Im Jahr 1807 wurden Schweine auf einer Insel ausgesetzt, damit schiffbrüchige Seeleute sie essen konnten. 192 Jahre später fanden Forscher dort ganz andere Tiere vor

Ein essbarer Rettungsanker nahe Neuseeland sorgt heutzutage für Verdruss unter Biologen. Einst retteten Tiere Leben, doch die Zeit veränderte sie ungeplant.

Das Fleisch von Schweinen rettete einst Seeleuten das Leben. Heutzutage sitzen sie jedoch wie ein Stachel in der biologischen Ordnung der Region, in die wir sie einst verschleppten. (Bildquelle: Adobe Firefly, generative KI). Das Fleisch von Schweinen rettete einst Seeleuten das Leben. Heutzutage sitzen sie jedoch wie ein Stachel in der biologischen Ordnung der Region, in die wir sie einst verschleppten. (Bildquelle: Adobe Firefly, generative KI).

Die Weltmeere locken seit Jahrtausenden die Wagemutigen. Entfernte Ozeane wie die See in der subantarktischen Zone gehören selbst heute noch zu den gefährlichsten Gewässern der Erde – Stürmen, Kälte und extrem unwirtlichen Bedingungen geschuldet. Schiffbrüchigen drohte hier vor allem in der Ära vor den Dampfschiffen der sichere Tod. 

Da kam Kapitän Abraham Bristow aus der Handelsflotte der Reederei Samuel Enderby & Sons auf eine Idee: Es bräuchte eine verlässliche Nahrungsquelle für Notfälle in der Region. Er lud diesem Gedanken folgend im Frühjahr 1807 eine spezielle Fracht auf sein Schiff und brachte sie zu den Auckland-Inseln, rund 500 Kilometer südlich von Neuseeland. Die Folgen dieses Einfalls begleiten uns bis heute – im Guten wie im Bösen.

Lebender Notnagel für Schiffbrüchige

Abraham Bristow setzte auf den Auckland-Inseln einige Wochen nach Abfahrt aus London Hausschweine (Sus scrofa) aus. Die Idee war so simpel wie augenscheinlich genial: Sollten sich hierhin Seeleute retten, fänden sie eine Nahrungsquelle vor, die sich bis dahin selbst am Leben und im besten Fall sogar über die mehr als 500 Quadratkilometer messende Landschaft ausbreiten könnte. 

Erste Beobachtungen kündeten vom Erfolg des Plans: Die Schweine überlebten in der harschen Umgebung, in der es nur im Südsommer überhaupt mal an die 16 Grad Celsius warm wird (Jahresdurchschnitt acht Grad Celsius). Das Ganze wiederholte sich, weitere Tiere kamen auf die Insel, um die quasi-Vorräte aufzustocken.

Danach blieb die Population bis in unsere Zeit isoliert und florierte selbst ohne menschliche Fütterung oder Ställe – aber eben auch ohne nennenswerte Fressfeinde. Ihre eigene Nahrung fanden die Schweine in Wurzeln, Insektenlarven oder auch angespülten Meerestieren. 

Nur einmal kam es zur Unterbrechung der Ruhe und zum befürchteten Ernstfall: Die General Grant, ein Handelsschiff mit 83 Passagieren und Besatzungsmitgliedern, sank in der Nähe – und die Schweine ereilte ihr geplantes Schicksal. Denn die Schiffbrüchigen schlachteten einige von ihnen und überlebten deshalb bis zu ihrer Rettung 18 Monate später. Die Schweinerotte blieb erneut sich selbst überlassen zurück. Frei sich zu vermehren – und zu verändern.


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Trennung schafft Unterschiede

Über die Zeit entwickelte sich aus den einstigen europäischen Hausschweinen ein genetisch unterscheidbarer Typ. Von einer Generation zur nächsten passten sie sich langsam, aber messbar an ihre neue Umgebung an.

Sie schrumpften, wurden leichter und athletischer, entwickelten einen länger gezogenen Kopf und dichtes Fell – allesamt erstrebenswerte Eigenschaften in dem rauen Klima und dem zerklüfteten und vielerorts steil zum Meer abfallenden Gelände.

Einordnung: Im Vergleich zu heutigen Hausschweinen wiegen sie nur rund ein Fünftel bis ein Drittel und sind entsprechend auch kleiner. Wie groß der Unterschied aber zu dem Anfang des 19. Jahrhunderts verbreiteten Hausschwein ausfällt, lässt sich nicht exakt beziffern.

1999 – also 192 Jahre nach der ersten Aussetzung – fingen Wissenschaftler der Rare Breeds Conservation Society of New Zealand (RBCSNZ) 17 Tiere ein, darunter mehrere trächtige Sauen. Sie kamen in eine eigens gebaute Quarantäneeinrichtung in Invercargill. In Zukunft sollen sie dort aktiv weiter gezüchtet werden.

Erwartet sich die medizinische Forschung schließlich Großes von den Zellen der kleinen Schweinchen. Denn sie hatten für lange Zeit keinen Kontakt zu global verteilten Erregern. Die Schweine könnten helfen, Organe effektiver zu transplantieren oder Diabetes zu behandeln.

Derweil liegt über der 200-jährigen Heimat der Schweine ein düsterer Schatten. Sie dürfen nämlich auf den Auckland-Inseln nicht bleiben.

Jagd auf invasive Störenfriede

Heutzutage bezeichnen wir nämlich die Nachfahren der vor 200 Jahren hierher verschleppten Schweine vor allem als eines: als eine invasive Art – Mutation hin oder her. Sie gehören nicht auf die Insel und das zeigt das Eiland auch.

Schließlich zieren die Spuren der Besiedelung allerorts Flora und Fauna: Die Schweine graben den Boden um, fressen Wurzeln, Wirbellose sowie Eier und Küken bodenbrütender Seevögel und schädigen massiv die einheimische Vegetation. Kurzum: Kapitän Abraham Bristow und seine Nachfolger haben das Schicksal allen Lebens auf den Auckland-Inseln nachhaltig verändert – oder sogar zerstört.

Deshalb verfolgt Neuseelands Naturschutzbehörde im Zuge des Maukahuka-Restaurierungsprojekts ein klares Ziel: Die Schweine sowie kleinere Bestände von Katzen und Ziegen, die sich mit der Zeit ebenfalls per Schiff hierhin verirrten, müssen verschwinden. Heutzutage leben dort noch geschätzt zwischen 700 und 1.500 Tiere.


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Dieser Fall führt uns dreierlei vor Augen:

  • Was wir heute tun, hat mitunter weitreichende Folgen, deren Natur wir nicht absehen können. Sie mögen Vorteile mit sich bringen – oder eben auch Nachteile. Erst die Folgegenerationen werden das wahre Resultat sehen. Aber wir können heute besser als Forscher vor 200 Jahren abschätzen, in welche Richtung wir aufgrund unserer Handlungen driften. 
  • Schon damals gehörte das Wissen um invasive Arten implizit dazu. Aber es interessierte sich niemand dafür, was die Hausschweine hier eventuell anrichten. Nun fällt Neuseeland eine unliebsame Aufgabe zu und den Schweinen droht mittelfristig die Ausrottung – zumindest dort vor Ort.
  • Exotische Tierarten oder Varianten ihrer selbst stehen für ein enormes Potenzial. Nicht umsonst erwarten uns nach Meinung der Biologie wahrscheinlich etliche Heilmittel für heute tödliche Krankheiten in den Ozeanen und Regenwäldern unseres Planeten.

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