Großes Drama bei der Fußball-WM: Was da gestern Abend passiert ist, lässt mich einmal mehr an all der VAR-Technik zweifeln

Ich bin grundsätzlich für Hilfsmittel, die Schiedsrichtern das Leben leichter machen, aber alles hat seine Grenzen.

Im Spiel zwischen Portugal und Kroatien hat Nils von GameStar-Tech ein entscheidender VAR-Auftritt nicht gefallen. (Bild: fifa.com) Im Spiel zwischen Portugal und Kroatien hat Nils von GameStar-Tech ein entscheidender VAR-Auftritt nicht gefallen. (Bild: fifa.com)

Über wenige Themen lässt sich so vortrefflich streiten wie über Fußball und insbesondere knifflige Schiedsrichterentscheidungen – erst recht, wenn eine WM läuft.

Doch in einem Punkt sind wir uns hoffentlich alle einig: Beim Fußball geht es darum, sowohl am Spielen als auch am Zuschauen Spaß zu haben und gemäß den Regeln sowie auf faire Art und Weise mehr Tore zu erzielen als das andere Team (je mehr und je schöner, desto besser).

Um zu gewährleisten, dass diese Fairness gegeben ist und dass die Regeln eingehalten werden, gibt es bekanntermaßen seit Jahren den VAR (Video Assistent Referee).

Ausgestattet mit allerhand Technik unterstützt er den Schiedsrichter auf dem Platz – doch wie viel Technik tut dem Spiel hier wirklich noch gut?

Genau darum geht es in dieser Kolumne am Beispiel des gestrigen Spiels zwischen Portugal und Kroatien. Seid also gewarnt: Euch erwartet ein Ergebnis-Spoiler!


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Was ist der Stein des Anstoßes?

Beim Stand von 2:1 für Portugal kam es gestern in der 13. Minute der Nachspielzeit zu einem folgenschweren VAR-Einsatz. Folgendes hatte sich zuvor zugetragen:

  • Nach einer Flanke in den Strafraum stieg der Kroate Igor Matanovic zum Kopfball hoch. In dem Moment, in dem der Ball bei ihm ankommt, steht sein Teamkollege Mario Pasalic eindeutig im Abseits.
  • Ob Matanovic den Ball wirklich berührt oder nicht, ist in den Live-Bildern und bei normaler Geschwindigkeit kaum zu erkennen. Fest steht: Der Ball prallt anschließend noch vom Kopf des Portugiesen Renato Veiga ab, der sich dabei duckt.
  • Letztlich kommt der Ball bei Pasalic an, der ihn an Josko Gvardiol weiterleitet, der aus kurzer Distanz das vermeintliche 2:2 erzielt.

Um sicher klären zu können, ob Matanovic den Ball nun berührt hat oder nicht, setzte der VAR auf Technik im Inneren des Balls.

Die Sensoren schlugen in dem Moment an, als der Ball bei Matanovics Position ankam. Nachdem der Schiedsrichter sich das selbst angesehen hatte, entschied er auf Abseits und gab das Tor nicht.

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Das Haar in der Suppe (beziehungsweise am Ball)

Ich finde es grundsätzlich gut und wichtig, klare Fehlentscheidungen im Fußball mit Hilfe von Technik zu verhindern. Und das sage ich nicht nur, weil ich Deutscher bin und es das Wembley-Tor von 1966 gegeben hat.

Doch wenn Technik so penibel in einem Szenario wie dem gestrigen eingesetzt wird, dann tut das dem Spiel meiner Meinung nach nicht gut.

Die Abseitsregel wurde nicht eingeführt, um einen noch so winzigen potenziellen Einfluss der Haarsträhnen eines Spielers auf die Flugbahn des Balls ahnden zu können.

Es ging nur darum, Fußball zu einem besseren, ansehnlicheren Spiel zu machen, das cleveres Pass- und Stellungsspiel belohnt statt des Wartens auf den Ball, während man möglichst nahe am gegnerischen Tor stehen bleibt.


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Aus den Augen verloren, was wirklich zählt

Die entscheidende Frage in der Szene gestern war also in meinen Augen nicht, ob Matanovic den Ball minimal berührt hat oder nicht. Zumal man gut erkennen konnte, dass eine mögliche Berührung durch ihn die Flugbahn des Balls nicht verändert hat.

Wichtig war letztlich nur, wie man die anschließende Berührung durch den portugiesischen Verteidiger bewertet

Also ob es sich dabei um einen bewussten Klärungsversuch handelte (= kein Abseits, das Tor zählt) oder um eine unbeabsichtigte Ballberührung, die er nicht mehr verhindern konnte (= Abseits, das Tor zählt nicht).

Stattdessen befassten sich VAR und Schiedsrichter prominent mit einer höchstens minimalen Berührung durch Matanovic.

Erschwerend hinzu kommt, dass es kritische Stimmen gibt, die hinterfragen, inwieweit die Sensoren im Inneren des Balls überhaupt in der Lage sind, solche minimalen Berührungen zuverlässig zu erfassen.

Es könnte also sein, dass uns hier eine technische Genauigkeit vorgegaukelt wurde, die so nicht existiert – und die von der wirklich wichtigen Frage abgelenkt hat.

Auch in Videospielen wie EA Sports FC taucht der VAR mittlerweile auf, aber hier sorgt er für deutlich weniger Diskussionen als im echten Leben. Auch in Videospielen wie EA Sports FC taucht der VAR mittlerweile auf, aber hier sorgt er für deutlich weniger Diskussionen als im echten Leben.

Die Krux mit den Regeln

Grundsätzlich braucht es klare Regeln im Fußball, keine Frage. Doch wenn man es dabei zu genau nimmt, hilft das dem Spiel meiner Meinung nach nicht, auch in Bezug auf andere Abseitsstellungen.

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber wenn ein Tor aberkannt wird, weil der große Zeh des Angreifers sich näher am Tor befand als der des Verteidigers, dann fühlt sich das für mich nicht richtig an.

Meiner Meinung nach sollte der VAR deshalb nur noch dann zum Einsatz kommen, wenn es um klare Fehlentscheidungen geht, die mit technischer Hilfe möglichst eindeutig und unkritisch erkannt werden können.

Also beispielsweise im Falle eines gegebenen Tores, obwohl der Ball nicht hinter der Linie war oder bei einem aberkannten Tor, obwohl keine Abseitsstellung vorlag.


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Mir ist klar, dass auch das wieder Fragen der Abgrenzung und Problemfälle mit sich bringt. Aber ganz unabhängig davon, was im Detail nun die beste Lösung ist, stößt mir der übermäßige Einsatz von Technik im Fußball mehr und mehr sauer auf.

Fehlentscheidungen gehörten schon immer zum Fußball dazu. Aber lasst sie doch wie früher eindeutig Menschen machen, statt so zu tun, als könnte Technik sie gänzlich verhindern.


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