Es gibt Momente in der Tech-Branche, in denen man unweigerlich den Atem anhält. Wenn Ingenieure Physik-Grenzen zu verschieben scheinen, gebührt ihnen Respekt. Huaweis neues MateBook Pro S ist ein solcher Moment.
Das Notebook wiegt lediglich noch 798 Gramm, dagegen wirkt ein aktuelles MacBook Air mit seinen 1,23 Kilogramm schon regelrecht pummelig. Mit einer Dicke von 11,9 Millimetern ist es allerdings einen Hauch dicker als der Konkurrent mit dem Apfel, der es auf 11,3 Millimeter bringt.
Sehr viel dünner kann ein Notebook dann auf absehbare Zeit auch nicht mehr werden, jedenfalls dann nicht, wenn man zumindest noch USB-C als Anschluss anbieten möchte. Ich könnte mir aber tatsächlich vorstellen, dass irgendwann ein Hersteller auf die Idee kommt, auf physische Schnittstellen zu verzichten und alles über Bluetooth und WLAN abzudecken, geladen wird dann via Induktion. Aber gut, das ist zum Glück noch Zukunftsmusik.
Faszination der Ingenieurskunst vs. Realität
Man muss der Ingenieursabteilung von Huawei ein hohes Lob aussprechen. Technologisch ist das MateBook Pro S ein Meisterwerk. Da wäre zum Beispiel das hochauflösende 14,2-Zoll-OLED-Panel mit seiner neuartigen, pixelbasierten Privacy-Technologie.
Sowas kennt man schon von einigen modernen Smartphones, störende Blicke von der Seite werden dabei unterbunden, ohne dass die Displayqualität für den Nutzer spürbar beeinträchtigt wird. Und natürlich sorgt auch die extrem kompakte Bauweise für offene Münder, keine Frage.
Huawei demonstriert eindrucksvoll, wozu moderne Fertigungsmethoden und Materialwissenschaften imstande sind. Aber so sehr mein Technikherz beim Anblick dieses technischen Wunderwerks höherschlägt, so nüchtern fällt der Blick auf die alltägliche Praxis aus.
Der Markt steuert seit Jahren ungebremst auf eine Obsession zu: Hauptsache dünner, Hauptsache leichter. Wer meine Artikel verfolgt, weiß mittlerweile, dass ich dieser Entwicklung ziemlich kritisch gegenüberstehe. Die Frage nach dem tatsächlichen Mehrwert für den Anwender gerät dabei zunehmend in den Hintergrund.
Ein Laptop, der kaum dicker ist als eine USB-C-Buchse, mag vielleicht im Showroom glänzen. Auf dem Schreibtisch oder im produktiven Einsatz unterwegs wird er allerdings schnell zu einem goldenen Käfig. Ihr könnt immer irgendwelche USB-Dongles mitschleppen, um Anschlüsse wie etwa HDMI oder USB-Typ-A verwenden zu können.
Der Einweg-Laptop: Wartbarkeit und Aufrüstbarkeit tendieren gegen Null
Was bedeutet dieser extreme Schlankheitswahn für die Langlebigkeit? Wer ein Gehäuse bis auf den letzten Millimeterbruchteil ausquetscht, opfert zwangsläufig jede Form von Modularität.
Beim MateBook Pro S, genau wie auch bei den meisten anderen Vertretern dieser Extremkategorie, gilt: Der RAM ist fest verlötet, der Speicher oft fest integriert, der Akku unlösbar verklebt. Wenn in zwei oder drei Jahren die Speicherkapazität nicht mehr ausreicht oder der Akku verschleißt, könnt ihr euch das gesamte Gerät als moderne Kunst an die Wand nageln.
Eine spätere Aufrüstung oder einfache Reparatur? Ausgeschlossen oder extrem teuer. In Zeiten, in denen Nachhaltigkeit und das Right to Repair
zu Recht eingefordert werden, wirkt dieser Konstruktionsansatz wie ein Rückschritt. Ein Computer sollte ein verlässliches Werkzeug bleiben und kein Wegwerfprodukt mit Verfallsdatum.
HarmonyOS: Die chinesische (Software) Mauer
Zu den hardwareseitigen Kompromissen gesellt sich im konkreten Fall des Huawei MateBook Pro S noch eine zusätzliche Hürde bei der Software. Das Gerät wird nicht mit Microsoft Windows ausgeliefert, sondern setzt voll auf Huaweis hauseigenes HarmonyOS. Was im chinesischen Ökosystem eine beachtliche Unabhängigkeitserklärung darstellt, ist für den hiesigen Arbeitsalltag ein K.-o.-Kriterium.
Professionelle Workflows im IT-, Gaming- oder Office-Bereich basieren auf etablierten Windows- und x86-Anwendungen. Selbst wenn die Hardware fasziniert: Ein Notebook, auf dem spezialisierte Software, native Windows-Tools oder vertraute Produktivitäts-Anwendungen schlicht nicht laufen, verliert seinen Nutzwert als ernsthaftes Arbeitsgerät.
Tja, und dann wäre da noch die CPU. Huawei setzt auf ein ARM-SoC, allerdings nicht von Qualcomm, sondern auf sein Eigengewächs HiSilicon Kirin XE90. Dieser Chip liegt bei der Leistung grob etwas hinter Googles Tensor G5. Gegen Snapdragon X oder Apples M5 sieht das SoC von Huawei dagegen kein Land.
Fazit: Faszination ja, Kaufentscheidung nein
Das Huawei MateBook Pro S ist ein beeindruckendes Statussymbol dafür, was im modernen Laptopbau möglich ist. Das pixelbasierte Privacy-Display setzt zudem echte Maßstäbe, doch kaufen würde ich das Gerät nicht. In die Versuchung werdet ihr vermutlich auch nicht kommen, denn ob der Laptop außerhalb Chinas angeboten wird, hat Huawei bis jetzt noch nicht verraten.
In Europa wird eine Markteinführung mit dem genannten Prozessor wohl auch keinen Sinn machen, da die Leistungsunterschiede zur Konkurrenz schlicht zu groß sind. In China wird das MateBook Pro S ab 7.999 Yuan was nach dem aktuellen Kurs 1.026 Euro entspricht. Dafür bekommt ihr ein Modell mit 16-GB-RAM und einer 512-GB-SSD.
Schon gelesen? Mythos »unkaputtbar«: Wie widerstandsfähig sind Notebooks mit MIL-STD-810H-Zertifizierung wirklich?
Der Trend zu immer extremerem Magermodel-Design führt die Kategorie Laptop auf Abwege. Wir benötigen keine Notebooks, die dünner als eine USB-Schnittstelle sind, wenn der Preis dafür mangelnde Aufrüstbarkeit, erschwerte Kühlung und kurze Nutzungsdauer sind. Gute Technik zeichnet sich durch die Balance aus Leistung, Langlebigkeit und Praxisnutzen aus und nicht durch Rekorde auf der Mikrometerschraube.
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