Ich habe auf der IFA ein hochumstrittenes Produkt ausprobiert: Trotz guter Ansätze sehe ich momentan noch schwarz

Smarte Brillen haben unterschiedliche Features, von KI-Lösungen bis hin zu Augmented Reality – HTC zeigt mir mit ihrer neuen Brille einen spannenden Ansatz.

Ich habe die HTC Vive Eagle ausprobiert und bin trotz guter Ansätze etwas enttäuscht. (Bildquelle: GameStar Tech) Ich habe die HTC Vive Eagle ausprobiert und bin trotz guter Ansätze etwas enttäuscht. (Bildquelle: GameStar Tech)

Auf der diesjährigen IFA gab es einen klaren Trend: Smarte Gadgets mit KI-Fokus. Darunter etwa smarte Brillen mit Kamera und Sprachassistent, die an vielen Ecken der Messe zu finden waren.

Bei einer smarten Brille denke ich zunächst an ein Dashboard direkt im Sichtfeld – etwa für die Navigation, Übersetzungen oder eingehende Nachrichten. Obwohl die HTC Vive Eagle das alles nicht hat, verfolgt die KI-Brille einen Ansatz, den ich ziemlich spannend finde.

Statt auf visuelle Einblendungen setzt HTC voll auf KI-Assistenten. Die Smartglasses sollen für euch Bilder erkennen, Schilder übersetzen oder allgemeine Fragen zur Umgebung beantworten. Theorie und Praxis sind in meinem Hands-on aber noch ein bisschen auseinandergegangen.

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HTCs Vive Eagle setzt auf künstliche Intelligenz

Statt einer Texteinblendung liefert die intelligente Brille von HTC die Antworten direkt auf die Ohren. Um eure Fragen und Aufgaben zu erledigen, leitet die Brille sämtliche Befehle über das Mikrofon direkt an die dazugehörige HTC-Vive-App weiter.

Dort bearbeitet die Vive AI euren Befehl, wobei die Anwendung bei komplexeren Anfragen auf ein externes Modell wechselt. Hier habt ihr die freie Wahl, welches System ihr verwenden wollt. Zum Beispiel Gemini oder ChatGPT.

Die HTC Vive Eagle hat ein typisches Smartglass-Design – neben der schwarzen Brille gibt es weitere Designs mit transparenten Bügeln. (Bildquelle: GameStar Tech) Die HTC Vive Eagle hat ein typisches Smartglass-Design – neben der schwarzen Brille gibt es weitere Designs mit transparenten Bügeln. (Bildquelle: GameStar Tech)

Während grundlegende Befehle wie Mach ein Foto oder Rufe meine Oma an gut funktionieren, gibt es gerade bei aufwändigeren Befehlen immer wieder Probleme. Als ich etwa nach einer Navigation zum nächsten Supermarkt gefragt habe, meinte Vive AI nur, dass sie das nicht kann.

Erst auf wiederholte Nachfrage erklärte mir die KI, dass sie nun Google anruft, womit gemeint ist, dass sie meinen Sprachassistenten am Handy ansteuert. Über diesen hat der Vive-Assistent schließlich Google Maps geöffnet und nach dem nächsten Supermarkt gesucht. Die Navigation musste ich schließlich übers Handy starten.

Nicht immer die gewünschte Antwort

Andere Fragen, wie etwa zu dem KI-System und wie ich den verwendeten Assistenten wechsle, konnte mir die Brille gar nicht erklären und sie behauptete, dass sie überhaupt keine externen Dienste verwenden kann.

Besonders frustrierend sind solche Fehler bei der Kombination aus Kamera und KI. Wenn ihr etwa eine fremdsprachige Speisekarte vor euch habt, soll der Assistent diese übersetzen. Im Praxistest hakte das allerdings gewaltig.

Auf dem HTC-Presseevent habe ich beispielsweise eine Speisekarte auf Mandarin in die Hände bekommen, welche die Brille problemlos übersetzen sollte. Statt mir die Gerichte zu nennen, erklärte mir die Brille lediglich, dass ich eine Speisekarte halte. Das wusste ich bereits.

In dem HTC-Vive-Bundle sind die Brille mit Gläsern, ein Etui sowie ein anklippbarer zusätzlicher Akku enthalten. (Bildquelle: GameStar Tech) In dem HTC-Vive-Bundle sind die Brille mit Gläsern, ein Etui sowie ein anklippbarer zusätzlicher Akku enthalten. (Bildquelle: GameStar Tech)

Auch nach einem detaillierteren Sprachbefehl bekam ich nur die Info: »Du hältst eine Speisekarte mit Suppe, verschiedenen Hauptgerichten mit Reis sowie einem Nachtisch in der Hand.« Das ist schon mal informativer, aber immer noch nicht hilfreich. Denn wo genau etwas steht, weiß ich nicht.

HTC arbeitet laut eigener Aussage zwar bereits an einer echten Bildübersetzung ähnlich wie Google Lens, aktuell ist die Funktion aber wenig hilfreich. Allein schon, weil die Brille ihre Antworten eben nur über die Lautsprecher wiedergibt.

Selbst wenn mir die KI eine Speisekarte in Zukunft also fehlerfrei vorliest, muss ich mir jedes einzelne Gericht merken. Bis zum Dessert habe ich die Vorspeise längst vergessen – und wo genau die Gerichte auf dem Papier stehen, weiß ich danach auch nicht.

Stolpersteine bei der Echtzeitübersetzung

Ein ähnliches Problem tritt bei der beworbenen Echtzeitübersetzung auf. Die grundsätzliche Erkennung funktioniert zwar ziemlich gut, jedoch leidet der natürliche Gesprächsfluss extrem. Bis zur Verarbeitung des Gesagten dauert es nämlich ein gutes Stück und ich muss mir die Übersetzung im Anschluss schließlich noch anhören.

Im Gegensatz zu anderen Übersetzungs-Gadgets, wie man sie etwa von Timekettle kennt, fehlt zudem die Übersetzung in beide Richtungen. Mit der HTC-Brille verstehe ich Fremdsprachen zwar zuverlässig, kann aber keine Antworten, geschweige denn richtige Gespräche führen.

Die Brille kommt mit einem anklippbaren Akku, der die Nutzungszeit noch einmal verlängert. (Bildquelle: GameStar Tech) Die Brille kommt mit einem anklippbaren Akku, der die Nutzungszeit noch einmal verlängert. (Bildquelle: GameStar Tech)

Stärken bei der Objekterkennung, Kamera und dem Sound

Besser hat mir die allgemeine Objekterkennung gefallen. Fragt ihr: »Hey Vive, was ist das für ein Bild?«, liefert die KI treffsichere Einschätzungen zu Kunstwerken und den Künstlern dahinter. Für meinen Alltag wären verlässliche Übersetzungen zwar relevanter, das grundsätzliche Potenzial der Kamera-KI zeigt sich hier aber deutlich.

Positiv überrascht haben mich zudem die offenen Stereo-Lautsprecher. Der Sound hat mich stark an hochwertige Clip-Kopfhörer erinnert, die leicht vor dem Ohr sitzen und den Klang zum Ohr leiten. Auf eine aktive Geräuschunterdrückung müsst ihr durch das offene System zwar verzichten, aber Musikhören macht mit der Brille wirklich Spaß.

Ebenfalls beeindruckend: Die integrierte Kamera schießt Fotos mit zwölf Megapixeln und dreht Videos mit 1.512 x 2.016 Pixeln bei 30 Bildern pro Sekunde. Einzelne Clips dürfen bis zu zehn Minuten lang sein, bevor die Brille die Aufnahme automatisch abbricht. Dadurch passen laut HTC rund 3.000 Fotos oder 50 Videos auf den internen Speicher.

Der richtige Ansatz beim Datenschutz

Beim Stichwort Kamera müssen wir gleich zum Elefanten im Raum: Smartglasses stehen wegen heimlicher Aufnahmen stark in der Kritik – sei es für Social-Media-Posts oder in sensiblen Bereichen. Nicht umsonst werden die Brillen teilweise auch als »Pervert Glasses«, also Pervsen- oder Spannerbrille, bezeichnet. HTC möchte diesem Ruf durch technisches Design entgegenwirken.

Transparente Bügel machen die verbaute Technik bei den meisten Modellen für alle gut sichtbar. Startet ihr eine Aufzeichnung, pulsiert zudem ein auffälliges Warnlicht an der Front. Laut HTC blockiert ein Abkleben oder Entfernen dieses Lichts die Aufnahmefunktion vollständig.

Im Hands-on habe ich das gleich mal ausprobiert und das Licht mit verschiedenen Methoden bedeckt und letztendlich sogar abgeklebt. Sobald das Licht nur ein bisschen bedeckt wurde, kam die Erklärung, dass ich das Licht freihalten muss, und die Kamerafunktion wurde vollständig deaktiviert. Inwiefern das System modifiziert werden kann, habe ich nicht ausprobiert.

Eigentlich sollen sich laufende Videos auch per Sprachbefehl mit »Aufnahme stoppen« beenden lassen. Weder beim Event noch in meiner Hands-on-Session hat das jedoch funktioniert. 

Hier muss HTC dringend nachpatchen, denn der restliche Datenschutzansatz mit rein lokaler Speicherung der Aufnahmen – bis zur Handy-Synchronisierung – ist vorbildlich.

Das Grundprinzip bleibt spannend

Die versprochenen Funktionen der Brille klingen praktisch und die meisten Features haben bei meinem Hands-on funktioniert – auch wenn immer wieder Probleme aufgetreten sind.

Das zeigt aber vor allem eins: Der wichtigste Faktor solcher Brillen ist am Ende die Software. Denn über diese läuft schließlich jeder Prozess und eine smarte Brille ist am Ende eben nur so smart wie ihr KI-Modell.

Ziehen wir das nämlich ab, bleibt, wie bei so vielen anderen KI-Gadgets, die ich auf der IFA gesehen habe, nichts weiter übrig als eine Kamera, ein Mikrofon und Lautsprecher.



Ein funktionierender KI-Begleiter ist für mich deshalb das A und O bei derartigen Geräten und mindestens genauso wichtig wie echter Datenschutz. Mit den Ansätzen von HTC sehe ich da definitiv einen Schritt in die richtige Richtung, doch am System muss eben noch gefeilt werden.

Erst dann würde ich Geräten wie der Vive Eagle noch eine zweite Chance geben.


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