Auch in der neuen Formel-1-Saison erscheinen Geister auf der Strecke – Gamer jagen sie seit Jahrzehnten

Die legendäre Formel 1 lernt dazu – von einem seiner langjährigen Nachahmer. Seit Kurzem hat ein Feature Einzug gehalten, das aus Videospielen seit Jahrzehnten nicht wegzudenken ist.

Symbolbild: Die Formel 1 gehört seit Jahrzehnten zu den prestigeträchtigsten Sportserien der Welt. In den vergangenen Jahren bezog sie einiges an Inspiration aus der Welt der Videospiele, um Informationen und Spektakel näher an eine breitere Gruppe an Zuschauern zu bringen – nun folgte mit Ghost-Cars der nächste Gaming-Anstrich. (Bildquelle: Pixabay, samuil0501) Symbolbild: Die Formel 1 gehört seit Jahrzehnten zu den prestigeträchtigsten Sportserien der Welt. In den vergangenen Jahren bezog sie einiges an Inspiration aus der Welt der Videospiele, um Informationen und Spektakel näher an eine breitere Gruppe an Zuschauern zu bringen – nun folgte mit Ghost-Cars der nächste Gaming-Anstrich. (Bildquelle: Pixabay, samuil0501)

Sogenannte Ghost-Cars kennt wohl jeder Gamer – ob aus Mario Kart, Gran Tourismo, Forza oder Assetto Corsa. Die transparenten Konkurrenten bei der Jagd nach Bestzeiten sind in Rennspielen allgegenwärtig.

Auch in Spielen zur Formel 1 dienen sie als rasende Messlatten bei schnellen Qualifikationsrunden. Seit der 2025er-Saison bedient sich die reale Rennserie diesem Werkzeug, um die winzigen Abstände von manchmal nur kürzesten Bruchteilen einer Sekunde bildlich auf den Schirm zu bannen.

Nach Jahrzehnten rückt die Chance, wirklich zu verstehen, welch winzige Unterschiede die Topfahrer unterscheiden, erstmals in greifbare Nähe.

Max Verstappen sowie auch Lewis Hamilton betreiben beide Simracing in ihrer Freizeit. Vor allem der Niederländer von Red Bull sticht als Ikone dieses E-Sports heraus. Er betreibt sogar seinen eigenen Online-Rennstall, Team Redline.

Video starten 7:55 Lego startet die Formel 1 Saison: 50 Autos rasen zum Sieg, ganz ohne Motor

Geister erwecken die Uhr zum Leben

Die Qualifikation der Formel 1 steht auch in ihrem 76 Jahr noch immer für die Hetzjagd nach dem absoluten Limit. Nur hier sehen wir das Maximum einer Symbiose von Mensch und Maschine. Einzig mit der Uhr als Gegner versucht jeder der aktuell 20 (ab kommenden Jahr 22) Fahrer, die schnellste Runde am jeweiligen Wochenende zu setzen.

Doch was bedeuten überhaupt 0,30 Sekunden (drei Zehntel-Sekunden), 0,02 Sekunden (zwei Hunderstel-Sekunden) oder gar 0,001 Sekunden (eine Tausendstel/Milli-Sekunde) Unterschied?

Tabellarisch abgebildet wirkt das eindeutig, aber wie würde es auf der Strecke aussehen, wenn beide Fahrer zeitgleich losfahren würden, ohne einander zu behindern?

Wie lang sind...?

  • 0,30 Sekunden, so lange braucht ein Chamäleon ungefähr, um seine Zunge vollständig auszustrecken.
  • 0,02 Sekunden entsprechen ungefähr einem Flügelschlag eines Kolibris. Keine Art flattert schneller, etwa 50- bis 80-mal pro Sekunde.
  • 0,001 Sekunden sind 300-mal schneller als ein durchschnittlicher Lidschlag eines Menschen (0,3 Sekunden).
  • Typische Abstände zwischen den schnellsten Runden in einem Formel-1-Feld liegen meistens deutlich unter 0,5 Sekunden. Wobei das natürlich auch von der Strecke abhängt, doch eine komplette Sekunde gilt in der Formel seit jeher als eine (gefühlte) Ewigkeit.

Genau, um hier auszuhelfen, hielt zum Beginn der Saison 2025 das »Ghost-Car«-Tool Einzug in die Formel-1-Übertragungen. Es soll aus intuitiv unverständlichen Zahlendifferenzen erlebbare Geschichten machen, die die Rennwochenenden mitprägen.

Es funktioniert exakt, wie Gamer es aus Spielen kennen: Parallel zum eigentlich aus der Onboard-Kamera verfolgten Fahrzeug fährt ein weiteres mit auf der Strecke. Je nach Rückstand rasen die Fahrzeuge enger beisammen oder sogar ineinander buchstäblich verschmolzen um das Rund in Melbourne, Abu Dhabi,Spa-Francorchamps oder sonstwo auf der Welt.

Bei Vorsprung bleibt der Geist natürlich folglich unsichtbar zurück, aber in der Regel entspinnt sich dank der engen Kräfteverhältnisse im Topfeld, ein Katz-und-Maus-Spiel.

Auf der Geraden sitzt das Hauptfahrzeug regelrecht im Getriebe des Geistes, nur um dann den Kurveneingang voraus besser zu erwischen und vorbeizuziehen. Allerdings dreht sich der Vorteil rasch wieder um, da der transparente Konkurrent minimal früher auf dem Gas ist und auf der Ideallinie einige Meter optisch sichtbar entflieht – so oder ähnlich erleben Zuschauer die Ghostcars.

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Die Positionen entsprechen dabei allzeit der auf der echten Runde gefolgten Linie um die Strecke. Die Informationsquellen: GPS-Daten sowie die Onboard-Kamera(s), die an den Fahrzeugen angebracht sind. Die bekannteste unter ihnen ist sicherlich die typische Perspektive über den Helm hinweg, leicht hinab geneigt zur Nase des Fahrzeuges blickend.

Trotz Datenflut Handarbeit

Mit präzisen GPS- und Timing-Daten lassen sich zwei Autos im Replay übereinanderlegen, wie Dean Locke, F1s Head of Broadcast, im Gespräch mit Motorsport.com erklärt:

Wir nehmen die GPS-Daten und legen sie über die Videoaufnahmen, taggen sie, und gleichen sie dann mit den Onboards ab. Das ist größtenteils Handarbeit von sehr guten Redakteuren, die schnell sind und genau hinschauen.

Auch wenn sich das simpel anhört, verbergen sich gleich mehrere Fallstricke, welche der Idee in der Vergangenheit bereits mehrfach die Einführung verwehrt hatten. Denn zum einen waren die Daten lange Zeit zu ungenau und der Prozess der Aufbereitung erforderte viel zu lange, als dass es noch Sinn für die Fernsehanstalten oder Social-Media-Teams der Formel 1 ergeben hätte, sie zu nutzen.

Mehrere Tage nach der Qualifikation verspürt ja schließlich niemand mehr das Bedürfnis, solch ein Spezial-Replay einer Runde zu sehen.

Die Hürde wurde dank einer neuen, eigens für die Formel 1 entwickelten Software gelöst, inzwischen dauert es von den beendeten schnellen Runden nur noch maximal zwei Stunden. »Manche unserer Broadcast-Partner sagen, das passe gut, weil sie es in ihren Pre-Shows am nächsten Tag nutzen können«, gewährt Locke Einblick in die Gedanken hinter den Kulissen. »Aber ich würde es gerne schneller haben. Unser Ziel sind 30 Minuten nach dem Ende der Session.«

Den Grund für diesen weiterhin erforderlichen Prozess des Abgleichens stellen weiterhin Varianzen dar. Denn:

Wir sind uns bei der GPS-Positionierung des Autos nach vorne und hinten sehr sicher, aber unsere Links-Rechts-Positionierung ist weniger zuverlässig.

Ferner sind auch die Kameraperspektiven nicht identisch von Auto zu Auto: »Es gibt eine Toleranz von fünf Prozent bei horizontalen und vertikalen Bildunterschieden der Onboards. Das klingt gering, macht aber einen riesigen Unterschied, wenn man Daten abgleicht.«

Deshalb sei derzeit noch händisch jeder einzelne Meter der Runde zu erfassen, um GPS- und Kamerabilder zeitlich sowie örtlich synchron zu bekommen. So lassen sich allen voran die Abweichungen bei den GPS-Koordinaten auf den Zentimeter ausgleichen.

Die Datenteams bei den Grand Prix arbeiten aber laut Dean Locke fortwährend an Verbesserungen, um zum Beispiel die Signale von Störungen zu bereinigen und so den für die Ghost-Auto zuständigen Mitarbeitern alsbald eine erneut höhere Datenqualität bereitzustellen.

Zudem wollen die Formel-1-Verantwortlichen eventuell auch demnächst KI testen, um wenigstens einen Teil des Prozesses zu automatisieren und so die Wartezeit zwischen Ziellinie und Ausstrahlung der Geister-Runde zu verkürzen.

Nur eine Anleihe bei Videospielen

Derweil stellt das Ghost-Car längst nicht die einzige Reminiszenz an Videospiele dar. Auch sonst bestimmen inzwischen Ideen aus dem Gaming entscheidend mit, wie Zuschauer am Fernseher oder Online die einzelnen Sessions von den Trainings, über das Qualifying bis zum Rennen verfolgen.

Schon länger blendet die Formel-1-Regie ein spieleähnliches Hud mitten im Blickfeld der Zuschauer ein, genauer gesagt am Halo-Schutzring, der quasi eine Art Kuppel über dem Fahrercockpit bildet. Hierüber werden weit mehr Informationen, als nur die Geschwindigkeit transportiert. Zusätzlich etwa Platzierungen, Gas/Bremse, DRS-Status oder Drehzahl.

Der Unterschied zwischen der optischen Präsentation und der im offiziellen, jährlich neu aufgesetzten Spiel (F1 2025 von Codemasters) verschwimmt zusehends. Was einst als absurd gegolten hätte, stellt heute den Standard dar. Denn die Zuschauer erwarten schlicht mehr Informationen, mehr Storytelling als noch zu Hochzeiten von Michael Schuhmacher.

Nächstes Kapitel 2026 - die Formel 1 von morgen

2026 steht derweil der nächste große Technikumbruch in der Formel 1 an. Mit Saisonstart im März kommenden Jahres rasen komplett neue Fahrzeuge um die Strecken – wiedererkennbar natürlich, aber doch innen wie außen an etlichen Stellen neu.

Zum Beispiel bei Motor, Front-, wie Heckflügeln oder der Elektronik im Auto. So erhalten die Fahrer Zugriff auf einen zeitlich begrenzten Boost-Modus. Ihn gut in Szene zu setzen, steigt zur nächsten Herausforderung für die Köpfe hinter den schicken Bildern auf.

Mit diesen Umbrüchen entstehen neue Herausforderungen, aber eröffnen sich eben auch frische Möglichkeiten, mit virtuellen Anzeigen zu spielen. Extra motiviert von Apples F1-Film, der dieses Jahr in den Kinos Erfolge feierte, ist die Stoßrichtung klar:

Wir sitzen schon jetzt in Workshops, um herauszufinden, welche Daten wir haben werden und welche Geschichten wir daraus erzählen können. Mit besserer Konnektivität im Auto können wir mehr zeigen, als wir es heute vermögen.

Der Anspruch heute sei, sowohl hartgesottene Fans aus vergangenen Jahrzehnten als auch ein jüngeres, breiteres Publikum anzusprechen. Das beginnt beim Halo-Hud und endet neuerdings beim Ghost-Car für Qualifikationsrunden – zumindest bisher.

Ein Ghost-Car funktioniert für alle. Der eingefleischte Fan sieht, wer leicht neben der Ideallinie war, der Gelegenheitsfan versteht, warum die McLarens diesmal nicht auf Pole stehen.

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