Bevor Sie unseren Test zu Fallout 4 lesen, unterschreiben Sie bitte hier _______ und hier _______ und dann noch dreimal mit dem Blut eines bei Neumond geschlachteten Brahmin-Kalbs auf der Rückseite des Internets. Herzlichen Glückwunsch, Sie haben den Bethesda-Deal abgeschlossen! Wer nämlich ein Rollenspiel der Fallout-und Elder-Scrolls-Entwickler anfasst, wer sich auch nur dafür interessiert, der muss wissen, worauf er sich einlässt.

Ich habe den Bethesda-Deal schon vor 13 Jahren abgeschlossen, bei Morrowind, dessen große, offene Welt mich vom ersten Schritt an faszinierte. Ich lief durch Städte, schwamm durch Meere, stieg auf Berge hinauf und hinab in Ruinen. Ich atmete Freiheit, totale Freiheit. Der Preis dafür waren eine Story, die man auf ein halbwüchsiges Meerschweinchen tätowieren könnte, Charaktere mit der Ausstrahlung löchriger Häkelpuppen, eine bundespräsidentensteife Inszenierung sowie eine generelle Ruppigkeit, eine Neigung zu Glitches, Ecken, Kanten und KI-Kapriolen.

Sprachvergleich: Fallout 4 lieber auf Deutsch oder auf Englisch?

Und so war es danach bei Oblivion, und danach bei Fallout 3 und danach bei Skyrim (Fallout: New Vegas klammere ich mal aus, weil es von Obsidian kam, nicht von Bethesda). Welt grandios, Story so lala, Ecken und Kanten überall. Und ich versenkte dennoch Wochen in diesen Spielen, ohne es jemals zu bereuen. Das ist der Bethesda-Deal.

Nun also Fallout 4. Und ja, auch das Endzeit-Abenteuer ist ein typisches Bethesda-Rollenspiel. Es hat seine Glitches und KI-Aussetzer, seine erzählerische Unbeholfenheit und seine wüstenflusstrockenen Dialoge. Und es hat ein paar Schwächen, die ich so nicht erwartet hätte. Wer jedoch die Bereitschaft mitbringt, in eine Welt einzutauchen, die nicht ständig mit durchkomponierten Geschichten um sich schießt; wer die Breitschaft mitbringt, sich auf ein Paralleluniversum, auf seine Atmosphäre einzulassen - der kann Fallout 4 heute noch genauso lieben wie ich damals Morrowind.

Vorausgesetzt, er hat anfangs ordnungsgemäß unterschrieben.

Steam-Pflicht
Fallout 4 möchte auf Steam aktiviert werden - so weit, so unspektakulär. Wer das Spiel im Laden kauft, muss allerdings auch noch Daten herunterladen - und zwar über 20 Gigabyte! Denn wie Pete Hines von Bethesda schon vor längerer Zeit bestätigte, enthält die DVD-Version von Fallout 4 »nicht das gesamte Spiel«.

Die PC-Umsetzung
Oh, schwieriges Thema. In technischer Hinsicht hat Bethesda Fallout 4 sehr ordentlich auf den PC umgesetzt, das Endzeit-Abenteuer profitiert deutlich von SSAO, besserer Kantenglättung und 60 fps. Damit spielt es zwar trotzdem eine Technikliga tiefer als The Witcher 3 (vor allem wegen seiner teils schwachen Texturen und Animationen), sieht aber immerhin wesentlich schickeraus als auf den Konsolen. Der Dogmeat liegt anderswo begraben - nämlich bei der Steuerung, die Bethesda sogar noch schlechter umgesetzt hat als seinerzeit bei Skyrim. Wer wissen will, warum, der liest unser Special Die Tastatur-Apokalypse oder Michaels Brandrede auf der letzten Seite dieses Artikels.

Fallout 4 im Technik-Check: Systemanforderungen und Grafikvergleich

Das nicht so öde Ödland

Fallout 4 ist kein The Witcher 3 und kein Dragon Age: Inquisition, das Endzeit-Rollenspiel kitzelt andere Spaßnerven als die Konkurrenz. The Witcher 3 lebt maßgeblich von seinen tollen Haupt- und Nebengeschichten und seinem coolen Helden, Dragon Age von seiner Inszenierung und denkwürdigen Nebencharakteren (Ja, die gibt's sogar in Inquisition, siehe Sera!). Fallout 4 hingegen lebt … von seiner Spielwelt. Die ist grafisch nicht mal besonders umwerfend (abgesehen von der schicken Beleuchtung), macht das mit ihrer Stimmung aber mehr als wett.

Denn das atomar verwüstete Boston samt Umland sieht so aus, wie ein atomar verwüstetes Amerika auszusehen hat. Boston selbst wirkt zwar - zumindest auf Durchschnittseuropäer wie mich - weniger markant als das sehenswürdigkeitenreiche Washington aus Fallout 3 oder die schillernde Kasinostadt aus New Vegas, dennoch gibt's auch hier viele Besonderheiten. Etwa die historischen Bauten entlang des »Freedom Trail«, der wichtige Schauplätze des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs verbindet - und am Ende zu einer Überraschung führt. Und natürlich macht's auch ohne Tourismus großen Spaß, die von Supermutanten und Banditen besetzten Ruinen sowie die umliegenden Orte zu erforschen.

Fallout 4 (PC)
Die Todeskralle ist selbst mit Minigun ein harter Brocken, wenn wir nicht auf ihren ungeschützten Bauch halten.

Und davon gibt's viele, sehr viele. Boston mit seinen nicht zerbröckelnden Wolkenkratzern, rostenden Hafenanlagen und durchlöcherten Autobahnbrücken thront zwar unübersehbar im Zentrum der Karte, drumherum liegen jedoch noch allerlei weitere, interessante Schauplätze verstreut, vom Hügelland im Norden über die Küstendörfer im Westen und die Armeestützpunkte im Osten bis zum»Leuchtenden Meer«, der lebensfeindlichen Strahlenwüste im Süden. Das macht das Ödland von Fallout 4 landschaftlich abwechslungsreicher und damit auch erkundungs-einladender als das von Fallout 3. Denn natürlich gibt es Bethesda-typisch überall Fabriken, Kirchen und Bunker, die dringend erforscht werden wollen.

Fallout 4 : Die Schauplätze sind teils liebevoll gestaltet, etwa dieses Supermutantenlager auf dem Schrottplatz. Die Schauplätze sind teils liebevoll gestaltet, etwa dieses Supermutantenlager auf dem Schrottplatz. Schön auch, dass Boston - im Gegensatz zu New Vegas - nicht von einer Mauer umschlossen und in einzelne, von Ladepausen getrennte Viertel zerhackt ist. Ich kann ohne Warterei durch die europäisch angehauchten Stadtgassen und hinaus ins Ödland joggen. Auch manche Bauten darf ich übergangslos betreten - bei den meisten muss ich aber wie gehabt auf einen Ladebildschirm starren. Eine klassische Limitierung der Engine, auch das gehört zum Bethesda-Deal. Denn es kann nerven, vor allem, weil die Ladepausen ohne SSD-Platte schon mal eine Minute dauern können, erst recht auf den Konsolen. Auf dem PC lädt Fallout 4 immerhin etwas schneller.

Die Gesamtgröße der Welt und die Anzahl der Schauplätze entspricht gefühlt Fallout 3, nachmessen lässt sich das jedoch kaum. Einige Spieler wollen herausgefunden haben, dass Boston samt Umland rund 77 Quadratkilometer umfasst, das wäre immerhin die doppelte Skyrim-Größe. Bethesda selbst schweigt bei Umfangsfragen beharrlich. Vielleicht, weil die Fallout-4-Welt eben doch nicht so riesig ist wie die von The Witcher 3 - aber mal ehrlich: Wen kümmern schnöde Zahlen? Wichtig ist doch, dass es in Fallout 4 viel zu entdecken und zu erleben gibt! Und ja, das gibt es!

Fallout 4 : In den Dialogen gibt's klaffen oft seltsame Pausen. In den Dialogen gibt's klaffen oft seltsame Pausen. Bugs, Glitches und peinliche Pausen
Hat Fallout 4 Bugs? Haben die Bostoner 1773 versucht, den Atlantik in die weltgrößte Teetasse zu verwandeln? Ja, natürlich! Bugs gehören einfach zu Bethesda-Spielen, das mag ihrer Größe geschuldet sein. Die gute Nachricht: Von richtig üblen Kloppern wie den rückwärts fliegenden Drachen aus Skyrim bleibt Fallout 4 verschont. Die schlechte Nachricht: Probleme gibt's dennoch viele, von Grafik- und Clippingfehlern (Schon mal in einem unsichtbaren Aufzug gefahren?) bis hin zu KI-Aussetzern: Regelmäßig bleiben Gegner einfach hängen oder irren in der Gegend herum. Das lässt sich natürlich ausnutzen, was die Kämpfe vereinfacht. Die KI-Begleiter wiederum verschwinden manchmal minutenlang.

Dialoge hängen gelegentlich sekundenlang fest, regelmäßig bewegen Charaktere ihre Lippen beim Sprechen falsch oder überhaupt nicht. All das sind kleinere Ärgernisse, die in der Summe dennoch nerven - und zwar auf allen Plattformen. Deshalb werten wir Fallout 4 um einen Punkt ab. Immerhin haben wir im Test nur einen einzigen Absturz erlebt. Und auch von Plotstoppern blieben wir verschont. Zwar wollte einmal ein wichtiger Story-Dialog nach dem ersten Satz partout nicht weiterlaufen, nach dem Laden des letzten Autosaves ging's dann aber doch weiter.

Die Welt ist die Story

Bevor wir zur Haupthandlung (Kleiner Teaser: Ich finde sie interessanter als die von Fallout 3!) und den eigentlichen Quests kommen, sprechen wir kurz über die wahre Stärke von Fallout 4. Die besten Geschichten des Spiels sind nämlich diejenigen, die es nicht erzählt. Nicht direkt zumindest, nicht im Rahmen von klassischen Dialogen und Missionen. Stattdessen stöbere ich einfach durch die Welt und stolpere dabei über interessante Orte, deren Hintergründe ich erfahren möchte. »Environmental Storytelling« nennt das der Fachmann.

Fallout 4 : Wie Baseball wirklich funktioniert hat, weiß im Ödland zum Glück jeder … mehr oder weniger regelgetreu. Wie Baseball wirklich funktioniert hat, weiß im Ödland zum Glück jeder … mehr oder weniger regelgetreu. Zum Beispiel steht an der Küste ein Leuchtturm, der tatsächlich leuchtet - und ich will wissen, wie das denn geht, so ohne Storm. Oder ich finde in einem Dörfchen die Leichen von Abenteurern, die nach einem Schatz gesucht haben. Den muss ich haben! Oder ich beobachte ein ehemaliges Irrenhaus, das von schwer bewaffneten Söldnern beschützt wird. Was verbirgt sich da drin? Und welches Monstrum treibt im alten Hexerei-Museums sein Unwesen? Was hat es mit Vault 81 auf sich, in dem scheinbar immer noch Nachkommen der ehemaligen Bewohner leben? Was blubbert unter dem Plastikschwan im Bostoner Stadtteich?

Oder, oder, oder - die Erklärungen hinter solchen Mysterien verdienen keine Literaturpreise, sind dafür häufig skurril, witzig oder die Startpunkte von Quests. Und ja, ich finde es enorm spaßig, das Ödland danach umzugraben. Zumal am Rande immer wieder schöne Details warten. Beispielsweise hacke ich in einem stillgelegten Versuchsreaktor die Computer und finde heraus, dass die Forscher in E-Mails eine Art Dungeons & Dragons gespielt habe (»Ich zücke meine Schattenklinge…«).

Fallout 4 : Das Ödland ist vielleicht weitgehend grau und braun, trotzdem gibt es viele stimmungsvolle Orte zu erkunden. Das Ödland ist vielleicht weitgehend grau und braun, trotzdem gibt es viele stimmungsvolle Orte zu erkunden.

Klar, da gibt's weder inszenierte Dialoge wie in The Witcher 3 noch Filmbombast à la Dragon Age - sondern einfach nur Geschichtchen, mit denen Fallout 4 seine großartige Endzeit-Atmosphäre und seinen traditionell morbiden Humor unterfüttert. Brauchbare Beute hingegen gibt's nicht überall zu finden, vor allem auf hohen Levels wartet vielerorts nur Müll. Auch das gehört zum Bethesda-Deal, ein Witcher 3 hat mehr lohnenswerte Schätze zu bieten. In Fallout 4 muss ich danach wirklich lange suchen - doch schon alleine die Hoffnung auf coole Beute hält mich bei der Stange.