Laut psychologischen Erkenntnissen suchen Erwachsene, die zu ihren Kinderspielen zurückkehren, nicht nach Vergnügen: Sie suchen verzweifelt nach der Person, die sie einmal waren

Beim Spielen von Retro-Spielen suchen wir nach dem Ich, das so heute nicht mehr existiert.

Eine alte Spielekonsole ist gewissermaßen auch eine Zeitmaschine. (Bildquelle: Matthieu Tuffet - stock.adobe.com) Eine alte Spielekonsole ist gewissermaßen auch eine Zeitmaschine. (Bildquelle: Matthieu Tuffet - stock.adobe.com)

Immer mehr Spielerinnen und Spieler kehren zu den guten alten Titeln vergangener Tage zurück – zu Spielen, die sie eigentlich schon vor Jahren beendet haben.

Und das trotz der stetig wachsenden Liste an Neuheiten, die ungeöffnet in der virtuellen Bibliothek verstauben. Statt der epischen Mass-Effect-Trilogie, die man für fünf Euro im Sale geschossen hat, wird zum zehnten Mal ein neuer Playthrough von Pokémon Feuerrot angeworfen.

Warum tun wir uns das an? Kennt ihr das auch?

Laut psychologischen Erkenntnissen geht es hier gar nicht um die Suche nach Vergnügen oder schnöden Zeitvertreib – sondern um die Heimkehr zu einem Ort, der so nicht mehr existiert.

Videospiele als Zeitmaschine

Warum kehren viele von uns immer wieder in die Hallen von Peaches Schloss zurück, wenn es so viele neue Spiele gibt? (Bildquelle: Super Mario 64) Warum kehren viele von uns immer wieder in die Hallen von Peaches Schloss zurück, wenn es so viele neue Spiele gibt? (Bildquelle: Super Mario 64)

Euer Arbeitstag war lang, der Kopf raucht von Excel-Tabellen und die ungelesenen Teams-Nachrichten stapeln sich noch immer. 

Endlich zu Hause, werft ihr euch erschöpft auf die Couch. Doch statt den neuesten Grafik-Blockbuster zu starten, springt ihr durch ein virtuelles Gemälde ins legendäre Atlantis Aquaria in Super Mario 64.

Warum entscheidet sich unser Gehirn in so einem Moment für die geflutete Stadt von 1996? Das Medienforschungsteam um Tim Wulf (Universität zu Köln) hat nachgewiesen, dass Retro-Spiele uns als mächtige psychologische Ressource dienen. 

Sie sind buchstäblich digitale Zeitmaschinen.

Der entscheidende Unterschied zu alten Filmen oder Songs liegt in der Interaktivität: Ein Lied lässt euch passiv lauschen, aber ein Videospiel verlangt eure Handlungen. Wenn ihr den Controller greift, feuert nicht nur euer visuelles Gedächtnis, sondern auch eure Motorik und euer räumlicher Sinn. Ihr betrachtet die Vergangenheit nicht durch ein Fenster – ihr betretet sie gewissermaßen.

Das eigentliche Ziel dieser Reise ist jedoch nicht der Spielspaß, auch wenn dieser eine Rolle spielt. Es ist die Sehnsucht nach dem eigenen Ich von damals.

Das gute alte Counter Strike. (Bildquelle: Counter Strike Condition Zero, Steam) Das gute alte Counter Strike. (Bildquelle: Counter Strike Condition Zero, Steam)

In der Psychologie nennt man das Streben nach Selbstkontinuität (self-continuity). Das Eintauchen in die alten Spielwelten ist der unbewusste, fast schon verzweifelte Versuch, eine emotionale Brücke zu schlagen: Weg von dem gestressten, pflichtenüberladenen Erwachsenen auf dem Sofa, zurück zu dem unbeschwerten Kind, das damals stundenlang vor dem Röhrenfernseher saß. 

Ihr sucht nicht nach neuer Unterhaltung – das ist sie oft nicht. Ihr sucht die Version eurer selbst, die noch keine Steuern zahlen musste, keine Deadlines kannte und deren größte Sorge es war, vor dem Abendessen den Endboss zu besiegen. 

Die alten Spiele konservieren euer damaliges Ego.

Der Flow: eine Herausforderung im Erwachsenenalter

Ihr schwimmt also durch das virtuelle, tiefblaue Wasser, die beruhigende Musik setzt ein, und ihr steuert Mario zielsicher an dem riesigen Aal vorbei. Ihr wisst exakt, wo jede rote Münze liegt – und dann bricht die Illusion das erste Mal. Es fühlt sich gut an, ja, aber der magische Sog von früher bleibt aus.

Das liegt an einem psychologischen Zustand, den Mihaly Csikszentmihalyi als »Flow« bezeichnete: das restlose Aufgehen in einer Tätigkeit, bei der die Welt um einen herum komplett verblasst. Echter Flow braucht jedoch eine ganz bestimmte Balance: Die Herausforderung muss exakt euren Fähigkeiten entsprechen. Als Kinder war dieses Wasser-Level für euch ein Mysterium, ein bisschen unheimlich und schwer. Ihr musstet kämpfen, lernen und siegreich sein, um jeden Stern einzusammeln.

Die Suche nach einem Pikachu im Vertania Wald war damals spannender als es heute ist. (Bildquelle: Pokémon Feuerrot, GamePro) Die Suche nach einem Pikachu im Vertania Wald war damals spannender als es heute ist. (Bildquelle: Pokémon Feuerrot, GamePro)

Heute durchschaut euer erwachsenes Gehirn die Muster in Sekundenbruchteilen. Es gibt keine echte Herausforderung mehr, sondern nur eine gelernte Routine. Dazu kommt das mentale Grundrauschen des Erwachsenenlebens: Die Müdigkeit des Alltags und die Gedanken an den morgigen Terminkalender blockieren den mentalen Raum, den ihr früher mühelos mit purer Fantasie gefüllt habt.

Das Spiel kann euch helfen, zu einem Selbst zurückzukehren, das vor vielen Jahren existiert hat, doch der Flow bleibt oftmals aus.

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Der Erinnerungsbuckel unserer Kindheit

Warum zieht es uns dann überhaupt immer wieder zurück zu Mario, Pokémon oder Zelda, wenn der eigentliche Spielprozess euch kognitiv unterfordert? 

Die Kognitionspsychologie verweist hier auf den sogenannten »Erinnerungsbuckel«Reminiscence Bump«). Erlebnisse aus der Phase der intensiven Identitätsbildung, also zwischen dem 10. und 25. Lebensjahr, speichert unser Gehirn wesentlich tiefer und emotionaler ab als alles, was danach kommt. Diese Spiele sind neurochemisch mit unserer Persönlichkeit verschweißt.

Der Errinerungsbuckel: in dieser Zeit speichern wir die meisten Informationen, die uns prägen. (Bildquelle: Psyc3330 w11, Public domain, via Wikimedia Commons) Der Errinerungsbuckel: in dieser Zeit speichern wir die meisten Informationen, die uns prägen. (Bildquelle: Psyc3330 w11, Public domain, via Wikimedia Commons)

Unser Gehirn ist jedoch kein steriles Videoarchiv. Erinnern ist ein aktiver, hochgradig kreativer Prozess. Jedes Mal, wenn ihr an die unbeschwerten Gaming-Nachmittage von früher denkt, rekonstruiert euer Gehirn diese Momente neu. Es wirft die rosarote Brille an, filtert den Frust und die langweiligen Passagen von damals heraus und verstärkt das wohlige Gefühl von Sicherheit.

Die Kulturtheoretikerin Svetlana Boym nennt das eine Sehnsucht nach einer Heimat, die so vielleicht nie existiert hat. 


Passend zum Thema: Steam-Spiele auf einem Retro-Handheld


Warum ihr keine Scheu vor der rosaroten Brille haben müsst

Der Ton des Artikels klingt vielleicht ein bisschen wehmütig. Wenn die perfekte Heimat aus unserer Erinnerung so nie existiert hat und der absolute Flow von damals ausbleibt, warum fühlen sich diese Streifzüge durch die Pixelwelten unserer Jugend dann trotzdem so gut an?

Die Antwort ist simpel: Weil die Freude, die ihr heute dabei empfindet, trotzdem zu einhundert Prozent echt ist.

Ein Sprung durch dieses Gemälde, kann sich für viele von uns wie ein Besuch bei unserem alten Ich anfühlen. (Bildquelle: Super Mario 64) Ein Sprung durch dieses Gemälde, kann sich für viele von uns wie ein Besuch bei unserem alten Ich anfühlen. (Bildquelle: Super Mario 64)

Die rosarote Brille ist kein Defekt eures Gedächtnisses, sondern viel eher ein Geschenk. Euer Gehirn wirft euch eine emotionale Kuscheldecke über, um euch vor dem Stress des Alltags zu schützen. 

Ja, ihr habt euch verändert. Ihr seid reifer geworden, trägt mehr Verantwortung und durchschaut die Spielmechaniken von damals, doch genau deshalb ist diese Reise so wertvoll.

Mit dem erneuten Playthrough von Pokémon Feuerrot klammert ihr euch nicht an alte Zeiten fest, sondern besucht liebevoll euer früheres Ich. Ihr schaut bei dem Kind von damals vorbei, klopft ihm auf die Schulter und nehmt ein bisschen von seiner unbeschwerten Energie mit zurück in euer Erwachsenenleben.

Unser altes Ich ist vielleicht nicht mehr – doch ein Teil davon ist noch da und vielleicht nur einen Sprung entfernt. Ein Sprung durch die virtuellen Gemälde von Super Mario 64.

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