Der Herr der Ringe ist eine Geschichte darüber, wie die Kleinsten unter uns die größten Heldentaten begehen. Daher ist es auch ein Hobbit wie Frodo, der den Einen Ring bis zum Schicksalsberg trägt. Dass auch Der Herr der Ringe eine Geschichte rund um Hobbits wird, stand wohl von Beginn an außer Frage. Immerhin sollte die Trilogie durchaus ein Nachfolger zu J. R. R. Tolkiens erster Geschichte Der kleine Hobbit werden.
Der Entstehungsprozess von Der Herr der Ringe war jedoch alles andere als stringent. Tolkien hatte oft Ideen, die er dann wieder verwarf, und die Bücher, die am Ende standen, waren schließlich ganz anders als die Texte, die Professor Tolkien zu Beginn mal verfasst hatte.
Zwischen all diesen unterschiedlichen Versionen verschiedener Kapitel finden sich in den Aufzeichnungen von Tolkien auch Hinweise darauf, dass tatsächlich Bilbo auf eine neue Abenteuerreise geht und nicht sein Neffe Frodo. Doch die Idee scheiterte an einem berühmten Satz aus Der kleine Hobbit.
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Darum durfte Bilbo nicht der Held sein
Wie bei so vielem rund um Der Herr der Ringe gibt es auch bei der Frage nach der Suche des Protagonisten ein mehr oder weniger diffuses Bild. Zwar hat Tolkiens Sohn Christopher bekanntermaßen die verschiedenen Briefe, Skripte und Notizen seines Vaters professionell sortiert und eingeordnet – oftmals führte das aber auch zu Widersprüchen und manche Lücken sind nie gänzlich zu beseitigen. Wir wissen einfach nicht, was zu jedem Zeitpunkt im Kopf von Tolkien vorging.
In der mehrbändigen Textsammlung »The History of Middle-earth« erklärt Christopher Tolkien, wie sein Vater von Bilbo schließlich zu Frodo wechselte. Entscheidend war hierbei offenbar auch, dass er Bilbo schon längst ein Happy End zugeschrieben hatte. Das schreibt zumindest der Tolkien-Biograph Humphrey Carpenter, den Christopher Tolkien im sechsten Band seiner Historie »The Return of the Shadow« im ersten Kapitel zitiert:
Tolkien hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine klare Vorstellung davon, worum es in der neuen Geschichte gehen sollte. Am Ende von »Der Hobbit« hatte er geschrieben, dass Bilbo »bis ans Ende seiner Tage sehr glücklich blieb, und diese waren außerordentlich lang«. Wie also hätte der Hobbit neue Abenteuer erleben können, die diesen Namen verdienten, ohne dass dies im Widerspruch dazu gestanden hätte? Und hatte er nicht die meisten Möglichkeiten von Bilbos Charakter bereits ausgeschöpft? Er beschloss, einen neuen Hobbit einzuführen, Bilbos Sohn.
Tolkien kommt noch an anderen Stellen darauf zu sprechen, dass Bilbo im Grunde aufgrund dieses Satzes bei vielen Dingen ausscheidet. Er kann einfach keine gefahrvollen Abenteuer mehr erleben, da für Tolkien das im Konflikt stand mit dem Satz, dass Bilbo bis ans Ende seiner langen Tage glücklich blieb. Gerade gemessen an den Herausforderungen, die Frodo in Der Herr der Ringe überwinden muss, erscheint das sehr nachvollziehbar.
Bilbo, Bingo, Frodo
Nachdem Tolkien sich davon abgewandt hatte, Bilbo abermals auf Reise zu schicken, legte er sich auf einen Verwandten fest. Das erste Ergebnis hiervon war ein Hobbit namens Bingo Bolger-Baggins, erst Bilbos Sohn, dann sein Neffe und Adoptivkind. Stellt euch mal die Filme zu Der Herr der Ringe vor, aber alle nennen Frodo konsequent Bingo ...
Frodo gab es in den frühen Versionen der ersten Kapitel ebenfalls schon. Damals wurde aber ein Hobbit Frodo genannt, der später zu Pippin wurde. Als Tolkien feststellte, dass Der Herr der Ringe in seiner Tonalität deutlich düsterer ausfallen würde als Der kleine Hobbit, ließ er die ganze Bingo-Geschichte bleiben und legte sich schließlich auf Frodo fest. Bingo existiert aber immerhin weiterhin im Auenland als ein naher Verwandter.
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