Kolumne: Das sagt der Strategiespieler zur E3 :

Die E3 ist rum und lässt mich trotz vieler beeindruckender Spiele enttäuscht zurück - wie so oft in den letzten Jahren. Denn die E3 ist keine Messe für Strategie-Fans. Die wenigen größeren in Entwicklung befindlichen Titel dieses Genres spielten weder die erste noch die zweite Geige im Multimillionen-Konzert der Spieleindustrie. Von Civilization 6 oder Dawn of War 3 war allenfalls das leise »Pling« einer Triangel zu vernehmen.

Einzig Halo Wars 2 bekam mit einem schicken Cinematic-Trailer eine größere Bühne. Und immerhin, dank Xbox Play Anywhere wird mir dieses Spiel im Gegensatz zum ersten Teil auch als PC-Spieler offenstehen. Doch angesichts der in der E3 Woche gestarteten Beta zu Halo Wars 2 bin ich skeptisch. Da präsentiert sich das Spiel nämlich in einem vor allem technisch sehr schlechten Zustand, ganz so als wäre Halo Wars 2 für diesen Schritt noch nicht bereit gewesen. Glaubt Microsoft also tatsächlich an das Genre, oder gewährte man dem Spiel nur deshalb Zeit auf der Konzertbühne, weil man dem besagten Play-Anywhere-Programm Futter geben wollte?

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Kolumne: Das sagt der Strategiespieler zur E3 :
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Mit geringer aber umso leidenschaftlicherer Hoffnung ist der ausgewiesene Strategie-Fan Reiner Hauser in die E3-Woche gegangen. Würde Microsoft endlich ein neues Age of Empires ankündigen? Würde sich womöglich eine neue AAA-Strategiemarke aus der längst erkalteten Asche des Genres erheben? Wie nicht anders zu erwarten war, muss er solche Tagträume noch ein paar Jahre weiterträumen. Denn auch auf der diesjährigen Messe manifestierte sich kein Heilsbringer für diese missliche Lage.

Kein Platz für Strategie

Natürlich freue ich mich auch noch auf andere Spiele, die auf der E3 gezeigt wurden, namentlich Sea of Thieves oder For Honor. Als vernarrter Stratege muss ich aber feststellen, dass mein Lieblingsgenre schon seit Jahren kaum noch Platz in den wichtigen Budget-Planungen der großen Publisher hat.

Doch so ganz verstehe ich EA, Microsoft und Co nicht. Klar, Strategiespiele haben längst nicht das weltweite Hype-Potenzial eines Battlefield 1. Dennoch haben gerade die HD-Versionen und Erweiterungen zu Age of Empires 2 oder Age of Mythology gezeigt, wie viele Spieler ähnlich denken wie ich. Immerhin sind das über zehn Jahre alte Spiele, die sich als HD trotzdem im oberen sechsstelligen Bereich und teils sogar siebenstellig verkauft haben. Laut Steamspy stammen über 25 Prozent der drei Millionen Käufer von Age of Empires 2 HD aus den Vereinigten Staaten, auf Platz zwei folgt Deutschland mit neun Prozent. Da sage noch einer, Echtzeit-Strategie interessiere jenseits des Atlantiks niemanden!

Um am Ende nicht gänzlich verbittert der E3-Welt den Rücken zukehren zu müssen, gab es heuer immerhin wieder die PC Gaming Show. Bei den hier gezeigten kleineren Produktionen tauchten dann auch neue Strategietitel wie ein Dropzone auf. Begeistert war ich am Ende trotzdem nicht. Dropzone ist ein flotter Moba-Strategie-Mix mit Mechs, eine Mischung, die ich in letzter Zeit häufiger bei Indie-Titeln sehe und die mich einfach nicht überzeugt. Zu steril, zu austauschbar.

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Und so hat die E3 nicht nur einmal mehr den Stellenwert des Genres aufgezeigt, sondern offenbarte bei den wenigen größeren Vorstellungen auch noch den relativen Stillstand in diesem Segment. Ein Dawn of War 3 reizt mich zwar durchaus, reißt mich aber auch nicht vom Hocker. Dafür macht es zu wenig neu. Der große neue Titel, der die Echtzeitstrategie revolutioniert, ist nicht in Sicht - ein Thema, über das sich locker eine eigene Kolumne schreiben ließe.

Es bleibt also noch Halo Wars 2, ein sogenanntes Action-Echtzeitstrategiespiel in einem Sci-Fi-Setting (schon wieder), das auf Konsolen laufen muss und sich laut Entwickler zugleich an Einsteiger wie an Profis richten soll. In Ekstase versetzt mich das nun nicht unbedingt.

Die E3 endet für mich daher mit einer ernüchternden Bilanz. Denn wohlgemerkt, das Strategiegenre besteht aus mehr als nur der klassischen Echtzeitstrategie. Runden-, Wirtschafts-, Aufbau-, Globalstrategie. All das taucht im E3-Portfolio der großen Publisher praktisch nicht mehr auf. Und so verabschiedet sich ein ganzes Genre von der Konzertbühne der größten Messe mit einem kaum hörbaren »Pling«.

Besser wird's vermutlich erst auf der Gamescom. Denn Deutschland eignet sich als starker PC-Markt traditionell besser für Strategie-Neuankündigungen als die konsolenaffinen USA. Nicht umsonst hat beispielsweise Paradox im letzten Jahr die E3 übersprungen und seine Strategiespiele Hearts of Iron 4 und Stellaris erst auf der Gamescom präsentiert, Stellaris sogar erstmals. In diesem Jahr dürfte in Köln vor allem Spellforce 3 eine Rolle spielen, das wir bereits ausführlich anspielen konnten, und vielleicht auch Die Gilde 3 - deutschere Spiele gibt's ja kaum. Es dürfte aber auch gerne ein neues Age of Empires geben. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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