Weil er keine Bewegung in Armen und Beinen hatte, steuerte dieser Spieler mit dem Mund – und bezwang damit selbst die besten Profis der Welt

Er spielte mit Mund, Zunge und eiserem Willen – die Geschichte von Mike »Brolylegs« Begum. Ein Spieler, der seine Behinderung überwand und zur Legende in der Fighting-Game-Community wurde.

Mike »Brolylegs« Begum spielte mit seinem Mund – und war dennoch einer der besten Street-Fighter-Spieler Nordamerikas. (Bildquelle: Capcom Pro Tour) Mike »Brolylegs« Begum spielte mit seinem Mund – und war dennoch einer der besten Street-Fighter-Spieler Nordamerikas. (Bildquelle: Capcom Pro Tour)

Auf dem Street-Fighter-Turnier wurde es plötzlich still. Mike Begum rollt auf einer Mischung aus Rollstuhl und Tisch zu einem der Monitore – seine Arme und Beine bewegen sich nicht. In den Blicken der Zuschauer mischt sich Neugier und verlegenes Mitleid.

Mike ignoriert das; er kennt diese Reaktionen schon sein Leben lang. Er neigt den Kopf und legt Kinn, Wange und Zunge an den Controller und dann ertönt der Startschuss: »FIGHT!«.

Innerhalb von Sekunden kippt die Stimmung im Raum. Mike steuert Chun-Li nicht nur mit eiskalter Präzision, er überwältigt seinen Gegner mit fehlerfreien Combos. Spätestens als er siegreich die Bühne verlässt, versteht jeder im Saal: Dieser Mann braucht kein Mitleid. Er ist hier, um zu gewinnen.

Das ist die Geschichte von Mike »Brolylegs« Begum: einem Mann, der seine angeborene körperliche Behinderung überwand und tausende Spieler weltweit inspirierte. 

Duy Linh Dinh
Duy Linh Dinh

Kommentar des Autors: Weil ich selbst schon sehr lange Fighting Games spiele, wusste ich schon lange von Brolylegs, dessen Geschichte mich schon immer inspirierte. Für diesen Artikel habe ich seine Biografie »My Life Beyond the Floor« gelesen. Dieser Artikel stellt nur einen Bruchteil von dem dar, was Mike Begum uns auf dem Weg geben wollte. Ich kann das Buch allen empfehlen, selbst wenn ihr mit Kampfspielen nichts am Hut habt. Mike Begum teilt darin, wie er mit den Herausforderungen des Lebens umgegangen ist, mit denen er von Geburt an konfrontiert wurde und warum er nie aufgegeben hat.

»Jeder wollte einzigartig sein. Ich wollte einfach normal sein«

Für Michael und Josefine Begum war die Diagnose der Ärzte ein Schock. Ihr Sohn Mike kam mit schweren Deformierungen auf die Welt und musste kurz nach der Geburt mehrmals operiert werden.

Mike Begum wurde mit multipler Skoliose und Arthrogryposis geboren. Eine seltene Krankheit, die nur bei etwa einer von 10.000 Geburten vorkommt. Sie führt dazu, dass die Gelenke steif nach innen gebogen sind und sich kaum Muskeln ausbilden. Für Mike bedeutete das: Seine Arme und Beine blieben ein Leben lang nahezu unbeweglich. 

Mike bekam im Alter von zwei Jahren seine erste Spielkonsole: das NES. (Bildquelle: EvoFGCYouTube) Mike bekam im Alter von zwei Jahren seine erste Spielkonsole: das NES. (Bildquelle: EvoFGC/YouTube)

Heute gilt Brolylegs als Sinnbild für unbeugsamen Willen, doch der Weg dorthin war von schmerzhaften Erkenntnissen geprägt. Als kleine Kinder krabbelten Mike und sein jüngerer Bruder Jonathan noch gemeinsam über den Boden. Doch es dauerte nicht lange, bis der jüngere Bruder ihn körperlich einholte und schließlich überholte.

An den Moment, an dem ihm diese Realität zum ersten Mal in voller Härte bewusst wurde, erinnerte sich Mike genau: Es war der Tag nach Jonathans fünftem Geburtstag. Während sein Vater Mike im Badezimmer wusch, probierte der kleine Bruder draußen sein neues Kinderfahrrad aus. 

Bis dahin saß Mike meist nur auf einer Decke im Gras oder im Rollstuhl und sah den Kindern aus der Nachbarschaft beim Rennen zu. An diesem Tag packte ihn der Wunsch mitmachen zu wollen. Er fragte seinen Vater: »Darf ich auch Fahrrad fahren?«

Sein Vater hielt inne. Es verstrich eine lange Stille, ehe er leise antwortete: 

»Es tut mir leid, Mikey, aber das kannst du nicht.«

Unter dem fließenden Wasser der Dusche ließ der Junge seinen Tränen freien Lauf. Er weinte lautlos, aber zum ersten Mal in seinem Leben spürte er das volle Gewicht seiner Behinderung. 

Was ihn am meisten durch diese dunklen Momente brachte, war eine besondere Erkenntnis, die er früh im Leben machte: Mike mag körperlich im Nachteil sein, aber im Geiste kann er mit jedem anderen Kind mithalten. Er war fest entschlossen, sich niemals unterkriegen zu lassen.

Diese mentale Stärke sollte Jahre später auch das Fundament für seinen Erfolg im E-Sport werden.

»Das Schwerste an einer Behinderung ist, sie zu akzeptieren« - Mike »Brolylegs« Begum.

»Es ist hart zu wissen, was man nicht kann – aber der Schlüssel ist, es trotzdem zu versuchen.«

Im Alter von 2 Jahren kam Mike Begum zum ersten Mal in Kontakt mit der Welt der Videospiele. Sein Vater hat ihm ein NES (Nintendo Entertainment System) geschenkt. In seiner Biografie schreibt Mike, dass er bis heute nicht versteht, wie seine Eltern auf die Idee kamen, ausgerechnet ihm eine Spielkonsole zu schenken.

Mike erinnert sich daran, wie frustrierend die ersten Wochen mit der Konsole waren. Er schaffte es zwar Mario mit seinem linken Handgelenk am Steuerkreuz zu steuern, aber A und B konnte er nur mit Schmerzen und Anstrengung mit dem rechten Arm drücken.

Eines Tages verlor er beim Spielen das Gleichgewicht und fiel mit dem Gesicht auf den Controller – ein Moment, der sein ganzes Leben verändern sollte. Mike merkte, dass er A und B komfortabel mit seinem Kinn bedienen konnte. Wenig später spielte er sein allererstes Spiel durch: Super Mario Bros. 3 (später würde Mike die Tasten bedienen, indem er seine Zunge gegen die Innenseite seiner Lippe drückt).

Sein Leben lang konnte Mike nichts ohne die Hilfe anderer Menschen machen, aber Videospiele waren anders. Sie schenkten ihm eine Freiheit ohne Abhängigkeit, ohne physische Herausforderungen oder Hindernisse. 

Es gab dennoch ein großes Problem, das ihm wortwörtlich Schmerzen bereitete: sein Rollstuhl.

Am wohlsten fühlte sich Mike in Bauchlage. (Bildquelle: EvoFGCYouTube) Am wohlsten fühlte sich Mike in Bauchlage. (Bildquelle: EvoFGC/YouTube)

»Der größte Segen in meinem Leben«

Mike war zwar in der Schule einer der besten, aber der Unterricht war anfangs eine echte Qual. Aufgrund seiner körperlichen Eigenschaften bereitete ihm langes Sitzen große Schmerzen, weshalb er sehr ungern in seinem Rollstuhl saß.

Sein Vater erkannte das Problem und erfand eine geniale Lösung. Da er sich kurz zuvor das Aluminium-Schweißen beigebracht hatte, entwarf er einen Plan für seinen Sohn: Er demontierte den Sitz von Mikes elektrischem Rollstuhl und baute stattdessen eine passgenaue Aluminium-Liegefläche direkt auf das Fahrgestell.

In dreimonatiger Detailarbeit entstand Mikes sogenannter »Power Table«. Sein Vater baute eine höhenverstellbare Kopfstütze ein und bewies bei der Abdeckung kreativen Erfindergeist: Aus einem ausgedienten, schwarzen Plastikaufsteller einer Foot-Locker-Filiale konstruierte er eine Schutzhaube. Sie schützte Mike vor Blicken, Regen und Hitze und ließ sich wie ein Kofferraum aufklappen, um Platz für Schulsachen zu bieten.

Für Mike veränderte dieser Rolltisch alles: Zum ersten Mal konnte er sich völlig schmerzfrei fortbewegen, auf der Fläche schreiben und am Unterricht teilnehmen. Der Rolltisch bildete schließlich das technische Fundament, das ihm die Freiheit gab, die Welt zu erkunden und später am Controller Geschichte zu schreiben.

Der Rolltisch ermöglichte es Mike bequem und nach eigenem Willen sich forzubewegen. (Bildquelle: Street FighterYouTube) Der Rolltisch ermöglichte es Mike bequem und nach eigenem Willen sich forzubewegen. (Bildquelle: Street Fighter/YouTube)

»Brolylegs ist der Name. Merkt ihn euch«

Am liebsten spielte Mike mit seinen Freunden und der Familie Super Smash Bros. Melee. Bei einem Verwandtenbesuch in Houston entdeckten er und sein Bruder zufällig eine Spielhalle, in der gerade ein Melee-Turnier stattfand. Sie meldeten sich spontan an; sie wollten wissen, wie gut sie im direkten Vergleich wirklich waren. 

Das Ergebnis war eine Ansage: Sein Bruder Jonathan belegte den zweiten Platz, Mike sicherte sich den vierten – unter 30 Teilnehmern. Die Szene vor Ort war fasziniert: Da war jemand, der ausschließlich mit dem Mund steuerte und trotzdem fast das gesamte Feld hinter sich ließ.

Der eigentliche Startschuss für Mikes E-Sport-Karriere fiel jedoch kurz darauf in San Antonio. Erstmals trat er unter dem Namen »Broly« an – angelehnt an seinen Lieblingscharakter aus Dragon Ball Z. 

In einem hochkarätigen Feld von 108 Spielern kämpfte er sich bis ins Halbfinale des Lower Brackets vor. Mikes Name sprach sich in der Szene herum, begleitet von tiefem Respekt und Anerkennung. Von diesem Moment an gab es für ihn kein Zurück mehr: Er wollte mehr.

Später wechselte er zu Street Fighter IV. Als ein Freund ihn eines Tages scherzhaft als »Brolylegs« für ein Turnier anmeldete, blieb der Name hängen. Als seinen Hauptcharakter wählte er ausgerechnet Chun-Li, die technisch zu den anspruchsvollsten Charakteren des Spiels gehört. Dennoch besiegte Brolylegs seine Konkurrenten ohne Mühe und hielt auf Anhieb mit den besten Profis mit.

Bei diesem Turnier war ein Kameramann vor Ort, der Content für einen damals populären Fighting-Game-Kanal auf YouTube drehte. Er bat Mike um ein kurzes, knapp fünfminütiges Interview. Das Video schlug in der weltweiten Fighting-Game-Community ein wie eine Bombe und verbreitete sich rasend schnell.

Die Legende von Brolylegs war endgültig geboren.

Dieses Interview machte Brolylegs weltweit in der Fighting Game Community bekannt. (Bildquelle: Cross Counter TVYouTube) Dieses Interview machte Brolylegs weltweit in der Fighting Game Community bekannt. (Bildquelle: Cross Counter TV/YouTube)

Das Vermächtnis von Brolylegs

In den folgenden Jahren zementierte Brolylegs seinen Status als eine der inspirierendsten Figuren der E-Sport-Welt. Von 2013 bis 2017 galt er unangefochten als der beste Chun-Li-Spieler Nordamerikas. 

Auf Turnieren war seine Anwesenheit für die Community jedes Mal ein Highlight, auch wegen seines trockenen Humors. Er liebte es, seine Gegner nach Siegen mit einem Grinsen aufzuziehen: »Ich spiele mit dem Mund und habe dich trotzdem besiegt!«

Im Netz wurde er für Tausende zum Vorbild. Dabei ging es ihm nie um Ruhm oder Selbstdarstellung. Sein Ziel war es, anderen zu zeigen, dass keine körperliche Einschränkung groß genug ist, um jemanden von seinen Träumen abzuhalten.

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Mikes eigene Wünsche blieben dabei stets bescheiden: Er träumte davon, irgendwann einen eigenen Videospiele-Laden zu besitzen und einen speziell umgebauten Van zu kaufen, der ihm mehr Unabhängigkeit geboten hätte.

Am 19. März 2024 verstarb Mike »Brolylegs« Begum im Alter von nur 35 Jahren. Sein Tod löste weltweit eine tief empfundene Welle der Trauer in der Fighting-Game-Community aus. 

»Ich kann meine Arme und Beine nicht bewegen, na und? Ich atme, ich lebe. Solange das der Fall ist, werde ich meine Ziele verfolgen.« - Brolylegs. (Bildquelle: EvoFGCYouTube) »Ich kann meine Arme und Beine nicht bewegen, na und? Ich atme, ich lebe. Solange das der Fall ist, werde ich meine Ziele verfolgen.« - Brolylegs. (Bildquelle: EvoFGC/YouTube)

Doch sein Erbe lebt weiter: Sein Bruder Jonathan arbeitet heute eng mit den Organisatoren des Texas-Showdown-Turniers zusammen, um ihm im Rahmen des jährlichen Brolylegs USF4 Memorial Tournament ein dauerhaftes Denkmal zu setzen.


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Brolylegs hinterlässt eine Lücke, aber vor allem eine Botschaft, die weit über Videospiele hinausgeht. Zusammengefasst in seinen eigenen, unvergesslichen Worten:

»Eine Behinderung zu haben, war für mich mehr Segen als Fluch. Es hat mich stärker gemacht als jede körperliche Kraft, die ich je hätte besitzen können. Wir alle bekommen im Leben einen Weg vorgezeichnet. Ich habe mir immer gesagt: ›Nur ich kann diesen Pfad bewältigen, der mir gegeben wurde.‹ Sei stark und sei stolz auf das, was aus dir geworden ist. Werde ich jemals Kinder haben, mich verlieben oder Dinge tun, die normale Menschen tun? Wahrscheinlich nicht. Aber es gibt zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: Aufgeben oder Aufstehen. Ich mag behindert sein, eingeschränkt, körperlich beeinträchtigt, anders und unnormal. Aber was ich niemals bin, und niemals sein werde, ist besiegt.«


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