Retro-Spielerinnen und -Spieler haben heutzutage ein Problem: die alte Möhre namens PS1, Dreamcast oder Super Nintendo auf der neumodischen Glotze zum Laufen zu bekommen. Mithilfe von Adaptern, die den HDMI-Anschluss des TV zurückstufen, bekommt man es dann meist doch hin.
Dann zeigt ein anderes Problem sein hässliches Gesicht: Irgendwie sehen die Spiele auf dem neuen Fernseher gar nicht mehr so toll aus. Man fragt sich zurecht, woran das liegt, und kommt unter Umständen zum Schluss, dass man vielleicht einfach alt geworden ist. Nostalgie und so.
Das ist eine Lüge. Ja, wir romantisieren Spiele gerne in unserer Erinnerung, aber tatsächlich sehen Retro-Spiele auf alten Röhren-TVs wirklich besser aus. Wir erklären, wieso.
Die kurze Antwort ist, dass Spiele aus den 1980ern, 1990ern und frühen 2000ern nicht für unsere hochauflösenden 4K-OLED-Rennboliden gemacht sind. Wir spielen die Titel außerhalb des Kontexts, in welchem wir die Spiele einst erlebt haben.
Und hier kommt die lange Antwort ins Spiel. Wenn ihr ohne technischen Hintergrund gleich zur Erklärung springen wollt: Darum sehen Retrospiele auf Röhren-TVs besser aus
Die Sache mit den Röhrenfernsehern
Den Löwenanteil am Look alter Spiele haben Röhren-TVs – und das nicht nur, weil sie technisch gesehen schlechter sind als unsere heutigen OLEDs und LEDs.
- Röhrenfernseher stellen das Bild nicht in Pixeln dar, wie es moderne TVs tun.
- Stattdessen generieren Röhrenfernseher horizontale »Scanlines«, die Leuchtstoffe an der Vorderseite des Bildschirms entzünden.
- Besagte Linien werden bei jedem Bild, das das Display rendert, von links nach rechts und von oben nach unten gezeichnet.
- Für das menschliche Auge wirkt dieser Vorgang augenblicklich, wobei wir unter Umständen ein Flimmern wahrnehmen.
Was hat das mit dem Look von Spielen zu tun?
Ganz einfach: Aufgrund dieses technischen Unterschieds und so, wie sie arbeiteten, besaßen Röhrenbildschirme über viele Jahrzehnte hinweg eine weitaus bessere Bewegungsschärfe als ihre LCD-Pendants.
Das wirkt sich natürlich auf das Gefühl aus, aber technisch hatte das den Vorteil, dass Röhren-TVs schlechte Framerates einfach überspielten. The Legend of Zelda: Ocarina of Time lief beispielsweise über weite Strecken mit 20 FPS. In Erinnerung haben das viele jedoch nicht mehr.
1:38
Zelda: Ocarina of Time – Erster Teaser bestätigt das Remake für Nintendo Switch 2
Bewegungsschärfe und die Refresh Rate von Röhrenfernsehern sind allerdings nur ein Teil der Wahrheit. Auflösung ist der andere.
Röhrenfernseher besaßen damals keine native Auflösung im Vergleich zu heutigen TVs und Monitoren. Stattdessen können sie mehrere Auflösungen darstellen, ohne die Unschärfen, die LCD- oder OLED-Displays zeigen, wenn sie mit einer niedrigeren Auflösung bespielt werden, als sie darstellen können.
Aus heutiger Sicht stellen Röhrenfernseher nur das dar, was wir heute Standard Definition (oder SDR) nennen: 240p und 480i.
Die Nummern sind leicht erklärt: Bei 240p zeichnete ein Röhrenfernseher 240 horizontale Zeilen, während er bei 480i 480 Zeilen zeichnete.
Schwieriger wird’s bei den Buchstaben p und i.
- Das »i« in 480i steht für »interlaced«. Hierbei führt das Display zwei sich abwechselnde Durchläufe durch, um das Bild darzustellen: Erst werden alle ungeraden Zeilen gezeichnet, dann die geraden. Klingt umständlich, diente damals aber Sendeanstalten dazu, Bandbreite zu sparen.
- Das »p« in 240p steht für »progressive«. Dabei zeichneten Bildschirme die Linien nacheinander. Dank 240p konnten Röhrenfernseher ein Bild flimmerfrei wiedergeben. Vor der PS2 und GameCube zielten Konsolenhersteller deswegen auf die Auflösung ab.
Zu letzterer Auflösung gibt es ein bekanntes Missverständnis. Obwohl moderne Auflösungen alle progressiv erstellt werden, stellen Röhrenfernseher 240p anders dar als unsere heutigen Geräte. Sie lassen nämlich jede zweite Zeile schwarz.
Viele Menschen bezeichnen diese Zeilen als »Scanlines«, obwohl das technisch gesehen nicht korrekt ist. Dennoch sind es gerade diese Zeilen, welche die meisten mit dem typischen Röhrenbildschirm-Look assoziieren.
Nun kommen wir zur Lösung, warum alte Spiele auf alten Röhrenfernsehern besser aussehen als auf unseren OLEDs, LCDs und Mini-LEDs.
Darum sehen Retrospiele auf Röhren-TVs besser aus
Die Antwort fügt sich aus drei Komponenten zusammen.
1. Analoge Anschlüsse
Konsolen wie die PS5 oder Nintendo Switch 2 schließen wir per HDMI an den Fernseher an. HDMI ist ein digitaler Anschluss, sprich: Sie übertragen digitale Signale. Und entweder kommt ein Signal durch die Strippe oder nicht. Im Gegensatz zu analogen Kabeln gibt es kein »ein bisschen besser« oder »ein bisschen schlechter«.
Analoge Anschlüsse unterliegen Qualitätsschwankungen – und haargenau die sind es, die alten Spielen ihren Charme verleihen.
Link zum BlueSky-Inhalt
2. Deinterlacing
Erinnert euch an die Erklärung von 480i (oder lest sie weiter oben nach). Die Software unserer TVs konvertiert 480i in 480p um. Das nennt sich »Deinterlacing« und das kommt mit einem Nebeneffekt, den Spielerinnen und Spieler hassen: Input Lag, also eine Verzögerung zwischen Knopfdruck auf dem Controller und der Bewegung auf dem Bildschirm.
Hinzu kommt, dass moderne TVs alte 240p-Inhalte als 480i erkennen und dann versuchen, Deinterlacing anzuwenden. Dadurch entstehen Artefakte und Bewegungsunschärfe. Erschwert wird das Problem zudem, dass das passiert, bevor der TV das Bild auf 1080p oder 4K hochskaliert.
3. Spieledesign
Zu guter Letzt trägt auch das Spieledesign zum Retro-Feeling bei. Pixel Art ist eine Kunst, die auch heute in Indie-Titel stattfindet. Die Designerinnen und Designer der damaligen Zeit wussten natürlich, wie ihre Werke auf Röhrenfernsehern aussehen.
Dementsprechend wurden Spiele designt. Zum Beispiel wurde Dithering eingebaut, eine Art optisches Rauschen – oft in Form eines Schachbrettmusters –, was schließlich am Bildschirm für geschmeidigere Farbverläufe und -übergänge sorgt.
Link zum BlueSky-Inhalt
Auf LCDs oder OLEDs verliert der Effekt komplett seinen Charme, weil man (praktisch) jeden einzelnen Pixel sehen kann. Dementsprechend unsauber kann alte Pixel-Art-Grafik aussehen.
Ein anderes Beispiel sind alte 3D-Titel wie Silent Hill 2 oder Doom 3, die auf LCD-TVs ausgewaschen aussehen. Das liegt daran, dass LC-Displays Hintergrundbeleuchtung brauchen, um zu funktionieren, und dementsprechend aus Schwarz Grau gemacht haben. Durch Local Dimming ist dieser Umstand aber besser geworden.
Passend zum Thema:
- Laut psychologischen Erkenntnissen suchen Erwachsene, die zu ihren Kinderspielen zurückkehren, nicht nach Vergnügen: Sie suchen teilweise nach der Person, die sie einmal waren
- Super GB Booster: Wusstet ihr, dass ihr Game Boy-Spiele auf der PlayStation spielen konntet?
Wenn ihr nach dem Lesen des Artikels den Drang verspürt, die alte Playse oder das Super Nintendo aus dem Keller zu holen, überlegt euch, einen Röhrenfernseher zuzulegen. Klar, die sind heute veraltet, manchmal sauteuer und obendrein schwer zu bekommen. Für den Nostalgie-Kick sind sie allerdings fast unabdingbar. Oder ihr müsst wohl doch zum Remaster greifen.



Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Dein Kommentar wurde nicht gespeichert. Dies kann folgende Ursachen haben:
1. Der Kommentar ist länger als 4000 Zeichen.
2. Du hast versucht, einen Kommentar innerhalb der 10-Sekunden-Schreibsperre zu senden.
3. Dein Kommentar wurde als Spam identifiziert. Bitte beachte unsere Richtlinien zum Erstellen von Kommentaren.
4. Du verfügst nicht über die nötigen Schreibrechte bzw. wurdest gebannt.
Bei Fragen oder Problemen nutze bitte das Kontakt-Formular.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Nur angemeldete Plus-Mitglieder können Plus-Inhalte kommentieren und bewerten.