Ein echtes Auto und ein VR-Headset – eigentlich eine unmögliche Kombination, oder? Doch ein Autohersteller zeigt, wie gut das zusammenpassen kann, wenn man es richtig angeht. Als Rennspielfan der ersten Stunde liebe ich die Geschwindigkeit und Präzision virtueller Strecken.
Gran Turismo, Forza, Assetto Corsa – seit Jahren liefern mir diese Titel auf den Konsolen das perfekte Adrenalin-Paket, und mit meinem Lenkrad-Setup bin ich praktisch mittendrin.
Der nächste logische Schritt? VR! Doch der Traum vom perfekten Fahrerlebnis in der virtuellen Realität endete für mich schnell: Motion Sickness machte mir auch bei der PS VR2 einen Strich durch die Rechnung, und so ging das Headset zurück zum Händler.
Umso größer war meine Vorfreude, als BMW mir eine Mixed-Reality-Erfahrung anbot, die das VR-Erlebnis auf den Kopf stellt – und vielleicht endlich meinem Magen die nötige Stabilität bietet.
Mit einem 12.000-Euro-Headset ging es tatsächlich auf die Strecke, diesmal in einem echten Sportwagen. Es war beeindruckend, aber lest selbst.
Mixed Reality mal anders
Mixed Reality (MR) verbindet die virtuelle sowie die reale Welt und ermöglicht, dass digitale Objekte in die physische Umgebung integriert und mit ihr interagieren können. Während VR den Nutzer in eine digitale Welt versetzt und AR nur Zusatzinformationen einblendet, kombiniert MR das Beste beider Welten.
Bisher wird MR vor allem in Branchen wie Architektur, Medizin und Ausbildung genutzt, um Modelle oder Simulationen in die reale Umgebung einzubinden.
Im Entertainment-Bereich verwischt potenziell MR die Grenzen zwischen Spiel und Realität und die Immersion steigert sich weiter. Während VR-Nutzer bislang oft Probleme mit Motion Sickness haben – ausgelöst durch den Widerspruch zwischen virtuellen Bewegungen und der Ruheposition des Körpers – löst mitunter MR diesen Konflikt, indem echte Bewegungen in die digitale Welt übertragen werden.
BMWs Mixed-Reality-Erfahrung setzt genau hier an und vereint das Beste aus beiden Welten: die physischen Kräfte und das Fahrgefühl eines echten Autos mit der visuellen Vielfalt einer virtuellen Strecke.
Projektleiter Alexander Kuttner erklärte dazu in der Vergangenheit, dass die Technik drei zentrale Herausforderungen bewältigen muss: Das präzise (GPS-)Tracking des Fahrzeugs, die Synchronisation seiner Bewegungen wie Beschleunigen und Einlenken sowie die Berücksichtigung der natürlichen Körperbewegungen des Fahrers.
All das muss latenzfrei und ohne Verzögerungen übertragen werden, um eine immersive, realistische Welt zu schaffen, die Motion Sickness vermeidet und ein packendes Fahrerlebnis bietet.
Wie das funktioniert, habe ich mir auf einem großen, abgesperrten Gelände einmal genauer angeschaut:
- Dort hatte ich die Wahl zwischen einem BMW M4 und einem BMW M2.
- Ich entschied mich zunächst für den kleineren, 480 PS starken M2. Darin war ein Kamerasystem für das In-Car-Tracking angebracht, um meine Bewegungen im Fahrzeug korrekt zu erfassen.
Auf dem Sitz lag ein modifiziertes Varjo-MR-Headset bereit. Laut dem Instruktor, der die Fahrt überwachte und dem ebenso ein Bremspedal zur Verfügung stand, kostet allein das Headset etwa 12.000 Euro, während das Tracking-System und der notwendige Gaming-PC (im Kofferraum) nochmals mehr als 50.000 Euro gekostet haben sollen.
»Siehst du den Affen tanzen?«
Mit diesen Zahlen im Hinterkopf stiegen meine Erwartungen, während mir mein Instruktor das Headset aufsetzte und ich mit ihm den kurzen Einrichtungsprozess durchlief. Dazu sollten sich meine Augen auf einen Punkt auf dem Display fokussieren. Damit war das Setup auch schon beendet und die reale Welt (via Kameras) war wieder sehr natürlich zu sehen.
Auf dem Display wurde nun eine Pfeillinie eingeblendet, der gefolgt werden sollte. Gesagt, getan. Und ich setzte mich in Bewegung, was sich anfangs seltsam anfühlte, da mein Gesicht ja mit einem VR-Headset verdeckt war. Als ich mich der Startposition näherte, öffnete sich plötzlich ein virtuelles Garagentor, durch das ich fahren sollte.
In der Garage angekommen, tanzte ein Affe namens Curtis vor dem Auto, und ich war überrascht, wie gut alles um mich herum aussah und dass ich mich sogar nach hinten umschauen konnte. Dennoch konnte ich meine Hände, das Lenkrad sowie die Armaturen sehen. Nur der Blick aus den Scheiben war digital.
Die erste Runde war zur Eingewöhnung und überforderte kurz meine natürlichen Reflexe. Immerhin sollte ich nicht nur digitale Objekte wie ApeCoins einsammeln, sondern auch auf der Strecke verteilte aufblasbare Schwäne wegrammen.
Das fühlte sich nicht richtig an, aber nach der ersten Runde waren die Hindernisse von der Strecke verschwunden, und ich konnte mich besser auf die Fahrbahn, meine Linie sowie das Geisterfahrzeug neben mir konzentrieren.
42:31
Bis VR im Alltag ankommt, muss noch viel passieren
Das Fahren und die Immersion kann ich kaum treffender beschreiben als mit »Aus den Augen, aus dem Sinn«. Immerhin fuhr ich vor dem Start mit Vollgas auf einen Zaun zu, den ich nicht sah, und raste danach in Richtung Hafenmauer. Ohne Headset wäre ich vermutlich deutlich zurückhaltender gefahren.
Spätestens nach der zweiten Runde fühlte ich mich in der Mixed Reality angekommen, und es machte richtig viel Spaß, während der Motor beim Start laut aufheulte und die Reifen in den Kurven zu quietschen begannen.
Euphorie und Mut machten sich breit. Jede Runde wurde besser. Leider war das Erlebnis schon nach vier Runden vorbei.
Glücklicherweise waren wir nur eine kleine Gruppe, sodass ich noch ein zweites Mal ans Steuer durfte. Vermutlich hätte ich noch Stunden weitermachen können, um weiter an meinen Rundenzeiten zu arbeiten. Trotz der Enttäuschung über das Ende grinste ich beim Aussteigen noch bis über beide Ohren.
Was kommt jetzt noch?
Ursprünglich sollte das Projekt vor allem beweisen, ob ein VR-Erlebnis im echten Fahrzeug überhaupt machbar ist und ob sich alle relevanten Fahrzeugdaten dafür präzise bündeln lassen. Das Ergebnis spricht für sich, und »BMW M Mixed Reality« hat schon jetzt Potenzial, das weit über den reinen Fahrspaß hinausgeht.
Multiplayer-Events sind bereits möglich, bei denen alle Fahrer virtuell auf einer gemeinsamen Strecke unterwegs sind, aber physisch auf separaten Flächen fahren. Denkbar sind Hindernisparcours in einer sicheren VR-Umgebung oder die Option, auf echten Rennstrecken wie dem Nürburgring zu trainieren – mit eingeblendeter Ideallinie oder »Geist-Gegnern«, die das Fahrerlebnis und den Lerneffekt zusätzlich steigern.
Und das ist nur der Anfang: Mixed Reality könnte die Fahrsicherheitstraining-Branche revolutionieren, indem kritische Situationen, die im Alltag schwer zu simulieren sind, sicher erlebbar gemacht werden.
Dazu zählen Szenarien wie plötzlich zwischen Autos hervorspringende Kinder oder abrupt bremsende Fahrzeuge, bei denen sich Reaktionsfähigkeit, Ausweichmanöver und Bremsen unter realistischen Bedingungen trainieren lassen.
In welche Richtung sich MR auch entwickelt, die Möglichkeiten scheinen nahezu grenzenlos. Für mich war es eine beeindruckende Erfahrung, die ich nur zu gerne regelmäßig wiederholen würde – sei es, um zu lernen oder um den technologischen Fortschritt zu erleben. Und das Beste daran? BMW bietet die Experience für alle Interessierten an. Würdet ihr euch trauen, hinter das Steuer zu steigen und mit einem VR-Headset im Sportwagen Vollgas zu geben?
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