1977 transportierte ein saudischer Prinz eine Tonne Eis aus Alaska gegen die weltweite Wasserkrise. Am Ende landete das Eis in Drinkgläsern

Fast 50 Jahre nach einer der kuriosesten Ingenieurskonferenzen der Geschichte sucht die Welt noch immer nach frischem Wasser – doch dieses Mega-Projekt endete an der Bar.

Eis aus Alaska oder anderen kalten Regionen der Erde ist bis heute keine Lösung für die Wasserkrise. (Bild: adn.com – David Reamer) Eis aus Alaska oder anderen kalten Regionen der Erde ist bis heute keine Lösung für die Wasserkrise. (Bild: adn.com – David Reamer)

Im Oktober 1977 ließ ein saudi-arabischer Prinz ein riesiges Stück tausende Jahre altes Eis aus Alaska an eine Universität mitten in den USA verfrachten. Um den Koloss zu bewegen, brauchte es Tauchteams, einen Hubschrauber, ein Flugzeug und einen Kühltransporter.

Das Ziel der Aktion: Er wollte demonstrieren, dass sich globale Trinkwasserprobleme lösen lassen, indem gigantische Eisberge aus der Antarktis in die Wüsten des Nahen Ostens geschleppt werden.

Die Unternehmung brachte Forschende aus 18 Ländern zusammen und entfachte eine Debatte über eines der extravagantesten Ingenieurprojekte des 20. Jahrhunderts. Das Eis erreichte zwar Iowa, der geplante Megatransport nach Saudi-Arabien fand jedoch nie statt – und das Experiment endete mit einer fast schon bühnenreifen Pointe.

Dieser Artikel stammt im Original von unserer spanischen Schwesterseite Xataka.com und erscheint bei GameStar Tech in übersetzter und angepasster Form.


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Ein Eisberg am unwahrscheinlichsten Ort

Die Szene spielte sich in Ames ab, einer kleinen Universitätsstadt in Iowa, Tausende Kilometer von den Polarregionen entfernt. Dort fand vom 2. bis 6. Oktober 1977 die erste internationale Konferenz über die Nutzung von Eisbergen statt, initiiert mit Unterstützung von Prinz Mohammed Al-Faisal.

Um das Fachpublikum zu empfangen, ließen die Organisatoren vom Portage-Gletscher nahe Anchorage einen Eisblock von rund 1,1 Tonnen heranschaffen – spätere Berichte sprachen sogar von bis zu zwei Tonnen.

  • Historischen Aufzeichnungen zufolge barg ein Tauchteam den Eisbrocken, ein Helikopter hievte ihn aus dem Wasser, ehe die Fracht per Flugzeug und Kühl-Lkw an die Universität gelangte.
  • Die Kosten dieser Aktion lagen je nach Quelle zwischen 5.000 und 7.500 Dollar.
  • Für die reine Eisversorgung einer US-Kleinstadt war der Aufwand völlig überrissen – als aufsehenerregender PR-Coup für ein ungleich größeres Projekt funktionierte er jedoch hervorragend.

Die Antarktis in die Wüste holen

Mohammed Al-Faisal gehörte zur saudischen Königsfamilie und war maßgeblich am Aufbau der Entsalzungsinfrastruktur seines Landes beteiligt. Saudi-Arabien verfügte zwar über immense Erdölvorkommen, musste jedoch gewaltige Mengen Energie und finanzielle Mittel aufwenden, um Meerwasser in genießbares Trinkwasser umzuwandeln.

Bevölkerungswachstum und Urbanisierung erhöhten den Versorgungsdruck stetig, weshalb der Prinz nach unkonventionellen Alternativen suchte.

Seine Überlegung basierte auf einer einfachen Beobachtung: Jedes Jahr brechen gewaltige Süßwassermassen von Gletschern ab und schmelzen ungenutzt im Meer. Falls es gelänge, diese schwimmenden Riesen abzufangen und in trockene Regionen zu bugsieren, könnten sie als gigantische Trinkwasserreservoirs dienen.

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Eine 100-Millionen-Dollar-Idee

Der Plan des von ihm gegründeten Unternehmens Iceberg Transport International sah vor, einen antarktischen Eisberg von rund 100 Millionen Tonnen auszuwählen und über Tausende Kilometer bis zur Arabischen Halbinsel zu schleppen.

Um den Schmelzverlust auf der langen Reise zu minimieren, schlugen Ingenieurteams vor, den Eisberg mit isolierenden Geweben und Folien einzuhüllen und von hochseetauglichen Schleppern ziehen zu lassen.

Die damals vorgelegten Berechnungen veranschlagten eine Reisedauer von etwa acht Monaten sowie Kosten von knapp 100 Millionen Dollar. Selbst bei einem prognostizierten Volumenverlust von 20 Prozent während der Überfahrt sollte das gewonnene Wasser wirtschaftlich mit herkömmlicher Entsalzung konkurrieren können.

Der Prinz verkündete optimistisch, innerhalb von drei bis fünf Jahren den ersten Eisberg vor der saudischen Küste ankern zu wollen.

Zweihundert Fachleute und ein ernst gemeintes Wagnis

An der Konferenz in Iowa nahmen rund 175 bis 200 Delegierte aus 18 Nationen teil, darunter Glaziologieteams, Ingenieurfachleute und Hydrologie-Spezialisten.

Die Iowa State University beteiligte sich an der Organisation durch Forschende wie Abdo Husseiny; die National Science Foundation steuerte 25.000 Dollar bei, während der Prinz weitere 50.000 Dollar zur Finanzierung beisteuerte.

Auf der Agenda standen handfeste technische Fragen:

  • Wie lässt sich die Schleppgeschwindigkeit regulieren?
  • Welche Werkstoffe schützen das Eis optimal?
  • Wie viel Masse schmilzt unterwegs ab, und welche ökologischen Folgen hat ein gigantischer Eisberg vor einer subtropischen Küste?

Auch Szenarien für den Transport von antarktischem Schmelzwasser nach Kalifornien und in andere Dürreregionen wurden diskutiert. Das Treffen fiel in dasselbe Jahr, in dem die Vereinten Nationen ihre erste weltweite Wasserkonferenz abhielten – ein deutliches Zeichen für die schon damals wachsende Sorge um künftige Wasserressourcen.

Die Aktion sorgte damals für Aufsehen, doch die Grundidee dahinter konnte sich bis heute nicht durchsetzen. Die Aktion sorgte damals für Aufsehen, doch die Grundidee dahinter konnte sich bis heute nicht durchsetzen.

Das Problem: Mehr als nur ein Seil am Ziel

Die ernüchternde physikalische Realität holte das Vorhaben rasch ein. Tafeleisberge aus der Antarktis eigneten sich wegen ihrer flachen Form zwar theoretisch als Schleppgut, doch der Weg führte durch Tausende Kilometer offenen Ozean mit tückischen Strömungen und stetig wärmerem Wasser.

Wilford Weeks, Experte eines US-Forschungslabors für Polarregionen, brachte das Dilemma auf den Punkt: Hinter dem Äquator dürften die Schlepper vermutlich nur noch an einem leeren Tau ziehen.

Die Warnung spiegelte die reale Gefahr wider, dass das Eis vorzeitig abschmilzt oder zerbricht. Hinzu kamen ungelöste Probleme bei der Isolierung, ein Mangel an ausreichend zugstarken Spezialschiffen sowie die logistische Herausforderung, das Schmelzwasser an der Küste überhaupt aufzufangen.

Die schiere Fülle technischer Hürden verhinderte, dass aus den Berechnungen jemals ein rentabler Regelbetrieb wurde.

Das Zukunftswasser endete im Cocktailglas

Während das Fachpublikum über Megatonnen Eis stritt, nahm der Anschauungsblock aus Alaska ein deutlich profaneres Ende. Wie das TIME-Magazin im Oktober 1977 festhielt, wurde der Brocken kurzerhand zertrümmert – und landete als Eiswürfel in den Gläsern der Konferenzgäste.

Zeitgenössische Berichte erzählen von Aprikosennektar und Bowleschalen, die mit Jahrtausende altem Gletschereis gekühlt wurden. Die New York Times berichtete laut der Historikerin Ruth Morgan sogar von einem Paar, das mit Eiskratzer, Plastiktüten und Eimer anrückte, um sich ein Souvenir für das heimische Eisfach zu sichern.

Das Alter des Gletschereises wurde auf mehrere Jahrtausende geschätzt – die Angaben schwankten zwischen 4.000 und 10.000 Jahren. Ein bemerkenswerter Kontrast: Ein Vorhaben, das die Trinkwasserversorgung des Planeten revolutionieren sollte, servierte letztlich bloß spektakulär teure Eiswürfel.


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Ein Konzept, das sich nicht auflöst

Prinz Mohammed Al-Faisal gelang es nie, einen antarktischen Eisberg nach Saudi-Arabien zu verholen; er verstarb 2017, ohne seine Vision verwirklicht zu sehen. Dennoch tauchte das Konzept immer wieder auf.

Der französische Ingenieur Georges Mougin, der schon an den ursprünglichen Entwürfen mitwirkte, rechnete das Szenario 2011 mit modernen Computersimulationen neu durch. 2017 kündigte ein Unternehmen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten erneut an, Eisberge aus polaren Gewässern in den Persischen Golf ziehen zu wollen.

Auch während der dramatischen Wasserkrise in Kapstadt im Jahr 2018 gab es ähnliche Vorstöße. Zur Marktreife brachte den gigantischen Transport bisher niemand.

Moderne Werkstoffe, Satellitennavigation und Strömungsmodelle machen die Berechnungen heute zwar präziser, doch astronomische Kosten, unberechenbare Meeresströmungen und ökologische Risiken werfen bis heute riesige Fragezeichen auf.

Fast fünfzig Jahre nach der Konferenz von Iowa sucht die Welt weiterhin nach nachhaltigen Trinkwasservorkommen. Der einzige Eisberg, den Mohammed Al-Faisal je erfolgreich an sein Ziel brachte, erfüllte am Ende jedenfalls eine recht irdische Aufgabe: Er kühlte die Drinks all jener, die davon träumten, die Antarktis in die Wüste zu holen.


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