Wir erleben gerade wohl den Domestizierungsprozess einer Tierart, obwohl wir keine neuen Haustiere suchen. Schuld ist unser Müll

In unserer Nachbarschaft verändern sich gerade Tiere auf eine Weise, die viel mit uns zu tun hat – obwohl wir das gar nicht beabsichtigen.

Eine Studie hat Waschbären in Stadtnähe untersucht und findet Merkmale, die auch den Hund vom Wolf unterscheiden. (Bildquelle: links: Brittany, rechts: Lioneska; beide: Adobe Stock) Eine Studie hat Waschbären in Stadtnähe untersucht und findet Merkmale, die auch den Hund vom Wolf unterscheiden. (Bildquelle: links: Brittany, rechts: Lioneska; beide: Adobe Stock)

Seit Jahrtausenden domestizieren Menschen Tiere: Mit Zähmung und gezielter menschlicher Züchtung bekommen wilde Tierarten im Laufe der Zeit handzahme Artgenossen.

Manchmal laufen solche Prozesse aber auch ohne unseren beabsichtigten Eingriff ab. Eine Studie aus den USA hat tausende Fotos von Waschbären analysiert und festgestellt: Tiere, die in Städten leben, zeigen äußere Merkmale, die etwa auch den Hund vom Wolf unterscheiden.

Die Vermutung liegt nahe: Hier läuft ein Prozess der Domestikation ab – und verantwortlich dafür sind vor allem unsere Hinterlassenschaften.

Video starten 0:20 Birdfy Feeder Bamboo Waschbären-Besuch

Fast 20.000 Waschbär-Fotos zeigen verblüffende Veränderungen

Eine Studie an der Universität von Arkansas in Little Rock (USA), veröffentlicht im Magazin Frontiers in Zoology, analysiert beinahe 20.000 Fotos Amerikanischer Waschbären. Die Bilder bezog die Forschergruppe von iNaturalist.org. Dort könnt übrigens auch ihr Bilder von entdeckten Wildtieren hochladen.

Die leitende Forscherin Dr. Raffaela Lesch berichtet dem Guardian gegenüber:

Ich wollte herausfinden, ob die städtische Umgebung bei Wildtieren, die bisher nicht domestiziert wurden, einen Domestizierungsprozess anstoßen könnte.

Und tatsächlich:

  • Waschbären, die in engem Kontakt mit dicht besiedelten menschlichen Umgebungen leben erfahren eine Reduktion ihrer Schnauzenlänge
  • insgesamt beobachteten die Forscher eine 3,56 prozentige Reduktion der Schnauzenlänge zwischen ländlichen und städtischen Waschbären.

Eine Verkürzung der Schnauze ist ein typisches Merkmal des Domestizierungs-Syndroms. Es tritt bei vielen domestizierten Tierarten auf und zeigt sich etwa im Vergleich zwischen Wolf und Hund. Gleichzeitig geht es oft Hand in Hand mit weiteren anatomischen und verhaltensbezogenen Veränderungen wie kleineren Gehirnen, schlafferen Ohren oder einem insgesamt ruhigeren Wesen.

Unser Müll ist wirklich der Initialzünder

Lesch erklärt, dass bei den Waschbären – in der Internet-Kultur gerne trash pandas genannt – ausgerechnet unser Abfall der Initialzünder für diese Form der Selbstdomestikation ist. Laut dem Paper beginnt der Prozess über alle Arten hinweg als Anpassung einer Unterpopulation an eine neue Umweltnische in der menschlichen Umgebung.

Beim Amerikanischen Waschbären bestünde die Nische in einer Kombination aus dem Fehlen großer Raubtiere in unserer Umgebung und der leichten Verfügbarkeit von Nahrung in Form von menschlichen Essensabfällen.

Um den von uns geschaffenen Lebensraum möglichst optimal zu nutzen, würden Waschbären mit zwei Haupteigenschaften begünstigt:

  • Sie müssen mutig genug sein, um an Ressourcen zu gelangen,
  • aber nicht aggressiv genug, um aus der Population entfernt zu werden.

Der erzeugte Selektionsdruck erzeugt so letztendlich zahmere Tiere.

Zahmheit könnte in Verbindung mit körperlichen Merkmalen stehen

Dem Guardian gegenüber erklärt Lesch, dass die Ergebnisse ihrer Studie die Neuralleisten-Theorie bestätigen (englisch: Neural Crest Domestication Syndrome Hypothesis).

Laut Spektrum der Wissenschaft sind Neuralleisten eine Zellpopulation, die in der Frühentwicklung eines Wirbeltieres unter Umständen weite Strecken zurücklegt, um sich an ihren Zielorten zu ganz unterschiedlichen Zell- und Gewebetypen zu differenzieren.

Die Neuralleisten-Theorie besagt also, dass die Selektion auf Zahmheit die Zellen bereits in der frühen Embryonalentwicklung beeinflusst. Da diese Zellen auch an der Bildung des Schädels beteiligt sind, korreliert die Zähmung mit den beobachteten körperlichen Merkmalen wie der verkürzten Schnauze.

Die von Lesch und ihrem Team gemachten Beobachtungen legen also nahe, dass auch amerikanische Waschbären in der Nähe von urbanen Regionen einen schnellen evolutionären Wandel durchlaufen. Wie der Guardian erwähnt, geht es ihnen dabei ganz ähnlich wie etwa der Fuchspopulation in London: Auch die Füchse dort weisen im Vergleich zu ihren ländlichen Artgenossen kürzere, breitere Schnauzen auf.

Domestikation ist also längst nicht nur ein gerichteter Prozess, sondern auch eine logische Konsequenz der Co-Existenz von Menschen und wilden Tieren im urbanen Raum.

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