Hohe Erwartungen, enttäuschende Realität: Forscher enthüllen das nie endende Märchen vom nuklearen Aufschwung

Atomenergie wird bis heute als Heilsbringer angesehen – aber das ist ein Irrglaube. Denn sie wird chronisch überschätzt, wie Daten zeigen.

Ikonisch mögen sie sein. Atomkraftwerke. Aber ihr Wert als Symbol für die Energieversorgung der Menschheit gehört gründlich hinterfragt. Denn die Branche beherrscht vorrangig eines: Versprechungen abgeben. Daten legen die Differenz zwischen Luftschloss und Realität offen.
(Bildquelle: Unsplash, Nicolas Hippert) Ikonisch mögen sie sein. Atomkraftwerke. Aber ihr Wert als Symbol für die Energieversorgung der Menschheit gehört gründlich hinterfragt. Denn die Branche beherrscht vorrangig eines: Versprechungen abgeben. Daten legen die Differenz zwischen Luftschloss und Realität offen. (Bildquelle: Unsplash, Nicolas Hippert)

Wo der Glaube beginnt, da hört die Wissenschaft auf – es sei denn, es geht um Kernenergie. Klingt hart, aber Forscher belegen, wie eklatant selbst renommierte Stellen Kernenergie überschätzen – ohne daraus zu lernen.

Prognosen und Wirklichkeit des weltweit durch Kernenergie erzeugten elektrischen Stroms driften nämlich chronisch auseinander.

Immer kurz vor dem Durchbruch

In ihrer Studie präsentieren Wissenschaftler ein Kernproblem globaler Energiepolitik: das sogenannte »Nuclear Energy Paradox«. Der Untertitel ihrer Studie legt übersetzt den Tenor offen: »Nuklearen Glaubensmantras in Energieprojektionen auf den Grund gegangen«.

Als Grundlage verglichen sie seit den 1970er-Jahren getroffene Prognosen zum Ausbau von Atomstrom mit den real eingetretenen Wachstumswerten. Hierbei zeichnete sich ein wiederkehrendes Muster der Überschätzung ab. Das heißt: Regelmäßig blieben die echten Zuwachsraten drastisch hinter den vorhergesagten Werten zurück.

Die Studie trägt dabei mehr als nur historisches Gewicht: Sie arbeitet nicht nur auf, sie mahnt für die Zukunft ein Umdenken an. Denn das Muster wiederholt sich, wo ihr das hier lest – trotz steter Fehlvorhersage.

Obwohl empirische Zahlen eindeutig den globalen Stillstand der Kernkraft seit drei Jahrzehnten belegen, treibt die Hoffnung auf günstige Energie dank massenhafter Kernreaktoren bis heute viele um – und darunter finden sich einflussreiche Persönlichkeiten, wie Bill Gates.

So setzen nicht nur Politiker für griffige Wahlkampfslogans auf diese vermeintlichen Bringer von billiger sowie sauberer Energie, sondern sogar ganze Industriezweige wie die KI‑Datencenter. Oft fallen hierbei Begriffe wie »kleine modulare Reaktoren« (SMRs). Stellt euch die Vision vereinfacht als reihenhausgroße Anlagen vor, die vielerorts dezentral Strom liefern.

Die Idee trägt nach einschlägigen Studien Potenzial in sich, doch ob kleine modulare Reaktoren in großer Zahl gebaut werden, hängt von Kostensenkungen ab, die bislang nicht belegt sind.

Für Deutschland rechnen BASE, DIW und KIT (Mitautoren der Studie) selbst für ein Pilotprojekt mindestens 15 bis 20 Jahre – ein massenhafter Einsatz ist nicht absehbar.

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Woher kommt der Glaube an Atomstrom?

Die Autoren der Studie führen diese anhaltende Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität auf tief verankerte techno-ökonomische Visionen und teils über Generationen hinweg prägende Erzählungen zurück. 

Im Zentrum davon steht die Überzeugung, dass wir mittels Technologie rasch neue Wege finden, um massenweise, günstig und umweltschonend Kernspaltungsreaktoren aufzustellen. Doch verkamen Visionen bisher meist lange vor der Umsetzung zu Traumgespinsten, denn...

  • Kosten und Aufwand zur Aufstellung neuer Reaktoren (egal welcher Größe) hemmen vehement. Die meisten Projektideen verlassen nie das Reißbrett. Die Gründe sind vielfältig, aber in erster Linie behindern strenge Sicherheitsauflagen und extreme Versicherungspolicen.
  • Auch wenn die zugrundeliegende Technik von modernen AKWs nichts mehr mit mangelhaften Designs wie den RBNK-Reaktoren von Tschernobyl gemein hat, bleiben sie enorm aufwendig zu konstruieren und zu betreiben.
  • Kleine modulare Reaktoren existieren in Form von Konzepten oder bestenfalls als Prototypen. Eine Massenproduktion gilt weiterhin als unterminiert.
  • Die Entsorgung des strahlenden Mülls bleibt ein ungelöstes Problem. Nur wenige Länder verfügen über vereinzelte sichere Endlager – Deutschland über kein einziges.
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Sicher gewähnte Kostenrückgänge oder steile Lernkurven traten nicht ein. Kernenergie haftet von professioneller Seite vorwiegend zwei Makel an: teuer und aufwendig.

Obschon die Technik natürlich voranschreitet und zahlreiche Konzepte für neuartige Reaktoren existieren, hinkt Kernkraft auch den Vorhersagen der vergangenen Jahre hinterher. Atomstrom scheitert an seinem Anspruch, einen Pfeiler der Energieversorgung darzustellen, aber nicht allein an sich selbst, sondern auch an der Konkurrenz.

Wie wir euch in einem ausführlichen Artikel bereits vorgestellt haben, übertreffen regenerative Energien nämlich regelmäßig die Prognosen, ein Grund: Masse. Woran Kernkraft als Einzelbauwerke krankt, da blühen Solarzellen und als Begleittech Batterien auf: stetig sinkende Kosten und zugleich steigende Leistungsfähigkeit.

Zuletzt erlebten grüne Energieformen, allen voran Solar, auch deshalb mit 2025 ein Rekordjahr, das laut Experten wegweisend für die Zukunft der Branche steht.

Einschätzung der Redaktion

Gerald Weßel: Kernkraftwerke gehören meiner Meinung nach zu den größten technischen Errungenschaften der Menschheit und sie sind weit sicherer, als das durchschnittliche Bauchgefühl nahelegt. Der deutsche Atomausstieg war dennoch damals, blieb in der Zwischenzeit und ist bis heute einzig eines: korrekt – auch wenn wir trefflich über Timings, Motivationen und Rollen rückwärts sowie vorwärts streiten können.

Denn wirtschaftlich fanden sich für Kernkraftwerke aus deutscher Sicht schon lange keine wirklichen Gründe mehr. Atomstrom ist global betrachtet eine der und je nach Berechnung die teuerste Art Energie – vor allem, wenn wir auch die Kosten für Lagerung und Entsorgung des Mülls einbeziehen.

Seine Zeit als Stromquelle für den Massenmarkt ist um und es wird auch keine globale Renaissance stattfinden.


Kommentare(1)
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