Die kleine Karibikinsel Anguilla ist aktuell Nutznießer eines glücklichen Zufalls, der infolge des KI-Booms der vergangenen Jahre zu einem nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor emporstieg. Der Schlüssel zum Erfolg dürfte den Internethistorikern unter euch bekannt vorkommen.
Der Zufall, der zur Goldgrube wurde
Als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte, wurden Ländern und Territorien weltweit länderspezifische Internetdomains zugewiesen. Während Deutschland ».de« erhielt, bekam das britische Überseegebiet Anguilla die Domain ».ai«.
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Vielleicht ahnt ihr ja jetzt schon, wie diese Geschichte endet. Fast drei Jahrzehnte lang generierte die .ai-Domain bescheidene Einnahmen, die selten fünf Prozent der Regierungseinnahmen überstiegen.
Die Situation änderte sich schlagartig mit dem Aufkommen der künstlichen Intelligenz und insbesondere mit der Einführung von ChatGPT im November 2022. Plötzlich entdeckten Technologieunternehmen weltweit, dass ».ai« perfekt zu ihren Geschäftsmodellen passte – die Abkürzung steht im Englischen für »Artificial Intelligence«.
Einer Analyse des österreichischen Anbieters Domaintechnik zufolge boomt das Domain-Geschäft seitdem:
- Das Territorium mit nur rund 15.000 Einwohnern und einer Fläche von 96 Quadratkilometern generierte 2024 mehr als ordentlich 105,5 Millionen Ostkaribische Dollar (etwa 39 Millionen US-Dollar) aus .ai-Domainverkäufen. Zur Einordnung: Dieser Wert entspricht 23 Prozent der gesamten Regierungseinnahmen des Jahres.
- Im Vergleich dazu macht der Tourismus, traditionell die wichtigste Einnahmequelle Anguillas, etwa 37 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Die Domain-Einnahmen haben damit bereits fast zwei Drittel der touristischen Erträge erreicht.
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Erneuerungszyklen als Geschäftsmodell treibt 2025 voran
Die Regierung Anguillas projiziert für die kommenden Jahre ein kontinuierliches Wachstum der Domain-Einnahmen. Für 2025 werden 132 Millionen Ostkaribische Dollar (etwa 48,8 Millionen US-Dollar) erwartet, was den Anteil am Staatsbudget auf 47 Prozent ansteigen lässt.
Dieser Sprung ist nicht allein mit Neuzugängen erklären; stattdessen hat Anguilla auch eine wirtschaftlich clevere Strategie für Domains. Das Territorium erhebt wohl zwischen 150 und 200 US-Dollar (via BBC) für eine solche .ai-Domainregistrierung – auf zwei Jahre befristet.
- Damit werden nicht nur neue Registrierungen gefördert, sondern auch ein stetiger Einnahmenstrom durch die Erneuerung solcher Domains gesichert.
- Besonders begehrte Domain-Namen werden über Auktionen verkauft und erzielen teilweise spektakuläre Preise. Der Mitgründer von HubSpot Dharmesh Shah zahlte laut der BBC etwa 700.000 US-Dollar für die Domain »you.ai«.
Um das explosive Wachstum zu bewältigen, schloss Anguilla indes im Oktober 2024 eine Fünfjahres-Vereinbarung mit Identity Digital, einem US-amerikanischen Technologieunternehmen, das auf Domain-Registrierungen spezialisiert ist.
- Diese Partnerschaft bringt entscheidende Vorteile, denn das US-Unternehmen betreibt die .ai-Domains nun über ein globales Servernetzwerk, was das Risiko von Ausfällen durch Hurrikane oder anderer Infrastrukturprobleme auf der Insel minimiert.
- Identity Digital erhält etwa zehn Prozent der Einnahmen, während der Großteil an die anguillianische Regierung fließt.
Damit unterscheidet sich Anguilla auch von einer Region, die einen ähnlichen Geldboom durch eine zufälligerweise gefragte Domainendung erlebte: Tuvalu, ein pazifischer Inselstaat, verdient seit Jahren mit seiner .tv-Domain, die bei Streaming-Plattformen und Fernsehsendern nachvollziehbarerweise beliebt ist. Tuvalu arbeitet jedoch über externe Geschäftspartner und erhält nur etwa fünf Millionen US-Dollar jährlich (Stand 2022).
Der frische Reichtum soll übrigens den Regierungsplänen Anguillas zufolge in mehrere Zukunftsinvestitionen gesteckt werden. Eines davon ist ein 175 Millionen US-Dollar schwerer Flughafenausbau, mit der die Tourismusbranche entlastet werden soll.
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