Dear Esther - PC

Adventure  |  Release: 14. Februar 2012  |   Publisher: -
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Dear Esther im Test

Poetisches Storytelling-Experiment

Spiel, Un-Spiel oder etwas völlig anderes? Dear Esther entzieht sich allen Konventionen. Auch denen eines Tests, sagt Jochen Gebauer.

Von Jochen Gebauer |

Datum: 18.02.2012


Dear Esther : Dear Esther - Die raue Schönheit der namenlosen Insel ist trotz der betagten Engine beinahe greifbar. Dear Esther - Die raue Schönheit der namenlosen Insel ist trotz der betagten Engine beinahe greifbar.

Wo ist die Wertung?

Da Dear Esther quasi keinerlei Gameplay-Elemente besitzt und sich durch seinen experimentellen Ansatz auch keinem Genre zuordnen lässt, haben wir bewusst auf eine Wertung verzichtet.

Dear Esther ist kein Spiel. Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich keine Ahnung, was Dear Esther eigentlich ist. Der Autor nennt es eine Geistergeschichte, aber ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt einen Geist gibt.

Ich weiß lediglich, dass Dear Esther kein Spiel ist, jedenfalls nicht so, wie ich das Medium bislang verstanden habe, und dass ich es unmöglich als Spiel beurteilen und einen klassischen Test verfassen kann, weil das dem Versuch gleichkäme, in einem dunklen Raum und mit verbundenen Augen eine schwarze Katze zu fangen, die gar nicht drin ist.

Wenn Sie mir eine Pistole an den Kopf halten und mich dazu zwingen würden, es in eine Schublade zu stecken, dann würde ich sagen, dass Dear Esther interaktive Poesie ist, aber das wäre bestenfalls eine grobe Annäherung, weil Dear Esther gar nicht interaktiv ist.

Dear Esther : Dear Esther war ursprünglich eine experimentelle Modifikation für Half Life 2, entwickelt vom britischen Medienforscher Dan Pinchbeck an der Universität von Portsmouth. Die Mod ist übrigens immer noch frei erhältlich.

Das Original
Dear Esther war ursprünglich eine experimentelle Modifikation für Half Life 2, entwickelt vom britischen Medienforscher Dan Pinchbeck an der Universität von Portsmouth. Die Mod ist übrigens immer noch frei erhältlich.

Die Sache ist nämlich die: Ich interagiere nicht; ich lausche, ich beobachte, ich staune, aber eine echte Interaktion, ein Spiel, findet nicht statt. Es gibt nur mich, die Erzählung und jene namenlose schottische Insel, auf der mich Dear Esther absetzt und von der ich den Eindruck habe, sie sei lediglich das Symbol für etwas viel Wichtigeres.

Wellen peitschen an die Küste, dezente, aber wundervolle Musik setzt ein, und ein ebenso namenloser Erzähler beginnt seine Geschichte mit den folgenden Worten: »Liebe Esther. Die Möwen landen hier nicht mehr.«

Steam-Pflicht

Dear Esther ist momentan ausschließlich über Valves Online-Plattform Steam erhältlich -- zum Preis von 7,99 Euro.

Ich tue buchstäblich: nichts

In den nächsten 90 Minuten wandere ich über diese Insel, mein Ziel ein Mast in der Ferne, den ich beinahe instinktiv als Endpunkt der Reise begreife, unterbrochen lediglich von Monologen des Erzählers, mal als Brief an die rätselhafte Esther, mal in Form eines Tagebucheintrages.

Dear Esther : An festgelegten Punkten spinnt der Erzähler die fragmentartige Handlung weiter. An festgelegten Punkten spinnt der Erzähler die fragmentartige Handlung weiter. Ansonsten tue ich buchstäblich nichts, ich kann nicht rennen, nicht springen, ich kann nichts aufheben oder anfassen oder öffnen, es gibt keine Rätsel, keine Dialoge, keine Figuren; ich weiß nicht mal, ob es mich selbst überhaupt gibt, wer auch immer ich eigentlich bin.

Ich folge einem linearen Pfad und nehme in mich auf, die raue Schönheit der Insel, seltsame Symbole auf Kalkstein gekritzelt, kleine Details in verlassenen Hütten, die viel oder gar nichts besagen können, Ultraschall-Bilder eines Babys, chemische Formeln. Und natürlich die Erzählung.

Es ist eine melancholische, mitunter verzweifelte und doch seltsam tröstliche Geschichte, die ich nicht erklären kann, ohne sie beinahe zwangsläufig zu entzaubern -- und von der ich mir weder sicher bin, ob ich sie verstanden habe, noch ob sie überhaupt verstanden werden soll.

Das klingt schrecklich verklausuliert, aber es ist quasi die Natur des Erlebnisses: Wer im Deutschunterricht vernehmlich stöhnte, als er den Faust oder den Steppenwolf interpretieren sollte, der wird an Dear Esther keinen Spaß haben.

Dear Esther : Mysteriöse, an Wände gekritzelte Symbole sind ein ständiger Begleiter. Mysteriöse, an Wände gekritzelte Symbole sind ein ständiger Begleiter.

Das meine ich gar nicht abwertend, denn man kann dem Erzählten durchaus einen gewissen Hang zur Schwülstigkeit und eine zumindest latente Neigung zum Elitismus vorwerfen -- wenn Sie nicht wissen, was ein Damaskuserlebnis ist oder welche Rolle der biblische Lot genau spielte, dann werden Sie bestimmte Handlungsstränge nur schwer verstehen.

Ähnliches gilt auch in sprachlicher Hinsicht, denn Dear Esther schlägt bisweilen einen archaischen Ton an, der ohne ausgezeichnete Englisch-Kenntnisse (oder ein griffbereites Wörterbuch) schlicht unverständlich bleibt, zumal momentan noch keine deutschen Untertitel existieren. Oder wussten Sie, dass »bothy« ein alter schottischer Ausdruck für eine Hütte ist? Ich auch nicht (und ich habe Anglistik studiert, aber erzählen Sie das bitte nicht meinem Professor).

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Avatar Tarsius
Tarsius
#1 | 18. Feb 2012, 10:40
Würde mich ja interessieren. Aber wenn das English wirklich so ist, wie beschrieben, werde ich sicher wenig Freude haben. :(

PS:
Ja ich habe es gekauft. Aber ich lasse mir Zeit. Will wirklich jeden Dialog zu 100% verstanden haben. Jedoch ist die deutsche Übersetzung ja schon in Arbeit. Schön für die Entwickler ist auch, das sie ihre Kosten in nicht mal 6h wieder rein hatten. Jeder Verkauf nach dieser Zeit ist also fast als reiner Gewinn zu sehen. Ich finde das toll, das solche Projekte auch mal belohnt werden.

EDIT:
Witzig. ICH gebe meine Meinung zu MIR SELBST bekannt, und dennoch geben mittlerweile 7 Leute Daumen runter. ^^ Im Grunde auch egal. Aber dennoch irgendwie witzig bis interessant. Gerade weil ich es ja nicht dem Spiel, sonder mir selbst zu last lege.

Andererseits habe ich vielleicht die Schelle verdient, weil ich nicht auf Anhieb weis das "bothy" ein alter schottischer Ausdruck für eine Hütte ist. Das kommt leider davon wenn man "nur" B2 Niveau hat. xD
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Avatar Arius
Arius
#2 | 18. Feb 2012, 10:42
Ich werds mir heute kaufen und ausprobieren. Ich mag es ja wenn mal wieder etwas "außergewöhnliche" Spiele kommen und Dear Esther sieht auf jeden Fall interessant aus.
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Avatar haudidadude
haudidadude
#3 | 18. Feb 2012, 10:44
Ein toller Artikel, vielen Dank!

Bis auf eine Kleinigkeit habe ich dem auch nichts hinzuzufügen.
Du schreibst: "[...] wenn Sie nicht wissen, was ein Damaskuserlebnis ist oder welche Rolle der biblische Lot genau spielte, dann werden Sie bestimmte Handlungsstränge nur schwer verstehen."

Der Bezug zu Lot ist mir entgangen. Ich denke aber, dass sich die fundamentalen Dinge auch ohne Theologiekenntnisse erschließen. Daher finde ich die Warnung etwas zu scharf. Wenn man die Symolok nicht versteht, bekommt man die wichtigen Bezüge auch auf andere Arten präsentiert.

zB.(leichter SPOILER)
Man muss nicht wissen, dass einige der chemischen Strukturformeln Ethanol darstellen, um zu verstehen, dass Alkohol ein Thema der Geschichte ist.

PS: Die deutschen Untertitel sind schon fertig und werden gerade getestet (siehe Steamforum).
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Avatar Leberle
Leberle
#4 | 18. Feb 2012, 10:48
endlich! Eine Kritik und kein Test!
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Avatar Tha_ED
Tha_ED
#5 | 18. Feb 2012, 10:53
Vielen Dank, Jochen!

Beim Lesen des Textes ging mir angesichts der verwendeten Rhetorik das Herz auf. Der Test hat mich gut unterhalten.
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Avatar stodal1
stodal1
#6 | 18. Feb 2012, 10:58
habs mir geholt. unglaubliche atmosphäre aber sau langweilig
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Avatar Andi A.
Andi A.
#7 | 18. Feb 2012, 11:01
Zitat von haudidadude:
PS: Die deutschen Untertitel sind schon fertig und werden gerade getestet (siehe Steamforum).

Wenn das implementiert ist, kauf ich mir das Spiel!
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Avatar Browni
Browni
#8 | 18. Feb 2012, 11:01
Hab es gekauft und fand es sehr schön und ein tolles Erlebnis. Als es dann vorbei war, habe ich mich trotzdem geärgert so viel Geld für die 90 Minuten ausgegeben zu haben. Ich muss mir einfach immer einreden dass ein 90 Minuten Kinofilm genauso viel kostet ^^
Wen solche Spiele interessieren, der sollte sich auch mal die HL2 Mod The Stanley Parable ansehen. Wenn ich mich nicht irre könnte das sogar der gleiche Erzähler sein?!
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Avatar DerDree
DerDree
#9 | 18. Feb 2012, 11:02
Puh und ich dachte schon Gamestar versucht wirklich Dear Esther mit ihrem miesen Wertungskasten zu bewerten.
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Avatar maximiZe
maximiZe
#10 | 18. Feb 2012, 11:03
Sehr schöner Text!

Nun wäre es mal wieder an der Zeit, euer dümmliches Wertungssystem zu überdenken. Bekommen Arthouse-Filme generell keine Wertungen in den entsprechenden (Online- oder Print-)Magazinen? Je nach Magazin - eines vergibt generell keine Wertungen, das andere vergibt dann trotzdem eine auf der altbekannten Zehnerskala. Mehr braucht es nicht. Euer pseudoobjektives Gerüst ist brüchig und überflüssig, und das nicht nur bei speziellen Titeln wie Dear Esther. Hier fällt es nur am stärksten auf.
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Details zu Dear Esther

Plattform: PC
Genre Adventure
Untergenre: -
Release D: 14. Februar 2012
Publisher: -
Entwickler: thechineseroom
Webseite: http://dear-esther.com/
USK: keine Angabe
Spiele-Logo: Download
Leserinteresse:
Platz 817 von 5756 in: PC-Spiele
Platz 87 von 1559 in: PC-Spiele | Adventure
 
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