Paradox: Licht kann Milliarden Jahre durchs All reisen - und erlebt dabei keinen einzigen Moment

Was wie Science-Fiction klingt, lässt sich mit Einsteins Relativitätstheorie erstaunlich präzise erklären.

Die Zeit steht bei Lichtgeschwindigkeit still. (Bildquelle: Adobe Firefly, KI-generiert; Prompt: Alexander Köpf) Die Zeit steht bei Lichtgeschwindigkeit still. (Bildquelle: Adobe Firefly, KI-generiert; Prompt: Alexander Köpf)

Licht kann Milliarden Jahre durchs All unterwegs sein, von einer fernen Galaxie bis in ein Teleskop auf der Erde. Und trotzdem liest man immer wieder einen Satz, der fast unwirklich klingt: Für Licht vergeht keine Zeit.

Ganz falsch ist er nicht – aber nur, wenn man ihn präzisiert.

Denn Einstein sagt nicht, dass ein Photon eine eigene Perspektive hätte, aus der das gesamte Universum in einem einzigen Moment vorbeirauscht. Genau das ist die populäre Übertreibung. Was die Relativitätstheorie tatsächlich sagt, ist nüchterner und gerade deshalb so bemerkenswert: Entlang einer lichtartigen Weltlinie ist die Eigenzeit null.

Warum das so schwer greifbar ist

Seit der Speziellen Relativitätstheorie wissen wir, dass Zeit nicht für alle gleich vergeht. Sie hängt davon ab, wie sich ein Objekt durch die Raumzeit bewegt. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Zeitdilatation:

Aus Sicht eines Beobachters, zu dem sich eine Uhr bewegt, vergeht ihre Zeit langsamer. Das ist keine optische Täuschung, sondern eine reale Eigenschaft der Raumzeit.

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Je mehr sich etwas an die Lichtgeschwindigkeit annähert, desto stärker wird dieser Effekt. Gleichzeitig schrumpft aufgrund der Längenkontraktion der Raum in Bewegungsrichtung.

Der entscheidende Begriff: Eigenzeit

Der Schlüssel zum Verständnis ist die Eigenzeit. Damit ist die Zeit gemeint, die eine Uhr misst, während sie ein Objekt auf seiner Bahn durch die Raumzeit begleitet.

Für uns ist das die Zeit auf der Armbanduhr oder dem Smartphone. Für Astronauten die Zeit an Bord ihres Raumschiffs. Für ein instabiles Teilchen die Zeit bis zu seinem Zerfall.

Licht nimmt dabei eine Sonderrolle ein.

Alles, was Masse hat, bewegt sich auf Bahnen durch die Raumzeit, auf denen eine Uhr mitlaufen kann. Diese nennt man zeitartig. Licht ist anders. Es bewegt sich genau mit Lichtgeschwindigkeit – also auf der äußersten Grenze dessen, was in der Raumzeit für masselose Objekte möglich ist. Diese Bahnen wiederum werden lichtartig genannt.

Darum gilt für Licht auch eine besondere Regel: In der Mathematik der Relativität werden Raum und Zeit zu einer Einheit verrechnet. Für zwei Ereignisse, die durch einen Lichtstrahl verbunden sind, ist das Raumzeit-Intervall daher null.

Das heißt nicht, dass dazwischen grundsätzlich keine Strecke liegt. Es bedeutet jedoch, dass Raum und Zeit in diesem Fall so miteinander verknüpft sind, dass der Abstand in der kombinierten Raumzeit – das Raumzeit-Intervall – null ist und entlang der Bahn des Lichts keine Zeit im gewöhnlichen Sinn mitläuft.

Das ist der Kern des Satzes, dass für Licht keine Zeit vergeht.

Die größte Denkfalle

Doch an genau dieser Stelle kippt die Erklärung oft ins Unscharfe. Aus: Die Eigenzeit entlang einer Lichtbahn ist null wird dann schnell: Aus Sicht des Photons passiert alles gleichzeitig.

Das klingt zwar recht anschaulich, ist physikalisch aber nicht sauber.

Denn in der Relativitätstheorie gibt es kein Inertialsystem, in dem ein Photon ruht. Ein Inertialsystem ist vereinfacht gesagt ein Bezugssystem, das sich gleichförmig bewegt – also ohne Beschleunigung.

Für Objekte mit Masse lässt sich immer ein Bezugssystem wählen, aus dessen Sicht sie ruhen. Bei Licht funktioniert das jedoch nicht. Man kann also nicht einfach in eine Perspektive des Lichts wechseln wie in die eines Autofahrers oder Astronauten. Licht hat in diesem Sinne keinen eigenen Beobachterstandpunkt.

Und genau deshalb ist die Formulierung so wichtig:

Für Licht vergeht keine Zeit – aber nicht, weil es eine eigene Sicht auf das Universum hätte, sondern weil die Geometrie der Raumzeit entlang einer lichtartigen Weltlinie eine Eigenzeit von null ergibt.

Warum das trotzdem spektakulär bleibt

Das macht die Sache nicht weniger erstaunlich.

Ein Photon aus einer fernen Galaxie kann aus unserer Sicht Millionen oder sogar Milliarden Jahre unterwegs sein. Währenddessen entstehen und kollabieren Sterne, kollidieren Galaxien und das Universum dehnt sich weiter aus.

Und trotzdem vergeht entlang dieser Verbindung keine Zeit.

Das ist kein Widerspruch. Es sind zwei verschiedene Aussagen innerhalb derselben physikalischen Theorie.


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Was man guten Gewissens sagen kann

Die Formulierung »für Licht vergeht keine Zeit« hat also einen wahren Kern, ist aber physikalisch stark verkürzt.

Präzise ist sie nur dann, wenn man dazusagt, was genau gemeint ist: nicht eine Sicht des Photons, sondern eine lichtartige Weltlinie mit null Eigenzeit.

Der eigentliche Haken liegt also nicht beim Licht, sondern bei unserer Vorstellung von Raum und Zeit.

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