Der Sommer kommt! Wie viele andere nehme auch ich mir die ersten wirklich warmen Tage zum Anlass, meinen zumindest subjektiven Winterspeck anzugehen. Abnehmen ist nicht leicht, hängt von so vielen Faktoren ab: Genetik, Nährstoffe, Trainingseinheiten und mit hochverarbeiteten Lebensmitteln scheint auch irgendwas nicht zu stimmen.
Aber alles dreht sich doch um diese eine einfache Gleichung: Wenn ich weniger Energie zuführe als verbrenne, verliere ich Gewicht. Auf Deutsch: Kaloriendefizit.
Ich unterstelle mir, einen groben Überblick zu haben, was viel und wenig Kalorien enthält. Aber wie viel ich wirklich an einem Tag schon zu mir genommen habe und was noch übrig
ist, kann ich nicht sagen.
Hier bieten sich Apps an, mit denen das Tracking dank Barcode-Scanner und Co. einfacher geht, als auf einem alten Notizblock. Ich probiere bei meinem Test eine beliebte App, die schon länger in der Top 30 der kostenlosen Apps im Play Store herumgeistert: YAZIO.
Für die App gibt es auch eine kostenpflichtige Version. Ich probiere aber zumindest für die erste Woche die Gratis-Version mit Werbung und weniger Funktionen aus. Hier erfahrt ihr, wie es mir damit ergangen ist, und ob das Kalorienzählen per App vielleicht auch für euch interessant sein könnte.
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Meine Erfahrung mit einer Woche YAZIO
Ich starte meine Abnehmreise euphorisch. Doch bevor es mit der YAZIO-App richtig losgeht, darf ich mich durch eine Reihe von Willkommens-Screens tippen. Die App will wissen, ob ich motiviert bin, bestärkt mich, dass ja Millionen Menschen Teil der YAZIO-Community sind.
Ich darf ein Ziel (Abnehmen, Gewicht halten, Zunehmen, Muskeln aufbauen, Etwas anderes) und eine Phantasie auswählen wie ich mich wohl fühlen werde, wenn ich mein Ziel erreicht habe. Will ich Veränderungen an meinem Körper sehen? Oder doch lieber fitter und definierter sein? Wie wäre es mit beidem? Und spielt das überhaupt eine Rolle?
Dieser Onboarding-Prozess gibt sich motivierend und informativ. Aber nach minutenlangem Tippen komme ich mir ein bisschen vor, als würde ich einer Sekte beitreten. Immerhin: Ich habe mein aktuelles Gewicht und ein Wunschgewicht eingegeben. Die App berechnet mir anhand meiner Eingaben (was will ich schaffen und wie schnell) ein Datum, wann ich es wohl erreichen werde. Das ist doch mal ein konkretes Ziel.
Dazu bekommt mein personalisierter Plan
, eine berechnete Maximalkalorienanzahl. Die erscheint auch halbwegs realistisch. Zumindest liegt sie in der Nähe der Werte, die ich auch durch andere Kalorienbedarfsrechner bekomme. Dadurch, dass ich angegeben habe, abnehmen zu wollen, errechnet YAZIO mir eine Zahl, die einige hundert Kilokalorien darunter liegt. Aber auch hier sollten Nutzer den Wert auf jeden Fall gegenchecken.
Essen mit YAZIO
YAZIO unterteilt den Tag in Frühstück, Mittagessen, Abendessen und Snacks und weist diesen Mahlzeiten Kalorienbudgets zu. Ich kann meine geplante oder erfolgte Kalorienaufnahme in eine der Kategorien eintragen.
Besonders stark: Mit der App könnt ihr Barcodes von Lebensmitteln scannen. Das funktioniert in meinem Test recht gut. Für mich aber eher ungünstig: Ich koche am liebsten selbst – da ist es müßig einzelne Zutaten in die App einzugeben.
Wenn ich mir etwa einen Salat mische, finde ich nur die Option, eine ganz Gurke gegessen zu haben oder ich kann jede Scheibe einzeln eintragen. Ansonsten versuche ich, das Gewicht meiner verzehrten Lebensmittel einzuschätzen. Genauer geht es natürlich, wenn ihr sie grammgenau abwiegt. Aber ein Fertiggericht könnte ich einfach einscannen. Das ist in meiner Situation ärgerlich.
Sobald ich nach einer Mahlzeit eine Reihe von Lebensmitteln eingetragen habe, sehe ich einen Bildschirm, der meine eingetragenen Lebensmittel in gut und schlecht unterteilt, oder eher rot und grün.
Natürlich freue ich mich über grüne Bewertungen. Für einen Hüttenkäse etwa lobt mich die App in höchsten Tönen: Gute Eiweißquelle, kalorienarm. Das überrascht mich nicht. Ich halte mich grundsätzlich für gut aufgeklärt darüber, was kalorienreicher und -ärmer ist. Aber ohne YAZIO hätte ich nicht gemerkt, dass der Fertig-Hummus von Penny doch so viel Fett enthält.
Aber dieses stumpfe gute Lebensmittel/böse Lebensmittel ist doch etwas eingeschränkt. Mein regelmäßiges, spartanisches Frühstück aus Haferflocken und Kernen mit etwas Hafermilch wird abgewatscht: Haferflocken, Leinsamen, Sonnenblumenkerne: Sehr kalorienreich, rot.
Einige Kalorienangaben machen mich auch etwas stutzig: In Ermangelung von Milch greife ich auf die Schnelle im Home Office zu Sahne für meinen Kaffee. YAZIO gibt für Kaffee mit Sahne auf 300ml 51 Kilokalorien an. Genauso kann ich aber auch Kaffee mit Sahne und Zucker wählen, was auf 300ml mit 32 Kilokalorien zu Buche schlagen soll. Hier scheint etwas nicht zu stimmen.
Schnell fühle ich mich der App verpflichtet, spare unnötige Kalorien ein. Aber: Nach ein paar Tagen gönne mir ein Light-Bier. Als ich mein unnötiges Spaß-Getränk in die App eintrage, erwarte ich mit roten Bewertungen abgestraft zu werden. Aber mitnichten! Bei YAZIO ist Light-Bier gleich drei Mal grün: Sehr kalorienarm, wenig Zucker und kohlenhydratarm.
Bei diesen teilweise fragwürdigen Einteilungen ist es auf jeden Fall gut, von Vornherein etwas Ahnung zu haben und sich nicht komplett auf die App zu verlassen. Dass man Alkohol nicht im Übermaß trinken sollte, ja, das wissen sicher viele. Aber mein Haferflocken-Frühstück lasse ich mir auch nicht nehmen. Grundsätzlich einschätzen zu können, was trotz weniger oder vieler Kalorien gut für einen ist, muss man mit YAZIO schon selber mitbringen.
Meine Kollegin Mary benutzt YAZIO übrigens gerade als Selbstkocherin schon seit Jahren:
Sport-Tracking mit YAZIO
Ihr könnt bei YAZIO auch eure sportlichen Aktivitäten eintragen. Die werden dann von euren bereits zugeführten Kalorien abgezogen. Aus einer ellenlangen Liste mit Aktivitäten von Auto reparieren über Brustschwimmen und Sex in 3 Aktivitätsstufen ist eine Menge zu finden.
Tag 2 wird ein sportlicher Tag für mich: Ich gehe gleich in der Früh mit meiner Mitbewohnerin ins Fitnessstudio. Eine Stunde schweißtreibendes Pilates lassen meine Bauchmuskeln brennen. Ab nachmittags habe ich für einen Tag den Hund einer Freundin in Pflege und gehe begeistert Gassi. Am Ende des Tages trage ich beide Aktivitäten in meine App und bin etwas verwirrt. Meine Pilates-Stunde schlägt mit 172 Kilokalorien zu Buche. Die gleiche Zeit beim Spazierengehen mit einem kleinen Vierbeiner, der alle 10 Meter das Beinchen hebt: 202 Kilokalorien. Auch das fühlt sich nicht ganz richtig an.
Hier kann sich ein externes Tracking durch einen Fitnesstracker oder eine Smartwatch als wesentlich zuverlässiger erweisen. Die könnt ihr je nach Modell auch direkt mit YAZIO verknüpfen.
Eine vermeintliche Schwäche der App wird für mich zur Stärke
Ich empfinde es gerade jetzt in der Anfangszeit als umständlich, die App zu bedienen. Für jedes beiläufige Snacken extra das Handy in die Hand nehmen, nach einem Produkt suchen und eine ungefähre Gramm-Angabe einschätzen? Und genau das ist für mich der Clou.
Irgendwann öffne ich den Kühlschrank, ein markanter Duft schlägt mir entgegen: Von einem Brunch mit Freunden liegt seit einigen Tagen ein französischer Weichkäse im Kühlschrank. Meine Mitbewohnerin beschwert sich immer wieder über den gewöhnungsbedürftigen Geruch: Der Käse muss weg.
Spätestens jetzt weiß ich schon nicht mehr, warum ich den Kühlschrank eigentlich geöffnet habe. Der perfekte Zeitpunkt ein bisschen Käse wegzuputzen, meint mein Gehirn. Doch bevor ich in die Packung greife, frage ich mich: Habe ich wirklich Lust, für einen Happen den Käse zu scannen, abzuschätzen, wie viel Gramm so ein Stückchen wohl hat, um dann den Hinweis zu bekommen, dass so ein Camembert selbstverständlich sehr kalorienreich ist? Ich ziehe die Hand zurück. Das ist der Snack nicht wert.
Essen oder nicht essen – das ist hier die Frage: Der Camembert darf weiterhin im Kühlschrank reifen und die App hat mich vor Mindless Eating
, unbewusstem Essen bewahrt. Eine Studie zum Mindless Eatingstellt fest, dass wir täglich etwa 200 Entscheidungen rund ums Essen treffen, doch die meisten bleiben unbewusst. Unachtsames Essen führt zu einer höheren Kalorienaufnahme, aber kognitive Tricks können helfen.
Und genau so einen Trick erziele ich mit der App, gerade weil die Beschäftigung mit ihr nicht zu meinen liebsten Tätigkeiten zählt. Die Psychologie kennt den Ausdruck Friction
. Die bezeichnet laut dem US-amerikanischen Autor Roger Dooley alle Hindernisse, die eine Handlung erschweren. Als Menschen gehen wir am liebsten den Weg des geringsten Widerstandes. Wenn wir uns zu Handlungen motivieren wollen, sollten wir die Friction abbauen.
YAZIO baut für mich Friction auf: Kühlschrank auf, Snack rein, Kühlschrank zu, ist auf einmal nicht mehr so einfach. Ich reflektiere: Ist es das wert? Und lasse es unter Umständen.
Und für alle, die glauben, sie würden kein Opfer von Mindless Eating werden: Das dachte ich von mir auch. Die App hat mich da eines Besseren belehrt.
Was die App problematisch macht
Die plumpe Einteilung in rot und grün nach jedem Lebensmitteleintrag kann irreführend sein. Doch noch bedenklicher finde ich, dass die App mich nicht darauf hinweist, wenn ich zu wenig gegessen habe. Am Ende des Tages bleibt eine Gesamtkalorienzahl, die nicht weiter kommentiert wird. Dass eine für eine Zeit stark verminderte Kalorienaufnahme zu ungewollten Nebenwirkungen führen kann, bleibt ein Onboarding-Screen, den ich schnell weggedrückt habe.
Doch nicht nur das: Die Schweizer Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen weist auf den Zusammenhang zwischen obsessivem Kalorienzählen und verschiedenen Essstörungen hin. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit zitiert auf seiner Webseite eine anonyme Magersucht-Patientin mit:
Kalorienzählen wurde zu meinem Lebensinhalt.
Anorexie ist eine tödliche Krankheit: Patienten haben ein 5-fach erhöhtes Sterberisiko gegenüber Gleichaltrigen ohne Störung.
Vor diesem Hintergrund würde ich mir von Kalorienzähl-Apps wünschen, dass sie eine stark verminderte Kalorienzufuhr ihrer Nutzer problematisieren.
Mein Fazit
Die App ist ein stumpfer Zähler von Kalorien, sie bestraft nicht, wenn man zu viel isst und auch nicht, wenn man zu wenig isst. Ich habe längst nicht alle Funktionen ausgenutzt, der obige Expertenkasten meiner Kollegin Mary hat auch mir die Augen geöffnet. Ich werde in Zukunft weiter Kalorien zählen und weitere Apps ausprobieren.
Schon nach einer Woche finde ich: Auch wenn ich nicht den Eindruck habe, dass ich es mit YAZIO geschafft habe, meine Kalorienzufuhr sehr zuverlässig zu tracken, habe ich positive Effekte bemerkt.
Das Interessante an so einer App ist meiner Ansicht nach vor allem, wie sie das Verhalten des Nutzers beeinflusst. Und das ist für jeden unterschiedlich.
Persönlich würde ich es allgemein empfehlen, Kalorienzählen per App zumindest einmal für eine Zeitlang auszuprobieren. YAZIO kann hier ein guter Anfang sein und ihr könnt offensichtlich auch über Jahre mit der App Erfolge erzielen.
Ich sehe die Vor- und Nachteile nach einer Woche Ausprobieren so:
- Grober Überblick über die Energiewerte von Lebensmitteln
- Zuverlässiges Scannen vieler Lebensmittel
- Friction gegen unbewusstes Essen
- Einteilung in gute und schlechte Lebensmittel
- teils ungenaue Energiewerte
- kein Problematisieren von stark verminderter Kalorienaufnahme
Im Übrigen hat mich die App nicht nur vom Essen abgehalten, sondern auch motiviert: Nach einem anstrengenden Tag habe ich Hunger, aber es geht schon auf 21 Uhr.
Normalerweise würde ich Essen jetzt vermeiden, aber mein Kalorienzähler zeigt mir, dass ich für heute noch einige Kalorien übrig habe. Ich blicke in den Kühlschrank, trage ein, was ich jetzt gerne essen möchte und bleibe unter meinem Limit. So hat auch der Camembert in mehreren Etappen seinen Weg in meinen Magen gefunden. Meine Mitbewohnerin dankt es mir.
Und über die Sehr-Kalorienreich-Watsche von YAZIO sehe ich mittlerweile hinweg.
Was denkt ihr darüber? Überwacht auch ihr eure Kalorienaufnahme über eine App? Welche verwendet ihr und welche Funktionen sind euch besonders wichtig? Schreibt uns eure Meinung und Erfahrungen in die Kommentare!

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