Finanzchaos in Japan: Ein simpler Tippfehler verbrannte 2009 in weniger als einem Tag 335 Million US-Dollar

Ein Tippfehler an der Börse von Tokio führt zu einem katastrophalen Finanzchaos. Was passierte wirklich und wer trägt die Schuld?

Die kleinsten Fehler können auf Finanzmärkten für die größten Verluste sorgen. (Bildquelle: Adobe Stock Raj) Die kleinsten Fehler können auf Finanzmärkten für die größten Verluste sorgen. (Bildquelle: Adobe Stock / Raj)

Es dauert nur einen Wimpernschlag. Ein Finger rutscht auf der Tastatur ab, zwei Zahlen werden vertauscht, der Zeigefinger drückt auf Enter. Am 8. Dezember 2005 löste ein solcher alltäglicher Fehltritt an der Börse von Tokio ein beispielloses Finanzchaos aus. Es ist die Geschichte eines Händlers, der das exakte Gegenteil von dem tat, was er sollte, und einer Software-Architektur, die stur in den Abgrund steuerte.

Ein Tippfehler mit gravierenden Folgen

Es ist ein Donnerstagmorgen bei der japanischen Investmentbank Mizuho Securities. Ein Händler bekommt den Auftrag, ein Aktienpaket des neu an der Börse notierten Personaldienstleisters J-Com zu verkaufen. Der Auftrag lautet konkret: 1 Aktie zum Preis von 610.000 Yen (damals etwa 5.000 US-Dollar). Ein simpler Routinejob. Doch beim Eintippen in die Ordermaske der Trading-Software passiert der Albtraum jedes Brokers: Der Händler vertauscht die Eingabefelder für Stückzahl und Preis. 

Statt einer Aktie für viel Geld tippt er ein:

Verkauf: 610.000 Aktien zum Preis von jeweils 1 Yen (entspricht etwa 1 US-Cent).

Mit diesem einen Tippfehler bietet die Bank plötzlich das 40-Fache des gesamten existierenden Aktienvolumens von J-Com zu einem Preis von umgerechnet weniger als einem Cent pro Aktie an.

  • Geplanter Auftrag: 1 Aktie x 610.000 Yen = 610.000 Yen
  • Tatsächlicher Befehl: 610.000 Aktien x 1 Yen = 610.000 Yen

Obwohl das mathematische Gesamtergebnis auf den ersten Blick identisch aussieht, ist die Auswirkung auf den Markt eine völlig andere. Der Händler drückt auf Absenden.

Die Software, die nicht Nein sagen konnte

An dieser Stelle hätte die Geschichte enden können. Moderne Software verfügt in der Regel über Plausibilitätsprüfungen. Wenn ein System registriert, dass ein Nutzer eine Eingabe macht, die völlig außerhalb der normalen Marktparameter liegt, blockiert es den Befehl.

Den 8. Dezember 2005 hatte man sich bei der der japanischen Investmentbank Mizuho Securities wohl auch anders vorgestellt. (Bildquelle: Adobe Stock J_News_photo) Den 8. Dezember 2005 hatte man sich bei der der japanischen Investmentbank Mizuho Securities wohl auch anders vorgestellt. (Bildquelle: Adobe Stock / J_News_photo)

Tatsächlich ließ die Software von Mizuho Securities ein Warnfenster aufblinken. Das System fragte sinngemäß: Sind Sie sicher, dass Sie diese Order ausführen wollen? Doch in der Hektik des Handelsalltags, in dem Sekunden über Gewinne entscheiden und Warnmeldungen zum permanenten Hintergrundrauschen gehören, klickte der Händler die Warnung einfach weg. 

Es war ein klassisches Versagen des UX-Designs: Eine Warnung, die man mit einem einfachen Klick übergehen kann, hält einen gestressten Menschen im entscheidenden Moment nicht auf. Die Katastrophe verlagerte sich nun auf die Server der Tokioter Börse (TSE). Kaum war die absurde Order im System, bemerkte das Management von Mizuho den fatalen Fehler. Innerhalb weniger Minuten versuchte die Bank dreimal, die fehlerhafte Verkaufsorder über das Terminal zu stornieren.

Doch hier traf das menschliche Versagen auf einen gravierenden Software-Bug im Kernsystem der Börse. Das System der TSE war nicht in der Lage, Stornierungsbefehle für Orders zu verarbeiten, die sich bereits in der Ausführung befanden. Statt den Amoklauf zu stoppen, ignorierten die Server die Stornierungen einfach und führten den Befehl stur weiter aus.

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Haie im digitalen Gewässer

Während die IT-Abteilungen im Hintergrund verzweifelt versuchten, den Stecker zu ziehen, passierte auf dem Markt das Unvermeidliche: Computergestützte Hochfrequenz-Handelssysteme anderer Investmentfirmen und blitzschnelle Daytrader erkannten das absurde Schnäppchen. Innerhalb von Minuten saugten automatisierte Kauf-Algorithmen die spottbilligen J-Com-Aktien auf.

Der Aktienkurs von J-Com stürzte ins Bodenlose, während der Rest des Marktes in Panik geriet. Da niemand wusste, ob hinter dem plötzlichen Kurssturz eine gigantische Pleite oder ein Systemhacker steckte, begannen Händler weltweit, panisch japanische Aktien abzustoßen. Der Leitindex Nikkei verlor an diesem Tag fast zwei Prozent. Erst nach quälend langen Minuten gelang es der Börse, den Handel mit der J-Com-Aktie manuell einzufrieren. Doch da war es bereits zu spät.

Die Abrechnung: Wer zahlt für den Bug?

Da Mizuho Securities weitaus mehr Aktien verkauft hatte, als überhaupt existierten, musste die Bank die Differenz am Markt teuer zurückkaufen, um die Verträge zu erfüllen. Als sich der Staub legte, verbuchte die Bank an einem einzigen Vormittag einen Verlust von 40,5 Milliarden Yen, was nach damaligem Kurs rund 335 Millionen US-Dollar entsprach.

Der Vorfall löste ein jahrelanges juristisches und technisches Nachspiel aus. Wer trug die Schuld? Der Händler, der sich vertippt hatte? Die Bank, deren Sicherheitsnetze versagten? Oder die Börse, deren Software die Notbremse verweigerte?

Im Jahr 2009 entschied ein Gericht in Tokio, dass die Börse den Hauptteil der Verantwortung trug. Da ihr System die Stornierungsbefehle aufgrund eines Softwarefehlers blockiert hatte, musste die Tokioter Börse Mizuho rund 120 Millionen Dollar Schadenersatz zahlen. Der Chef der Tokioter Börse trat infolge des Skandals zurück.


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