Augmented Reality, das klang für mich lange wie eine nicht nur spannende, sondern wie eine quasi unausweichliche Technologie. Der Nachfolger der Smartphones – smarte Brillen, die Inhalte viel direkter anzeigen können als ein Telefon, das erst aus der Tasche gekramt werden muss.
Brillen (oder später vielleicht Kontaktlinsen), die die Umgebung wahrnehmen und per KI darauf sinnvoll reagieren. Ein Segen für Menschen mit Einschränkungen beim Sehen oder Hören. Oder für Leute mit Gesichtsblindheit, ich huste hier einmal verlegen vor mich hin. Ein kleines Ausrufezeichen über Leuten aus meiner Kontaktliste würde reichen.
Ein naiver Traum, das weiß ich auch. Eine Utopie ohne Datenschutzprobleme, gierige Unternehmen, KI-Sorgen. Inzwischen glaube ich nicht mehr an einen Durchmarsch von Augmented Reality. Es ist kein technisches Problem, es ist fehlendes Vertrauen.
Das Problem sind Kameras und Mikrofone
Bei den Herausforderungen von AR dachte ich an Akkukapazitäten, Energieaufnahme von Prozessor und Speicher oder die Herausforderungen, auch noch ein Display unterzubringen. Aber eigentlich hat schon Google Glass vor vielen Jahren gezeigt, woran AR tatsächlich scheitern könnte.
Damals kam der Begriff der »Glassholes« auf, Google-Glass-Nutzende, die die Kameras dazu nutzten, andere Personen unbeobachtet zu filmen. Das wiederholt sich aktuell: Immer wieder kommt es zu Fällen unerlaubt gefilmter Menschen, die sich plötzlich ungewollt im Internet wiederfinden. Vor allem Freibäder werden offenbar rege genutzt, um leichtbekleidete Frauen und sogar Kinder aufzunehmen.
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Zwar geben LEDs oder Geräusche Hinweise, dass die Brille gerade aufnimmt, allerdings lassen sich diese Funktionen mehr oder weniger leicht umgehen. Und selbst wenn nicht: Noch kennt kaum jemand Smart Glasses oder AR-Brillen, entsprechend werden sie auch nicht als Aufnahmegeräte wahrgenommen.
Das dürfte sich mit zunehmender Verbreitung aber immerhin ändern: Die Dinger verkaufen sich trotz dreistelliger Preise wie geschnitten Brot. Aber egal, wie gut man sich mit den Warnmechanismen der Brillen auskennt, für lauschende Mikrofone gibt es (noch) keine Hinweise. Da die Brillen meist auch per Sprachbefehl arbeiten, wird hier oft und viel aufgenommen.
Meta will Kameras ohne Warnung laufen lassen
Besonders eifrig im Geschäft der smarten Brillen ist Meta, die zusammen mit Ray Ban und Oakley sehr erfolgreiche Kooperationen haben. Aus dem Meta-Konzern gibt es klare Hinweise auf Brillen, die ihre Umgebung durchgehend wahrnehmen. Audio soll bei diesem Super Sensing genannten Verfahren dauerhaft, Fotos im Sekundentakt aufgenommen werden.
Darauf bekommt der Nutzende zwar üblicherweise keinen Zugriff, zu Meta übertragen dürften die Daten aber trotzdem werden, da in der schmalen Brille vorerst kein ausreichend starker AI-Prozessor arbeiten wird. Schlecht dabei: Erst im vergangenen Jahr kam heraus, dass Meta die Aufzeichnungen der Brillen auch zum KI-Training nutzt, und dass dafür menschliche Mitarbeitende zum Einsatz kamen. Mitarbeitende, die teils sehr sensible und private Inhalte zu Gesicht bekamen.
Apple verzögert eigene Smart Glasses wegen Glasshole-Sorgen
Dass auch Apple an einer smarten Brille arbeitet, ist kein großes Geheimnis, bisherige geleakte Roadmaps sahen vor, dass bereits Ende 2026 eine öffentliche Ankündigung dazu geplant war. Ein Release wäre dann 2027 ins Auge gefasst worden.
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Allerdings hat Apple offenbar ein besseres Auge für die gesellschaftliche Stimmung als Meta: Berichten von Bloomberg zufolge, soll Apple Vorstellung und Release der Smart Glasses verschoben haben. Nicht aus technischen Gründen, sondern aus gesellschaftlichen. Offenbar will man im Konzern noch einmal in sich gehen, wie sich Glasshole-Momente verhindern lassen.
Wie genau das funktionieren soll, ist allerdings noch nicht bekannt. Eine smarte Brille ganz ohne Kameras wäre wohl die sauberste, aber auch die für Nutzende am wenigsten reizvolle, Lösung. Aber sonderlich smart wäre die Brille dann nicht mehr. Ein Widerspruch, an dem sogar Apple scheitern könnte – zusammen mit Samsung, Meta und anderen hoffnungsfrohen Herstellern.
Lässt sich das Vertrauen zurückgewinnen?
Inzwischen gehöre ich zu den Menschen, die AR nicht mehr als unvermeidbare Zukunft sehen. Nicht, solange es Männer ohne ausreichende Triebkontrolle gibt. Missbrauch von Smart Glasses und AR-Hardware dürfte sich nur sehr schwer verhindern lassen.
Einen guten Start hatte die Technologie nicht, Google hat das Missbrauchspotenzial bei der Einführung der Google Glass stark unterschätzt. Meta scheint es schlicht egal zu sein. Samsung und Apple winden sich. Einerseits versprechen die klugen Brillen gute Umsätze und einen komplett neuen Markt, andererseits könnte ein einziger User ausreichen, den Ruf des ganzen Unternehmens zu beschädigen.
Auch wir als Gesellschaft sollten uns fragen: Wollen wir das eigentlich alles? In Spezialbereichen wie der Medizin ließe sich der Missbrauch besser in den Griff bekommen: Üblicherweise wollen diese Nutzenden die Brille unbedingt behalten, weil sie einen sehr starken Mehrwert bieten, aber im Alltag einer Nutzermenge wie bei Smartphones?
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Damit einher geht auch eine sehr intime Kartierung der Welt, der Menschen und ihrer Gewohnheiten. Machen wir uns nichts vor: Unternehmen mit Gewinnabsicht werden die ohnehin von all den Sensoren gesammelten Daten für ihre Datenzentren nutzen. Personalisierte Werbung
bekommt da einen noch viel düstereren Unterton.
Wie seht ihr das? Sind wir als Gesellschaft überhaupt bereit für eine doch recht invasive Technologie wie Smart Glasses und Augmented Reality? Oder geht ihr davon aus, dass für die bestehenden Probleme politische oder gesellschaftliche Lösungen gefunden werden, weil die Vorteile der Technologie überwiegen?



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