Wenn ihr in den vergangenen zehn Jahren Pokémon Go gespielt habt, dann dürftet ihr unzählige Male euer Handy auf Pokéstops, Arenen und weiteren »Points of Interest« gerichtet und dabei einen kurzen Scan ausgelöst haben.
Was damals wie ein kleines Gameplay-Gimmick wirkte, stellt sich jetzt als eine Datenerhebung im globalen Maßstab heraus.
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Pokémon jagen und dabei die Welt vermessen
Die über Jahre hinweg gesammelten Scans werden aktuell von Niantic Spatial – ein 2025 ausgegliederter Zweig des Pokémon-Go-Entwicklers – zu einem der größten visuellen Datensätze der Geschichte aufgebaut.
- Insgesamt 30 Milliarden Bilder von städtischen Wahrzeichen bis zur schlichten Kreuzung auf fast jeder Großstadt der Welt sind hier zu finden.
- Die Größe ist kein Wunder: »500 Millionen Menschen haben diese App in 60 Tagen installiert«, sagt Brian McClendon, CTO von Niantic Spatial und einer der ursprünglichen Entwickler von Google Earth, gegenüber dem MIT Technology Review.
Das Ergebnis ist ein Datensatz, der im Kontext des Umfangs seinesgleichen sucht und einem komplett anderen Zweck dient als dem Fangen digitaler Monster.
Wo das GPS fehlschlägt, übernimmt das Kamerabild
Aus dem Bilderdatensatz hat Niantic Spatial ein sogenanntes »Large Geospatial Model« (LGM) trainiert – ein KI-Modell, das ähnlich wie ein großes Sprachmodell (Large Language Model, LLM) Muster aus Milliarden von Datenpunkten extrahiert, dabei allerdings auf räumliche Geometrie und visuelle Standortintelligenz spezialisiert ist.
Heraus kommt ein »Visual Positioning System« (VPS): Zeigt eine Kamera ein Bild einer Straße, kann das Modell den Standort ganz ohne GPS-Signal auf wenige Zentimeter genau bestimmen.
Damit unterscheidet sich VPS auch von der klassischen Satellitennavigation, denn in dichten Stadtgebieten driftet GPS-Navigation teils um bis zu 50 Meter ab.
Pikachu realistisch auf dem Gehweg laufen zu lassen und Cocos Roboter sicher durch dieselbe Straße zu führen – das ist im Kern dasselbe Problem.
Niantic-Spatial-CEO John Hanke gegenüber MIT
Erster kommerzieller Partner für eine »lebende Karte«
Coco, das ist der Roboter vom auf autonome Lieferroboter spezialisierten US-Start-up Coco Robotics. Von diesem Modell sind inzwischen 1.000 Stück im Einsatz – etwa in US-Metropolen wie Los Angeles und Chicago, aber auch in der finnischen Hauptstadt Helsinki.
Laut Fortune haben diese Lieferroboter inzwischen mehrere Millionen an Kilometer zurückgelegt.
- Die Partnerschaft zwischen Niantic Spatial und Coco Robotics hat dabei eine positive Feedback-Schleife inne: Die Lieferroboter profitieren von der präzisen Navigation, im Gegenzug filmen die integrierten Kameras laufend die Umgebung speisen die Bilder zurück in die Niantic-Datenbasis.
- Die Karten- und Datensammlung wächst also mit jeder Lieferung weiter, was Niantic selbst als »lebende Karte« bezeichnet. Gemeint ist eine »hyperrealistische Simulation der Welt, die sich in Echtzeit aktualisiert und nativ für Roboter und KI-Systeme ausgelegt ist«.
»Spieler müssen aktiv scannen«
Ein Teil dieser Scans stammt aus den 2020 eingeführten Feldforschungen in Pokémon Go, bei denen Spieler selbst aktiv werden müssen, um die Funktion überhaupt durchzuführen.
Link zum YouTube-Inhalt
Gegenüber dem zu Yahoo gehörenden »Fast Company«-Portal argumentiert ein Niantic-Sprecher deshalb, dass Datenschutzbedenken nur bedingt Grundlage haben.
Spieler müssen aktiv einen spezifischen öffentlichen Ort scannen – der Vorgang ist nicht passiv, und reguläres Gameplay trainiert keine KI.
Wir waren seit unserer 2019 erfolgten Ankündigung zur Datenschutzerklärung sowie weiteren öffentlichen Bekanntmachungen stets transparent.
Immerhin: Diese Transparenz scheint bis zu einem Großteil der Pokémon-Community durchgedrungen zu sein.
Im zugehörigen Subreddit etwa äußern sich Nutzer mit einer Prise Zynismus darüber, dass »jeder, der dachte, dass Augmented-Reality-Aufgaben für irgendwas anderes als Datensammlungen in der realen Welt da waren, ganz schön blauäugig ist«.
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