Quickscope: Das Realismus-Problem - Wir wollen gar keine realistischen Spiele!

»Realismus« und »Authentizität« sind für viele Spielerinnen und Spieler hohe Werte - dabei sitzen sie allerdings einem Irrtum auf.

von Rainer Sigl,
01.12.2017 16:00 Uhr

Kingdom Come: Deliverance will das »wahre« Mittelalter darstellen. Aber kann ein Spiel das wirklich? Und sollte es auch?Kingdom Come: Deliverance will das »wahre« Mittelalter darstellen. Aber kann ein Spiel das wirklich? Und sollte es auch?

Call of Duty: WW2 versucht, besonders »authentisch« zu sein, das kommende Rollenspiel Kingdom Come: Deliverance wirbt mit einem »wahren« Mittelalter und der Indie-Shooter Verdun rühmt sich, den Ersten Weltkrieg »realistischer" als Battlefield 1 darzustellen. »Realismus« und »Authentizität" sind Schlagworte, die für leuchtende Augen bei Spielerinnen und Spielern sorgen, denn sie versprechen etwas Magisches: dass das Spielerlebnis der tatsächlichen, gegenwärtigen oder historischen Erfahrung bis in kleinste Details nahekommt.

Ja, das Spiel als Simulation der realen Erfahrung ist eine mächtige Idee. Irgendwann, so die Fantasie vieler Science-Fiction-Autoren und aller VR-Enthusiasten, werden Spiel und Realität nicht mehr unterscheidbar sein, wird der ultimative Realismus gesiegt haben - es kann sich nur mehr um ein paar lächerliche Jährchen handeln.

Realismus plus Open World plus Mittelalter: Kingdom Come ausführlich gespielt

Der Autor
Rainer Sigl schreibt und spricht seit mehr als zehn Jahren für verschiedene Medien über Games, darunter der österreichische Jugendkulturradiosender FM4, die Tageszeitung Der Standard, Golem.de, das Games-Bookazine WASD und das von ihm ins Leben gerufene Gameskulturblog Videogametourism.at. In der exklusiv für GameStar Plus startenden Kolumne »Quickscope« macht er sich über Feinheiten und Gemeinheiten diverser Spiele Gedanken. Und widerspricht auch mal unseren GameStar-Testern.

The Vanishing of Ethan Carter sieht hervorragend aus - aber es ist noch lange kein realistisches Spiel.The Vanishing of Ethan Carter sieht hervorragend aus - aber es ist noch lange kein realistisches Spiel.

Fotorealismus ist nicht Realismus

Meistens allerdings ist damit nur die immer fotorealistischere Darstellung der Spielwelten gemeint, und dieses Ziel ist tatsächlich bereits erreicht. Screenshots sind von echten Fotos oft nicht mehr unterscheidbar und Aufnahmen aus Videospielen wurden wiederholt als reale Bilder wahrgenommen - wie kürzlich, als Bilder aus dem AC-130 Gunship Simulator vom russischen Verteidigungsministerium als »Beweis" für die angebliche Unterstützung des IS durch die USA herhalten mussten.

Die Realität, wie jedem Wesen mit funktionierendem zentralen Nervensystem allerdings instinktiv bewusst sein müsste, besteht allerdings aus mehr als nur Optik. Man muss dabei gar nicht extra darauf hinweisen, dass der Mensch fünf Sinne hat, von denen aktuell nur zwei, Gehör und Sehvermögen, angesprochen werden. Viel grundlegender unterscheiden sich Spiele, auch und besonders jene, die sich »Realismus" auf die Fahnen heften, durch ihre Struktur und ihr Wesen von der Realität.