.

Die opfer haben zwar mein Mitleid aber leider nicht unbegrenzte Toleranz, und bei mir wie bei vielen anderen hängt dieses Thema schon zum Hals raus.

Spiele Töten niemanden, aktion filme Töten niemanden, soziale
Ungerechtigkeit und Erfolglosigkeit töten Menschen.
rate (42)  |  rate (12)
Avatar Arragon
Arragon
#8 | 19. Okt 2009, 19:06
Auch wenn, zum Glück, die Aktion des AAW kein Erfolg gewesen ist, so ist es doch ausserordentlich erfreulich, daß die Für- und Gegensprecher von Computerspielen ins Gespräch gekommen sind und ihre Meinungen in Ruhe ausgetauscht haben.
Vieleicht wird dann in Zukunft nicht mehr so gegen Computerspieler gehetzt und eine faire Berichterstattung darüber statt finden.
rate (18)  |  rate (1)
Avatar mehrtuerer
mehrtuerer
#9 | 19. Okt 2009, 19:09
Schöner Artikel.
rate (19)  |  rate (0)
Avatar Sp00kyFox
Sp00kyFox
#10 | 19. Okt 2009, 19:12
jup dem kann ich nur zustimmen, astreiner kommentar.
weiter so michael! ;)
rate (16)  |  rate (2)
1 2 3 ... 6 weiter »


PROMOTION
 
top Top
Suchen
GAMEPRO MEDIA © IDG Entertainment Media GmbH - alle Rechte vorbehalten GAMEPRO MEDIA