Eigentlich ist die Sigma BF völlig unvernünftig: kein Sucher zum Durchblicken, kein beweglicher Bildschirm, keine KI-Features. Sie ist die personifizierte »Beautiful Foolishness« – eine wunderschöne Unvernunft.
Ich habe über 3.000 Fotos mit dieser Kamera geschossen und dabei gelernt, warum genau dieser Mut zur Lücke das ist, was mir in der modernen Tech-Welt so schmerzlich fehlt.
Update 23.03.2026: Neue Beispiel-Fotos hinzugefügt. Darunter zwei mit der höchsten Empfindlichkeitsstufe von ISO 102400.
»Bitte baut mir die simpelste und eleganteste Kamera, die es je gab« – die Design-Philosophie hinter der BF
Wer verstehen will, warum die Sigma BF so radikal anders ist, muss tief in die japanische Ästhetik eintauchen. Kazuto Yamaki, der Kopf hinter Sigma, beschreibt die Kamera als eine Form der »Beautiful Foolishness« (wunderschöne Unvernunft) – daher der Name Sigma BF.
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Der Begriff ist inspiriert vom »Book of Tea« (Das Buch vom Tee), geschrieben im Jahre 1906 von Okakura Kazuto. Er beschreibt die Hingabe zum Unnötigen, zum rein Ästhetischen, das in einer zweckorientierten Welt eigentlich keinen Platz hat – die Schönheit in der Unvernunft zu sehen.
Der Funke für das physische Design sprang jedoch in einer Ausstellung über Coco Chanel über. Yamaki-San erinnert sich in einem Interview mit YouTuber Bobby Tonelli an den Moment, als er vor einer Flasche des berühmten Parfums stand:
»Ich sah den Flakon von Chanel No. 5. Ein 100 Jahre altes Design, simpel und elegant – und ich dachte mir: Das überdauert alles.«
Sein Auftrag an die Ingenieure war so einfach wie wahnsinnig:
»Bitte baut mir die simpelste und eleganteste Kamera, die es je gab.«
Drei Jahre dauerte es, diesen Minimalismus in Technik zu gießen. Das Ziel war eine Kamera, die nicht durch Features beeindruckt, sondern die bloße Ambition weckt, Schönheit im Alltag zu finden. Yamaki-San sagt dazu:
»Die Kamera muss so kompakt und elegant sein, dass man sie jeden Tag dabei haben will, um das Licht, die Schatten und die Farben des täglichen Lebens einzufangen.«
Nach über 3.000 Fotos kann ich bestätigen, dass es funktioniert hat. Wenn ich die Kamera sehe, will ich nichts anderes als sie in die Hand nehmen und fotografieren.
»Die Kamera, die Apple gebaut hätte«
Zum Release haben viele bei der Sigma BF den Vergleich zu den Produkten von Apple gezogen und es ist nicht schwer zu erkennen, wo er herkommt.
Das Design erinnert wirklich sehr an die Designsprache von Apple. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)
Das Gehäuse wird aus einem einzigen Block Aluminium gefräst und erinnert optisch ein wenig an die MacBooks von Apple. Bei zwei Tasten und dem Drehrad kommen sogar haptische Motoren zum Einsatz, die mechanische Tastendrücke simulieren; das ähnelt dem MacBook-Trackpad oder dem Camera-Control-Button der iPhone-17-Generation.
Auch wenn ich die Apple-Vergleiche nachvollziehen kann, finde ich sie nicht ganz passend. Die Sigma BF mag optisch einem Produkt von dem iPhone-Hersteller ähneln, geht aber seinen eigenen Weg, den selbst Apple nicht gehen kann.
Sigma macht das, wozu sich andere Hersteller nicht trauen
Sigma ist bis heute ein Familienunternehmen und wird nicht an der Börse gehandelt. Alle Produkte werden ausnahmslos in der Sigma-Fabrik in Aizu, Japan hergestellt – inklusive der BF (der Hersteller kann sogar nur neun Stück pro Tag produzieren).
Aus diesem Grund trifft der Hersteller Entscheidungen nach eigenem Gusto und muss sich nicht gegenüber Aktionären rechtfertigen, die sich die Produkte und Features wünschen, die eben potenziell am meisten Umsatz generieren können.
Stattdessen verfolgt der Hersteller schon immer einen ganz anderen Weg, vor allem bei seinen Kameras; Sigma möchte etwas anbieten, das andere nicht tun.
Die Sigma BF ist das neueste Ergebnis dieser Bereitschaft zu experimentieren – die Eigenschaft, die den größten Tech-Unternehmen von heute fehlt.
Sie ist radikal anders, das macht sie unvernünftig – aber auch so genial.
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Sigma BF: So sieht das schwarze Modell aus
Einfaches, aber schnelles Menü: Die Kameras von heute besitzen fast alle extrem unübersichtliche Menüs mit unzähligen Seiten. Sie stopfen altes Film-Erbe mit digitalen Menüs voll. Die Sigma BF hat mich mit einer sehr vereinfachten Benutzeroberfläche überrascht, die von Grund auf für das digitale Zeitalter gedacht wurde:
- Standardmäßig ist der Bildschirm komplett frei von Icons und anderen Daten, sodass man sich vollständig auf die Komposition konzentrieren kann.
- Für die wichtigsten Einstellungen, etwa das Verändern von Belichtungseinstellungen oder Wählen eines Farbfilters, ist ein zweites kleines Display verbaut. So bleibt der Hauptbildschirm die meiste Zeit frei von Ablenkungen.
- Weil alle Bedienelemente sich auf der rechten Seite befinden, ist die Kamera einhändig bedienbar.
Das Menü ist so anders, aber genial. Mit dem kleinen Bildschirm und dem Drehrad können alle wichtigen Einstellungen geändert werden. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)
Versteckte Gesten: Die Kamera hat außerdem ein paar Features, die im Alltag richtig praktisch sind und die Nutzung vereinfachen:
- Wird der Auslöser halb durchgedrückt (zum Fokussieren) kann ich das Drehrad zum Abdunkeln oder Aufhellen des Fotos verwenden. Für die Belichtungskorrektur ist nämlich kein dediziertes Drehrad installiert, wie bei anderen Systemkameras. So wurde das bei der Sigma BF clever gelöst. Außerdem kann man mit halb gedrückten Auslöser und dem D-Pad zwischen der Fokussierung von Motiven im Hintergrund und Vordergrund wechseln.
- Halte ich einen Finger auf den Play-Button, ohne ihn zu drücken, wird mir das zuletzt geschossene Foto angezeigt.
- Halte ich den Finger auf den Drei-Punkt-Button, ohne ihn zu drücken, werden mir der Akkustand, die Uhrzeit und die verbleibende Speicherkapazität angezeigt.
- Wird die Power-Taste nur angetippt statt gedrückt gehalten, wird die Kamera in einen Standby-Modus versetzt, wie beim Smartphone. Ein Tipp auf den Auslöser oder auf die Power-Taste weckt sie wieder auf.
Interne SSD statt Speicherkarte: Selbst im Jahre 2026 setzen die meisten Kameras noch auf SD- oder CF-Speicherkarten. Die Sigma BF hat stattdessen eine 230-GB-SSD eingebaut, die für zehntausende JPEGs oder tausende RAW-Dateien ausreicht. Auf einen Slot für Speicherkarten wird komplett verzichtet.
- Das Scrollen durch die Fotogalerie ist so schnell, wie ich es noch nie bei einer Kamera erlebt habe. Ladezeiten sind nicht vorhanden.
- Ich übertrage meine Fotos jeden Tag per USB-C-Kabel an mein Handy. Dank der SSD und des USB-3.2-Gen2-Anschlusses geht das auch richtig fix.
Exzellente Bildqualität: Die Sigma BF ist mit einem 24,6-Megapixel-Vollformatsensor ausgestattet und verfügt über anpassbare Farbprofile, die an analogen Film erinnern. Überdies können alle Objektive mit dem L-Mount-Anschluss verwendet werden (Sigma, Leica, Panasonic und mehr).
Das sind alles unbearbeitete Jpeg-Fotos direkt aus der Kamera, geschossen mit den integrierten Film-Simulationen.
Bei der Qualität der Fotos, egal ob in Monochrom oder in Farbe, gibt es nichts auszusetzen.
Besonders cool finde ich, dass ich digitale Farbfilter zu den Schwarz-Weiß-Bildern hinzuschalten kann, um den Look oder die Kontraste der Fotos zu verändern – ganz wie bei analogen Kameras.
Okay. Damit endet mein überschwänglicher Liebesbrief an diese Kamera. Für alle, die nicht stundenlang in Kameraforen unterwegs sind und jedes Video zu neuen Objektiven und Co. verschlingen: ihr solltet wissen, dass die Sigma BF eine der kontroversesten Releases vom letzten Jahr war.
Zwei Fotos mit der höchsten ISO-Einstellung von 102400. In Schwarz-Weiß finde ich die Fotos noch nutzbar, aber in Farbe eher nur für Schnappschüsse.
Der Minimalismus hat seinen Preis – ist weniger wirklich mehr?
Auf der Suche nach dem perfekten Minimalismus sind viele Features dem Rotstrich zum Opfer gefallen, die eigentlich schon seit Jahren zum Standard bei den Systemkameras gehören.
Ich zähle sie euch hier auf und sie beginnen alle mit dem Wort »Kein«:
- Kein Sucher. Alle Fotos müssen mit dem eingebauten Bildschirm geschossen werden.
- Kein Hotshoe. Es gibt keinen Weg, einen Blitz oder einen Aufstecksucher auf die Kamera zu stecken.
- Kein mechanischer Verschluss: Wie beim Handy wird das Bild vom Sensor elektronisch ausgelesen. Dabei kann es zu Bildfehlern oder Rolling Shutter kommen.
- Kein IBIS: Die Sigma BF hat keine interne Bildstabilisierung.
- Keine Backup-Speicherkarte: Da nur ein einziges Speichermedium verwendet wird, gibt es keine internen Backups, wie bei Kameras mit zwei Speicherkarten-Slots.
- Kein Schultergurt: Die Sigma BF hat nur eine Öse für Handgelenkschlaufen.
- Kein Anschluss für analoge Mikrofone oder Kopfhörer: Filmer und Filmerinnen müssen auf USB-C-Accessoires ausweichen.
- Kein Bluetooth oder WLAN: Das könnte mit dem Alugehäuse zusammenhängen. Bilder überträgt man ausschließlich per USB-Verbindung.
- Keine KI-Funktionen oder Computational Photography: Die Kamera schießt Bilder und Videos. Nicht mehr, nicht weniger.
Der größte Minuspunkt: Kurze Akkulaufzeit
Der Akku reicht für etwa 260 Fotos. Das ist sehr wenig im Vergleich zu anderen spiegellosen Kameras in diesem Preisbereich. Obendrein kosten Ersatzakkus über 100 Euro.
Ich habe deswegen oft eine Powerbank bei mir. Die Sigma BF lässt sich beim Laden weiterverwenden, was den Nachteil des kleinen Akkus etwas relativiert.
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Die Film-Simulationen habe ich schon bei Fujifilm-Kameras geliebt. Die Farbprofile der Sigma BF haben mich genauso überzeugt, vor allem das Monochrom-Profil.
Wer sie nicht versteht, ist nicht die Zielgruppe – und das ist okay
Die »Preis-Leistungs-Fraktion« wird jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
2.300 Euro für eine Kamera ohne Sucher, ohne IBIS und mit mickrigem Akku? Rational betrachtet ist die Sigma BF ein wirtschaftlicher Totalschaden.
Aber Tech ist für mich mehr als nur eine Liste an abgehakten Features.
Diese Kamera ist ein Statement gegen die »Smartphoneisierung« unserer Welt, in der KI-Algorithmen uns das Sehen abnehmen. Sie ist ein Werkzeug, das mich dazu zwingt, mich wieder mit Licht und Schatten auseinanderzusetzen.
Seit ich sie habe, will ich einfach nur hinausgehen und fotografieren. Das ist ein Gefühl, das mir kein Datenblatt der Welt geben kann.
Was mich letztlich überzeugt hat, sind drei Dinge, die man nicht in Megapixeln messen kann:
- Die Kamera als Gesprächsstarter: Auf der IFA wurde ich von fast jedem Herstellervertreter auf dieses Stück Aluminium in meiner Hand angesprochen. Hält man sie das erste Mal in der Hand, merkt man schnell, dass die BF nicht nur ein Werkzeug ist. Sie ist auch ein Kunstwerk, über das man viel diskutieren kann.
- Auf Langlebigkeit ausgelegt: Durch den Verzicht auf einen beweglichen Sensor und mechanische Tasten gibt es kaum Verschleißteile. Gepaart mit dem Spritzwasserschutz und dem austauschbaren Akku ist die BF eine Kamera, die ich vermutlich auch noch in zehn Jahren nutzen werde.
- Fokus auf das Wesentliche: Sie nimmt mir nichts ab, aber sie steht mir auch nicht im Weg.
Für wen lohnt sich das? Sicher nicht für den Profi-Filmer oder den Sportfotografen, der auf 30 Fotos pro Sekunde angewiesen ist. Die Sigma BF ist für die Enthusiasten, die Puristen und vielleicht auch für die Träumer. Für Menschen, die Design und Materialqualität höher gewichten als das letzte Quäntchen Ausstattung.
Am Ende des Tages ist die Sigma BF eine Option. Eine wunderbar unvernünftige, wunderschöne Option in einem Markt, der oft viel zu sicher und homogen spielt. Man muss sie nicht lieben, um zu respektieren, dass Sigma den Mut hatte, sie genau so zu bauen. Ich für meinen Teil? Ich werde jetzt den Akku laden und wieder rausgehen.

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