Ich habe schon sehr früh angefangen, meine Bilder zu digitalisieren, und sammle sowohl Urlaubsbilder und Konzertfotos als auch WhatsApp- und Smartphone-Bilder in sortierten Ordnern am PC.
Teilweise auch mit Backup, weshalb es wahrscheinlich wenig verwunderlich ist, dass ich mittlerweile über ein Terabyte an Videos und Fotos auf der Festplatte liegen habe.
Doch wenn ich die Mengen sehe, passiert vor allem eins: Ich ärgere mich, dass sie auf der Festplatte rumliegen und keinen weiteren Zweck erfüllen.
Klar könnte ich mal ausmisten, manche Bilder auf Social Media teilen oder das ein oder andere Foto zu einer bestimmten Erinnerung ganz altmodisch ausdrucken. Aber selbst dann habe ich wahrscheinlich noch Unmengen an Fotos von Festivals, Demonstrationen, Ausflügen, Museumsbesuchen und was sonst noch allem.
Eine Lösung für angestaute Bilder heißt Langzeitarchivierung.
Menschen wie Tim aus dem oberfränkischen Hof geht es anders. Er arbeitet zwar ehrenamtlich als Fotograf, postet seine Bilder aber auf keiner typischen Plattform und vor allem nicht auf Social Media, wo sie in der Masse verschwinden könnten.
Tim gehört zu den Personen, die ihre Bilder zur Langzeitarchivierung aufnehmen und kostenfrei zur Verfügung ins Internet stellen. Als Archivar hält er dabei das Zeitgeschehen fest und macht auf die Dinge aufmerksam, bei denen man sich im Nachhinein sonst oft denkt: Hätte man da mal ein Bild gemacht
.
Seine Fotos teilt er auf offenen Plattformen wie Wikimedia (Wikipedia), wobei er unter dem Pseudonym PantheraLeo1359531
mittlerweile über 1.700 Qualitätsbilder veröffentlicht hat. Darunter versteht Wikimedia alle Bilder, die durch eine besonders hohe und beeindruckende Qualität hervorstechen.
Insgesamt gibt es zum Zeitpunkt des Artikels nur
453.944 Fotos, die unter diese Kategorien fallen. Knapp jedes 260. davon stammt also von Tim. Zählt man die restlichen Bilder mit, hat Tim mittlerweile über 50.000 Bilder veröffentlicht, wovon einige auch in Artikeln genutzt werden.
Ihn fasziniert dabei nicht nur das technische Handwerk, sondern vor allem die menschlichen Geschichten hinter den Aufnahmen.
Das Besondere: Er nutzt keine Social-Media-Plattformen wie Instagram, X oder Facebook, sondern teilt alle seine Bilder zur freien Verfügung auf Archiv-Plattformen wie Wikimedia.
Weshalb er sich die Mühe macht, verschiedene Veranstaltungen, Gebäude und Ereignisse in seiner Heimat zu beleuchten, und dabei mit seiner Arbeit als Archivar bewusst keinen Cent verdient, habe ich ihn im Interview gefragt.
Während unseres Gesprächs ist mir dabei eins klar geworden: Es gibt zu wenig Leute, die sich mit einem wertvollen Umgang mit Fotos beschäftigen.
Falls ihr euch für Tims aktuelles Equipment interessiert und Tipps zum Fotografieren und Archivieren wollt, findet ihr auf seiner Wikipedia-Nutzer-Seite die wichtigsten Infos.
»Der Wert vieler Dinge zeigt sich meistens erst später« – der Wikipedia-Archivar Tim im Interview:
Aaron: Hallo Tim. Schön, dass du Zeit für uns gefunden hast. Du arbeitest ehrenamtlich als Archivar und hast auf Wikipedia schon tausende Bilder zur freien Verfügung veröffentlicht. Magst du erstmal erzählen, wie du dazu gekommen bist?
Tim: Das hat ursprünglich damit angefangen, dass es mir Struktur gibt und ich das Erlebte mit einer sinnvollen Tätigkeit besser verarbeiten kann. Ich sehe immer wieder Leute, die zu Veranstaltungen gehen, sich das Ganze anschauen und ohne Fotos nichts Bleibendes haben.
Gerade in der heutigen Zeit, in der sich vieles ändert und auch aufhört zu existieren – weil Sachen pleitegehen oder Veranstalter nicht mehr veranstalten – hat Archivierung in der unsicheren Welt eine kontinuierliche Komponente.
Mich wundert es ein bisschen, dass es keine zentrale freie Plattform zur Archivierung gibt, auf die hingearbeitet wird. Entweder haben wir private wirtschaftliche Unternehmen, die ihre eigenen Sachen machen, wie Zeitungen, oder halt soziale Plattformen, die nicht mehr sozial sind und langfristig mehr Barrieren schaffen, weil die Daten quasi den Unternehmen gehören.
Und auch so Quellen wie das Stadtarchiv haben eben ihre Werke, die dann auch nicht immer öffentlich zur Verfügung stehen, sondern auch Lizenzen haben, für die man bezahlen muss. Das sind alles so Barrieren, die mich sehr gestört haben.
Aaron: Du hast davon gesprochen, dass dir eine zentrale Plattform für die Langzeitarchivierung fehlt. Wie stellst du dir so eine Plattform vor?
Tim: Also, was aus meiner Sicht hilfreich wäre, wäre eine Art Organisation, die alles auf einer Plattform sammelt und frei anbietet. Es gibt aber kaum Initiativen, die so etwas machen – weil das alles oft privatwirtschaftlich gesteuert ist und natürlich auch Geld damit verdient werden soll. Das macht eben die Zugänglichkeit auch wieder schwieriger.
Ich habe mich schon mit anderen getroffen, die Ideen für so eine Plattform hatten. Weil das halt alles Nachteile mit sich bringt, wenn gerade ältere Bilder nicht frei sind. Entweder, weil ich dann viel Geld zahlen muss, oder die Rechte oft nicht geklärt sind. Das hat mich seit jeher gestört.
Aaron: Gibt es in deiner Region, oder auch mit Blick auf Deutschland, viele Personen, die sich mit der Langzeitarchivierung beschäftigen?
Tim: Ich weiß, dass es einige gibt, die das eher rudimentär machen – dann auch hauptsächlich für Wikipedia. Aber dass es jetzt so richtige Gruppen gibt oder so einen Verein oder was auch immer, ist mir nicht bekannt. Ich glaube auch, dass da noch so das Bewusstsein fehlt.
Einerseits, dass es da so etwas wie Wikipedia zum Archivieren gibt, und andererseits spielt für manche vielleicht auch der Aufwand eine große Rolle. Dann kommt da noch hinzu, dass ich bei Projekten wie Wikipedia immer die Rechte freigebe. Das heißt: Andere dürfen mit meinen Werken auch etwas machen. Das kann ich mir vorstellen, dass es Leute gibt, die das stört, wenn sie Zeit und Geld in sowas investieren und andere es kostenlos nutzen dürfen.
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Eine der besten Anschaffungen für meine Kamera: ein Makroobjektiv
Aaron: Du bist auf verschiedenen Events unterwegs, besonders oft aber auf Demonstrationen – wir haben uns ja auch beim CSD kennengelernt. Schwingt für dich bei Demos eine besondere Faszination mit?
Tim: Also ich versuche tatsächlich hauptsächlich, alles, was umsetzbar ist, festzuhalten und was irgendwie relevant ist. Bei Demos falle ich vielleicht eher auf, weil ich sonst an Orten bin, wo nicht so viel los ist. Oder vielleicht, weil ich oft der Einzige bin, der Fotos macht. Ich war schon bei Demoveranstaltungen, wo dann gar keine Presse da war – was ich auch immer sehr kurios finde.
Da war zum Beispiel eben die Demo des 1. Mai, wo während der Demo an die Gewerkschaftler gedacht wurde, die damals deportiert wurden. Da war keiner von der Presse da. Nur kurz zum Ende der Demo, wo es dann wieder um andere Themen ging – das hat dann halt keinen Mehrwert.
Demos haben aber auch den Vorteil, dass sie eben ein Zeitgeschehen prägnant darstellen und auch ein Zeitempfinden, wie die Leute zum Ausdruck bringen, was ihnen wichtig ist. Das ist halt gerade auch auf langfristiger Sicht wichtig, wenn sich in 20 oder 30 Jahren die Leute dann für die heutige Zeit interessieren.
Das zeigt ja gerade der Ukraine-Krieg. Da haben wir jetzt das fünfte Jahr und da wird natürlich viel fotografiert, weil das eben einen enormen Einfluss auf die Zukunft hat und enorm wichtig sein wird, konkrete Bilder, Videoaufzeichnungen und Erfahrungen zu haben. Die dann darüber berichten, was da genau passiert ist und wie die Leute an der Front kämpfen. Das hat dann natürlich noch mal eine ganz andere Wichtung.
Der Wert vieler Dinge zeigt sich meistens erst später und da muss man immer schon ein bisschen vordenken, was wichtig sein wird.
Ich glaube, die Wichtigkeit liegt in der Vielfältigkeit. Wenn ich jetzt nur jedes Jahr zum Stabhochsprung-Event in Hof gehe, dann habe ich sicher viele verschiedene Sportler, aber im Groben ist es ja immer ziemlich ähnlich. Wenn man dann verschiedene Veranstaltungen abgrast, hat man eben auch ein breiteres Portfolio und kann auch die Realität breiter abdecken, und das ist halt wichtig.
Aaron: Hast du eine bestimmte Motivation, die dich beim Fotografieren antreibt?
Tim: Was der größte Vorteil für mich an der Beschäftigung ist, ist, dass man auch viel mit Menschen in Kontakt kommt und etwas erlebt. Ich war früher auch ein großer Stubenhocker und da ist es jetzt ein kompletter Kontrast.
Und dass man auch ein bisschen mehr in der Realität unterwegs ist. Viele igeln sich daheim ein und sind dann viel auf Social Media unterwegs, wo man dann auch immer ganz viele Horror-Nachrichten bekommt. Wenn man dann vor Ort ist, ist man halt wirklich im Leben und hat dann auch mit echten Menschen zu tun, was ganz angenehm ist und einen etwas aus dieser dauernden Negativität rausholt.
Aaron: Du arbeitest aktuell komplett ehrenamtlich. Hast du dennoch schon mal darüber nachgedacht, mit deiner Arbeit Geld zu verdienen? Sei es durch Aufträge, Stock-Bilder oder Spenden?
Tim: Ja, das Thema ist bei mir natürlich öfter aufgekommen. Ich glaube, es gibt mehrere Gründe, die ich anführen möchte, warum das nichts für mich ist.
Einerseits bin ich überzeugt: Wenn ich von öffentlichen Veranstaltungen ein Foto mache, dann soll das auch öffentliches Gut sein, weil es alle irgendwie betrifft. Zum anderen glaube ich halt, dass mich das kommerzielle Zeug einschränkt und ich mit der freien Arbeit mehr Chancen habe.
Wenn ich sage, dass ich gerne Fotos machen würde und diese zur freien Verfügung stelle, wissen die Veranstalter, dass das auch in deren Interesse ist, weil sie die Bilder selbst verwenden dürfen. Das ist ein gegenseitig befruchtender Prozess und mit der freien Nutzung überdauern meine Fotos halt auch länger.
Natürlich könnte ich sagen: »Okay, ich habe jetzt hier Bilder von Söder oder Bas, die in Hof waren, und könnte die auf irgendwelchen Stockplattformen verkaufen«, aber ich mag so kommerzielle Plattformen wie Shutterstock, Getty, DPA und wie sie alle heißen, nicht.
So würde ich mich halt auch von deren Politik und Interesse abhängig machen und eine Praktik unterstützen, die ich nicht mag. Zumal ich sowieso unsicher bin, wie lange dieses Preismodell-System funktioniert oder ob das nicht bald wirtschaftlich untergeht. Dann habe ich davon halt auch nichts.
Neues Equipment ist zwar teuer, aber das ist halt mein Hobby und ich spare dann halt an anderen Stellen, für was die Leute sonst ihr Geld ausgeben. Also beruflich werde ich da nur unglücklich mit und ich glaube, in der heutigen Zeit ist der Zug abgefahren.
Aaron: Neben den Veranstaltungsbildern sind auf deiner Wikipedia-Seite auch einige Technikbilder zu finden. Welche Rolle spielt dabei die Langzeitarchivierung?
Tim: Auch zum Archivieren. Das Schöne an Wikipedia ist ja: Du kannst halt wirklich zu jedem Rotz
Bilder hochladen, die immer irgendwo gebraucht werden. Und Hardware ist halt sowas, das alle betrifft, auch wenn sie oftmals nicht gesehen wird. Aber ob es jetzt Grafikkarten, Prozessoren, RAM oder andere sind – das ist ja die Realität von uns allen.
Mit Technik deckt man halt wirklich ein breites Nutzungsspektrum ab und dadurch, dass sich kaum was so schnell verändert wie Technik, ist es halt umso interessanter, das alles festzuhalten. Wenn ich sage, ich habe mit der RTX 2080 eine erste eigene Grafikkarte gehabt – das war 2018, damals mitunter fast die beste Grafikkarte für Spieler. Heutzutage denkt man, naja, das ist halt jetzt auch nichts weiter.
Aber wenn man das über die Jahre verfolgt und Jahre vergehen schnell, dann sind mal schnell 10 Jahre rum und statt 4K-Randerscheinungen können wir jetzt in 8k spielen. Das ist schon ein massiver Sprung. Und weil ich einfach ein bisschen ein Nerd bin, gehört das für mich dazu. Das Ärgerlichste ist ja immer, wenn man etwas fotografiert und es dann irgendwo landet, wo es keiner braucht. Das ist bei Technik anders.
Aaron: Wo landen denn deine Bilder am Ende? Ist das nur Wikipedia oder nutzt du auch andere Plattformen?
Tim: Ja, es ist hauptsächlich Wikipedia. Es kommt immer so ein bisschen darauf an, wenn es rechtlich nicht so einfach möglich ist, was freizugeben. Manchmal vielleicht auch andere Plattformen. YouTube habe ich mittlerweile ein bisschen vernachlässigt, weil es mir da in den Kommentaren zu kontrovers zugeht. Da ist auch kaum sachlich noch was möglich.
Instagram oder so nutze ich tatsächlich gar nicht. Auch nicht privat. Was ich mir da für Sachen angucken muss – Ne, das kostet mich zu viel Energie. Und ich interessiere mich doch herzlich wenig dafür, was andere essen oder im Urlaub machen.
Aaron: Bei den vielen Themen, die du ablichtest, gibt es da einen Punkt, der für dich ein gutes Archivbild ausmacht? Und der die Fotos nochmal von Social-Media-Beiträgen unterscheidet?
Tim: Bei Instagram oder Pressebildern sollen natürlich auch immer Emotionen mitgeliefert werden. Bei Archivarbeit sollten die Bilder, sag ich mal, trotzdem relativ langweilig aussehen. Sowas wie Überbelichtung oder schiefe Winkel für Dramatik sollte man tunlichst vermeiden.
Ein Archivbild soll nüchtern und sachlich sein, weshalb es sich grundsätzlich empfiehlt, immer das Originalbild hochzuladen. Das kann man natürlich noch zuschneiden oder mit einer Nachbearbeitung ergänzen, aber eben so, dass man immer noch den Kontext hat, wie etwas genau aussah.
Das Schwierigste ist halt auch abzuwägen, was wichtig sein könnte. Ich versuche immer, ein bisschen größer zu arbeiten, weil ich gemerkt habe, dass ich mit der Zeit auf Dinge stoße, wo ich mir denke, dass es gut ist, dass ich das damals dokumentiert habe, weil es jetzt weg ist.
Aaron: Wenn jetzt jemand sagt, er möchte selbst gerne Archivbilder machen, hast du da irgendwelche Tipps?
Tim: Was wichtig ist, ist zum einen eben neben der Variabilität auch mit hoher Auflösung zu arbeiten. Gerade in heutigen Zeiten sagen ja viele: Ach, 8K so hochauflösend braucht keiner.
Der Knackpunkt ist halt nur, wenn ich jetzt zum Beispiel eine Hausfassade eines Baudenkmals fotografiere, das dann irgendwann mal abgerissen wird, kann es halt sein, dass es Leute gibt, die – ich weiß nicht – die Tür als Aufnahme brauchen. Da brauchst du dann eben eine hohe Auflösung, um trotzdem noch was erkennen zu können. Das ist wichtig.
Und, sag ich mal, wie man Sachen gut abbildet, wie man dann mit unerwünschten Unterbrechungen umgeht. Es gibt halt manchmal Leute, die ins Bild laufen oder so, da muss man dann immer bisschen arbeiten.
Aber da kann ich wirklich nur ermutigen: Macht Fotos! Es ist hilfreich, erstmal zu überlegen, was zu dokumentieren ist, welche speziellen Zugänge ihr habt und wie ihr eure Fotos überdauern lasst. Wikimedia Commons hat den Vorteil, dass dann eben alles zur freien Verfügung steht und man es leicht teilen kann – solange man die Bildrechte hat.
Der Nachteil an Social-Media-Plattformen ist halt, du weißt nicht, ob sie noch in 20 Jahren existieren, du machst dich von einem Privatunternehmen abhängig und du hast Hürden, auf die Daten zuzugreifen. Deswegen sind andere Plattformen wie Wikimedia Commons besser geeignet.
Ansonsten hilft es auch, zu überlegen, wo man Hilfe bekommen kann. Zum Beispiel von der Stadt oder der Heimatpflege. Die freuen sich immer über sowas.
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Es hilft für den Anfang auch, Motive zu wählen, die sich nicht bewegen. Da ist man halt freier in der Aufnahme. Bei manchen Veranstaltungen hast du auch noch das Problem, dass das Licht nicht perfekt ist und du in den Fotografiemöglichkeiten eingeschränkt bist.
Da ist es deutlich leichter, wenn ich irgendwie eine Grafikkarte fotografiere – da muss ich dann weniger beachten. Und wenn ich im Nachhinein merke, dass ein Foto nicht passt, ist es auch weniger ärgerlich.




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