The Book of Unwritten Tales: Die Vieh Chroniken - PC

Point & Click  |  Release: 06. Oktober 2011  |   Publisher: Crimson Cow

Making Games Report - King Art: Wie überlebe ich eine Insolvenz?

Der Bremer Entwickler King Art wurde bei der Insolvenz des Publishers HMH Interactive schwer in Mitleidenschaft gezogen. Der Geschäftsführer Jan Theysen schildert den fast aussichtslosen Kampf mit dem Insolvenzverwalter und erzählt, wie am Ende die Marke »The Book of Unwritten Tales« gerettet werden konnte.

Von Yassin Chakhchoukh |

Datum: 10.12.2011; 13:01 Uhr


Making Games Report : Das Adventure »Die Vieh Chroniken« ist das Prequel zum sehr erfolgreichen Spiel »The Book of Unwritten Tales«. King Art hat einen Großteil der Produktion während der Insolvenzphase aus eigener Tasche weiterfinanziert. Das Adventure »Die Vieh Chroniken« ist das Prequel zum sehr erfolgreichen Spiel »The Book of Unwritten Tales«. King Art hat einen Großteil der Produktion während der Insolvenzphase aus eigener Tasche weiterfinanziert. Jan Theysen, Geschäftsführer von King Art: »Wir waren euphorisch. Unser erstes großes eigenes Spiel, das Adventure »The Book of Unwritten Tales«, erhielt Traumwertungen von der Presse und verkaufte sich noch Wochen nach dem Release hervorragend. Es zeichnete sich ab, dass wir – im bescheidenen Rahmen des Genres – einen Hit gelandet hatten. Und nicht nur das: Wir waren Co-Publisher, hatten eigenes Geld in das Projekt investiert und konnten uns daher auf einen ordentlichen Gewinn freuen.

Außerdem gab es bei unserem Publisher HMH optimale Bedingungen für eine weitere Zusammenarbeit. Wir hatten ein sehr engagiertes Team, viel künstlerische Freiheit und den Willen, gemeinsam zu wachsen. Das nächste gemeinsame Projekt sollte ein Rollenspiel werden. Viel größer als ein Adventure, der nächste logische Schritt für uns. Unser Konzept kam gut an, das Projekt sollte starten. Es mussten nur noch einige Fragen zur Finanzierung geklärt werden …

Lesson learned #1 – Hörst du es, ist es bereits zu spät

Plötzlich tauchten Gerüchte auf. Rechnungen würden unpünktlich bezahlt, also selbst für Publisher-Verhältnisse… Aufträge würden nicht erteilt, Zulieferer wollten nur noch per Vorkasse arbeiten. War das möglich? HMH war eine Tochter von Langenscheidt! Ein grundsolides, vertrauenswürdiges Unternehmen. »Noch NIE ist eine Langenscheidt-Tochter in Insolvenz gegangen. Wenn es Probleme gibt, wird eine Langenscheidt-Tochter heimlich, still und leise abgewickelt. Eine Insolvenz würde viel zu viel Aufmerksamkeit erregen.« Denkste! Wenn bei dir als Entwickler ankommt, dass es bei einem Publisher rauchen könnte, brennt schon längst die Hütte.

Lesson learned #2 – Vergiss es

»So 50-80 Prozent Quote wird am Ende rauskommen. Wenn’s gut läuft auch 100 Prozent. Eigentlich ist das nur so etwas wie ein Cashflow-Problem. Das Unternehmen wird natürlich fortgeführt!«
Zu dem Zeitpunkt, als wir solche Sätze aus Richtung der HMH-Chefetage und des Insolvenzverwalters hörten, betrug die »Quote« (der Anteil der Schulden, die das insolvente Unternehmen seinen Gläubigern zurückzahlen kann) rund 30 Prozent. Und es gab noch eine Reihe offener Forderungen und werthaltiger Marken. Wir dachten, vielleicht bekämen wir zumindest die Hälfte des Geldes zurück, das HMH uns schuldete...

Vergiss es! Egal, wie viel Geld das insolvente Unternehmen noch hat, dein Geld ist weg.
Unser Anwalt, der schon mehrere Insolvenzen begleitet hatte, riet uns, mit zwei bis drei Prozent Quote zu rechnen. Es sei davon auszugehen, dass sich, sobald die Insolvenz erst einmal eröffnet sei, schreckliche Probleme ergeben würden und sich sehr viele einfache Dinge plötzlich nicht mehr klären ließen; bis sich dann, kurz bevor die Reserven des insolventen Unternehmens aufgebraucht seien, alle Probleme in Luft auflösten und sich plötzlich wie von Geisterhand Lösungen ergäben. Er sollte Recht behalten.

Lesson learned #3 – Wir sind in der falschen Branche

Ein Insolvenzverwalter soll versuchen, ein angeschlagenes Unternehmen weiterzuführen und Arbeitsplätze zu sichern. Dafür muss er mit den Gläubigern schwierige Verhandlungen führen, denn die müssen auf einen Teil ihres Geldes verzichten. Hunderte Verträge, dutzende Gläubiger, Millionen von Euro. Um diese schwierige Aufgabe meistern zu können, wird der Insolvenzverwalter vom Gesetz mit allen nur erdenklichen Möglichkeiten ausgestattet. Und so lange er sich nicht grob fahrlässig verhält, kann man ihn kaum für Fehlentscheidungen belangen. Man kann ihn auch fast nicht mehr loswerden oder austauschen, egal wie ungeschickt er sich anstellt. Und gleich nach dem Staat (Steuern) erhält als allererstes der Insolvenzverwalter sein Geld aus der Masse.

Man kann sich als Gläubiger nicht des Gefühls erwehren, dass man indirekt vor allem Anwälte, sinnlose Prozesse und Gutachten bezahlt. Ebenso fließt Geld an Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und vermeintliche »Brachenexperten«, die dann auch gerne mal diejenigen sind, die das insolvente Unternehmen gegen die Wand gefahren haben (die wissen schließlich, wie man’s macht). Währenddessen schmilzt die Quote für uns Gläubiger zusammen. Es scheint ein Systemfehler zu sein: Der Insolvenzverwalter will Geld verdienen. Und je länger seine Mitarbeiter mit einer Insolvenz beschäftigt sind, desto mehr Stunden kann er in Rechnung stellen.

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Wir haben also ein gewinnorientiertes Unternehmen mit Narrenfreiheit, das mehr Geld verdient, je mehr es ein Verfahren in die Länge zieht. Na, liebe Game Designer: Wer entdeckt den Exploit?
In der Praxis heißt das: Probleme werden nicht gelöst, Abmachungen gebrochen, Verträge nicht eingehalten, es wird sich nicht gekümmert, es wird auf die Bremse getreten – alles so lange man dem Insolvenzverwalter nur Inkompetenz und einfache Fahrlässigkeit, nicht aber Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit unterstellen kann.

Wenn ihr es moralisch vertreten könnt, werdet Insolvenzverwalter. Es ist einer der wenigen Jobs auf der Welt, bei dem man mehr verdient, je unfähiger man sich anstellt. Aber ganz ehrlich, man wünscht nicht einmal seinem größten Feind, einmal auf der anderen Seite stehen zu müssen.«


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Dieser Artikel erschien in Ausgabe 06/2011 des Making Games Magazins.

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Avatar Schattenlauch
Schattenlauch
#1 | 10. Dez 2011, 13:28
Sehr intressant. Ich war mir des Problems im Insolvenzrecht auch nicht bewusst. Erschreckend, wie das abläuft.
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Avatar SixGen
SixGen
#2 | 10. Dez 2011, 13:29
Das ist korrekt. Dazu kann man festhalten:

Es ist ein Systemfehler, wo Unternehmen, aber auch Privatpersonen in vielen Situationen darunter leiden.

Viele solche Systeme sind so gebaut worden, dass andere davon provitieren. Ich finde, es ist ne Krankheit.
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Avatar Bruce will es
Bruce will es
#3 | 10. Dez 2011, 13:34
Ahje.. "Insolvenzverwalter". Das ist ja mal parasitärer Beruf. Der Teil in der News beschreibt die Misere (wenn auch oberflächlich) ganz gut.

Der ZDF Beitrag hierzu ist übrigens sehr informativ.
http://www.youtube.com/watch?v=LIkx7EjSJ9A

Edit: Normalerweise gebe ich nicht viel auf rote Daumen. Aber Ausnahmsweise interessiert es mich.. weswegen? Was hat demjenigen an meinen Kommentar nicht gefallen (sofern das überhaupt bewertbar ist) und was ist der argumentative Einwand?

Bin ja mal gespannt.
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Avatar Blup
Blup
#4 | 10. Dez 2011, 14:03
Ich möchte nicht auf Seite des Erzählers stehen, monatelang Angst, Streitigkeiten mit Insolvenzberatern....
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Avatar clinteastwood
clinteastwood
#5 | 10. Dez 2011, 14:34
Sehr interessanter Bericht, ich sollte öfters mal bei Making Games vorbei schauen.
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Avatar Polarwolf
Polarwolf
#6 | 10. Dez 2011, 19:35
Ein guter Artikel der vor allem mal über den Tellerrand, Game design, hinwegschaut und ein Gesamtwirtschaftliches/Gesellschaftliches Problem aufzeigt. Naja da gibt es noch etliche mehr, wenn man sich das Thema Kredite und Zinsen anschaut.

Interessanterweise hat King Art ähnliche wie die Piranhas sich die Rechte an ihrer Serie gesichert, wodurch sie unabhängig blieben und sich retten konnten. Sollte man sich dick anstreichen, Nie die Rechte am geistigen Gut an den Publisher abtreten.

SixGen, +1!
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Avatar dabba
dabba
#7 | 10. Dez 2011, 21:40
Das sagt sich so leicht. Der Publisher ist der, der das Marketing macht, Kohle gibt...
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Avatar XellDincht
XellDincht
#8 | 11. Dez 2011, 03:13
Vielleicht sollte man Insolvenzverwalter nach dem Erfolg bezahlen. Das wäre eine gute Motivation für sie ihren Job richtig zu machen
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Details zu The Book of Unwritten Tales: Die Vieh Chroniken

Plattform: PC
Genre Adventure
Untergenre: Point & Click
Release D: 06. Oktober 2011
Publisher: Crimson Cow
Entwickler: King Art Games
Webseite:
USK: Freigegeben ab 12 Jahren
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