Wer etwas oft wiederholt, wird darin besser. Das gilt auch für die Ökonomie oder insbesondere die industrielle Massenfertigung. Als deren früheste Vertreter in Reinform gelten die Fließbänder der Autoindustrie. Sie lösten ein Versprechen ein, das bis heute für unzählige Waren gilt: Je mehr wir von etwas fertigen, desto günstiger und auch effektiver fällt es aus.
Im Folgenden vergleichen wir sogenannte zentralisierte, fossile Energieerzeuger mit dezentraler regenerativer Energietechnik. Erstere finden wir in den uns altbekannten Kohle-, Gas-, Öl-, oder Uranmeilern. Sie alle verbrennen bzw. nutzen vornehmlich fossile Energieträger.
Letztere Gruppe bilden vor allem Solaranlagen (Solarthermie und vor allem Fotovoltaik), Windkraft sowie unterstützend Batteriespeicher. Sie zapfen regenerative Quellen an, also solche, die anders als fossile/nukleare quasi unbegrenzt zur Verfügung stehen.
Jeder kennt Beispiele: von Computern über Kartoffelchips bis zu Solarzellen. Denn die gleiche Logik, die einst PKWs zur Dominanz verhalf, stützt heute einen in der Schärfe prognostizierten Siegeszug der erneuerbaren Energien, der Grund: Sie bestehen aus wenigen Einzelteilen, die aber milliardenfach hergestellt werden.
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Die neue Stromkrise: Energiewende & KI in Deutschland - Mit Robert Habeck und Dr. Stelzer (IFA 2025)
In einer Studie belegt der Energieexperte Dr. Tim Meyer die Vorteile der Gesetzmäßigkeiten der industriellen Massenfertigung für grüne Energieerzeuger – allen voran Fotovoltaik. Sie haben nämlich fossilen zentralen Kraftwerken einen elementaren Vorteil voraus, der ihren raschen Aufstieg begünstigt.
Eins aus viel versus Viele aus Wenigen
Stellt euch ein Kraftwerk vor, wie es in der Landschaft steht: Hoch auftürmend, dampfend und angefüllt mit Technik. Nun stellt euch im Geist ein Solarpanel auf dessen Parkplatz. Beide produzieren Strom, aber sind dabei grundverschieden. Im Zentrum stehen folgende Fragen, die den Unterschied ausmachen:
- Wie oft wird der Bau wiederholt?
- Aus wie vielen Teilen besteht das Endprodukt?
- Wie viele entstehen?
- Wie oft kann die Technik verbessert werden?
- Wie viele Generationen jeden Typs erleben wir?
Bei Kraftwerken weisen die Antworten stets in Richtung recht geringer Stückzahlen, wozu aber jeweils viele unterschiedliche Einzelteile nötig sind. Letztere werden zudem nur relativ selten hergestellt.
Dahingegen stehen Solarzellen für das Gegenteil: ein Massenprodukt, das aus vergleichsweise wenigen Teilen besteht. Derweil bauen wir die aber etliche Millionenmale. Dabei wird naturgemäß ständig…
- bei Prozessen optimiert
- eingespart
- Neues entwickelt
- Altes ausgetauscht
Kurzum: Dezentrale, kleine Energieerzeuger durchlaufen innerhalb eines Jahrzehnts eine Vielzahl von Produktions- und Lebenszyklen, während ein Kraftwerk quasi unverändert dasteht (weitere Infos: YouTube, NetZero Academy).
Jetzt bleibt nur die Frage: Sehen wir denn für diese systemische Überlegenheit dezentraler Energieerzeuger und -speicher Anzeichen auf dem Weltmarkt?
Chronisch unterschätzter Technikumbruch
2025 brachte einen neuen Rekord an finanziellen Mitteln, die in regenerative Energien flossen. Wir beobachten seit Jahren eine klare Tendenz bei Fotovoltaik und Batterien – bei Windkraft verhält es sich ähnlich, aber etwas schwächer ausgeprägt. Dezentralisierte regenerative Energieerzeuger übertreffen stetig die aus bisheriger Erfahrung für sie angenommenen Entwicklungspfade, und zwar in vielerlei Hinsicht: Es…
- sinken die Produktionskosten schneller als erwartet
- verbessert sich die Effizienz rascher als prognostiziert
- entstehen an weit mehr Orten, über größere Flächen Installationen an Wind- und Solarkraft (Energieparks und kleinere Anlagen, wie solche auf Dächern)
- erhöhen sich voluminöser als angenommen die Kapazitäten der Batteriespeicher
Dezentrale Energietechnik und damit der weltweite Ausbau der Fotovoltaik werden seit Jahrzehnten systematisch unterschätzt. Der reale Marktverlauf folgte […] einer steilen, exponentiellen Entwicklung. Spiegelbildlich führen die Unterschätzungen [von dezentralisierten Erneuerbaren] regelmäßig auch zu Überschätzungen fossiler Stromproduktion, die jedoch schneller verdrängt wird als erwartet. In der Energietechnik waren solch steile Wachstumskurven und Reduktionen bei Kosten früher nicht bekannt.
Dr. Tim Meyer und via YouTube.
Bereits seit dem Jahr 2023 fließen weltweit mehr Investitionen in Fotovoltaik als in alle anderen Energietechnologien zusammen (via iea). Jährlich addierten wir im Schnitt 30 Prozent vom bereits aufgebauten hinzu. Insgesamt hat sich die weltweite Erzeugung so – deutlich über die Prognosen hinaus – in den vergangenen fünf Jahren etwa vervierfacht. Selbst einst optimistische Erwartungen wurden somit nochmal drastisch übertroffen – um das Vielfache.
Einschätzung der Redaktion
Gerald Weßel: Fernab jedes Gedankens an die genauen Zusammenhänge, Entwicklungsszenarien und Energieträger bleibt für uns eine hoffnungsspendende Erkenntnis. Denn wo Schlagzeilen und Daten immense Probleme im Fahrwasser der Klimakrise prophezeien, zeigt uns die Marktrealität einen Weg zur Schadensbegrenzung auf.
Wenn wir die Entwicklung nicht künstlich blockieren, regelt eine gelebte und mit Geld ausgestattete Partnerschaft aus Staat, Forschung und Industrie das Problem der Energieversorgung von allein – sie ist ja schon dabei.
Nichtsdestoweniger bleiben Projekte wie die an allerlei Orten entstehenden Testanlagen zur Kernfusion elementar – als grundlastfähige Stützpfeiler des Netzes. Daneben stünden Wasserstoffmeiler wohl als wahrscheinlichste Ergänzung für zusätzliche Sicherheit ein. Wobei wir uns an den Gedanken gewöhnen sollten, dass das Netz von Übermorgen wahrscheinlich anders funktioniert als heutzutage – ausreichend Speicher wie Reservoirs und vor allem Batterien vorausgesetzt. Letztere könnten sogar in Form von Betonkugeln daherkommen.
Kommentare im Forum
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Ist deshalb alles gebongt und wir lehnen uns entspannt zurück? Nein, es bleibt eine Herausforderung. Wir müssen diese mit konsequenter Energiepolitik angehen, die den Kurs, welchen die Wissenschaft vorgibt, einhält. Wenn es um eine ökologisch verträgliche Energieversorgung für Millionen geht, kommt es auf Fakten und nicht auf Meinungen an.