Am Tag, an dem es zu Ende geht, ruft Holger Flöttmann seine Projektleiter einzeln zu sich ins Büro. Sie hören seine Mitteilung ohne Überraschung; dann tragen sie sie in ihre Teams. Für einen der Programmierer ist es der erste Arbeitstag, frisch eingestellt hört er die Neuigkeit: Sein Arbeitgeber ist Pleite. Am 31. August 2001 beantragt die Ascaron Software Publishing GmbH beim Amtsgericht Bielefeld die Eröffnung des Insolvenzverfahrens.

Es ist Ascarons erster Konkurs. Acht Jahre später wird eine zweiter folgen, und diesmal ist er endgültig. Die Zeit dazwischen erzählt eine Geschichte, die auf ihre Weise eine Antwort gibt auf die Frage, warum die größten Videospiele-Verlage der Welt aus den USA und Japan und Frankreich und England kommen, aber Deutschland, der drittwichtigste Spielemarkt der Welt, bis heute keinen Publisher von globalem Rang hervorgebracht hat. Es ist eine Parabel über die hiesige Branche, und sie handelt von einer Firma, die klangvolle Marken aufbaute und dann ruinierte. Die, wenn sie Geld hatte, es verpulverte. Der es nie am Willen zur Größe mangelte, aber oft an der Kompetenz. Die davon lebte, dass die Spieler in diesem Land Zumutungen ertragen.

Bis es irgendwann nicht mehr ging.

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Der Patrizier (1992) - Das erste eigene Werk wird aus dem Stand ausgesprochen populär und begründet Ascarons Ruf als Entwickler solider Handelssimulationen.

Ascaron heißt Ascon

Die Geschichte von Ascaron beginnt mit Holger Flöttmann. Flöttmann ist Westfale, Jahrgang ’66, ein robuster Mann, der auch im Anzug leger wirkt; er könnte Fußballtrainer sein. Er raucht Kette, die Stimme ist tief.

Flöttmann ist ein Gewächs der deutschen Spielebranche. Er war bei Rainbow Arts, Ende der 80er der bedeutendste deutsche Spielehersteller. 1988 gründet er seine eigene Firma, Thalion. Da ist er 21. Thalion macht gute Spiele, am bekanntesten werden Amberstar und Ambermoon, aber der kommerzielle Erfolg bleibt aus. Flöttmann verkauft Thalion an Ariolasoft.

Die Akte Ascaron : Ascaron hieß zunächst nur Ascon, musste sich danach aber umbenennen. Ascaron hieß zunächst nur Ascon, musste sich danach aber umbenennen. Die Geschichte seiner zweiten Firma beginnt auf dem Bett. An einem Sonntagnachmittag im Jahr 1991 liegt Flöttmann in seinem Schlafzimmer in Gütersloh und denkt sich Namen aus. Am Ende bleibt er bei Ascon hängen. Die Adresse, so geht die Legende, sollte möglichst weit vorn im Telefonbuch stehen, deshalb das A. Der Rest ist Fantasie. Fünf Jahre später muss er sie umbenennen, weil der Schweizer Telekommunikations-Konzern Ascom die Namensähnlichkeit beklagt. So wird aus Ascon Ascaron.
Holger Flöttmann bleibt bei Ascaron vom ersten bis zum letzten Tag, 18 Jahre lang. In der deutschen Spielebranche ist das eine Ewigkeit. Er hat das Schicksal der Firma bestimmt, zweifellos. Es ist nur nicht ganz klar, ob das eine gute Sache war oder eine schlechte.

Flöttmann sei ein genialer Produzent, sagen die einen. Ein Theoretiker, ein Visionär. Man sagt ihm Überzeugungskraft nach, er kann Leute mitreißen. Ein kreativer Kopf, kein Mann der Praxis. Wenn er sich entspannen will, spielt er im Büro Gitarre. Wenn er planen soll, wird er philosophisch, abstrakt. Details liegen ihm nicht. Er selbst sieht sich als Entwickler; am liebsten, sagt er, hätte er weiter Spiele entworfen, statt sich nur um das Geschäft zu kümmern. Holger Flöttmann trägt die Schuld daran, dass die Dinge bei Ascaron aus den Ruder liefen, sagen ehemalige Führungskräfte. Holger Flöttmann sei eher Opfer als Täter, sagt sein späterer Geschäftsführer Heiko tom Felde. Zu viele Menschen seien ihm auf der Nase herumgetanzt. 18 Jahre lang.

Den größten Hit verdankt Ascaron einer Pleite. Im Jahr 2001 trudelt der Aachener Entwickler Ikarion ( Demonworld, Hattrick ) in die Insolvenz. Ikarions Insolvenzverwalter ist mit der Abwicklung der bankrotten Computerkette Vobis ausgelastet, die kleine Spielefirma läuft unter dem Radar. So kann Holger Flöttmann aus der Konkursmasse günstig einen großen Teil der Ikarion-Mannschaft und eines der Projekte herauskaufen. Das heißt Armalion .

Armalion sollte ein Rollenspiel mit der Lizenz der Fantasy-Reihe Das Schwarze Auge (DSA) werden. Als Ascaron den Titel übernimmt, ist er etwa zur Hälfte fertig. Flöttmann gründet in Aachen eine Tochterfirma von Ascaron, benannt Studio 2. Dort soll Armalion fertig gestellt werden, ohne DSA-Lizenz, als Action-Rollenspiel. Und unter neuem Namen: Sacred .