Wer an Lidl denkt, dem kommen zunächst wahrscheinlich gelbe Preisschilder, Backautomaten, Aktionsware und Einkaufswagen in den Sinn.
Cloud-Infrastruktur, künstliche Intelligenz und Cybersicherheit wohl eher nicht.
Doch genau dort will die Schwarz-Gruppe, zu der neben Lidl auch Kaufland gehört, ein neues Geschäftsfeld erschließen. Und das nicht einfach nur als Nebenkriegsschauplatz, sondern als eigenständiger Technologiekonzern.
Das heißt: Der eigentliche Konkurrent ist nicht Amazons Handelsgeschäft, sondern dessen Cloud-Sparte Amazon Web Services.
AWS verdient sein Geld nicht mit dem Versandhandel, sondern vermietet Rechenleistung, Speicher, Datenbanken und KI-Dienste. Zusammen mit Microsoft Azure und Google Cloud dominiert AWS einen Markt, von dem Europa immer stärker abhängig wird.
Hier setzt Schwarz Digits, die Technologiesparte der Schwarz-Gruppe, an. Einerseits hat sie im baden-württembergischen Bad Friedrichshall einen neuen Technologiecampus für bis zu 5.500 Beschäftigte eröffnet. Andererseits entsteht im brandenburgischen Lübbenau ein Rechenzentrum für elf Milliarden Euro.
Ziel ist nicht nur, den US-amerikanischen Konzernen Konkurrenz zu machen, sondern mehr sensible Daten in Europa verarbeiten zu können und generell mehr Kontrolle zu erlangen.
Lidl und Kaufland sind dabei nicht bloß Geldquelle, sondern vor allem auch Testumgebung. Was in rund 14.500 Filialen, Logistikzentren und Produktionsbetrieben zuverlässig funktioniert, lässt sich auch anderen verkaufen.
Ein Händler mit guter Startposition
Das ist der entscheidende Unterschied zu vielen Cloud-Start-ups. Schwarz Digits kann auf Anwendungsfälle im eigenen gewaltigen Handelskonzern verweisen.
Lieferketten, Bezahlsysteme, Apps, Warenwirtschaft und interne Kommunikation müssen rund um die Uhr praktisch fehlerfrei funktionieren.
Denn fällt dort etwas aus, merkt das nicht einfach nur irgendein Testkunde. Im Zweifel steht eine ganze Filiale still.
Dieser Vorteil ist mit Geld kaum aufzuwiegen.
Und Schwarz Digits ist ohnehin längst einen Schritt weiter. Mit der Cloudplattform STACKIT ist man bereits auf dem Markt. Die gesamte Digitalsparte setzte 2025 2,2 Milliarden Euro um, ein Plus gegenüber dem Vorjahr von 15,8 Prozent.
So haben etwa die Niederlande eine Rahmenvereinbarung mit STACKIT geschlossen. Und auch hierzulande ist sie schon in Digitalprojekte des öffentlichen Sektors eingebunden.
Schwarz verfolgt dabei eine Doppelstrategie: Zum einen will man die Abhängigkeit von den USA verringern. Zum anderen winken in dem Sektor Gewinnmargen, von denen man im ohnehin sehr knapp kalkulierten Lebensmittelhandel nur träumen kann.
Ein Beispiel hierfür ist Amazon: Obwohl im ersten Quartal 2026 der weltweite Umsatz des Handels und anderer Geschäftsfelder rund viermal so groß war wie der von Amazon Web Services, erzielte dieser dennoch den höheren operativen Gewinn (14,2 versus 9,7 Milliarden US-Dollar).
Im Gesamtjahr 2025 zeigt sich dasselbe Bild. Während der weltweite Umsatz ohne AWS bei 588,1 Milliarden Dollar lag, kam man »nur« auf einen operativen Gewinn von 34,3 Milliarden Dollar. AWS hingegen setzte im selben Zeitraum 128,7 Milliarden Dollar um, wovon jedoch 45,6 Milliarden Dollar operativer Gewinn abfielen.
Kein Wunder also, dass Schwarz in Lübbenau bis Ende 2027 den Bau des ersten Abschnitts des neuen Rechenzentrums abschließen will.
Geplant sind rund 200 Megawatt Anschlussleistung und langfristig bis zu 100.000 Grafikprozessoren für Cloud- und KI-Anwendungen.
Für die Schwarz-Gruppe ist das die größte Einzelinvestition der Konzerngeschichte.
Elf Milliarden Euro sind nur der Einstieg
Die Summe klingt zunächst nach Angriff. Und das ist sie auch.
Trotzdem reicht das vorerst nur für den Eintritt in ein Geschäft, in dem die schiere Größe selbst ein Produktmerkmal ist.
Amazon, Microsoft und Google verfügen über weltweite, massiv skalierbare Netze an Rechenzentren, ausgereifte Plattformen und dazu Ökosysteme aus Softwareanbietern, Beratern und Entwicklern – darum nennt man sie auch Hyperscaler
.
Mit einer kleineren Kopie von AWS wird sich Schwarz Digits daher kaum etablieren können.
Vielmehr muss das Unternehmen beweisen, dass Kunden auf das System umziehen können, wichtige Dienste zuverlässig funktionieren und nicht eine neue Abhängigkeit erzeugt wird – nur eben von einem europäischen beziehungsweise deutschen Anbieter.
Dazu kommt, dass der sogenannte Vendor-Lock-in
ein Kernproblem der Cloud ist. Je mehr Anwendungen auf die Dienste eines einzelnen Anbieters zugeschnitten sind, desto schwieriger und vor allem teurer wird der Umstieg.
Deshalb macht der Elf-Milliarden-Bau in Brandenburg Schwarz Digits nicht automatisch zum europäischen Hyperscaler
.
Entscheidend ist, ob genug Unternehmen und Behörden vom Wechsel auf eine deutlich kleinere Plattform überzeugt werden können.
1:08
Lidls Monsieur Cuisine: Die Waage ist eine seiner größten Schwächen – Hier seht ihr, wieso
Souveränität ist mehr als ein Serverstandort
Noch viel heikler ist allerdings ein Wort, mit dem Schwarz Digits besonders offensiv wirbt: Souveränität.
Denn europäische Rechenzentren allein lösen längst nicht alle Abhängigkeiten. Dafür ist der Vorsprung der Amerikaner schlicht zu groß.
Das belegt der eigens geschaffene digitale Arbeitsplatz. Denn Workspace by STACKIT fußt auf Technologie von Google. Zwar kombiniert Schwarz Digits das mit lokaler Datenspeicherung und clientseitiger Verschlüsselung, was den Zugriff durch Dritte begrenzen und Daten besser absichern kann.
Das macht die grundlegende Software aber nicht europäisch.
Vielleicht sogar noch problematischer ist der Fall des israelischen Unternehmens XM Cyber, das auf Cybersicherheit spezialisiert ist.
Die Schwarz-Gruppe hat XM Cyber im Jahr 2021 zwar übernommen, nun hat der US-Konzern CrowdStrike jedoch eine verbindliche Übernahmevereinbarung für dessen geistiges Eigentum unterzeichnet – darunter mehr als 45 Patente und proprietären Quellcode.
Damit lägen zentrale Schutzrechte und Teile des Quellcodes künftig bei CrowdStrike, während XM Cyber die Technik nur über eine Lizenz weiter nutzen kann. Noch ist der Verkauf aber nicht abgeschlossen.
Das klingt angesichts der Ziele von Schwarz widersprüchlich, kann wirtschaftlich jedoch durchaus sinnvoll sein.
Es zeigt allerdings auch, wie dehnbar der Begriff der digitalen Souveränität ist.
Denn die Datensicherung in europäischen Rechenzentren ist nur einer von vielen Schritten. Lizenzen, Quellcode, Updates und die Frage, wer im Ernstfall entscheidet, sind mindestens ebenso wichtig.
Wer digitale Unabhängigkeit anstrebt und damit explizit wirbt, muss deshalb mehr bieten als Server in Deutschland.
Schwarz Digits sollte langfristig zumindest in der Lage sein, einen Teil der Schlüsseltechnologien vollständig selbst zu kontrollieren.
Auch das Rechenzentrum ist eine Wette
Außerdem: Nur weil ein Rechenzentrum gebaut wird, heißt das noch lange nicht, dass es wirtschaftlich dauerhaft ausgelastet ist.
Denn wenn die Nachfrage einfach nicht vorhanden ist, kann aus Infrastruktur schnell eine kostspielige Überkapazität werden.
Schwarz Digits ist deshalb darauf angewiesen, dass besonders Behörden und regulierte Branchen gezielt nach ihrem Angebot suchen.
Doch dort liegen nicht nur große Chancen, sondern ebenso große Gefahren.
Das Unternehmen muss sehr genau darauf achten, politischen Willen nicht mit Wettbewerbsfähigkeit zu verwechseln.
Denn ein europäischer Anbieter ist nicht automatisch günstiger oder besser. Selbst Behörden werden einen Wechsel nur dann in Betracht ziehen, wenn der Preis stimmt und Zuverlässigkeit sowie Funktionsumfang überzeugen.
Vermeintliche Souveränität allein reicht als Verkaufsargument schlicht nicht.
Passend zum Thema:
- Zu groß für die Lichtgeschwindigkeit: Ein Supercomputer mit Technik aus dem Jahr 1960 würde die Physik sprengen
- Supercomputer berechnet das Ende der Menschheit: Ein Kontinent, 70 Grad und noch 250 Millionen Jahre Zeit
Europas Antwort, aber noch lange kein europäisches AWS
Der Plan der Schwarz-Gruppe ist grundsätzlich begrüßenswert. Er wirkt nicht wie Größenwahn, dürfte aber auch kaum ein Selbstläufer sein.
Der Konzern hat Möglichkeiten, die vielen anderen Projekten fehlen: Kapital, einen eigenen Großkunden und die Bereitschaft, Infrastruktur in großem Stil aufzubauen.
Das macht Schwarz Digits tatsächlich interessant.
Doch zur echten Antwort auf AWS kann die Digitalsparte der Schwarz-Gruppe erst werden, wenn sie über Rechenzentren und bloße Souveränitätsversprechen hinauswächst.
Entscheidend ist eben auch die Kontrolle über Schlüsseltechnologien, ein umfassendes Ökosystem und Kunden, denen man einen realistischen Ausweg aus bestehenden Abhängigkeiten bieten kann.
Der Milliardenplan schafft dafür lediglich eine Grundlage.
Ob daraus wirklich ein international konkurrenzfähiger Technologiekonzern entsteht oder nur eine weitere Cloud auf Basis amerikanischer Technik, bleibt offen.

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Dein Kommentar wurde nicht gespeichert. Dies kann folgende Ursachen haben:
1. Der Kommentar ist länger als 4000 Zeichen.
2. Du hast versucht, einen Kommentar innerhalb der 10-Sekunden-Schreibsperre zu senden.
3. Dein Kommentar wurde als Spam identifiziert. Bitte beachte unsere Richtlinien zum Erstellen von Kommentaren.
4. Du verfügst nicht über die nötigen Schreibrechte bzw. wurdest gebannt.
Bei Fragen oder Problemen nutze bitte das Kontakt-Formular.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Nur angemeldete Plus-Mitglieder können Plus-Inhalte kommentieren und bewerten.