Ein Hauch Jurassic Park hat endlich einen lang gehegten Verdacht zur Antarktis bestätigt

Ein Fund im tiefsten Süden unseres Planeten schließt eine Lücke im Puzzle der geologisch-klimatologischen Geschichte, im Fokus: Dinosaurier.

Einst beherrschten mächtige Wälder die Ländereien auf dem antarktischen Kontinent – heute liegt alles zerfroren unter Kilometern von Eis. Und doch gelangte ein kleines Stück Bernstein in unseren Besitz; es berichtet aus einer längst vergessenen Epoche.
(Bildquelle: Adobe Firefly, generative KI) Einst beherrschten mächtige Wälder die Ländereien auf dem antarktischen Kontinent – heute liegt alles zerfroren unter Kilometern von Eis. Und doch gelangte ein kleines Stück Bernstein in unseren Besitz; es berichtet aus einer längst vergessenen Epoche. (Bildquelle: Adobe Firefly, generative KI)

Das Blut der Bäume floss auf allen Kontinenten der Erde – jetzt wissen wir endgültig, dass diese Aussage stimmt. Nach Jahrzehnten der Suche entdeckten Forscher in den unterseeischen Tiefen der Antarktis nämlich etwas, das uns nur noch von dort fehlte. Ihr kennt es als vor Äonen vergrabene Schatzkisten für Dino-DNA aus Jurassic Park: Bernstein.

In der Realität ist es aber eine einzigartige Zeitkapsel, deren Inhalt uns aus der Geschichte eines unter Eis begrabenen Kontinents erzählt.

90 Millionen Jahre alter Bernstein

Wir erleben einen an sich komplett normalen Tag auf einem besonderen Schiff im Jahr 2017: der RV Polarstern, einem deutschen Forschungseisbrecher in einer der extremsten Klimazonen der Erde. Das Schiff ankert am Pine-Island-Trog des Amundsen-Meeres, Westantarktis. Dieses Mal ist ein internationales Team vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) und anderen Institutionen an Bord.

Sie suchen gemeinsam nach den Überresten einer längst vergangenen Epoche des heute fahl-weißen Eiskontinents. In 946 Metern Tiefe finden sie schließlich im Sediment des Meeresbodens einen Schatz: den Pine Island Bernstein. Einst brachten ihn Flüsse dorthin, von denen heute nur noch überflutete oder mit Eis gefüllte Täler übrig sind (via cambridge).


Die Polarstern kommt inzwischen in die Jahre, weshalb auch ein Neubau derzeit Gestalt annimmt. Allerlei Faszinierendes zum nach allen Standards modernsten Forschungsschiff der Welt verraten wir euch in einem ausführlichen Artikel – unter anderem, weshalb ein Loch im Rumpf eines seiner wichtigsten neuen Features darstellt.


Video starten 5:15 NASA-Video aus dem Jahr 2009: Wie der Klimawandel die Ozeane beeinflusst

Was ist Bernstein? Vereinfacht könnt ihr euch Bernstein als versteinertes Blut von Bäumen vorstellen. Wenn der Stamm, insbesondere der von Nadelbäumen, beschädigt wird, tritt aus diesen Wunden Harz aus. Die klebrige Substanz dient dazu, die Schadstelle abzudichten. Durch Kontakt mit der Luft verdichtet sich die Substanz zum zähflüssigen Kopal. Dabei schließt er etliches an organischem sowie anorganischem Material mit ein, das an ihm haften blieb. Das können auch Insekten sein, wie dramatisiert in Jurassic Park ausgenutzt.

Kopal bleibt letztlich auch intakt, wenn der Ursprungsbaum längst abgestorben ist. Nun fehlt nur noch eines: Zeit, viel Zeit. Über Jahrmillionen spülen und begraben Wind, Wetter, Gezeiten, Sediment sowie tote Pflanzen das verfestigte Baumblut. Aus Weichem wird mit der Zeit Gestein, und so beginnt die letzte Phase der Geburt eines Bernsteins.

Sobald es nämlich in eine anaerobe, also sauerstoffarme beziehungsweise lose Umgebung gerät, setzt der sogenannte Polymerisationsprozess ein. Der Kopal härtet zu Bernstein aus. Er besteht aus dem, was ihn über Äonen formte: Kohlen-, Wasser- und Sauerstoff sowie geringe Mengen Schwefel plus eingeschlossene Reste von Tieren und Pflanzen.

Der Pine Island Bernstein

Inmitten einer Schicht aus braunkohleartigen Ablagerungen ruhte der »Pine Island Bernstein« für rund 90 Millionen Jahre als organischer Botschafter der sogenannten Mittelkreide. Damals bevölkerten berühmte Dinosaurier wie Spinosaurus, Giganotosaurus oder Argentinosaurus die Erde. Die Antarktis selbst bot auch in dieser Epoche Dinosaurierarten eine Zuflucht, da ist sich die Forschung sicher. Doch wir haben bisher keine Funde aus genau dieser Zeitperiode. Funde sind aufgrund der dortigen Bedingungen und Abgelegenheit relativ rar.

Auf in der Zeit eingefrorene Moskitos mitsamt bestens konservierten Dinoblut wie in Jurassic Park dürfen wir derweil nicht hoffen – vor allem da der Bernstein winzig ist, 0,5–1,0 mm groß, verteilt über mehrere Teilstücke. Und selbst wenn: Wir wären derzeit nicht in der Lage, aus gesaugter, Millionen Jahre alter Dino-DNA urzeitliche Exemplare zu klonen.

Was nach zerbrochenem Unrat klingt, stellt für die Forschung dennoch eine Sensation und lang gesuchtes Bindeglied dar. Denn bis zuletzt besaßen wir Bernstein-Funde von allen Kontinenten der Erde – nur nicht von der Antarktis.

Der Bernstein beweist nämlich endgültig, was wir schon lange annahmen: Die Antarktis war einst Heimat für üppige Flora (Pflanzen) und wahrscheinlich auch zugehörige Fauna (Tiere) – typisch für ein sumpfiges, temperiertes Wald-Ökosystem, eventuell sogar einen Regenwald (via Nature). Ein Kleinod also, das weit mehr darstellt als ein Kuriosum. Der Bernstein aus der Antarktis ist eine Zeitkapsel des Kreidezeitalters.

Dieser Fund gibt direkte Einblicke in die Umweltbedingungen vor 90 Millionen Jahren.

Johann Klages vom AWI als Lead-Autor


Ein direkter Vergleich zur heutigen Geografie birgt seine Tücken, da die atmosphärische Zusammensetzung anders war (höherer Sauerstoffgehalt, wie erwähnt mehr CO₂). Aber am ehesten wären wohl die Küsten des Mittelmeeres als bildhafter Vergleich geeignet. Das Eis begann sich erst seit etwa 34 Millionen Jahren anzusammeln, nachdem die Antarktis durch die Kontinentaldrift der Platten weit genug gen Südpol gerückt war.

Für die Menschheit steht die Antarktis ausschließlich für Solcherlei: massives Eis, Kälte und natürlich Pinguine. (Bildquelle: Mario Hoppmann - stock.adobe.com) Für die Menschheit steht die Antarktis ausschließlich für Solcherlei: massives Eis, Kälte und natürlich Pinguine. (Bildquelle: Mario Hoppmann - stock.adobe.com)

Die Antarktis taut

Obschon die Antarktis heute einem riesigen Eiswürfel gleicht, sind die Tage der gigantischen Gletscher gezählt. Auf dem baumbewachsenen Land, von dem der Pine Island Bernstein einst herkam, mag heute eine kilometerhohe Eiswand thronen, aber das ist temporär. Denn der siebte Kontinent taut.

Die durch uns drastisch beschleunigte Erwärmung der Erde destabilisiert die Vereisung. Letztere wäre irgendwann ohnehin geendet, aber erst in hunderten Millionen Jahren, wenn die Antarktis erneut näher zum Äquator gewandert ist.

An manchen Flanken bröckelt der Eisschild derart, dass Wissenschaftler überlegen, eine 80 Kilometer lange Mauer zu bauen. Ihr Sinn wäre es, das drohende Wegbrechen einer Art riesenhaften Korken vor einem Fjord zu verhindern. Denn sollte der sogenannte Doomsday-Gletscher abbrechen – in der Fachsprache kalben – risse er eine Kerbe in die Eismauer, wodurch Unmengen an Eis hinter ihm relativ schnell abtauen könnten, das Resultat: ein beschleunigter Anstieg des Meeresspiegels.


Kommentare(0)
Kommentar-Regeln von GameStar
Bitte lies unsere Kommentar-Regeln, bevor Du einen Kommentar verfasst.

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.