Er lockt bei Die Sims 3 ein Kind in einen Swimmingpool und entfernt die Leiter, damit es ertrinkt. In Fallout 3 mogelt er während eines Gesprächs seinem Gegenüber eine Handgranate ins Inventar, die Sekunden später explodiert. Bei Call of Duty: Modern Warfare 2 schießt er nicht nur auf Angreifer, Hühner und Kameraden, er jagt sogar getöteten feindlichen Soldaten ein paar Kugeln in die Körper und beobachtet, ob diese zucken. Das gehört zu seinem Beruf. Die Rede ist von Marek Brunner, dem Leiter der Testabteilung der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) in Berlin-Friedrichshain. »Wir verhalten uns beim Spielen möglichst perfide«, erklärt der Diplom-Medieninformatiker. Brunner muss also berufsbedingt manchmal Schwein sein. Denn für die Altersfreigabe gilt es auch herauszufinden, welche Gemeinheiten in einem Spiel überhaupt möglich sind. Im realen Leben ist der 34-Jährige ein netter Kerl. Ein Typ, mit dem man gern auch mal ein Bier trinken gehen würde, ein leidenschaftlicher Spieler, der viel lacht. Seinen Beruf betreibt der dreifache Vater jedoch mit großer Ernsthaftigkeit: »Wir sind wie Geheimagenten. Wir haben einen richtig geilen Job, dürfen aber niemandem Details über die Spiele verraten.« Immerhin spielen die sogenannten »Sichter« der USK manch heiß erwarteten Titel so weit vor der Veröffentlichung, dass sogar Spieleredakteure vor Neid erblassen. Aber wie läuft ein Prüfverfahren ab?

Handschellen und Erotik

Hersteller schicken zunächst eine Vorabversion des Spiels und beantragen eine bestimmte Altersfreigabe, etwa »ab 16 Jahren«. Bereits in diesem Stadium kann’s schwierig werden: Jeder zehnte eingesandte Titel läuft eingeschränkt oder gar nicht, manchmal fehlen Levels oder Zwischensequenzen.

Verspielt in Berlin : Cheftester Marek Brunner im USK-Archiv, in dem sich rund 27.000 Betas und 16.000 Spiele in Originalverpackung befinden. Cheftester Marek Brunner im USK-Archiv, in dem sich rund 27.000 Betas und 16.000 Spiele in Originalverpackung befinden. Für die USK-Mitarbeiter ist das lästig, aber kein Problem: »Der Anbieter will ja das Kennzeichen, deswegen bekommen wir meist schnell eine prüffähige Version«, sagt Brunner. Bisweilen treibt der Drang nach Geheimhaltung seltsame Blüten. So erinnert sich der Berliner an Enter the Matrix, für das der Lizenzinhaber Warner Bros. die Filmsequenzen nicht vorzeitig herausrücken wollte. Weil die USK am längeren Hebel sitzt, reiste letztlich ein Herr an, der einen mit Handschellen an sich geketteten Koffer dabei hatte, um das Spiel auch wirklich sicher in Berlin abzuliefern.

Auch wenn die Hersteller für die Arbeit der USK zahlen: Ihre beantragte Altersstufe gilt nur als Diskussionsgrundlage für das Prüfgremium. Welche Entscheidung am Ende fällt, steht auf einem ganz anderen Blatt. Für Bioshock 2 zum Beispiel strebte 2K Games ein »ab 18« an, angesichts des Vorgängers eine realistische Einschätzung. Das ist nicht immer so. Oft hoffen Anbieter auf ein milderes Urteil, weil das die Zahl potenzieller Käufer erhöht. Kurioserweise geht’s auch andersrum: Die Wirtschaftssimulation Erotic Empire wäre fast mit einem »ab 12« abgestempelt worden, was die Zielgruppe wohl eher abgeschreckt hätte. »In solchen Fällen stehen schon mal verdutzte Hersteller in der Tür und erklären uns die Wichtigkeit von Jugendschutz und sozialer Verantwortung«, erinnert sich Brunner. Am Ende half sich der Anbieter durch einen Trick: Er packte die Demo seines Ab-16-Spiels Hanfbaron mit auf die CD, weil Alterskennzeichen immer für den kompletten Inhalt eines Datenträgers gelten.