Zugfahren ist bei uns nicht immer ein Genuss (es sei denn, ihr lebt in Japan). Verspätungen und Ausfälle gehören in Deutschland zum Alltag.
Das ist allerdings kein Vergleich zu dem, was man vor rund 150 Jahren glaubte. Damals war die Technologie des Zugfahrens nämlich neu und das rief allerlei potenzielle Gefahren auf den Plan – zumindest den Experten der damaligen Zeit nach.
Mitte des 19. Jahrhunderts kamen gleich zwei Phobien rund ums Zugfahren auf.
Siderodromophobie: Die Angst vor Zügen
Entlehnt ist das Wort dem Griechischen und setzt sich aus den Worten »Eisen«, »Weg« und »Furcht« zusammen. Im Grunde genommen ist es eine Eisenbahnphobie. Ihre Symptome waren:
- Reisefieber
- Panikattacken
- Herzklopfen
- Schweißausbrüche
- Verdauungsstörungen
Gemäß der Seite phobias.acout.com erstarrten, weinten und flohen sogar Betroffene im Angesicht einer Dampflok.
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Mit der Siderodromophobie ging allerdings eine mysteriöse, fortschreitende Erkrankung einher. Das als »Erichsen’s Disease« oder »Eisenbahnwirbelsäule« (»Railway Spine«) bekannte Leiden ist gut dokumentiert (via National Library of Medicine).
Unfälle und Kollisionen waren damals deutlich häufiger als heute. Der britisch-dänische Chirurg Sir John Eric Erichsen trug Fälle von Überlebenden zusammen und berichtete erstmals 1866 darüber (via Mental Floss).
Erichsen glaubte dabei an so etwas wie eine Rückenmarkserschütterung (daher auch der Name). Ihn interessierte nämlich, wieso sie Anzeichen einer Krankheit zeigten, obwohl sie vollkommen gesund wirkten – und legte damit den Grundstein für das, was wir heute posttraumatische Belastungsstörung oder PTSD nennen. Nachlesen könnt ihr die Studie in PsycNet.
Es keimte allerdings noch eine weitere Phobie auf, die vermeintlich schlimmere Implikationen mit sich trug.
Tachophobie: Die Angst vor Geschwindigkeit
Während sich Erichsens Bemühungen auf Menschen konzentrieren, die bereits ein Zugunglück überlebt hatten, berichteten viktorianische Zeitung über sogenannte »Railway Madmen«, etwa Eisenbahnverrückte (im negativen Sinne).
Am besten zusammengefasst hat das Atlas Obscura in der Überschrift eines 2017 erschienenen Artikels: »Der viktorianische Glaube, dass eine Zugfahrt sofortigen Wahnsinn verursachen könnte«.
So verbreiteten die Zeitungen den Glauben, es könnte Aberwitziges mit manchen Leuten passieren, sobald sie einen Zug bestiegen.
- Völlig gewöhnliche Leute würden ihre Fassung verlieren, sobald sie einen Zug bestiegen.
- Unerwartet würden sie in einen wilden, rasenden Wahnsinn fallen.
- Das Verrückteste: Angeblich würden die Menschen sich wieder
normal
verhalten, sobald der Zug stoppte und ihre Reise zu Ende war.
Prompt waren die Railway Madmen geboren, schreibt History Facts. All diese Artikel gossen Öl ins Feuer derer, die glaubten, der menschliche Körper sei zum Reisen mit dem Zug schlichtweg nicht gemacht.
Die Behauptungen von Angstmachern waren absolut hanebüchen. Wir zitieren die renommierte Medizin-Fachzeitschrift The Lancet, die einige dieser völlig absurden Bedenken zusammengetragen hat.
- Passagiere würden in Tunneln unweigerlich ersticken.
- Verbrühungen und Verstümmelungen seien an der Tagesordnung.
- Das Atmungssystem des Körpers würde bei mehr als 30 km/h versagen.
- Bei über 80 km/h würden Frauen die Gebärmutter aus dem Leib fliegen.
- Zu hohe Geschwindigkeit sorge angeblich dafür, dass der Körper einfach schmelze.
Natürlich waren diese Behauptungen völlig haltlos. Nichtsdestotrotz führte diese Behauptungen schließlich zur Ergründung einer echten Angst: Tachophobie, die Angst vor Geschwindigkeit. Mehr dazu lest ihr auf der Webseite der Cleveland Clinic.
Bis heute gibt es keine Belege für schmelzende Menschen oder fliegende Uteri in schnell fahrenden Zügen.
Mit Ängsten und Phobien ist allerdings nicht zu spaßen. Tachophobie ist nicht selten und bezieht sich nicht bloß auf das Reisen mit Zug. Betroffene vermeiden, sich schnell bewegende Fahrzeuge wie Flugzeuge, Busse und Autos.
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