Update vom 30. Januar: Seagate hat sich nach der Veröffentlichung des Artikels mit einer Stellungnahme zum Sachverhalt an uns gewandt.
Wir haben den Artikel entsprechend aktualisiert. Die ursprüngliche Meldung findet ihr in unveränderter Fassung direkt darunter.
In den vergangenen Tagen sind immer mehr Verdachtsfälle aufgetreten, bei denen Festplattenhersteller Seagate gebrauchte HDDs als Neuware verkauft haben soll.
Seagate selbst hat sich nun in einer Stellungnahme zu Wort gemeldet. Die Äußerungen im Wortlaut:
Seagate hat diese falsch deklarierten Festplatten weder an Händler verkauft noch vertrieben. Wir empfehlen Händlern, Festplatten nur von zertifizierten Seagate-Distributionspartnern zu kaufen, um sicherzustellen, dass sie ausschließlich neue oder von Seagate werksseitig rezertifizierte Laufwerke erwerben und verkaufen.
Von Seagate generalüberholte, werksseitig zertifizierte und im Rahmen des Seagate Drive Circularity Program weiterverkaufte Festplatten sind an dem grün umrandeten weißen Festplattenetikett und der Bezeichnung „Factory Recertified“ zu erkennen.
Um ein mutmaßlich falsch deklariertes Seagate-Laufwerk zu melden, können Sie sich an die Ethik-Helpline von Seagate wenden.
Eine kurze Einordnung der Seagate-Aussagen
Zwischen den ersten Zeilen lässt sich ein Vorwurf an die Händler herauslesen. Denn wenn Händler nur bei den von Seagate zertifizierten Distributionspartnern kaufen, könne nur Neuware oder die werksseitig rezertifizierten Laufwerke in den Lagern landen, so der Hersteller.
Oder andersherum gesagt: Wenn Händler bei anderen und von Seagate nicht zertifizierten Distributoren eingekauft haben, ergibt sich ein sinniges Szenario, wie die Verdachtsfälle der als Neuware deklarierten Gebraucht-HDDs auftreten konnten.
Dass Kunden statt neuer Festplatten Gebrauchtware erhalten haben, wird in der Seagate-Stellungnahme zudem nicht direkt dementiert.
Dutzende Verdachtsfälle in Deutschland: Gebrauchte Seagate-HDDs wurden als Neuware verkauft
Originalartikel vom 29. Januar: In Deutschland sind innerhalb von einer Woche rund 50 Verdachtsfälle rund um den Festplattenhersteller Seagate aufgetreten. Der Vorwurf: Statt bestellter Neuware haben die Käufer eine gebrauchte HDD erhalten, die teils mehrere Jahre im Einsatz gewesen sein sollen.
Dies berichtet das heise-Magazin in einem Update zu einem Artikel aus vergangener Woche, der den Stein ins Rollen brachte.
Dem ursprünglichen Bericht zufolge wandte sich ein heise-Leser an die Redaktion, nachdem dieser bei einem deutschen Online-Händler zwei »Exos«-Festplatten mit einer Kapazität von je 14 TByte erworben hatte.
- Schon beim ersten Auspacken bemerkte der Käufer leichte Beschädigungen am Gehäuse. Da Auslesungen per »SMART«-Tool keine Unauffälligkeiten hervorbrachten, wurden diese Umstände ignoriert.
- Ein späterer Test der »FARM«-Werte (Field Accessible Reliability Metrics) mit der Software »smartmontools« ergab allerdings, dass die Festplatten rund 10.000 Stunden im Einsatz waren.
- Der betroffene Kunde gab die beiden Seagate zurück und bestellte bei einem anderen Händler zwei neue Modelle - ebenfalls von Seagate, dieses Mal mit einer Kapazität von 16 TByte. Auch hier ergab eine Prüfung per smartmontools, dass die HDDs ganze 22.000 Stunden im Einsatz waren.
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Auf Nachfrage von heise erklärte Seagate, dass SMART-Werte zurückgesetzt werden können, die FARM-Werte allerdings wohl echt sind. Wie die Festplatten in den Handel gelangt sind, konnte der Hersteller jedoch nicht erklären.
- Grundsätzlich ist dieser Vorgang nicht vollkommen ungewöhnlich: Seagate selbst bietet generalüberholte Festplatten an, die als »Factory Recertified« verkauft und über einen grünen Rahmen auf dem Produktaufkleber gekennzeichnet werden.
- In beiden Fällen wurden die Seagate-Festplatten allerdings als Neuware deklariert; einen Hinweis auf einen vorherigen Gebrauch gab es laut der betroffenen Person nicht.
Eine kurz darauf erfolgte verdeckte Bestellung seitens Heise wurde wenige Tage später übrigens storniert. Auf Nachfrage beim Händler erklärte dieser, dass man »bei der obligatorischen Qualitätskontrolle feststellen [musste], dass die uns gelieferte Ware anscheinend keine Neuware, sondern aufbereitete Gebrauchtware ist«.
Wie überprüft man die SMART- und FARM-Werte bei HDD-Festplatten?
Den ursprünglichen heise-Artikel schloss die Redaktion mit einer Bitte an ihre Leser ab: Wenn jemand in den vergangenen Wochen eine Seagate-HDD gekauft hat, sollen diese die jeweiligen SMART- und FARM-Werte überprüfen und bei Diskrepanzen weitere Hinweise beisteuern. Auch ihr könnt eure Seagate-Festplatten mittels smartmontools so prüfen:
- Öffnet nach der Installation des Programms das Tool »smartctl (Admin CMD)«.
- Gebt anschließend in der Befehlszeile den Befehl »smartctl -a /dev/sd[X]« ein und bestätigt die Eingabe mit Enter.
- [X] steht hierbei für eure Festplatte. Die erste Festplatte unter euren Laufwerken wird mit »a« bezeichnet, die zweite Festplatte mit »b«, die dritte Festplatte mit »c« und so weiter.
- Notiert euch anschließend die Betriebsstunden, die euch die SMART-Übersicht bei »Power On Hours« am Ende der Zeile ausspuckt.
- Gebt anschließend in der Befehlszeile den Befehl »smartctl -l farm /dev/sd[X]« ein und bestätigt die Eingabe mit Enter und vergleicht die ausgegebenen FARM-Werte bei den Betriebsstunden mit den SMART-Werten.
Liegt hier ein Unterschied vor, war eure Festplatte schon vor eurem Neukauf in Benutzung. Wichtig: Die Farm-Abfrage funktioniert bei smartmontools erst ab Version 7.4.
Auf die heise-Aufforderung folgen 50 weitere Fälle
Der erwähnten Aufforderung von heise sind so nun wohl mehr als 50 Fälle ans Licht gekommen, bei denen sich ein vermeintlicher Neukauf einer Seagate-Festplatte als gebrauchtes Modell herausstellten.
Die Diagnosewerte deuten demzufolge darauf hin, dass die betroffenen HDDs »bereits einige Jahre dauerhaft im Einsatz waren«.
Laut den Leserangaben wurden die Festplatten bei verschiedensten Händlern erworben. Von Amazon bis Alternate über Mindfactory bis Galaxus scheint es sich eher um ein flächendeckendes Problem zu handeln. Folgende HDD-Modelle sind wiederum primär betroffen:
- 12 TByte Modellnummern: ST12000NM0127 und ST12000NM0558
- 14 TByte Modellnummern: ST14000NM001G
- 16 TByte Modellnummern: ST16000NM000J und ST16000NM001G
Vereinzelt soll es auch bei HDD-Festplatten mit 4, 10 oder 18 TByte zu auffälligen Diskrepanzen gekommen sein.
Wird der Garantiestatus der Seagate-Festplatte abgefragt, stellte sich zudem häufig heraus, dass man sich an den Händler und nicht an den Hersteller wenden solle; es sich folglich bei den betroffenen Festplatten um OEM-Laufwerke handelt.
Bei diesen gilt nur die gesetzlich vorgeschriebene Gewährleistungspflicht, nicht aber die Herstellergarantie.
- Einige der von heise getesteten Festplatten hatten indes ein Enddatum für die Garantie, das zumeist bereits 2026 erreicht wurde.
- Angesichts einer fünfjährigen Garantie, wie Seagate sie verspricht, sind die Festplatten also bereits seit mindestens drei Jahren im Umlauf.
Wie die gebrauchten Festplatten als Neuware in den Handel gelangen konnten, ist zum Zeitpunkt der Artikelveröffentlichung nicht geklärt. Seagate selbst macht aus Datenschutzgründen hierzu keine Angaben. Immerhin: Einige Händler haben laut heise bereits erklärt, die Rücknahme zu akzeptieren.
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