Wegen Filmen glauben wir heute immer noch eine Lüge über das 19. Jahrhundert

Filme haben unseren Sinn getrübt, wie die Welt zu Zeiten von Sherlock Holmes und Dr. Frankenstein aussah.

Im Dunkeln ist munkeln: Auch Guillermo del Toro stellt in Frankenstein die damalige Zeit düsterer dar als sie eigentlich war. (Bildquelle: Netflix) Im Dunkeln ist munkeln: Auch Guillermo del Toro stellt in Frankenstein die damalige Zeit düsterer dar als sie eigentlich war. (Bildquelle: Netflix)

Kaum eine Zeit wird so oft in Filmen und Serien verwurstet, wie das 19. Jahrhundert – und ihr kennt mit Sicherheit etliche Geschichten, die damals spielen (oder geschrieben wurden): Sherlock Holmes, Oliver Twist, In 80 Tagen um die Welt, Moby-Dick, Les Misérables, Stolz und Vorurteil, um nur ein paar zu nennen.

Und all diese Filme haben uns Märchen über das 19. Jahrhundert erzählt, die überhaupt nicht stimmen, und unser Verständnis getrübt, wie es damals eigentlich wirklich aussah.

Eines davon, das mit Technik zu tun hat, greift dieser Artikel auf.

Wie düster war es früher wirklich?

Ganz egal, ob ein Film das Viktorianische London darstellt, oder das Paris Mitte des 19. Jahrhunderts: Irgendwie sieht es dort stets trist und grau aus. Ganz besonders dann, wenn die Geschichten düstere Themen behandeln wie Mordfälle, Verschwörungen oder soziale Umbrüche.

Für den Anfang des 19. Jahrhunderts mag das stimmen, doch die Entwicklung bis hin zum elektrischen Licht beeinflusste die Beleuchtung massiv – vor allem in Innenräumen, laut Building Conservation.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts dominierten Kerzen und Öllampen. Sie waren billig in der Herstellung und demnach für die meisten Leute erschwinglich. Trotzdem musste man damals mit Licht haushalten. War das Öl leer oder die Kerze heruntergebrannt, wurde es finster, ein Gedanke, der 2026 mit Licht aus der Buchse völlig absurd wirkt.

Kandelaber gab es mit mehreren Kerzenhaltern für zusätzliches Licht. (Bildquelle: shishiga - adobe.stock.com) Kandelaber gab es mit mehreren Kerzenhaltern für zusätzliches Licht. (Bildquelle: shishiga - adobe.stock.com)

Deckenleuchter und Wandleuchten existierten zwar, wurden aber häufig nur zu besonderen Anlässen entzündet. Im Alltag waren Kerzenständer, Kandelaber, tragbare Öllampen und schlichtes Feuer die wichtigsten Lichtquellen.

Besagte Funzeln erleuchteten allerdings nur einen kleinen Bereich, etwa den Tisch beim Abendessen. Talgkerzen rusten und rauchten stark, was immerhin mit Paraffin, das 1850 kommerziell verfügbar wurde, der Vergangenheit angehörte – zumindest theoretisch.

Leute misstrauten der neuen Technologie nämlich und wollten kein Gaslicht zuhause haben. In Wohnhäusern wurde Gas erst ab der Mitte des Jahrhunderts wirklich populär. 

Licht ins Dunkle brachte dann wortwörtlich der Duplex-Brenner von 1865. Er besaß zwei Dochte und erzeugte zusammen mit dem Glaszylinder ein wesentlich helleres Licht. Schirme und Diffusoren aus Glas dienten gleichzeitig zur Lichtverteilung und als dekoratives Element. 

Noch mal heller wurde es mit dem Glühstrumpf, quasi der Zwischenschritt von Feuer und Gas zur Elektrizität. 

Carl Auer von Welsbach entwickelte den Glühstrumpf 1885. Statt dass die Flamme selbst für das Licht sorgte, brachte sie einen speziellen Glühkörper zum Leuchten. Dadurch wurde Gas- und Paraffinbeleuchtung wesentlich heller und konnte in Sachen Helligkeit mit elektrischem Licht konkurrieren. 

Obwohl es Mitte des 19. Jahrhunderts in Innenräumen bereits ziemlich hell war, konnte das die Entwicklung von Licht durch elektrischen Strom nicht aufhalten.

1879 gelang Thomas Edison die Entwicklung der Glühbirne; einer seiner ärgsten Konkurrenten war Joseph Swan – und so funktionierte sie:

  • Im Inneren der Glühbirne saß ein sehr dünner Draht, der sogenannte Glühfaden. Durch ihn floss elektrischer Strom.
  • Der elektrische Widerstand des Glühfadens wandelte elektrische Energie in Wärme um. Der Draht erhitzte sich auf mehrere tausend Grad und begann dadurch sichtbar zu glühen – er sendet Licht aus.
  • Das Entscheidende war der luftarme Glaskolben. In normaler Luft würde der heiße Glühfaden sofort oxidieren und verbrennen. Im Vakuum konnte er dagegen lange glühen.
  • Der Glühfaden musste gleichzeitig sehr heiß werden, um ausreichend Licht zu erzeugen, durfte aber nicht zu schnell verdampfen oder zerbrechen. Genau deshalb waren geeignete Materialien und eine gute Vakuumtechnik entscheidend.

Das Prinzip der Glühbirne wurde seit ihrer Erfindung beibehalten. (Bildquelle: stockbusters - adobe.stock.com) Das Prinzip der Glühbirne wurde seit ihrer Erfindung beibehalten. (Bildquelle: stockbusters - adobe.stock.com)

Natürlich hatte damit nicht jeder Haushalt elektrisches Licht. Zum einen war die Glühbirne ein neues Prestigeobjekt, zum anderen mussten Häuser erst einmal mit der nötigen Elektrizität versorgt werden. Zwar wurde 1880 mit Cragside bei Newcastle das erste Haus elektrisch beleuchtet, bis es jedoch flächendeckend soweit war, dauerte es noch bis weit ins nächste Jahrhundert.

Dementsprechend blieb elektrisches Licht vorerst eine kostspielige Neuerung. Um 1900 existierten Kerzen, Öl-, Gas- und elektrische Lampen nebeneinander und ließen Räume so sukzessiv heller werden.

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Wie sah es auf der Straße aus?

Was Straßenlaternen betrifft, haben die Filme allerdings weitestgehend recht. Schauen wir uns doch mal die Entwicklung der Gaslaternen anhand der Quelle des The Victorian Emporium an.

Im 18. und frühen 19. Jahrhundert gab es außerhalb von Gebäuden nur wenig künstliches Licht. Bei fehlendem Mondlicht waren Menschen auf persönliche Laternen angewiesen; Geschäfte hängten teilweise Laternen vor ihren Eingängen auf, auch, um Kriminalität Einhalt zu gebieten.

Gas war die erste große Revolution bei der Straßenbeleuchtung. Am 28. Januar 1807 wurde in der Londoner Pall Mall erstmals öffentlich eine Gasbeleuchtung demonstriert. Das Gas wurde durch Destillation von Kohle gewonnen. Eine flächendeckende Verbreitung erfolgte allerdings erst Mitte des 19. Jahrhunderts.

Eine Krux blieb trotzdem: Gaslampen strahlten nicht sonderlich viel Licht aus.

Mit den damaligen Gaslampen wirkten die Straßen ziemlich finster, wie hier in Prag. (Bildquelle: fewerton - adobe.stock.com) Mit den damaligen Gaslampen wirkten die Straßen ziemlich finster, wie hier in Prag. (Bildquelle: fewerton - adobe.stock.com)

Selbst die hellsten Exemplare erzeugten weniger Licht als eine moderne 25-Watt-Glühlampe. Darüber hinaus standen Laternen weit auseinander – teilweise bis zu 65 Meter –, sodass zwischen ihnen weiterhin Dunkelheit herrschte. Dadurch dienten sie höchstens als Orientierung, aber nicht zur Ausleuchtung der Straße.

In diesem Zusammenhang interessant: Damals gab es noch den Job des Laternenanzünders (Berufe dieser Welt). Zur Abenddämmerung schickte er sich an, besagte Gaslampen zu entzünden, um sie dann mit der Morgendämmerung wieder zu löschen. Er war auch dafür zuständig, sie instand und sauber zu halten.

Elektrisches Licht kam ab Mitte des Jahrhunderts hinzu – und war damit früher verfügbar als die Glühbirne selbst. Bogenlampen kamen damals vor allem bei großen öffentlichen Räumen zum Einsatz, wie etwa dem Bahnhof St. Enoch in Glasgow. In den 1870er-Jahren wurden Varianten der Bogenlampe auch zur Straßenbeleuchtung in Paris eingesetzt. Danach entwickelte sich die Straßenlaterne zu dem weiter, was wir heute kennen.

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Kleiner Fun-Fact zum Schluss: Moderne Versionen der Bogenlampen (Englisch: Arc Lamp) finden sich heute noch IMAX-Projektoren, weil sie extrem hell werden können.

Wenn ihr jetzt auf den Geschmack des 19. Jahrhunderts gekommen seid: 2025 war das Jahr, in dem wir Jack the Ripper fast geschnappt hätten. Neue Technologie brachte auch neue Phobien hervor, etwa jene, die die »Railway Madmen« plagte. Man fabulierte eine Manie herbei, die Menschen befiel, wenn sie mit einem (zu schnellen) Zug fuhren.

Wenn ihr euch also das nächste Mal einen Film oder eine Serie anschaut, die im 19. Jahrhundert spielt, denkt daran, dass es damals vermutlich sehr viel heller war, als euch der Inhalt glauben lassen will – zumindest ab 1850. Zur Zeit Jack the Rippers war es wirklich manchmal düster, aber nicht SO düster.


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