»Killerspiele«-Aktion des AAW : Auf dem Platz vor der Staatsoper in Stuttgart stehen Container und Infostand der AAW. Auf dem Platz vor der Staatsoper in Stuttgart stehen Container und Infostand der AAW. Die Süddeutsche nannte es jüngst »Provokation im öffentlichen Raum als Medienstrategie«.
Gemeint ist das gewollte Übers-Ziel-Hinausschießen, der bewusste Einsatz überzogener Vergleiche oder weitgehend tabuisierter Reizbegriffe, um im ständig anschwellenden Grundrauschen unserer Mediendemokratie seinem Thema Gehör zu verschaffen.

Wollte man nun dem Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden (AAW) als Veranstalter der Aktion »Familien gegen Killerspiele« (siehe News) in Stuttgart soviel taktisches Kalkül unterstellen, hätte man eine, wenn auch zynische, Erklärung für den wiederholten Vergleich der zugegebenermaßen plump inszenierten Anti-Spiele-Aktion mit den Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten in diversen Internet-Foren.
Doch scheint hier vielmehr blinder Aktionismus anstelle bewusster Provokation die Triebfeder gewesen zu sein.

Dabei kann man angesichts der Komplexität unseres sozialen und medialen Miteinanders durchaus Verständnis entwickeln für das AAW. Das Bündnis verfolgt ja durchweg hehre und unterstützenswerte Ziele, wie eine Veränderung der Gesellschaft hin zu mehr Verständnis und Miteinander. Aber wo anfangen mit dem Verändern? Irgendwo muss man ja schließlich Beginnen mit dem Aufräumen dieses gefühlten Saustalls. Da bieten sich, und hier kommt nun doch medienstrategisches Kalkül ins Spiel, die sogenannten »Killerspiele« an. Da werden die Öffentlichkeit und die Medien drauf springen, besonders wenn Worte wie »Familie« angedockt sind.

Wirklich bemerkenswert an dieser Aktion sind aus unserer Sicht aber vor allem vier Dinge.

Erstens: Das grandiose Scheitern der Aktion.

Zwar spricht zum Beispiel die badische Zeitung von »etwa zwei Dutzend Computerspielen wie das umstrittene Conter-Strike« die von »vor allem Jugendlichen« in den bereit gestellten Müll-Container geworfen worden seien. Davon abgesehen, dass der Container von Größe und Erwartung her für zehntausende Spielepackungen dimensioniert war, ist nach GameStar-Recherchen auch diese »Erfolgsmeldung« weit übertrieben. Wir zählten vor Ort gerade mal drei Packungen.

Zweitens: Die entlarvende Reaktion der Medien.

Obwohl von öffentlicher Seite, also aus der Bevölkerung heraus, offensichtlich kaum Interesse an der Aktion bestand, standen die Medienvertreter mit Kamera- und Reporter-Teams vor Ort Schlange. Und da zu einem bestimmten Termin Ergebnisse in Form von Bildmaterial vorliegen müssen (man kann ja nicht ewig warten, bis die verflixte Realität endlich den Produktionsplan befolgt), wurde eben so getan, als sei alles so, wie man es sich morgens bei der Redaktionskonferenz überlegt hatte: Leute, bevorzugt Kinder und Jugendliche, müssen Spielepackungen in den Container werfen. Das muss effektvoll gefilmt werden. Als nun die Menschen mit tütenweise zu entsorgenden Spielen ausblieben, hat man eben zwei herausgepickt, die, gefilmt aus unterschiedlicher Perspektive, die gleichen Schachteln mehrmals in den Behälter knallten. Anstatt zu berichten, was wirklich war, wurde von einigen (nicht von allen) Redaktionen so getan, als sei die Aktion erfolgreich im Sinne der Veranstalter gelaufen.

Drittens: Die Reaktion (oder Nichtreaktion) der Öffentlichkeit.

»Killerspiele«-Aktion des AAW : Vertreter von AAW und Spielerveband kamen ins Gespräch. Vertreter von AAW und Spielerveband kamen ins Gespräch. Vor nicht allzu langer Zeit noch wäre ein Aufruf wie »Familien gegen Killerspiele« von wesentlich mehr Bevölkerungsinteresse und flankierenden Entrüstungsstürmen begleitet gewesen. In diesem Fall gab’s auffallend viele gleichgültige oder sogar kritische Reaktionen. Anscheinend zeigt das unermüdliche Argumentieren in Diskussionsrunden, das zähe Ringen um differenzierte Betrachtung des Themas und die medienübergreifende Berichterstattung der seriösen Fachpresse erste Wirkung. Unser Eindruck: Die Leute glauben einfach nicht mehr jede Unterstellung, wissen besser Bescheid über Jugendschutz in Deutschland - oder können das Thema einfach nicht mehr hören. Auch weil sie den Glauben an schnell wirkende Patentlösungen verloren haben und längst wissen oder zumindest fühlen, dass wir es beim Thema gesellschaftliche Akzeptanz von Video- und PC-Spielen mit einem langwierigen Prozess zu tun haben, den Schlagwortfronten eher bremsen als vorantreiben. Die Spieler selbst wissen das schon lange und sind endlich auch in der Lage, sich zu artikulieren, sich Gehör zu verschaffen und damit am Dialog teilzunehmen.

Viertens: Die Reaktion der Spieler.

»Killerspiele«-Aktion des AAW : Schon lange gibt es die Kommunikation der Spieler untereinander, in Foren, in Blogs, in sozialen Netzwerken, per E-Mail und Messenger. Und gerade im Vorfeld von TV-Sendungen oder bei Terminen im Bundestag zum Thema Spiele glühten all diese Plattformen förmlich unter dem Traffic-Ansturm und oft auch vor Entrüstung. Nur drang davon bisher eher wenig nach außen. Nun hat sich mit dem auch von GameStar unterstützten Verband für Deutschlands Video- und Computerspieler (VDVC) ein von der Branche losgelöster Interessenverband gebildet, der die Position der Spieler in den Medien bündeln und vertreten kann. Zwar ist hier noch Raum für Professionalisierung, aber allein die Gründung dieses unabhängigen Verbandes ist ein Riesenschritt für Video- und PC-Spieler in Deutschland. Mit der Piratenpartei haben wir bei dieser Aktion in Stuttgart gleich noch eine zweite Kraft vor Ort gesehen, die die üblichen Berichterstattungsmechanismen in Frage stellt und eine eigene Meinung vertritt.
Das zudem die Vertreter von AAW, VDVC und der Piraten friedlich miteinander den Meinungsaustausch gesucht und manchmal sogar gefunden haben, stimmt uns optimistisch für die gesellschaftliche Akzeptanz unseres Hobbys in Deutschland.

Das ist die schönste Erkenntnis aus dieser sehr viel über unsere Gesellschaft, ihre medialen Mechanismen und den Stand der Diskussion um Spiele und Gewalt enthüllenden Aktion in Stuttgart. Danke liebes AAW, für so viele Einsichten.

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