Nachdem Insta360 neulich mit der Link 2-Serie ordentlich vorgelegt hat, bläst Obsbot mit seinen neuen Webcams nun zum Gegenangriff.
Mit der Veröffentlichung der Tiny 3 und der etwas abgespeckten Tiny 3 Lite schickt der Hersteller gleich zwei neue Modelle ins Rennen, um Insta360 den Thron der Premium-Webcams streitig zu machen.
Doch hält das Flaggschiff, was der stolze Preis von 379 Euro (UVP) verspricht? Wie präzise navigiert der winzige Gimbal im Vergleich zur Konkurrenz? Und ist sie wirklich die eierlegende Wollmilchsau
für Homeoffice und Content Creation? Nach intensiver Alltagsnutzung weiß ich: Sie ist eine der besten Webcams, die ihr kaufen könnt, doch die Investition will wohlüberlegt sein.
Was ist die Obsbot Tiny 3 eigentlich?
Die Obsbot Tiny 3 ist eine High-End-Webcam, die vor allem durch ihre Mechanik auffällt. Während herkömmliche Webcams starr auf dem Monitor sitzen, thront die Tiny 3 auf einem winzigen 2-Achsen-Gimbal. Das bedeutet: Die Kamera kann sich physisch drehen und neigen, um euch aktiv zu folgen.
Ausgestattet mit einem besonders großen 1/1.28-Zoll-Sensor, der viel Licht durchlässt, liefert sie Aufnahmen in bis zu 4K mit 30 Bildern pro Sekunde. Wer es flüssiger mag, kann bei einer 1080p-Auflösung sogar auf satte 120 fps hochschrauben – ein Wert, den man sonst eher von Actioncams oder professionellen Kameras kennt.
Das Herzstück ist jedoch die KI: Neben dem automatischen Tracking bietet die Tiny 3 eine umfassende Sprach- und Gestensteuerung, um Zoom, Fokus und Positionen komplett freihändig zu verwalten. Sie richtet sich damit besonders an professionelle Nutzer im Business- oder Creator-Alltag, die sich vor dem Bildschirm viel bewegen.
Tippen zum Aufklappen
| Feature | OBSBOT Tiny 3 |
| UVP Preis | 379 Euro |
| Sensorgröße | 1/1.28 Zoll |
| Gewicht | 63 Gramm |
| Max. Auflösung | 4K @ 30 fps |
| High Frame Rate | 1080p @ 120 fps |
| ISO-Bereich | 100 - 12.800 |
| Field of View | 82.4° (4:3), 74° (16:9) |
| Audio-System | Intelligent Directional (3 Mikofone) |
| Audiomodi | 5 (Spatial, Directional, etc.) |
| Besonderheiten | Sprachsteuerung, Gestensteuerung, KI-Tracking |
| Desk-Mode | Ja (physischer Schwenk) |
Sie steht somit in direkter Konkurrenz zu Insta360s neuen Link-2-Pro-Modellen, die ich ebenfalls für euch getestet habe und im Laufe dieses Tests auch zum Vergleich heranziehen werde.
Preislich ist die Tiny 3 mit 379 Euro allerdings eine echte Ansage und spielt in der absoluten Oberklasse. Parallel dazu hat der Hersteller die Tiny 3 Lite für 229 Euro veröffentlicht, die ironischerweise deutlich größer ausfällt als das Flaggschiffmodell, auf das ich mich hier im Test fokussiere.
Design & Verarbeitung: Unglaublich kompakt
Apropos Größe: Als ich die Tiny 3 aus der Verpackung nahm, war ich schlichtweg baff: Das Gerät ist winzig. Obsbot bewirbt sie als kleinste Pan-Tilt-Zoom-Kamera der Welt, und mit gerade einmal 63 Gramm ist sie ein echtes Fliegengewicht.
Wie viel kleiner sie im Vergleich zur Insta360 Link 2 Pro ist, seht ihr hier:
Die Verarbeitung wirkt dennoch sehr hochwertig – ein Mix aus Metall und Kunststoff. Der schmale LED-Ring an der Unterseite gibt euch visuelles Feedback für diverse Funktionen und passt perfekt zum Premiumdesign. Die magnetische Unterseite sitzt bombenfest an der Monitorhalterung, lässt sich aber in Sekunden abnehmen.
Wer ein Stativ nutzt: Ein standardmäßiges 1/4-Zoll-Gewinde ist natürlich an Bord. Ein schönes Extra ist das mitgelieferte Hardcase, in dem Kamera und Kabel sicher verstaut werden können.
Einrichtung: Ein unnötiger Stolperstein
Die Installation ist einfach: USB-C Kabel rein, fertig. Doch während die Insta360 Link 2(C) Pro echtes Plug & Play
für Dritthersteller-Software wie MS Teams oder Zoom bietet, ist die Tiny 3 etwas zickiger.
In Microsoft Teams wurde sie zwar erkannt, blieb sowohl bei Ausleuchtung als auch Auflösung und Bildrate deutlich hinter den Erwartungen zurück. Der Hersteller selbst empfiehlt, für Dritthersteller-Programme die virtuelle Kamera
einzurichten, was bei meinem MacBook Air M1 trotz neuester Software jedoch zum Geduldsspiel ausartete. Ich musste tief in den Systemeinstellungen graben und jegliche Zugriffe für die Kamera gewähren.
Möglich, dass es unter Windows reibungsloser läuft. Aber wer die Tiny 3 einfach nur anstöpselt und in einen Call springt, wundert sich gegebenenfalls über die Performance der Webcam, die eigentlich erstaunlich gut ist.
Die Bildqualität ist beeindruckend, aber nicht perfekt
Der Sensor ist mit 1/1,28 Zoll verdammt groß – sogar minimal größer als der von Insta360s Link 2 Pro (1/1,3 Zoll). Das Ergebnis: Das Bild ist scharf und hell, weil der Sensor besonders viel Licht durchlässt.
Zuweilen übertreibt es die Webcam sogar bei der Helligkeit etwas, das lässt sich jedoch alles in der Software für Windows und Mac bis ins kleinste Detail feintunen. So könnt ihr etwa HDR für noch bessere Schatten aktivieren oder die Beleuchtung fürs das Gesicht oder die gesamte Aufnahme anpassen.
Aktiviertes HDR sorgt für realistischere Schatten, besonders gut am Bett im Hintergrund zu sehen.
Dennoch war mein Eindruck im direkten Vergleich mit der Konkurrenz zwiegespalten. Denn ja, das Bild ist sehr scharf. Aber: Die Insta360 Link 2(C) Pro wirkt für mich oft noch einen Tick knackiger und natürlicher abgestimmt, obwohl ihr Sensor minimal kleiner ist. Das mag Geschmackssache sein, weswegen ihr hier den direkten Vergleich seht:
Dank des großen Sensors leistet die Tiny 3 auch bei mäßiger Beleuchtung noch sehr gute Dienste. Zwar bin ich im Halbdunkel nicht mehr ganz so knackscharf (ähem), es lassen sich aber immer noch kleine Details wie einzelne Haare und Hautfalten erkennen.
Doch auch hier gilt: Insta360s Konkurrenzmodell ist nicht sehr weit von der Bildqualität entfernt, kostet aber 100 Euro weniger.
Und hier ein Extrembeispiel: Monitorlampe und ein RGB-Streifen sind die einzigen Lichtquellen in meinem Arbeitszimmer. Die Schärfe lässt erwartbar deutlich nach, das Bildrauschen ist gut erkennbar, hält sich aber in Grenzen. Die meisten Webcams würden spätestens hier nur noch einen bunten, dunklen Brei erfassen.
Beim Bokeh enttäuscht mich die Tiny 3 jedoch. Der KI-basierte Hintergrund-Blur wirkt selbst bei guter Ausleuchtung unsauber. Oft werden Kanten von meinem Pullover oder Teile des Gesichts weggeschnitten. Das wirkt unprofessionell und ist bei dem Preis schwer zu rechtfertigen.
Schnell-Fazit zur Bildqualität: Die Tiny 3 liefert beeindruckende Aufnahmen, keine Frage. Für fast 400 Euro hatte ich aber gerade im Vergleich zur 100 Euro günstigeren Insta360 Link 2(C) Pro einen stärkeren Sprung erwartet.
Doch die Tiny 3 kann dafür in einem anderen Punkt massiv punkten – dem KI-Tracking.
Navigation & Tracking: Die neue Referenz bei Webcams
Beim Tracking lässt Obsbot seine KI-Muskeln spielen. Egal, wie schnell ich mich bewege, verfolgt mich die Kamera dank des Gimbals butterweich, schnell und präzise durch den Raum. Insbesondere für Präsentationen (wahlweise vor einem Whiteboard) ist das Gold wert.
Cool: Ihr könnt in der Software sehr kleinteilig festlegen, wo (Tracking-Zonen) und wie die Kamera euch folgen soll. Soll sie nur den Kopf im Fokus behalten? Den gesamten Oberkörper? Oder sogar nur euren Händen folgen? Letzteres ist ein Segen für alle, die Produkte in die Kamera halten oder handwerkliche Tutorials streamen.
Ein echtes Highlight ist das neue Object Tracking
: Ihr markiert einfach ein beliebiges Objekt im Vorschaubild, und der Gimbal fixiert es gnadenlos, egal wie ihr es bewegt.
Wie gut das Tracking funktioniert, wenn ich mich im Raum bewege, seht ihr im folgenden Video:
0:29
Obsbot Tiny 3: Webcam-Tracking im Schnell-Check
Die Tiny 3 kann aber nicht nur Menschen und Personen erfassen, sondern auch Stimmen. Das soll dafür sorgen, dass die Kamera auch selbst dann wiederfindet, wenn sie euch zwischenzeitlich aus dem Blick verloren hat. Das funktionierte in meinem Test, wenn auch mit ein paar Sekunden Sucherei, erstaunlich gut.
Nützlich ist zudem der Tischmodus, der in meinen Augen sogar noch einen Tick besser als bei der Insta360 funktioniert. Die Kamera schwenkt nach unten, entzerrt das Bild tadellos und präsentiert Dokumente auf dem Tisch in Bestform.
Bei der Gestensteuerung hat mich die Tiny 3 ebenfalls überzeugt. Die Gesten zum Zoomen und Verfolgen werden stets zuverlässig erkannt. Hier gibt's nichts zu meckern.
Doch Gesten sind nicht die einzige Möglichkeit, die Tiny 3 zu steuern, was mich zum nächsten Punkt führt – der Sprachsteuerung.
Hi, Tiny
– Die Sprachsteuerung ist genial
Ein Feature hat mich im Test wider Erwarten begeistert: die Sprachsteuerung. Die funktioniert bislang zwar nur auf Englisch, dafür aber ausgesprochen zuverlässig.
So kann ich die Kamera aus dem Stand-by aufwecken (Hi, Tiny
) oder für mehr Privatsphäre ausschalten (Sleep, Tiny
), das Tracking aktivieren (Track me
) oder zoomen (Zoom in closer
). Ihr könnt sogar feste Kamerapositionen speichern und diese mit Befehlen wie Position 1
abrufen.
Was ich anfangs für Spielerei hielt, wurde für mich im Alltag eine nützliche Alternative zur Gestensteuerung. Wer darauf verzichten möchte, kann die Funktion in der Software komplett deaktivieren.
Software: Mächtig, aber überladen
Wenn wir schon erneut bei der Software sind: Das OBSBOT Center
bietet Zugriff auf dutzende Einstellungsmöglichkeiten zur Beleuchtung, dem Fokus, dem Tracking, Aufnahmemodus, und -geschwindigkeit, Schönheitsfilter, Tischmodus und vielem, vielem mehr. Sogar den Bereich für den ISO-Wert könnt ihr minutiös festlegen. Die Möglichkeiten sind auf den ersten Blick erschlagend.
Das weiß offenbar auch Obsbot und bietet neben dem Pro-Modus auch einen entschlackten Lite-Modus für die Software an. Der ist deutlich abgespeckter, bietet aber dennoch Zugriff auf die nötigsten Funktionen, um einen schnellen Einstieg zu erleichtern.
Somit können sich anspruchsvolle Creator austoben und die Tiny 3 optimal an ihre Bedürfnisse anpassen, während Einsteiger oder alle, für die es schnell gehen muss, auf die Lite-Variante zurückgreifen können. Dennoch fühlt sich die Benutzeroberfläche trotz sinnvoller Gliederung für mich auch nach Wochen nach einem Labyrinth an.
Audioqualität: Auf Profi-Mikro-Niveau?
Zum Schluss noch ein paar Worte zur Audioqualität, bei der sich Obsbot weit aus dem Fenster lehnt. Der Hersteller behauptet nämlich, dass sie mit externen Mikrofonen mitziehen kann und somit selbige überflüssig macht.
Tatsächlich fangen die insgesamt drei Mikrofone meine Stimme erstaunlich gut ein, obschon die Insta360 Link2(C) Pro auch hier einen Tick klarer, wenn auch etwas künstlicher klingt. Aber hört selbst: . Im folgenden Video hört ihr den Vergleich zur Insta360, meinem Bose Quiet Comfort-Headset und einem Cherry-Mikrofon:
0:51
OBSBOT Tiny 3 im Sound-Check: Schlägt die KI-Webcam Bose, Cherry & Insta360?
Für tägliche Meetings könnt ihr euch ein zusätzliches Mikrofon auf jeden Fall sparen. Für Streams oder Podcast würde ich euch jedoch weiterhin zu einem externen Mikro raten.
Fazit: High-End-Spielzeug für Profis oder teurer Luxus?
Die Obsbot Tiny 3 ist ohne Zweifel eine der beeindruckendsten Webcams, die ich je auf meinem Monitor thronen hatte. In ihrer Kerndisziplin, dem KI-Tracking, macht ihr aktuell niemand etwas vor.
Die Kombination aus butterweichen Gimbal-Bewegungen, dem neuen Voice-Tracking, sehr guten Mikros und nützlicher Sprachsteuerung, setzt neue Maßstäbe. Für Content Creator, Lehrer oder Business-User, die während ihrer Präsentationen viel in Bewegung sind, ist die Tiny 3 ein echtes Präzisionswerkzeug, das den Workflow massiv erleichtert.
Doch man muss ehrlich sein: Die Luft in der 300-Euro-Klasse ist verdammt dünn. Und hier kommt die Konkurrenz ins Spiel. Die Insta360 Link 2(C) Pro liegt mit der Tiny 3 je nach Feature auf Augenhöhe oder ist nicht weit davon entfernt, kostet aber eben auch rund 100 Euro weniger.
In der täglichen Praxis liefert die Insta360 ein Bild, das out-of-the-box oft knackiger wirkt, und beherrscht den so wichtigen Bokeh-Effekt deutlich sauberer als die Tiny 3.
Der Konkurrent: Die Insta360 Link 2(C) Pro im Test
Die Tiny 3 ist letztlich ein technisches Meisterwerk im Taschenformat und ein Paradies für alle, die Features ohne Ende lieben. Wenn Geld eine untergeordnete Rolle spielt und ihr die ultimative Tracking-Maschine sucht, führt an ihr kein Weg vorbei.
Für den normalen Homeoffice-Alltag ist sie jedoch ein technischer Overkill, bei dem man einen saftigen Aufpreis für die extreme Miniaturisierung und Funktionen bezahlt, die man im Alltag vielleicht nur zu 20 Prozent nutzt.



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