Messe-Trends - Remakes aus Russland

Immer mehr russische Entwickler arebiten an Neuauflagen älterer Spiele. Das hat Vorteile, brigt aber auch Gefahren.

von Frank Maier, Heiko Klinge, Michael Graf,
14.07.2007 00:30 Uhr

Eigentlich hätten wir schon Mitte 2006 Verdacht schöpfen müssen, als der russische Entwickler Nival Heroes of Might & Magic 5 veröffentlichte. Der neuste Spross der Rundenstrategie-Reihe spielte sich exakt wie deren dritter Teil, abgesehen von zaghaften Neuerungen beim Kampfsystem und bei den Mehrspieler-Modi. Heroes 5 war allerdings erst der Vorbote eines Trends, der sich auf der diesjährigen E3 in voller Blüte offenbarte: Immer mehr russische Hersteller setzen auf Neuauflagen älterer Titel, statt eigene Ideen und Serien zu entwickeln.

Stolz präsentiert uns Anatoly Subottin, der Pressesprecher des Publishers 1C, gleich zwei Remakes. King's Bounty trägt den gleichen Namen wie sein Vorbild von 1990, ergänzt durch den Untertitel The Legend. Natürlich wird sich darin spielerisch wenig ändern, wie gehabt ziehen Sie mit Helden durch Fantasy-Landschaften und schlagen Taktikschlachten. Das kommt ihnen bekannt vor? Klar, das Original gilt als inoffizieller Vorgänger der Heroes of Might & Magic-Reihe. Death Track: Ressurection heißt die Neuauflage des Arcade-Rennspiels Deathtrack von 1989, in dem sie mit bewaffneten Autos über Rundkurse rasen und auf Kontrahenten ballern.

Beim 1C-Konkurrenten Akella führt uns Oleg Klapovsky, der »International Projects Director« des Studios, zwei weitere Remakes vor: Das Rundenstrategiespiel Disciples 3 soll sich genauso spielen wie der Vorgänger, ein Heroes-Klon mit packender Solokampagne. Auch der dritte Teil der Jagged Alliance-Serie wird sich höchstens durch bessere Technik von den Vorgängern abheben, der Rest ist altbekannt: Mit einer Söldnertruppe schlagen Sie rundenbasierte Taktikkämpfe um eine in Sektoren aufgeteilte Bananenrepublik.

Woher kommt der Trend? Aufgrund der niedrigen Löhne kostet es vergleichsweise wenig, ein Spiel in Russland herzustellen. Deshalb vergeben die Publisher gerne Auftragsarbeiten dorthin, wie etwa Ubisoft mit Heroes 5. Aus dem gleichen Grund lohnt es sich für russische Entwickler, die Lizenzen für alte Serien wie Disciples oder Jagged Alliance zu kaufen. Denn so kommen sie günstig an fertige Spielkonzepte, die sie dann mit Billigkräften neu auflegen. Das erfordert weniger Geld und Aufwand, als einen komplett neuen Titel zu entwickeln. Niedrige Kosten sind für russische Studios zudem überlebenswichtig: Weil auf dem dortigen Spielemarkt viele Raubkopien kursieren, verkaufen sich neue Programme extrem schlecht und bringen entsprechend wenig Gewinn. Wer zu viel Geld in ein einzelnes Programm pumpt, muss auf dem Heimatmarkt Verluste hinnehmen.

Wichtiger als der russische Markt ist jedoch der internationale. Mit Remakes bekannter Spiele und Serien erschließen die Hersteller eine weltweite Käuferschaft, denn viele alte Fans greifen auch zur Neuauflage. So sind die Hersteller nicht auf die spärlichen Heimatverkäufe angewiesen.

Dieser Trend muss kein schlechter sein, Heroes 5 zählte zu den besten Strategiespielen des letzten Jahres. Die Neuauflagen aus Russland sind zudem womöglich die einzige Überlebenschance für aussterbende Genres wie die Rundenstrategie, für Nischen also, aus denen sich die westlichen Publishern immer mehr zurückziehen. Gefährlich wird das nur, wenn durch sture Neuauflagen die Innovation ausstirbt: Ohne frische Ideen überlebt ein Genre nicht, irgendwann haben die Spieler den Einheitsbrei satt. Und irgendwann gibt es auch keine alten Spiele mehr, die man neu auflegen könnte. Was kommt dann? Remakes der Remakes? Bitte nicht. Die Entwickler müssen ihre Neuauflagen aufpeppen, sich neue Spielelemente ausdenken. Natürlich nicht im Unverstand, sondern durchdacht und sinvoll. Nur so kann dieser Trend auf lange Sicht bestehen.


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