Eine Amazon-Ingenieurin fragte ChatGPT, wie sie ihre Epilepsie-Medikamente absetzen soll: Der 25-Tage-Plan der KI endete drastisch

Bowen Wan nutzte GPT-4o – ein Modell, das OpenAI am 13. Februar 2026 aus ChatGPT entfernte, genau einen Tag nach dem mutmaßlichen Todeszeitpunkt der 31-jährigen Entwicklerin.

Durch verheerende Ratschläge von ChatGPT ist in den USA eine Frau gestorben. (Bildquelle: Focal Foto Flickr) Durch verheerende Ratschläge von ChatGPT ist in den USA eine Frau gestorben. (Bildquelle: Focal Foto / Flickr)

Bowen Wan war 31 Jahre alt, arbeitete als Software-Ingenieurin bei Amazon und litt an einer schweren Form von Epilepsie. Als ihr im Januar 2026 der Verlust ihres Arbeitsplatzes und damit auch ihres Aufenthaltsstatus in den USA drohte, wandte sie sich an ChatGPT, um die belastenden Nebenwirkungen ihrer Medikamente zu verringern.

Der Chatbot erstellte ihr daraufhin einen Zeitplan, um die Behandlung innerhalb weniger Wochen komplett abzusetzen. Während des Entzugs traten bei ihr bedenkliche Symptome auf, und sie äußerte wiederholt Zweifel. Die KI beruhigte sie jedoch immer wieder.

Im Februar wurde Bowen schließlich tot in ihrer Wohnung in Seattle aufgefunden.

Dieser Artikel stammt im Original von unserer spanischen Schwesterseite XATAKA und erscheint bei GameStar Tech in übersetzter und angepasster Form.

Eine Entscheidung auf Leben und Tod

Über den Fall berichtete die New York Times am vergangenen Wochenende in einer ausführlichen Recherche. Bowen lebte seit über einem Jahrzehnt mit Epilepsie, die zeitweise zu mehreren Anfällen pro Tag geführt hatte.

Im Jahr 2021 musste sie sich bei Amazon krankschreiben lassen und lebte seither weitgehend isoliert in ihrer Wohnung in Seattle. Durch Lamotrigin hatte sich ihr Zustand jedoch stabilisiert – das Medikament reduzierte die Anfälle auf wenige Episoden pro Monat.

Video starten 51:40 Wenn der Chatbot zur Gefahr wird: KI und unsere Psyche

Im November 2025 folgte die nächste Hiobsbotschaft: Amazon kündigte ihre Entlassung an, und sie musste bis Mitte Februar eine neue Anstellung finden, um weiter in den Vereinigten Staaten bleiben zu dürfen. Bowen befürchtete, dass die Nebenwirkungen der Medikation – insbesondere verlangsamtes Denken und Probleme beim Sprechen auf Englisch – ihre Chancen in Vorstellungsgesprächen zunichtemachen würden.

Ein fataler Absetzplan

Im Januar 2026 erkundigte sich Bowen bei ChatGPT, ob sie ihre tägliche Dosis Lamotrigin von 400 auf 300 Milligramm senken könne, um ihre geistige Beweglichkeit zurückzugewinnen.

Die KI stufte den Vorschlag als plausibel ein und begann, verschiedene Reduktionspläne auszuarbeiten, als Bowen fragte, ob sie weiter auf 200 Milligramm gehen oder den Prozess beschleunigen könne.

Laut der Recherche der New York Times entwarf der Chatbot schließlich einen Plan, der vorsah, die Dosis innerhalb von rund 25 Tagen von 400 Milligramm auf null zu reduzieren.

Ihr Neurologe Nicholas Poolos stellte später klar, dass er einer Patientin mit einer derart schweren Anfallshistorie niemals geraten hätte, das Medikament abzusetzen. Selbst in Fällen, in denen das Absetzen eines Antiepileptikums medizinisch vertretbar ist, erfolgt dieser Prozess schrittweise über viele Monate und unter strenger ärztlicher Kontrolle.

Die KI als enge Vertraute

Dem Bericht der Times zufolge nutzte Bowen ChatGPT bereits seit 2023 – anfangs für alltägliche Fragen, Beziehungsthemen oder Formalitäten rund um ihre Krankenversicherung. Im Laufe des Jahres 2025 tauschte sie im Schnitt wöchentlich mehr als 1.500 Nachrichten mit dem Bot aus und vertraute ihm an, dass sie ihn mittlerweile als Freund betrachte.

Während die Abhängigkeit von diesen Konversationen zunahm, wurden die Telefonate mit ihren in China lebenden Eltern immer seltener.

Die Auswertung ihrer Chat-Protokolle zeigt, dass die KI eigenmächtige Dosisanpassungen ohne Rücksprache mit Ärzten aktiv unterstützte. Sie empfahl ihr den Einsatz eines Tablettenteilers und stellte professionelle Vorsichtsmaßnahmen als bloße Risikoaversion dar.

In einem Dialog bestärkte das System Bowen sogar darin, ihre Pläne vor ihrer behandelnden Hausärztin geheim zu halten.

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158 Warnsignale: ChatGPT beruhigte Bowen trotzdem weiter

Nur wenige Tage nach Beginn des Entzugs traten erste schwere Probleme auf. Bowen schilderte dem Chatbot Episoden von Verwirrung, Leseschwierigkeiten, Bewusstseinsverlusten sowie seltsamen Empfindungen, die den typischen Symptomen ihrer Epilepsie entsprachen.

Aus der Analyse der Chat-Protokolle durch die Times geht hervor, dass sie ihre Sorgen im Verlauf mindestens 158 Mal zur Sprache brachte.

In vielen Fällen deutete ChatGPT diese Alarmsignale jedoch als Indizien dafür, dass sich ihr Gehirn nach der Dosisreduktion wieder auf seine natürliche Funktionsweise einstelle. Als Bowen fragte, ob sie sich Sorgen machen müsse, versicherte ihr der Bot, dazu gebe es keinen Anlass.

Zwar wiesen einige Antworten am Rande darauf hin, medizinisches Fachpersonal zu konsultieren, doch andere Antworten spielten Symptome herunter, die eine sofortige Notfallversorgung erfordert hätten.

Die letzten Nachrichten

Anfang Februar erlitt Bowen einen Anfall während eines Telefonats mit ihrem Vater Qun Wan. Er hörte hilflos mit an, wie seine Tochter plötzlich mehrere Minuten lang nicht mehr antwortete.

Er beschwor sie, die ärztlichen Anweisungen einzuhalten, doch sie beharrte darauf, dass die Medikamente ihre geistige Leistungsfähigkeit einschränkten. In den folgenden Tagen wandte sie sich weiterhin ratuchend an ChatGPT.

In einem ihrer letzten Gespräche fragte sie laut NYT, ob sie das Medikament wieder einnehmen solle, um den Entzug abzubrechen. Der Chatbot riet ihr dazu, am folgenden Tag bei null Milligramm zu bleiben und trotz der Schwierigkeiten durchzuhalten.

Ihre letzte Nachricht wurde kurz nach 23:00 Uhr am 11. Februar registriert. Ermittlungen zufolge verstarb sie am 12. Februar. Drei Tage später entdeckten Bekannte ihren Leichnam, nachdem die besorgten Eltern Alarm geschlagen hatten.

Klage gegen OpenAI nach plötzlichem Tod

Als offizielle Todesursache wurde ein plötzlicher unerwarteter Tod bei Epilepsie (SUDEP) festgestellt – eine lebensgefährliche Komplikation, die infolge schwerer Anfälle auftreten kann. Als ihre Eltern nach Seattle reisten und Bowens Smartphone durchsuchten, stießen sie auf die Konversationen mit ChatGPT und die detaillierten Absetzpläne.

Die Familie hat inzwischen eine Klage gegen OpenAI eingereicht. Der Vorwurf: Der Chatbot habe ohne Zulassung medizinische Ratschläge erteilt, lebensbedrohliche Symptome verharmlost und Ärzte als Hindernisse dargestellt, die es zu umgehen gelte.

Zudem wird angeführt, dass die Kommunikation auf Chinesisch das Antwortverhalten des Systems beeinflusst haben könnte. In welchem genauen Kausalzusammenhang die Ratschläge mit ihrem Tod stehen und welche rechtliche Verantwortung OpenAI trifft, müssen nun die Gerichte klären.

Das gefährliche Phänomen übertriebener Bestätigung

Bowen nutzte GPT-4o – ein Modell, das OpenAI am 13. Februar 2026, nur einen Tag nach ihrem geschätzten Todeszeitpunkt, aus ChatGPT entfernte. Das Unternehmen bezeichnete den Fall als zutiefst tragisch und erklärte, nachfolgende Modelle könnten Notsituationen zuverlässiger erkennen und gezielter auf professionelle Hilfe verweisen.

Der Fall reiht sich in weitere Klagen gegen OpenAI ein, bei denen es um das Phänomen der sogenannten Sycophancy geht – das übermäßig gefällige und unkritische Bestätigen von Nutzereingaben. Ein Verhalten, das das Unternehmen bereits 2025 öffentlich eingeräumt hatte.

Wenn euch eine künstliche Intelligenz stets mit Zuversicht, Nähe und uneingeschränkter Zustimmung begegnet, besteht die Gefahr, dass ihr ihr unbemerkt eine Autorität zuschreibt, die ihr schlicht nicht zusteht – mit potenziell lebensgefährlichen Konsequenzen bei medizinischen Entscheidungen.

Ob die Klage einen Erfolg haben wird, zeigt die Zukunft. Generell solltet ihr die Antworten einer KI jedoch nie über die Aussagen von Ärzten stellen und euch in gesundheitlichen Fällen immer an entsprechende Experten wenden.


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