Als die ersten Dampfloks fuhren, hätte diese Uhr einfach umgestellt werden müssen – stattdessen zeigt sie seit fast 200 Jahren zwei Uhrzeiten an

Es gibt Orte auf der Erde, da tickt die Uhr anders. Zeitzonen kennt jeder, doch eine Uhr in England erzählt zugleich von heute und einer Zeit, wo jede Reise in Tagen anstatt in Stunden gemessen wurden.

Der berühmte Zeitmesser aus Bristol verkündet bis heute zwei Uhrzeiten zur selben Zeit. (Bildquelle: Rick Crowley, CC-Lizenz und Adobe Firefly, generative KI) Der berühmte Zeitmesser aus Bristol verkündet bis heute zwei Uhrzeiten zur selben Zeit. (Bildquelle: Rick Crowley, CC-Lizenz und Adobe Firefly, generative KI)

Wer in Bristol vor dem Gebäude der Getreidebörse steht, erlebt an dessen Stirnseite über dem Haupteingang einen nimmer endenden Wettlauf von Vergangenheit und Zukunft: Auf der sogenannten Dual-Time Clock (Zwei-Zeiten-Uhr) jagt ein schwarzer Minutenzeiger unaufhörlich einen roten, buchstäblich rund um die Uhr. Stets hinkt er exakt 10 Minuten hinterher.

1822 installiert, trug sie wie jede andere herkömmliche Uhr nur einen Stunden- sowie einen Minutenzeiger. Doch zählte der Zeitmesser an dem damaligen Markthaus für Getreidehandel tickend dem Ende einer Ära entgegen: Denn in den 1840er Jahren stellte ganz Großbritannien auf die standardisierte Eisenbahnzeit um. Die schon bald landesweit nach Fahrplänen verkehrenden Güter- und Personenzüge brauchten ein einheitliches sowie überall akzeptiertes System der Tages-/Nachtzeit.

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Eine Zeit... vor unserer Zeit

Vor diesem Umbruch nutzte jede britische Stadt ihre eigene lokale Zeit, basierend auf der Sonnenzeit, also dem akkurat vermessenden Stand der Sonne am Himmel. Die neue Zeiteinteilung orientierte sich an den noch heute gebräuchlichen Zeitzonen nach der sogenannten GMT (Greenwich Mean Time).

Von hier aus ziehen sich die Zonen über den gesamten Globus, GMT-Plus Richtung Osten und GMT-Minus nach Westen. Es eilen also so gesehen alle Gebiete östlich des zivilisatorischen Tages-Null/Startpunktes voraus und die westlich folgen nach (via atlasobscura).

Warum Greenwich?

Der nullte Längengrad verläuft durch den englischen Vorort, der auch heute noch Standort bedeutender Museen und astronomischer Organisationen ist. Die Entscheidung, England quasi zum Mittelpunkt der Welt zu erklären, lag damals nahe. Denn das britische Imperium herrschte im Viktorianischen Zeitalter (benannt nach der langjährigen Königin Viktoria I.) über einen erheblichen Teil des Globus (Großbritannien, Kanada, Australien, Indien und weitere)

Die Festlegung erfolgte im Oktober 1884 auf der Internationalen Meridian-Konferenz in Washington, D.C. mit Vertretern aus 25 Nationen. Es gab zwar weitere, mögliche Orte, aber die schlossen sich entweder aus politischen oder praktischen Erwägungen aus. Greenwich erfüllte abseits seiner Lage in England nahe der damals bedeutendsten Stadt der Welt, London, alle Anforderungen. So gab es dort schon damals Observatorium (via wissen.de).

Exakt vermessen steht jeder Längengrad für 4 Minuten Unterschied. Insgesamt unterteilen wir den Globus in 359 (plus den nullten) Längengrade. 360 mal 4 ergibt 1.440 Minuten und wenn wir das durch 60 teilen, erhalten wir 24 Stunden, also einen kompletten Tag.

Bristol liegt grob 2,5 Grad westlich von Greenwich, also 10 Minuten hinter dem bürokratisch geeichten Nullpunkt. Der rote Zeiger auf der Dual-Time Clock steht seit den 1840ern für die über die Stadtgrenzen hinaus relevante GMT-Zeit. Die Zeit des schwarzen Zeigers nutzten die Einwohner aus Gewohnheit noch für lange Zeit für alle Verabredungen ihres lokalen Alltags. Sobald aber Händler oder Reisende sich mit der Welt außerhalb ihrer Heimat beschäftigten, schlug der rote buchstäblich den Takt dafür.

Warum existieren selbst heute noch zwei Zeiger? Letztendlich entzieht sich die Beibehaltung der beiden Zeiger jeder Praktikabilität, doch wie so oft mutet die Triebfeder dahinter höchst menschlich an: Bewahrung der Vergangenheit. Die historische Bristol-Zeit bleibt eine wichtige Facette, die den eigentümlichen Charakter einer Stadt ausdrückt.

Die Erinnerung an diesen Stolz auf die Heimat bewahren sie sich bis heute – zudem erfüllt sie natürlich touristische Zwecke. So steht die Dual-Time Clock symbolisch für das Ende einer jahrhundertelangen Epoche, eines trotz aller Regenten und Politik im Vergleich losen Bundes unter der britischen Flagge.

Was folgte, gilt im Rückblick als Anbruch der Hochphase des Industriezeitalters in Großbritannien und damit einhergehend zunehmend schrumpfender Distanzen, die von immer mehr Menschen wie selbstverständlich überwunden worden.

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