Er erbte von seinem Vater ein sterbendes Unternehmen, das er nicht wollte – und setzte dann alles auf eine Karte, um es zu retten

Selten hat mich die Geschichte eines Unternehmers so sehr inspiriert, wie die von Kazuto Yamaki. Ich nehme euch mit in die Entstehungsgeschichte von Sigma.

Die Geschichte hinter dem Unternehmen Sigma – vor allem den Menschen dahinter – ist für mich überaus inspirierend. (Auf dem Foto: Das Team von Sigma bei einem Ausflug nach Hakone 1965. Links steht der Gründer Michihiro Yamaki; Bildquelle: Sigma) Die Geschichte hinter dem Unternehmen Sigma – vor allem den Menschen dahinter – ist für mich überaus inspirierend. (Auf dem Foto: Das Team von Sigma bei einem Ausflug nach Hakone 1965. Links steht der Gründer Michihiro Yamaki; Bildquelle: Sigma)

In einer Corporate-Welt voller von Zahlen getriebenen CEOs und austauschbarer PR-Sprüche bin ich vor einigen Jahren auf die Geschichte eines Mannes gestoßen, die mich nicht mehr losgelassen hat. 

Kazuto Yamaki führt sein Unternehmen auf eine Art und Weise, wie ich sie mir für alle CEOs wünschen würde: menschlich, eigensinnig und extrem mutig. Doch dieser Aufstieg war alles andere als fehlerfrei.

Duy Linh Dinh
Duy Linh Dinh

Linh fotografiert schon seit den Kinderschuhen. Als erwachsener Mensch hat er inzwischen unzählige Kameras und Objektive unterschiedlicher Hersteller ausprobiert, besessen und getestet. Heute ist seine Kamera der Wahl die ungewöhnliche Sigma BF. Die Geschichte hinter dem Unternehmen und der Menschen dahinter hat ihn dazu inspiriert diesen Artikel zu schreiben.

Wir blicken zurück auf das Jahr 2012: Kazuto Yamaki ist nicht nur mit einem schweren Schicksalsschlag in seiner Familie konfrontiert, sondern steht plötzlich vor einer technischen wie wirtschaftlichen Mammutaufgabe, von der Hunderte Arbeitsplätze abhängen.

In diesem Jahr stirbt sein Vater Michihiro Yamaki an Leberkrebs. Sein Sohn Kazuto erbt ein Fotografie-Unternehmen, das kurz vor dem Ruin steht – zu einem Zeitpunkt, der nicht schlechter sein könnte: Die gesamte Kameraindustrie steckt in einer tiefen Krise, die Smartphones beginnen, den Markt zu überrollen. Das Bitterste daran: Kazuto wollte dieses Erbe eigentlich nie antreten.

Trotz dieser aussichtslosen Lage setzt Kazuto Yamaki alles auf eine Karte. Es ist der Beginn einer der erstaunlichsten Verwandlungen der modernen Wirtschaftsgeschichte: vom geschmähten Billighersteller zur Edelschmiede der Fotowelt.

Ein CEO brennt mit seiner Geliebten durch – und tritt damit eine Lawine los

Die Geschichte von Sigma beginnt nicht in einem glänzenden Silicon-Valley-Büro, sondern mit einem echten Skandal im Japan des Jahres 1961. 

Michihiro Yamaki, Kazutos Vater, arbeitete damals als junger Ingenieur bei einem Optik-Unternehmen. Eines Tages bricht das Unternehmen schlagartig zusammen. Der Grund: Der damalige Firmenbesitzer hatte die gesamten Kassen geplündert und war mit dem Geld und seiner Geliebten spurlos verschwunden.

Lieferanten und Mitarbeiter standen über Nacht vor dem Nichts. Doch anstatt sich einen neuen Job zu suchen, spürte Michihiro Yamaki eine tief sitzende moralische Pflicht. Er wollte die Menschen, mit denen er gearbeitet hatte, nicht im Stich lassen. 

Kurzerhand gründete er sein eigenes Unternehmen, um die ausstehenden Aufträge abzuwickeln. Er nannte es »Sigma« – nach dem griechischen Buchstaben Σ, dem mathematischen Symbol für die Summe. Es sollte das Zusammenspiel von Technologie, Wissen und Menschen symbolisieren.

Sigma startete wie die meisten Unternehmen ganz klein. Auf der rechten Seite steht Michihiro Yamaki. (Bildquelle: Sigma) Sigma startete wie die meisten Unternehmen ganz klein. Auf der rechten Seite steht Michihiro Yamaki. (Bildquelle: Sigma)

Für den jungen Kazuto war Sigma Zuhause und Gefängnis zugleich

Für den kleinen Kazuto, der Jahre später geboren wurde, war diese Firma kein abstraktes Gebilde. Sigma war sein Zuhause – wörtlich. Die Familie Yamaki wohnte in den ersten Jahren direkt im Gebäude über den Werkshallen der Firmenzentrale.

Wenn Kazuto morgens aufwachte, hörte er schon das Summen der Maschinen. Wenn er das Haus verließ, lief er an den Arbeiterinnen und Arbeitern vorbei, die an den Linsen schliffen. Sigma war sein Kinderzimmer – und gleichzeitig sein persönliches Gefängnis.

Kazuto Yamaki wuchs direkt über den Werkshallen von Sigma auf. (Bildquelle: Sigma) Kazuto Yamaki wuchs direkt über den Werkshallen von Sigma auf. (Bildquelle: Sigma)

Denn sein Vater ließ von Anfang an keinen Zweifel daran, dass er eines Tages in seine Fußstapfen treten müsse. Als Kazuto gerade einmal fünf oder sechs Jahre alt war, nahm Michihiro ihn zur Seite und rechnete ihm eine Zahl vor, die sich tief in das Gedächtnis des Jungen einbrannte: 

»Wir haben 300 Mitarbeiter. Wenn du ihre Familien und Kinder einrechnest, trägst du eines Tages die Verantwortung für 1.200 Menschen auf deinen Schultern.« 

Was als Motivation gedacht war, fühlte sich für das Kind wie ein schweres Gewicht auf der Brust an. Während sein Vater den Beruf mit einer fast poetischen Hingabe lebte, spürte Kazuto vor allem Druck: »Ich wollte eigentlich nur vor dieser Art von Stress weglaufen«, gab er Jahrzehnte später in einem Interview zu. 

Der Fluchtimpuls war so stark, dass er nach der Schule das Weite suchte: Er verließ Japan, zog in die USA und studierte an der Western Washington University. Hauptsache weit weg vom Schatten des Vaters, weit weg von der Verantwortung für 1.200 Schicksale.

»Menschen fotografieren in den glücklichsten und bewegendsten Augenblicken ihres Lebens. Kameras und Objektive sind ganz nah an diesen tiefen Gefühlen. Das macht diesen Beruf so erfüllend.« Ein Zitat von seinem Vater, an das sich Kazuto Yamaki gut erinnern kann. Als Kind verstand er es nicht, heute aber umso besser.

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Rückkehr nach Japan: Kazutos Einstieg als einfacher Arbeiter

Sein Schicksal konnte er nicht abschütteln: 1993 kehrte Kazuto schließlich doch zu Sigma zurück. Er startete in dem Unternehmen jedoch nicht als privilegierter Sohn des CEO, sondern als einfacher Entwicklungsingenieur. Er wollte verstehen, wie die Firma und deren Menschen im Innersten und auf jeder Ebene funktioniert.

Was er vorfand, war zwar ein solides, aber glanzloses Unternehmen. Bis ins Jahr 2012 war Sigma in der Fotowelt vor allem für eines bekannt: günstige Alternative zu sein. Die Objektive bestanden mehrheitlich aus Plastik und die Bildqualität lag weit hinter der Konkurrenz. Sigmas Image war das eines typischen Billig-Drittanbieters. 

Michihiro Yamaki bei der Präsentation von Sigma-Objektiven beim Germany Photo Fest 1979. (Bildquelle: Sigma) Michihiro Yamaki bei der Präsentation von Sigma-Objektiven beim Germany Photo Fest 1979. (Bildquelle: Sigma)

Wer Geld hatte, kaufte Original-Objektive von Canon oder Nikon. Wer sparen musste, griff zu Sigma.

Das war ein passables Geschäft, solange der Kameramarkt noch boomte. Doch als die Smartphone-Kameras immer besser wurden und der Markt für Einsteigerkameras kollabierte, wurde genau dieses Billig-Image zur tödlichen Falle. 

Genau in diesem Moment, als das Fundament der Firma bröckelte, schlug das Schicksal im Hause Yamaki unerbittlich zu.

Als neuer CEO setzte er alles auf einen riskanten Produkt-Launch

Vater und Sohn nebeneinander. (Bildquelle: Sigma) Vater und Sohn nebeneinander. (Bildquelle: Sigma)

Am 18. Januar 2012 starb Michihiro Yamaki im Alter von 78 Jahren. Sein Sohn übernahm von diesem Zeitpunkt an seine Rolle als CEO von Sigma. 

Um das sterbende Unternehmen zu retten, setzte er alles auf eine Karte: Sigma sollte fortan nicht mehr eine billige Alternative zu Canon und Nikon sein, sondern eine echte Qualitätsoption für Profis und Hobbyisten gleichermaßen.

Sigmas letzter Joker war der Launch des heute legendären Sigma 35mm F/1.4 Art. Kazuto Yamaki erinnert sich: 

»Vor dem Launch des 35mm f/1.4 war ich extrem nervös. Wenn das gescheitert wäre, hätten wir nicht überlebt.«

Dieses Objektiv war Sigmas letzte Hoffnung und wurde ein voller Erfolg. (Bildquelle: Sigma) Dieses Objektiv war Sigmas letzte Hoffnung und wurde ein voller Erfolg. (Bildquelle: Sigma)

Das Objektiv war ein voller Erfolg. Nicht nur war es hochwertig verarbeitet, es bot teilweise eine bessere Bildqualität als die doppelt so teuren Alternativen der Konkurrenz. Das Sigma 35mm F/1.4 Art markierte die Geburtsstunde des neuen Sigma.

Zwischen Genie und Sturheit: Wo Sigmas Eigensinn an Grenzen stößt

Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Ich nutze selbst die Sigma BF: eine Kamera, die aussieht wie ein futuristischer Aluminiumblock. 

Die Sigma BF ist zwar mutig und außergewöhnlich, aber wohl alles andere als ein wirtschaftlich kluger Schachzug. (Bildquelle: Duy Linh DinhGameStar Tech) Die Sigma BF ist zwar mutig und außergewöhnlich, aber wohl alles andere als ein wirtschaftlich kluger Schachzug. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)

Ich habe auf GameStar bereits über sie geschrieben, weil es für mich schlicht kein schöneres Gehäuse gibt. Aber ich muss ehrlich sein: Ergonomisch ist der Klotz gewöhnungsbedürftig, die Akkulaufzeit überschaubar und das Preisschild verlangt eine gehörige Portion Liebhaberei.

Das zieht sich durch viele Eigenentwicklungen. Das Herzensprojekt der Firma, der Vollformat-Foveon-Sensor, verstrickte sich in so schweren technischen Problemen, dass Kazuto Yamaki die Entwicklung mehrfach auf null zurücksetzen musste. 

Zudem ist rein betriebswirtschaftlich die Entscheidung, aus Heimatstolz ausschließlich in einem einzigen Werk in Aizu, Japan zu fertigen, ein gewaltiges Risiko im Falle von Naturkatastrophen.

Ich sehe diese Schwachstellen und Risiken glasklar, aber genau das macht meine Faszination aus: Ich bewundere Yamaki-San nicht, weil er fehlerfrei ist, sondern weil er zu diesen Ecken und Kanten steht. 

In einem Markt voller Kameras und Objektiven, die sich kaum noch voneinander unterscheiden, baut er Produkte mit Seele und Persönlichkeit, selbst wenn er damit Risiken eingeht.

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Ein Chef ohne Büro

Der Erfolg der Art-Serie rettete das Unternehmen vor dem Ruin und zementierte Sigmas Sonderrolle. 

Als eines der letzten echten Familienunternehmen der Fotowelt muss Kazuto Yamaki keine Renditeversprechen an Aktionäre abliefern. Wie nah er seiner Belegschaft steht, zeigt ein Detail: Er besitzt bis heute kein eigenes CEO-Büro, sondern arbeitet an einem einfachen Schreibtisch mitten im Großraumbüro.

Seine Heimatverbundenheit geht weit über die Fabrikmauern hinaus. In Aizu kauft Sigma sogar brachliegende Reisfelder auf und bewirtschaftet sie, um das Ökosystem der Region zu schützen. Ein Denkmal für seinen verstorbenen Vater, der diese Landschaft liebte.

Wir bleiben gespannt, wie es mit Sigma unter der Führung von Kazuto Yamaki weitergehen wird. (Bildquelle: Bautsch gemeinfrei) Wir bleiben gespannt, wie es mit Sigma unter der Führung von Kazuto Yamaki weitergehen wird. (Bildquelle: Bautsch /gemeinfrei)


Passend zum Thema: Mein Erfahrungsbericht zur Sigma BF


Derselbe Eigensinn prägt die Produkte. Experimente wie die Sigma BF sind keine Kassenschlager, aber sie zeigen Mut zum Eigensinn. Wenn Brancheninsider den Sigma-CEO deshalb augenzwinkernd als »verrückt« bezeichnen, nimmt er das als größtes Kompliment.

Aus dem einst aufgezwungenen Erbe hat Kazuto Yamaki ein Lebenswerk geformt, das der gesamten Fotoindustrie ihre Seele bewahrt, getrieben von der Erkenntnis, die sein Vater ihm einst als kleiner Junge mit auf den Weg gab.

»Ich glaube nicht, dass ich Sigma zu einer größeren Firma als Sony oder Canon machen kann, aber ich glaube fest daran, dass wir die sympathischste und mutigste Marke der Fotowelt sein können.«


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