Auf meinem NAS, meinem Handy und in ein paar gut gehüteten privaten Fotoalben liegen zehntausende Bilder. Fotos von Straßenecken, Landschaften, Begegnungen und manchmal ein und derselben Aussicht, abgelichtet zum zehnten oder zwanzigsten Mal.
Kaum jemand hat diese Aufnahmen je gesehen. Ich poste sie nicht auf Instagram und ich frage niemanden nach seiner oder ihrer Meinung dazu. Ich fotografiere sie schlichtweg für mich selbst.
Wenn ich über diese Haltung nachdenke, lande ich unweigerlich bei einer Frau, deren Lebenswerk mich tief berührt: Vivian Maier. Jahrzehntelang arbeitete sie als Nanny in Chicago, streifte mit ihrer Rolleiflex durch die Straßen und schuf ein gigantisches, intimes Archiv der Welt um sie herum – und sie zeigte es fast niemandem.
Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass heute Ausstellungen mit ihren Werken Tausende anlocken, Bücher verkauft werden und Fremde mit ihren Bildern Geld verdienen – etwas, das sie zu Lebzeiten nie angestrebt hat. Selbst wenn ich diesen Artikel schreibe, spüre ich eine leise moralische Befangenheit. Ich möchte dieser Frau gerecht werden, ohne ihr stilles Erbe zu vermarkten.
Aber vielleicht ist der beste Weg, ihren Geist zu ehren, genau der: sich an das zu erinnern, was Fotografie tief im Inneren sein kann, wenn man sie von jedem Bewertungsdruck befreit.
Vom Glück, nicht gesehen werden zu müssen
Ich finde Vivian Maiers Herangehensweise schlicht faszinierend. Sie schoss zu ihren Lebzeiten über 150.000 Fotos, von denen sie tausende nicht einmal entwickelte.
Sie fotografierte für kein Publikum, nicht für Kritiker und schon gar nicht für einen Algorithmus. Sie lebte in einer Zeit, in der soziale Medien noch ein völlig fremdes Konzept waren; sie hatte kein Bedürfnis nach Bestätigung.
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Wie sie sich genau dabei gefühlt hat, weiß niemand. Aber ich weiß, wie es sich für mich anfühlt: unglaublich befreiend. Es ist die reine Form von JOMO – der Joy of Missing Out.
Während die Welt im ständigen FOMO-Rausch versucht, überall dabei zu sein, alles zu dokumentieren und sofort hochzuladen, liegt für mich ein tiefes Glück darin, Dinge ganz bewusst zu verpassen und das Leben im eigenen Tempo zu leben.
Wenn ich heute den Auslöser meiner Kamera drücke, gibt es in meinem Kopf keine kalkulierenden Gedanken: Ich frage mich nicht, ob dieses Foto gut genug ist oder ob es online auf positive Resonanz trifft.
Es reicht mir völlig, wenn es mir in diesem einen Moment gefällt – und selbst das ist eigentlich gar nicht das Wichtigste.
Fotografieren ist weit mehr als das Endergebnis
Dass das Endergebnis nicht das Maß aller Dinge ist, ist wohl die wertvollste Lektion, die ich von Vivian Maier gelernt habe. Sie hat Tausende ihrer eigenen Bilder nie als fertigen Abzug in den Händen gehalten und trotzdem war sie da draußen.
Sie ist durch die Straßen Chicagos gezogen, hat das Leben beobachtet, dokumentiert und war vor allem eines: ein echter Teil davon. Die Kamera war wie ein Schlüssel zur Welt.
Mir geht es ganz ähnlich. Die Kamera ist für mich nicht nur ein Werkzeug zur Bilderzeugung, sondern auch eine Motivation rauszugehen. Sie schärft meinen Blick und lässt mich mit Menschen in Kontakt treten.
Wenn ich an vergangene Reisen zurückdenke, wie an einen Urlaub in der Türkei im Jahr 2013, dann kann ich mich heute kaum noch an die technischen Details der Bilder erinnern, die ich damals geschossen habe.
Woran ich mich aber glasklar erinnere, sind die wunderbaren, ungezwungenen Gespräche am Strand, die überhaupt erst entstanden sind, weil ich eine Kamera in der Hand hielt.
Fotografie ist so viel mehr als die krampfhafte Suche nach Antworten auf Fragen wie:
- Wie ist die Bildqualität?
- Stimmt die Komposition?
- Sind meine Einstellungen korrekt?
Sie ist für mich in erster Linie eine Auszeit.
Ein paar meiner Fotos habe ich auf GameStar geteilt: Warum ich für meinen Urlaub auf eine Digitalkamera verzichtet habe
Die Suche nach stillen Momenten in einer lauten Welt
Für mich ist die Fotografie nicht nur eine Kunst, sondern auch eine Form von Achtsamkeit – eine Zeit nur für mich selbst und ein stiller, roter Faden, der sich durch mein Leben zieht. Dafür braucht man keine Bestätigung von außen, sondern nur die eigene.
Ich halte die sozialen Medien hier ganz bewusst heraus. Meine Streifzüge mit der Kamera sind meine regelmäßigen Auszeiten der oftmals viel zu lauten Welt.
Wenn ich meine Fotos überhaupt teile, dann im kleinen, echten Kreis: auf dem Sofa mit der Familie oder mit engen Freunden beim Durchblättern eines gedruckten Albums (mit kleiner Ausnahme, für Artikel wie diesen).
Selbst dann bleiben etwa 99 Prozent aller meiner Bilder unsichtbar für die Welt; weil sie eben nicht für die Welt gemacht wurden, sondern für meinen eigenen Speicherplatz der Erinnerungen.
In der heutigen, von TikTok und Instagram bestimmten Welt, die immer lauter, künstlicher und optimierter wird, tut es gut, zu den Wurzeln zurückzukehren. Ich schaue auf das Lebenswerk von Vivian Maier mit großem Respekt zurück und nicht auf den Hype, der nach ihrem Tod entstand.
So gehe ich vor die Tür mit meiner Kamera in der Hand und genieße den Tag ganz ohne Handyempfang, aber mit vollem Herzen.

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