Ihr habt sicher schon mal einen E-Scooter gesehen, der deutlich schneller als mit 20 km/h an euch vorbeischießt, als ihr es von jedem Leihroller kennt. Die meisten denken sich nichts dabei.
Was die wenigsten wissen: Das ist nicht einfach nur schnell gefahren. Das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit komplett illegal.
Um euch das vor Augen zu führen, habe ich mir den stärksten E-Scooter geschnappt, den ich finden konnte: den »Ausom DT2 Pro«. Er hat zwei Motoren (!), die in der Spitze bis zu 2.912 Watt entfesseln und ihn somit auf bis zu 68 km/h beschleunigen – mehr als dreimal so schnell wie in Deutschland erlaubt.
Der DT2 Pro ist zwar offiziell auf 20 km/h gedrosselt, doch mit einer Einstellung im Menü könnt ihr diese Drosselung vollständig aufheben. Was dann passiert, zeigt ziemlich genau, warum die Regeln existieren, die kaum jemand kennt.
Transparenzhinweis: Das Testprodukt wurde mir vom Hersteller zur Verfügung gestellt. Wie wir Hardware unabhängig im Alltag testen und wie wir mit Testmustern umgehen, erfahrt ihr im GameStar-Kodex. Mit dem Code GAMESTAR6 bekommt ihr beim Kauf im Online-Shop 6 Prozent Rabatt.
Die brachiale Leistung des Ausom DT2 Pro
Die Power ist in beiden Modi brutal – gedrosselt genauso wie mit voll aufgehobener Begrenzung. Der Unterschied zu jedem Roller mit deutscher Zulassung ist himmelweit. Schon mit nur einem aktiven Motor, in der niedrigsten von drei Stufen im ungedrosselten Zustand, schafft der DT2 Pro 30 km/h!
Die Reifen halten einiges aus, die Federung dämpft ordentlich. Doch über 30 km/h auf einem E-Scooter fühlen sich dennoch gefährlich an – und sind es auch.
An Steigungen merkt ihr diese Kraft am deutlichsten: Wo andere Scooter kämpfen, zieht der DT2 Pro mühelos durch, ohne spürbaren Leistungseinbruch. Schaltet ihr auf eine höhere Stufe oder aktiviert beide Motoren gleichzeitig, hebt teilweise sogar das Vorderrad ab.
Genau das zeigt beides gleichzeitig: wie brachial diese Power tatsächlich ist – und wie gefährlich sie in den falschen Händen wird.
Ich habe versucht, den DT2 Pro auf seine Maximalgeschwindigkeit zu beschleunigen, mich dann aber nicht getraut. Bereits bei 40 km/h fühlte ich mich trotz stabiler Bauweise, guter Federung und dicker Reifen derart unsicher, dass ich mir die restlichen 28 km/h nicht mehr zugetraut habe.
Man muss sich das mal vor Augen führen: Über 60 km/h fühlen sich in einem Auto beiläufig an, auf einem Moped noch beherrschbar – dort sitzt ihr geschützt, entweder mit Gurt oder zumindest einem stabilen Rahmen zwischen euch und der Straße.
Auf einem Scooter mit nur 10-Zoll-Rädern (12 wären besser!) steht ihr frei auf einer schmalen Plattform, jede Bodenwelle geht ungefiltert durch euch hindurch, nichts ist zwischen euch und dem Asphalt. Bei diesem Tempo ist potenziell lebensgefährlich.
Warum das in Deutschland nicht erlaubt ist – auch nicht gedrosselt
Der entscheidende Punkt, den viele falsch verstehen: Es geht nicht darum, wie schnell der Scooter gerade eingestellt ist. Es geht darum, ob das Modell überhaupt eine Allgemeine Betriebserlaubnis (ABE) für Deutschland hat. Und die hängt am Baumuster, nicht am Tacho-Wert im jeweiligen Moment oder an der Art, wie der Motor softwareseitig gedrosselt wird.
Der DT2 Pro hat jedenfalls keine Zulassung. Ausom schreibt selbst im eigenen deutschen Onlineshop: Dieses Modell verfügt über keine Straßenzulassung (ABE) für Deutschland.
Verkauft wird er als Gelände- und Offroad-Gerät, mit dem Verweis auf ein anderes Modell im eigenen Sortiment für alle, die tatsächlich auf der Straße fahren wollen.
Das bedeutet: Selbst im gedrosselten 20-km/h-Modus darf dieser Scooter nicht auf öffentlichen Straßen bewegt werden.
Wo der Roller dann überhaupt fahren darf? Dazu komme ich gleich, wenn es darum geht, wer sich so ein Gerät sinnvollerweise überhaupt zulegen sollte.
Woran ihr einen nicht zugelassenen E-Scooter erkennt
Ein paar Warnsignale, auf die ihr beim Scooter auf dem Gehweg oder beim eigenen Kauf achten solltet:
- Keine Versicherungsplakette am Heck – die ist bei jedem zugelassenen E-Scooter Pflicht.
- Keine ABE-Nummer auf dem Typenschild, oder der Händler kann sie auf Nachfrage nicht nennen.
- Werbung mit
Sport-Modus
,entsperrbarer Geschwindigkeit
oder Reichweiten- und Leistungsangaben, die deutlich über dem liegen, was für Elektrokleinstfahrzeuge in Deutschland erlaubt ist. - Import über internationale Shops ohne erkennbare deutsche Homologation.
Kurz erklärt: das Versicherungskennzeichen 🛴
Jeder zugelassene E-Scooter braucht eine Haftpflichtversicherung, sichtbar als kleine Plakette am Heck – Pflicht für jedes Elektrokleinstfahrzeug seit Einführung der eKFV 2019. Ihr bekommt sie bei jedem Kfz-Versicherer oder über Vergleichsportale, meist online in wenigen Minuten und ganz ohne Zulassungsstelle.
Die Farbe wechselt jährlich in einem Dreijahres-Rhythmus, für 2026/27 ist sie schwarz, und das Versicherungsjahr läuft vom 1. März bis Ende Februar. Kostenpunkt: Reine Haftpflicht gibt es schon ab rund 15 bis 25 Euro im Jahr, mit Diebstahlschutz eher 40 bis 90 Euro.
Das droht euch, wenn ihr erwischt werdet
Es drohen 70 Euro Bußgeld, außerdem kann das Gerät beschlagnahmt werden. Das klingt überschaubar. In besonderen Fällen kommt aber eine Strafanzeige wegen Verstoßes gegen das Pflichtversicherungsgesetz oder Fahrens ohne Fahrerlaubnis dazu – das ist keine Ordnungswidrigkeit mehr, sondern eine Straftat.
Außerdem wichtig: Baut ihr mit einem unversicherten Gerät einen Unfall mit Personen- oder Sachschaden, springt keine Kfz-Haftpflicht ein. Ihr haftet privat und unbegrenzt.
Wer sollte sich sowas überhaupt kaufen?
Kaum jemand mit einem normalen Alltagsbedarf. Wer den DT2 Pro legal nutzen will, braucht entweder ein eigenes Privatgrundstück mit klarer Erlaubnis, Zugang zu einer privaten Rennstrecke oder einem Offroad-Park, der so etwas zulässt, oder kauft ihn als reines Bastel- und Sammlerobjekt, ohne ihn ernsthaft im öffentlichen Raum zu bewegen.
Für alle anderen gibt es in Deutschland schlicht keinen legalen Ort, das Gerät zu fahren. Trotzdem verkauft Ausom es aktiv über den eigenen deutschen Store.
Ich habe vor Veröffentlichung bei Ausom nachgefragt, wer aus ihrer Sicht so ein Gerät kaufen soll.
Die Antwort: Käufer in ländlichen Regionen mit eigenem Grundstück, Kunden in Grenzregionen zu Nachbarländern mit lockereren Regeln, und Nutzer in bergigen Gegenden im Süden, die auf die Steigfähigkeit angewiesen sind. Von der Nutzung auf öffentlichen Straßen rät Ausom offiziell ab, räumt aber ein, dass einige Käufer das Risiko trotzdem eingehen.
Ausom gibt zudem an, dass die eigenen ABE-Modelle technisch komplett gegen Entdrosselung gesichert seien, anders als bei manchen Konkurrenzprodukten. Wer unbedingt hohe Geschwindigkeit will, greife deshalb gezielt zu Nicht-ABE-Modellen wie dem DT2 Pro. Der Großteil der deutschen Verkäufe entfällt laut Ausom trotzdem auf legale ABE-Modelle.
Immerhin: Für nächstes Jahr, vermutlich im August, plant Ausom ein Dual-Motor-Modell mit echter ABE.
Rechtlicher Hinweis: Der Ausom DT2 Pro besitzt keine Allgemeine Betriebserlaubnis (ABE) nach eKFV und darf in Deutschland unabhängig vom Geschwindigkeitsmodus nicht auf öffentlichen Straßen genutzt werden. Die Testfahrten für diesen Artikel fanden ausschließlich mit ausdrücklicher Genehmigung des Grundstückseigentümers auf einer privaten, nicht öffentlich zugänglichen Fläche statt – nicht auf öffentlichen Straßen oder frei zugänglichen Waldwegen. Die Fotos zu diesem Artikel entstanden an einem anderen Ort, einem Wald, in dem keine Testfahrten stattgefunden haben.
Was in Deutschland tatsächlich legal ist
Wer die Power unbedingt will, aber legal fahren möchte, kommt an einer echten ABE nicht vorbei. Ausom selbst bietet mit dem L1 ABE ein Modell mit gültiger deutscher Straßenzulassung an. Natürlich ist der Motor nicht so mächtig, doch in meinem Test entpuppte sich der Ausom L1 als spaßiger Offroad-und -Stadt-Flitzer.
Grundsätzlich gilt: Vor dem Kauf lohnt sich ein Blick auf das Typenschild und, im Zweifel, ein Abgleich der ABE-Nummer in der Datenbank des Kraftfahrt-Bundesamts.
Und wie fährt sich der Ausom DT2 Pro abseits der Motor-Power?
Vom reinen Fahrgefühl her macht der DT2 Pro vieles richtig. Er liegt satt und sicher auf der Straße und die Bremsen packen richtig zu, da gibt es nichts zu meckern.
Der Haken ist das Gewicht von 33 Kilogramm. Zusammenklappen lässt er sich zwar leicht, doch der Lenker rastet am Trittbrett nur locker ein, und beim Tragen spürt ihr den Klopper in euren Oberarmen.
Für den täglichen Kofferraum-Transport würde ich eher zu einem leichteren Modell greifen, dafür ist der DT2 Pro spürbar stabiler gebaut als die meisten Konkurrenten. Das muss er auch.
Übrigens: Ein kompletter Kontrast zum DT2 Pro von Ausom ist dieser dreifach faltbare E-Scooter von Navee, den ich auf der IFA 2026 ausprobieren konnte. Allerdings handelt es sich noch um einen Prototyp, der 2027 auf den Markt kommen soll:
1:30
Mit diesem neuen E-Scooter seid ihr gleich in doppelter Hinsicht besonders mobil dank cleverer Falt-Technik
Zwei Kleinigkeiten trüben den sonst positiven Eindruck: Das Display ist bei Sonne kaum ablesbar und der Akkustand zeigt sich wieder nur über eine grobe Balkenanzeige statt in Prozent. Bei der Reichweite würde ich, wie bei den meisten Herstellerangaben, mit realistischen 80 Prozent des versprochenen Werts rechnen, exakt gemessen habe ich es nicht – da ich nicht auf öffentlichen Straßen fahren durfte.
Ein nettes Detail ist das Ambientelicht, unter anderem am Lenker und am Trittbrett in Blau, das sich bei Bedarf ausschalten lässt und dem Scooter optisch das gewisse Etwas gibt.
Zudem könnt ihr den Roller, wie schon den L1 ABE, mit einem Passwort sichern und wahlweise sogar mittels NFC-Karte entsperren.
Die Federung fängt kleinere Unebenheiten angenehm ab, bei stärkerem Schotter rüttelt es aber spürbar durch. Für Wurzeln, Feldwege oder ähnlich holprigen Untergrund ist das trotzdem ein spaßiges Fahrgefühl.
Fazit
Der DT2 Pro ist kein Alltags-Scooter mit Extra-Power. Er ist ein Kraftpaket im Drosselkäfig – technisch faszinierend, rechtlich für so gut wie niemanden im Alltag nutzbar. Genau dieser Widerspruch ist es wert, einmal ausgesprochen zu werden, statt ihn stillschweigend auf deutschen Gehwegen zu ignorieren.

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