Ich will diese französische Kamera lieben, aber Japan macht es mir fast unmöglich

Meinung: Kameras stammen fast alle aus Asien, doch diese neue aus Europa fasziniert mich – wäre da nicht ein großes Problem: Japan.

Die Kamera sieht aus wie ein vereinfachtes Emoji oder Konzept von einer Kamera – aber das ist nicht verwunderlich: »Esquisse« heißt übersetzt »Skizze«. (Bildquelle: Esquisse Camera) Die Kamera sieht aus wie ein vereinfachtes Emoji oder Konzept von einer Kamera – aber das ist nicht verwunderlich: »Esquisse« heißt übersetzt »Skizze«. (Bildquelle: Esquisse Camera)

Wer an Fotokameras denkt, denkt unweigerlich an Hersteller wie Sony, Nikon, Canon, Sigma oder Fujifilm – alles japanische Unternehmen. 

Europäische Größen gibt es nur wenige. Die bekannteste davon dürfte der deutsche Traditionshersteller Leica sein (immerhin haben sie die Kleinbildkamera erfunden). 

Jetzt steigt ein neuer Player aus Frankreich in den Ring, mit einer der für mich spannendsten Kameras der letzten Jahre. Ihr Erfolg steht jedoch noch auf Messers Schneide.

Die Esquisse Camera ist ein kompakter Traum

Für mich ist diese französische Kamera ein traumhaftes Konzept.

Micro-Four-Thirds-System: Ich liebe das MFT-System. Die Kameras haben zwar einen etwas kleineren Bildsensor (der aber immer noch deutlich größer ist, als der in den besten Smartphones), aber dafür eine gigantische Auswahl an Objektiven, die über viele Jahre aufgebaut wurde. 

Das Micro-Four-Thirds-System wurde von Olympus (heute OM-System), Panasonic, Sigma, Tamron und vielen weiteren Herstellern bedient, weshalb es für nahezu jeden Anwendungszweck ein oder mehrere passende Objektive gibt. 

Kompakte Größe: Der MFT-Sensor bietet einen weiteren Vorteil für Hersteller: Sie können die Kameras sehr kompakt bauen. Die Esquisse Camera sieht aus wie eine Leica, die mit einem Schrumpfstrahl getroffen wurde. Gepaart mit einem flachen Objektiv sollte sie problemlos in eine Jackentasche passen.

OLED-Sucher: Obwohl die Kamera so klein ist, soll ein OLED-Sucher verbaut sein. Viele Hersteller verzichten bei Lifestyle-Kameras (jene, die nicht unbedingt für den professionellen Einsatz gedacht sind) auf so ein Feature, weil viele junge Menschen mit Smartphones groß geworden sind und nie über Sucher fotografiert haben. 

Ich halte das Argument zwar für nachvollziehbar, aber ich glaube, dass jeder und jede das Fotografieren über einen Sucher für sich entdecken kann. Es hat nicht nur praktikable Vorteile, sondern macht auch Spaß.

Minimalistisches Design im Aluminium-Block: Ganz ehrlich, wie eine Kamera aussieht oder aus welchen Materialien gefertigt wurde, ist für das finale Foto selten relevant. Trotzdem ist es für mich unheimlich wichtig. Ein Gerät, das hochwertig verarbeitet ist, schön aussieht und sich gut in der Hand anfühlt, motiviert mich stärker dazu, mit ihr das Haus zu verlassen und zu fotografieren. 

Die Esquisse Camera soll ein Gehäuse aus Aluminium besitzen, das gegen Staub und Spritzwasser geschützt ist. Das klingt vielversprechend. Dazu kommt ein sehr minimalistisches Bedien-Layout mit nur wenigen Tasten, Rädern und einem Touchscreen.

Wünsche ich mir für viele Produkte: kein Logo oder Schriftzug, der nach Aufmerksamkeit schreit. (Bildquelle: Esquisse Camera) Wünsche ich mir für viele Produkte: kein Logo oder Schriftzug, der nach Aufmerksamkeit schreit. (Bildquelle: Esquisse Camera)

Release: Die Kamera befindet sich aktuell noch in Entwicklung und ein Release-Zeitraum steht noch nicht fest. Über die Webseite des Herstellers könnt ihr euch für einen Newsletter anmelden, der über aktuelle Entwicklungen informiert.

Vorraussichtliche Technische Daten
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BereichEigenschaftSpezifikation
Sensor & BildqualitätSensortypHigh-Resolution Four-Thirds-CMOS
ISO-Bereich200 – 25.600
Dynamikumfang13 Blendenstufen (Stops)
AutofokusMulti-Point-AF-System
Display & SucherSucherHochauflösender OLED-Sucher (EVF)
Display3-Zoll-Touchscreen
Bedienung & GehäuseBedienelementeProgrammierbare Einstellräder und Funktionstasten, klickbares Drehrad
GehäusematerialVollaluminium-Unibody
WetterschutzStaub- und spritzwassergeschützt
Speicher & BajonettInterner Speicher256 GB
ObjektivanschlussMicro Four Thirds (MFT)
KompatibilitätAlle MFT-Objektive mit voller Autofokus-Unterstützung
Konnektivität & AkkuAnschlüsse / FunkWi-Fi, Bluetooth, USB-C
Akkulaufzeit300+ Auslösungen
Maße & GewichtAbmessungen105 × 70 × 35 mm
Gewichtca. 300 g (nur Gehäuse)

David gegen Goliath: Esquisse gegen Japans Elite

So sehr ich diese Kamera lieben möchte, so sehr tue ich es mir schwer, beim Blick auf den angepeilten Preis: 2.000 US-Dollar – uff. 

Wir brauchen dringend mehr europäische Hersteller, vor allem im Fotografie-Markt, aber mit so einem Preis wird das definitiv nicht leicht. 

Denn sobald man anfängt zu vergleichen, wird die Luft für den französischen Newcomer extrem dünn.

Der Blick zurück: MFT hatte so eine Kamera schon einmal

Fangen wir mal im eigenen Micro-Four-Thirds-Lager an. Die Idee einer ultrakompakten Systemkamera mit echtem Sucher ist ja nicht komplett neu.

Panasonic hat schon vor Jahren mit der Lumix GM5 gezeigt, wie genial dieser Formfaktor im Alltag funktioniert. Klar: Die GM5 war damals nicht aus einem massiven Aluminium-Block gefräst, hatte keinen Spritzwasserschutz und wirkte haptisch eher wie eine typische Consumer-Kamera. 

Aber sie war winzig, hatte einen integrierten Sucher, nutzte dieselben MFT-Objektive – und man bekommt sie heute auf dem Gebrauchtmarkt für vergleichsweise kleines Geld. Dass Panasonic diese Reihe nie fortgeführt hat, war damals ein Jammer. Für Chris Niccolls von Petapixel ist sie sogar »die beste Kamera aller Zeiten«.

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Die neue Konkurrenz im eigenen System

Viel gefährlicher für die Esquisse ist aber das, was heute neu im Laden steht: die neue OM System PEN im MFT-System.

Die Kamera ist optisch ein absoluter Hingucker im klassischen Retro-Look, wunderbar kompakt, hat einen modernen, schnellen Autofokus, bringt einen integrierten Sucher mit … und kostet gerade mal die Hälfte. 

Für rund 1.000 Euro schnürt OM System hier ein extrem rundes Gesamtpaket. Da muss man sich als Käufer ganz nüchtern fragen: Bin ich wirklich bereit, für ein französisches Gehäuse das Doppelte zu zahlen, wenn ich in Japan erprobte Technik für die Hälfte bekomme?

Die echten Elefanten im Raum: Vollformat für 2.000 Euro

Jetzt kommt der Punkt, an dem es für die Esquisse so richtig brenzlig wird. Bei einem Preis von 2.000 Dollar bewegen wir uns nämlich nicht mehr in der gemütlichen MFT-Kompaktklasse. Für das Geld klopft man bereits ganz laut an die Tür zum Vollformat.

Da wäre zum einen die Panasonic Lumix S9. Die ist trotz Kleinbildsensor super kompakt, leicht und kostet nur die Hälfte. Ja, ihr fehlt leider der Sucher, aber sie bietet eben die volle Bildqualität, das Rauschverhalten und die Freistellung eines Vollformatsensors.

Und dann ist da noch die Kamera, über die ich erst vor Kurzem geschrieben habe: die Sigma BF.

Die Sigma BF ist ebenfalls sehr minimalistisch, kostet ähnlich viel, hat aber einen deutlich größeren Bildsensor (und bessere Bildqualität). (Bildquelle: Duy Linh DinhGameStar Tech) Die Sigma BF ist ebenfalls sehr minimalistisch, kostet ähnlich viel, hat aber einen deutlich größeren Bildsensor (und bessere Bildqualität). (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)

Die Sigma BF ist im Grunde genau das, was die Esquisse sein möchte, nur eben aus Japan und mit Vollformat:

  • Sie wird aus einem einzigen Block Aluminium gefräst.
  • Sie ist radikal minimalistisch designt, besitzt nur drei Tasten, ein Einstellungsrad und ein zweites kleines Status-Display.
  • Sie fühlt sich an wie ein MacBook von Apple oder eine moderne Leica.

Neu kostet die Sigma BF um die 2.300 Euro, gebraucht oder als Refurbished-Gerät bekommt man sie auch für etwa 2.000 Euro. 

Der wichtigste Unterschied zur Esquisse: In der Sigma BF arbeitet kein kleiner MFT-Sensor, sondern ein großer 24,6-Megapixel-Vollformatsensor. 

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Mein Fazit: Esquisse wird es nicht leicht haben

Nicht falsch verstehen: Ich applaudiere den Machern aus Frankreich wirklich. Ich liebe den Mut, so ein Projekt anzupacken und ich liebe das minimalistische Konzept. Wir brauchen definitiv mehr europäische Kameras und mehr Hersteller, die abseits der großen Masse eigene Wege gehen.

Aber zwischen »Ich finde die Idee genial« und »Ich zücke meinen Geldbeutel für einen 2.000 Dollar-Kauf« liegt eine riesige Lücke. 

MFT-Fotografen waren schon immer pragmatisch und schätzen das Verhältnis aus kompakter Größe und fairem Preis. Ob es am Ende genug Menschen gibt, die für ein Startup-Gehäuse den Preis einer Vollformat-Kamera oder zweier OM-System-Kameras auf den Tisch legen, wage ich zu bezweifeln. 

Ich fürchte fast, dass dieser französische Traum an der harten Realität des Marktes scheitern könnte – auch wenn ich wirklich hoffe, dass ich unrecht behalte.


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