Manchmal lohnt es sich einfach, vor die Tür zu gehen und die eigene Heimat mit einem besonders genauen Blick zu erkunden. Denn auch wenn man oft denkt, dass man eigentlich alles kennt, gibt es immer wieder Neues zu entdecken.
Etwa wenn ein neues Gebäude gebaut wird, eine Baustelle endlich ihren Abschluss findet oder etwas Schlichtes wie die Eröffnung eines neuen Cafés. In den Großstädten Deutschlands gibt es zwar meistens mehr Neues, aber auch auf dem Land könnt ihr immer etwas Neues lernen – zur Not mit einem Blick in die Vergangenheit.
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Oder wisst ihr, was vor 200 Jahren in eurer Umgebung alles passiert ist? Oft geraten solche Informationen schnell in Vergessenheit oder sind bereits verschollen. Um das zu verhindern, gibt es viele Projekte von ehrenamtlichen Historikern, Archivaren und Geschichts-Fans.
Eines davon ist die interaktive Karte Historic.Place, mit der ich meine Heimatregion auf Mahnmale, alte Grenzen und Gedenkstätten erkundet habe. Komplett kostenlos und übersichtlich in der Web-App aufgeschlüsselt. Und ich kann euch das allen nur empfehlen, denn was ich dort alles noch über meine Heimat gelernt habe, hat mich wirklich überrascht.
Historische Ereignisse auf einer Karte: So lässt sich die Heimat neu entdecken
Die allgemeine Karte von Historic.Place zeigt alle möglichen historischen Ereignisse, Denkmäler und bedeutenden Stätten auf der ganzen Welt an. Das können beispielsweise historische Kirchen oder allgemeine Gebäude sein, die unter Denkmalschutz stehen – und das sind überraschend viele.
Über die Legende sind alle erkundbaren Orte einsehbar, wozu unter anderem rund 2.000 Klöster, hunderte historische Gefangenenlager und tausende Monumente, Naturdenkmäler sowie Denkmäler zählen. Unter anderem die Überreste des jüdischen Ritualbads Mikwe in Erfurt, das zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, die Basteibrücke in der Sächsischen Schweiz oder die Speicherstadt Hamburg.
Aber auch unbekanntere Denkmäler und Sehenswürdigkeiten lassen sich über die Karte finden. So habe ich beispielsweise eine alte Burgruine in einer meiner Lieblingswanderregionen entdeckt und sie mir gleich für eine Wanderung in der Zukunft notiert.
Das ist aber noch längst nicht alles: Auf den Unterseiten der Karte lassen sich auch Übersichten zu speziellen historischen Ereignissen ansehen. Diese reichen von Sühnsteinen über Bismarcktürme bis hin zu Meilen- und Stolpersteinen. Welche Einträge genau zu finden sind, habe ich für euch im Folgenden zusammengefasst.
Sühnstein auf der historischen Karte
Die Sühnstein-Karte ist besonders spannend, da die Gedenksteine in ganz Deutschland verbreitet sind und eine interessante Geschichte in sich tragen. Die Steine wurden gegen Ende des Mittelalters und in der frühen Neuzeit aufgestellt, um die Blutfehden zwischen Familien beizulegen.
Nachdem es damals kein verbreitetes Rechtssystem gab, wurden nach Tötungsdelikten zwischen Familien oft sogenannte Sühnverträge ausgehandelt. Dabei mussten die Täter ihre Schuld abgleichen, indem sie beispielsweise Geld zahlten, Lebensmittel spendeten und am Ende häufig ein solches Steinkreuz aufstellten.
Die Denkmäler sind meist an Wegen, Wegkreuzungen oder direkt an den ehemaligen Tatorten aufgestellt. Spannend wird es durch einen genauen Blick auf die Kreuze, da einige Steine bis heute noch die Tatwaffen wie Äxte oder Armbrüste eingeritzt haben.
Stolpersteine: Besonders wichtige Mahnmale der deutschen Geschichte
Die Stolpersteine in Deutschland sind ein wichtiges Mahnmal, das an die Millionen Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Die Stolperstein-Karte macht die genauen Standorte der Gedenksteine sichtbar und liefert wichtige Informationen zu den Personen, denen die Steine gewidmet sind.
Das Projekt stellt damit eine wertvolle und strukturierte Übersicht für die Erinnerungskultur des größten dezentralen Mahnmals der Welt dar. Allein aus einer geschichtlichen Perspektive und um die Ereignisse in der eigenen Heimat genauer erfassen zu können, ist die Karte ein wichtiges Tool.
Königliche Sächsische Triangulierung mit Triangulationssäulen
Hierbei handelt es sich um Säulen, die in den Jahren 1862 bis 1890 auf dem Staatsgebiet des Königreiches Sachsen aufgestellt wurden, um eine Landesvermessung durchzuführen und gleichzeitig ein trigonometrisches Netz zur Vermessung zu erstellen.
Ziel war es, das Staatsgebiet exakt zu erfassen und mit der Festlegung dauerhafter Punkte eine Grundlage für die Herstellung genauer Karten zu schaffen. Insgesamt umfasste das Triangulationsnetz 158 Stationen erster und zweiter Ordnung. Damit war es seinerzeit eines der engmaschigsten und fortschrittlichsten in Europa.
Wie der Name verrät, konnten die Flächen durch Triangulation berechnet werden. Für die Vereinfachung wurde meistens ein Winkelmessinstrument (Theodolit) verwendet, welches jedoch sehr ungenau war.
Die Grenzsteine des Königreichs Sachsen / Preußen
Bei der Ansicht zu den Grenzsteinen des Königreichs Sachsen/Preußen könnt ihr euch anschauen, wo die ehemalige Grenze verlief und welche Steine für die Abgrenzung noch zu finden sind. Weiter herausgezoomt könnt ihr zudem die Aufteilung des Königreichs Sachsen und Anhalt im Jahr 1814 mit der Katanoeinteilung der Landsmannschaften sehen.
Um Streitigkeiten bei der Nachwuchswerbung zu vermeiden, teilten die Verbindungen das Territorium in feste geografische Bezirke auf:
- Lusatia (Lateinisch für Lausitz): Dies war das Einzugsgebiet für Studenten aus der Ober- und Niederlausitz.
- Franconia (Lateinisch für Franken): Dies bezeichnet das Gebiet für Studenten aus dem Vogtland und den fränkisch geprägten Regionen.
- Montania (Von lat. mons = Berg): Dies war der Bezirk für Studenten aus den Bergbauregionen des Erzgebirges.
- Saxonia (Lateinisch für Sachsen): Dieser Bezirk umfasste das Kernland für Studenten aus dem zentralen Königreich Sachsen.
Die Belgisch-Preußische-Grenze 1815
Die Steine entlang der ehemaligen belgisch-preußischen Grenze sind teilweise noch gut erhalten, durch ihre abgelegenen Platzierungen aber schwerer zu erreichen. Neben klassischen Grenzsteinen lassen sich an einigen Stellen auch alte Holzpfähle finden, die nur als provisorische Lösung galten und ursprünglich durch Steine ersetzt werden sollten – aber eben nie ersetzt wurden.
Zudem könnt ihr auf der Karte alte Zollhäuser finden und auch Informationen zum Status der Grenzsteine. Etwa ob diese gut erreichbar sind oder sich auf einem privaten Grundstück befinden. Hinzu kommen die Qualität, in der die Steine erhalten sind, als ob ihr die Inschrift beispielsweise noch lesen könnt,et oder ob der Stein eventuell zum Teil oder komplett entfernt wurde.
Meilensteine in Deutschland (Kilometersteine)
Gemeint sind hier nicht Meilensteine der Geschichte im Sinne von »Hier wurde das erste Auto erfunden«, sondern tatsächliche Steine zur Messung von Distanzen. Während die Steine heute oft auch als Kilometersteine bezeichnet werden, kommt ihr eigentlicher Name von der Umstellung auf die Maßeinheit Meile
im Königreich Sachsen im Jahr 1840. Eine Meile entsprach dabei etwa 7,5 Kilometern – im Gegensatz zur amerikanischen Meile, die etwa 1,6 Kilometer misst.
Die Steine wurden in regelmäßigen Abständen an Straßen errichtet, um eine Entfernung anzuzeigen. Meistens sind dabei klassische Säulen verwendet worden, wobei sich die Formen, Größen und Beschriftungen auch stark unterscheiden können.
Die königlich-sächsischen Meilensteine wurden vor allem von der Post genutzt und sind entsprechend vorrangig auf historischen Postrouten zu finden. Nachdem 1875 das metrische System im Deutschen Reich eingeführt wurde, verloren die Meilensteine ihren Nutzen, weshalb heute nur noch wenige von ihnen zu finden sind.
Umgebindehäuser: Ein Phänomen der Oberlausitz
Dabei handelt es sich um einen bestimmten Haustyp, der in Deutschland ebenfalls vor allem im heutigen Sachsen zu finden ist – besonders in der Region Oberlausitz. Der Haustyp vereint bekannte Merkmale vom Blockbau, Fachwerk und der Massivbauweise.
Gut erkennen lassen sich die Häuser an ihrem nach außen sichtbaren hölzernen Stützensystem, welches um eine Block- oder Bohlenstube des Hauses geführt wird.
Die Häuser stehen mittlerweile größtenteils unter Denkmalschutz und es gibt zahlreiche Gruppen und Vereine, die sich für den Erhalt der rund 19.000 historisch erhaltenen Häuser einsetzen. Von diesen stehen übrigens rund 6.000 in der Oberlausitz verteilt.
Preußische optische Telegrafen: Historische Kommunikationssysteme
Bei dem preußischen optischen Telegrafen handelt es sich um ein System, das zwischen 1832 und 1849 für eine schnelle Kommunikation genutzt wurde. Wichtige amtliche oder militärische Nachrichten konnten so in verhältnismäßig kurzer Zeit über eine Entfernung von 588 Kilometern übermittelt werden.
Dafür wurden über 62 Telegrafenstationen mit Signalmasten gebaut, an denen jeweils sechs Telegrafenarme mit Seilzügen zur Bedienung befestigt waren. Mit diesen konnten dann codierte Nachrichten über die Masten dargestellt werden, welche die Stationen in der Umgebung über Fernrohre schließlich entgegennehmen und entschlüsseln konnten.
Eine Übermittlung der gesamten Strecke hat bei einer amtlichen Meldung von durchschnittlich etwa 30 Wörtern etwa 60 bis 90 Minuten gedauert, pro Station also etwa eine Minute. Zum Vergleich: Ein reitender Bote hat für dieselbe Distanz damals drei bis vier Tage benötigt. Bei schlechten Wetterverhältnissen konnte der Prozess länger dauern.
Von den Stationen bestehen heute nur noch die wenigsten. Stattdessen finden sich bei zahlreichen Stationen Erinnerungssteine oder Infotafeln zu den Telegrafenstationen. Andere Stationen wie die Nr. 50 in Köln-Flittard oder Nr. 18 in Neuwegersleben sind noch sehr gut erhalten.
Die Überbleibsel der Bismarcktürme
Zwischen dem Tod von Otto von Bismarck 1898 und seinem 100. Geburtstag im Jahr 1915 wurden in Deutschland zahlreiche Türme zur Erinnerung an den Politiker errichtet. Entstanden sind diese durch die stark verbreitete Verehrung Bismarcks bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs.
Heute sind die Türme mehr ein kulturhistorisches Denkmal und von der Verbindung zu Bismarck weitestgehend gelöst – auch wenn sie den Namen oft weiterhin behalten. In Deutschland sind noch 146 von ehemals 184 Türmen erhalten, in Frankreich, Tschechien, Polen, Russland, Österreich, Kamerun, Tansania und Chile sind weitere 27 Bauwerke zu finden.
Auch für Heimat-Experten eine klare Empfehlung
Ich finde die Karte einfach genial und bin ein großer Fan von ehrenamtlichen Projekten dieser Art. Sie zeigen einem die eigene Heimat nicht nur aus einer ganz neuen Perspektive, sondern dienen auch der Archivierung und helfen dabei, bedeutende historische Ereignisse vor dem Vergessen zu bewahren.
Darüber hinaus lässt sich Historic.Place auch wunderbar für Urlaube und Ausflüge nutzen, wenn ihr gezielt bedeutende Orte der Geschichte besuchen wollt. Besonders prägende Schauplätze und Bauwerke – wie etwa der Eiffelturm oder die Berliner Mauer – werden auf der Karte meist direkt hervorgehoben und größer dargestellt.
Unabhängig davon, ob ihr echte Geschichtsfans seid oder einfach nur wissen wollt, was in eurer eigenen Region eigentlich alles passiert ist: Die Karte bietet euch ein extrem umfangreiches Angebot, das zum Erkunden einlädt.
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