Von Spiegelreflex bis hin zu analogen Klassikern habe ich alle möglichen Kameras ausprobiert, aber keine ist so wie diese – die außergewöhnliche Sigma BF

Die Sigma BF ist im Grunde ein Block Aluminium mit eingebauter Kamera.

Die Sigma BF will ich selbst nach 3.000 Fotos nicht aus der Hand legen. (Bildquelle: Duy Linh DinhGameStar Tech) Die Sigma BF will ich selbst nach 3.000 Fotos nicht aus der Hand legen. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)

Eigentlich ist die Sigma BF völlig unvernünftig: kein Sucher zum Durchblicken, kein beweglicher Bildschirm, keine KI-Features. Sie ist die personifizierte »Beautiful Foolishness« – eine wunderschöne Unvernunft. 

Ich habe über 3.000 Fotos mit dieser Kamera geschossen und dabei gelernt, warum genau dieser Mut zur Lücke das ist, was mir in der modernen Tech-Welt so schmerzlich fehlt.

Update 23.03.2026: Neue Beispiel-Fotos hinzugefügt. Darunter zwei mit der höchsten Empfindlichkeitsstufe von ISO 102400.

Duy Linh Dinh
Duy Linh Dinh

Linh fotografiert schon seit er denken kann, aber seine erste »richtige« Kamera war die Sony Alpha 65. Er erinnert sich noch sehr daran, wie er einen Sommer lang viel zu viel gearbeitet hat, nur um sich dann die Kamera endlich leisten zu können – allerdings ohne Objektiv. Dafür hat das Geld nicht mehr gereicht. »Das Objektiv kaufe ich mir dann nächsten Monat!«, antwortete er damals dem netten Mann hinter der Ladentheke.

Der nette Mann vom Fotoladen schenkte ihm aus Mitgefühl ein günstiges Kit-Objektiv. Und so startete eine Leidenschaft, die ihn für immer begleiten wird. Für dieses kleine Plastikobjektiv wird er für immer dankbar sein.

Bis heute hat er unzählige Kameras und Objektive ausprobiert. Von DSLRs, spiegellosen Systemkameras, Edelkompakten bis hin zur analogen Fotografie mit eigener Dunkelkammer (das Badezimmer).

In all dieser Zeit hat er nicht nur viel über die Fotografie und deren Technik gelernt, sondern vor allem, was ihm bei einer Kamera am wichtigsten ist.

»Bitte baut mir die simpelste und eleganteste Kamera, die es je gab« – die Design-Philosophie hinter der BF

Wer verstehen will, warum die Sigma BF so radikal anders ist, muss tief in die japanische Ästhetik eintauchen. Kazuto Yamaki, der Kopf hinter Sigma, beschreibt die Kamera als eine Form der »Beautiful Foolishness« (wunderschöne Unvernunft) – daher der Name Sigma BF.

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Der Begriff ist inspiriert vom »Book of Tea« (Das Buch vom Tee), geschrieben im Jahre 1906 von Okakura Kazuto. Er beschreibt die Hingabe zum Unnötigen, zum rein Ästhetischen, das in einer zweckorientierten Welt eigentlich keinen Platz hat – die Schönheit in der Unvernunft zu sehen.

Der Funke für das physische Design sprang jedoch in einer Ausstellung über Coco Chanel über. Yamaki-San erinnert sich in einem Interview mit YouTuber Bobby Tonelli an den Moment, als er vor einer Flasche des berühmten Parfums stand: 

»Ich sah den Flakon von Chanel No. 5. Ein 100 Jahre altes Design, simpel und elegant – und ich dachte mir: Das überdauert alles.« 

Simpel und zeitlos: der Flakon von Chanel Nr. 5. (Bildquelle: Chanel) Simpel und zeitlos: der Flakon von Chanel Nr. 5. (Bildquelle: Chanel)

Sein Auftrag an die Ingenieure war so einfach wie wahnsinnig: 

»Bitte baut mir die simpelste und eleganteste Kamera, die es je gab.« 

Drei Jahre dauerte es, diesen Minimalismus in Technik zu gießen. Das Ziel war eine Kamera, die nicht durch Features beeindruckt, sondern die bloße Ambition weckt, Schönheit im Alltag zu finden. Yamaki-San sagt dazu: 

»Die Kamera muss so kompakt und elegant sein, dass man sie jeden Tag dabei haben will, um das Licht, die Schatten und die Farben des täglichen Lebens einzufangen.«

Simpel und zeitlos: die Sigma BF. (Bildquelle: Duy Linh DinhGameStar Tech) Simpel und zeitlos: die Sigma BF. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)

Nach über 3.000 Fotos kann ich bestätigen, dass es funktioniert hat. Wenn ich die Kamera sehe, will ich nichts anderes als sie in die Hand nehmen und fotografieren.

»Die Kamera, die Apple gebaut hätte«

Zum Release haben viele bei der Sigma BF den Vergleich zu den Produkten von Apple gezogen und es ist nicht schwer zu erkennen, wo er herkommt.

Das Gehäuse wird aus einem einzigen Block Aluminium gefräst und erinnert optisch ein wenig an die MacBooks von Apple. Bei zwei Tasten und dem Drehrad kommen sogar haptische Motoren zum Einsatz, die mechanische Tastendrücke simulieren; das ähnelt dem MacBook-Trackpad oder dem Camera-Control-Button der iPhone-17-Generation.

Auch wenn ich die Apple-Vergleiche nachvollziehen kann, finde ich sie nicht ganz passend. Die Sigma BF mag optisch einem Produkt von dem iPhone-Hersteller ähneln, geht aber seinen eigenen Weg, den selbst Apple nicht gehen kann.

Sigma macht das, wozu sich andere Hersteller nicht trauen

Sigma ist bis heute ein Familienunternehmen und wird nicht an der Börse gehandelt. Alle Produkte werden ausnahmslos in der Sigma-Fabrik in Aizu, Japan hergestellt – inklusive der BF (der Hersteller kann sogar nur neun Stück pro Tag produzieren).

Für eine Kamera benötigt Sigma etwa sieben Stunden. Sie stellen neun Stück pro Tag her. (Bildquelle: Duy Linh DinhGameStar Tech) Für eine Kamera benötigt Sigma etwa sieben Stunden. Sie stellen neun Stück pro Tag her. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)

Aus diesem Grund trifft der Hersteller Entscheidungen nach eigenem Gusto und muss sich nicht gegenüber Aktionären rechtfertigen, die sich die Produkte und Features wünschen, die eben potenziell am meisten Umsatz generieren können. 

Stattdessen verfolgt der Hersteller schon immer einen ganz anderen Weg, vor allem bei seinen Kameras; Sigma möchte etwas anbieten, das andere nicht tun.

Die Sigma BF ist das neueste Ergebnis dieser Bereitschaft zu experimentieren – die Eigenschaft, die den größten Tech-Unternehmen von heute fehlt. 

Sie ist radikal anders, das macht sie unvernünftig – aber auch so genial.

Video starten 0:19 Sigma BF: So sieht das schwarze Modell aus

Einfaches, aber schnelles Menü: Die Kameras von heute besitzen fast alle extrem unübersichtliche Menüs mit unzähligen Seiten. Sie stopfen altes Film-Erbe mit digitalen Menüs voll. Die Sigma BF hat mich mit einer sehr vereinfachten Benutzeroberfläche überrascht, die von Grund auf für das digitale Zeitalter gedacht wurde:

  • Standardmäßig ist der Bildschirm komplett frei von Icons und anderen Daten, sodass man sich vollständig auf die Komposition konzentrieren kann. 
  • Für die wichtigsten Einstellungen, etwa das Verändern von Belichtungseinstellungen oder Wählen eines Farbfilters, ist ein zweites kleines Display verbaut. So bleibt der Hauptbildschirm die meiste Zeit frei von Ablenkungen.
  • Weil alle Bedienelemente sich auf der rechten Seite befinden, ist die Kamera einhändig bedienbar.

Versteckte Gesten: Die Kamera hat außerdem ein paar Features, die im Alltag richtig praktisch sind und die Nutzung vereinfachen:

  • Wird der Auslöser halb durchgedrückt (zum Fokussieren) kann ich das Drehrad zum Abdunkeln oder Aufhellen des Fotos verwenden. Für die Belichtungskorrektur ist nämlich kein dediziertes Drehrad installiert, wie bei anderen Systemkameras. So wurde das bei der Sigma BF clever gelöst. Außerdem kann man mit halb gedrückten Auslöser und dem D-Pad zwischen der Fokussierung von Motiven im Hintergrund und Vordergrund wechseln.
  • Halte ich einen Finger auf den Play-Button, ohne ihn zu drücken, wird mir das zuletzt geschossene Foto angezeigt.
  • Halte ich den Finger auf den Drei-Punkt-Button, ohne ihn zu drücken, werden mir der Akkustand, die Uhrzeit und die verbleibende Speicherkapazität angezeigt.
  • Wird die Power-Taste nur angetippt statt gedrückt gehalten, wird die Kamera in einen Standby-Modus versetzt, wie beim Smartphone. Ein Tipp auf den Auslöser oder auf die Power-Taste weckt sie wieder auf.

Interne SSD statt Speicherkarte: Selbst im Jahre 2026 setzen die meisten Kameras noch auf SD- oder CF-Speicherkarten. Die Sigma BF hat stattdessen eine 230-GB-SSD eingebaut, die für zehntausende JPEGs oder tausende RAW-Dateien ausreicht. Auf einen Slot für Speicherkarten wird komplett verzichtet. 

  • Das Scrollen durch die Fotogalerie ist so schnell, wie ich es noch nie bei einer Kamera erlebt habe. Ladezeiten sind nicht vorhanden. 
  • Ich übertrage meine Fotos jeden Tag per USB-C-Kabel an mein Handy. Dank der SSD und des USB-3.2-Gen2-Anschlusses geht das auch richtig fix.

Exzellente Bildqualität: Die Sigma BF ist mit einem 24,6-Megapixel-Vollformatsensor ausgestattet und verfügt über anpassbare Farbprofile, die an analogen Film erinnern. Überdies können alle Objektive mit dem L-Mount-Anschluss verwendet werden (Sigma, Leica, Panasonic und mehr). 

Das war eine schöne Wanderung mit meinen Geschwistern. Das war eine schöne Wanderung mit meinen Geschwistern.

Astrofotos gefallen mir auch in Schwarz-Weiß ganz gut. Astrofotos gefallen mir auch in Schwarz-Weiß ganz gut.

Bei der Qualität der Fotos, egal ob in Monochrom oder in Farbe, gibt es nichts auszusetzen.

Besonders cool finde ich, dass ich digitale Farbfilter zu den Schwarz-Weiß-Bildern hinzuschalten kann, um den Look oder die Kontraste der Fotos zu verändern – ganz wie bei analogen Kameras.

Okay. Damit endet mein überschwänglicher Liebesbrief an diese Kamera. Für alle, die nicht stundenlang in Kameraforen unterwegs sind und jedes Video zu neuen Objektiven und Co. verschlingen: ihr solltet wissen, dass die Sigma BF eine der kontroversesten Releases vom letzten Jahr war.

Der Minimalismus hat seinen Preis – ist weniger wirklich mehr?

Auf der Suche nach dem perfekten Minimalismus sind viele Features dem Rotstrich zum Opfer gefallen, die eigentlich schon seit Jahren zum Standard bei den Systemkameras gehören.

Ich zähle sie euch hier auf und sie beginnen alle mit dem Wort »Kein«:

  • Kein Sucher. Alle Fotos müssen mit dem eingebauten Bildschirm geschossen werden.
  • Kein Hotshoe. Es gibt keinen Weg, einen Blitz oder einen Aufstecksucher auf die Kamera zu stecken.
  • Kein mechanischer Verschluss: Wie beim Handy wird das Bild vom Sensor elektronisch ausgelesen. Dabei kann es zu Bildfehlern oder Rolling Shutter kommen.
  • Kein IBIS: Die Sigma BF hat keine interne Bildstabilisierung.
  • Keine Backup-Speicherkarte: Da nur ein einziges Speichermedium verwendet wird, gibt es keine internen Backups, wie bei Kameras mit zwei Speicherkarten-Slots.
  • Kein Schultergurt: Die Sigma BF hat nur eine Öse für Handgelenkschlaufen.
  • Kein Anschluss für analoge Mikrofone oder Kopfhörer: Filmer und Filmerinnen müssen auf USB-C-Accessoires ausweichen.
  • Kein Bluetooth oder WLAN: Das könnte mit dem Alugehäuse zusammenhängen. Bilder überträgt man ausschließlich per USB-Verbindung.
  • Keine KI-Funktionen oder Computational Photography: Die Kamera schießt Bilder und Videos. Nicht mehr, nicht weniger. 

Der USB-C-Anschluss an der Seite wird zum Laden und zum Übertragen von Daten verwendet. Für Backups stecke ich da eine Mini-SSD an. Die Kamera bietet einem dann sofort die Möglichkeit Fotos zu übertragen. (Bildquelle: Duy Linh DinhGameStar Tech) Der USB-C-Anschluss an der Seite wird zum Laden und zum Übertragen von Daten verwendet. Für Backups stecke ich da eine Mini-SSD an. Die Kamera bietet einem dann sofort die Möglichkeit Fotos zu übertragen. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)

Der größte Minuspunkt: Kurze Akkulaufzeit

Der Akku reicht für etwa 260 Fotos. Das ist sehr wenig im Vergleich zu anderen spiegellosen Kameras in diesem Preisbereich. Obendrein kosten Ersatzakkus über 100 Euro. 

Ich habe deswegen oft eine Powerbank bei mir. Die Sigma BF lässt sich beim Laden weiterverwenden, was den Nachteil des kleinen Akkus etwas relativiert.


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Wer sie nicht versteht, ist nicht die Zielgruppe – und das ist okay

Die »Preis-Leistungs-Fraktion« wird jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. 

2.300 Euro für eine Kamera ohne Sucher, ohne IBIS und mit mickrigem Akku? Rational betrachtet ist die Sigma BF ein wirtschaftlicher Totalschaden.

Aber Tech ist für mich mehr als nur eine Liste an abgehakten Features.

Diese Kamera ist ein Statement gegen die »Smartphoneisierung« unserer Welt, in der KI-Algorithmen uns das Sehen abnehmen. Sie ist ein Werkzeug, das mich dazu zwingt, mich wieder mit Licht und Schatten auseinanderzusetzen.

Seit ich sie habe, will ich einfach nur hinausgehen und fotografieren. Das ist ein Gefühl, das mir kein Datenblatt der Welt geben kann.

Was mich letztlich überzeugt hat, sind drei Dinge, die man nicht in Megapixeln messen kann:

  • Die Kamera als Gesprächsstarter: Auf der IFA wurde ich von fast jedem Herstellervertreter auf dieses Stück Aluminium in meiner Hand angesprochen. Hält man sie das erste Mal in der Hand, merkt man schnell, dass die BF nicht nur ein Werkzeug ist. Sie ist auch ein Kunstwerk, über das man viel diskutieren kann.
  • Auf Langlebigkeit ausgelegt: Durch den Verzicht auf einen beweglichen Sensor und mechanische Tasten gibt es kaum Verschleißteile. Gepaart mit dem Spritzwasserschutz und dem austauschbaren Akku ist die BF eine Kamera, die ich vermutlich auch noch in zehn Jahren nutzen werde.
  • Fokus auf das Wesentliche: Sie nimmt mir nichts ab, aber sie steht mir auch nicht im Weg.

Für wen lohnt sich das? Sicher nicht für den Profi-Filmer oder den Sportfotografen, der auf 30 Fotos pro Sekunde angewiesen ist. Die Sigma BF ist für die Enthusiasten, die Puristen und vielleicht auch für die Träumer. Für Menschen, die Design und Materialqualität höher gewichten als das letzte Quäntchen Ausstattung.

Am Ende des Tages ist die Sigma BF eine Option. Eine wunderbar unvernünftige, wunderschöne Option in einem Markt, der oft viel zu sicher und homogen spielt. Man muss sie nicht lieben, um zu respektieren, dass Sigma den Mut hatte, sie genau so zu bauen. Ich für meinen Teil? Ich werde jetzt den Akku laden und wieder rausgehen.

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