Angela Lipps ist 50 Jahre alt, Mutter von drei Kindern, Großmutter von fünf – und sie hatte bis zum Sommer 2025 noch nie einen Fuß in den US-Bundesstaat North Dakota gesetzt.
Dennoch wurde sie am 14. Juli 2025 von US-Marshals bewaffnet an ihrem Haus in Tennessee verhaftet, während sie vier Kinder betreute.
Der Vorwurf lautete Bankbetrug in der über 1.900 Kilometer entfernten Stadt Fargo. Der Auslöser war eine KI-gestützte Gesichtserkennungssoftware, die Lipps auf Überwachungsaufnahmen als mögliche Verdächtige markiert hatte.
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Wie The Independent unter Berufung auf WDAY News berichtet, hatte die US-Polizei in Fargo im April und Mai vergangenen Jahres mehrere Fälle von Bankbetrug untersucht.
- Demnach hatte eine unbekannte Frau mit einem gefälschten US-Militärausweis Tausende US-Dollar abgehoben.
- Die Ermittler setzten Gesichtserkennungssoftware auf Überwachungsvideos an – und das System lieferte Angela Lipps als Treffer zurück.
Einer dieser Ermittler verglich dem Bericht zufolge anschließend Lipps' Führerscheinfoto und Social-Media-Bilder mit den Aufnahmen und stellte fest, dass Gesichtszüge, Körperbau und Haare übereinstimmten. Eine direkte Kontaktaufnahme mit Lipps vor der Verhaftung fand indes nicht statt.
Dabei wäre eine einfache Überprüfung ausreichend gewesen: Lipps' Kontoauszüge zeigten, dass sie zum Tatzeitpunkt in Tennessee Zigaretten kaufte und ihre Sozialversicherungsschecks einlöste.
Verlust von Haus, Auto und Hund
Als Lipps nach 108 Tagen endlich nach North Dakota ausgeliefert wurde, gab sie aufgrund eines Fluchtrisikoverdachts keinen Anspruch auf Kaution. Erst am 19. Dezember 2025, also rund fünf Monate nach ihrer Verhaftung, trafen sich Fargo-Ermittler erstmals mit Lipps und ihrem Anwalt Jay Greenwood.
Greenwood hatte zu diesem Zeitpunkt längst ihre Bankbelege beschafft. Die Dokumente bewiesen zweifelsfrei, dass Lipps über 1.900 Kilometer entfernt in ihrer Heimat in Tennessee war, als die Betrugsfälle in Fargo stattfanden. Am 24. Dezember wurden daher alle Anklagen fallengelassen.
Der Schaden war da allerdings schon angerichtet.
- Während ihrer Haft konnte Lipps eigenen Angaben zufolge keine Rechnungen bezahlen. Sie verlor ihre Wohnung, ihr Auto und ihren Hund.
- Aus dem Gefängnis entlassen, stand sie wiederum in Fargo ohne Geld oder Möglichkeiten zur Heimreise da. Die Polizei übernahm keine Rückreisekosten; eine gemeinnützige Organisation namens »The F5 Project« ermöglichte ihr schließlich ihre Rückkehr nach Tennessee.
Ihr Anwalt Greenwood kommentierte den Fall mit einer klaren Botschaft an die Strafverfolgungsbehörden:
Wenn das einzige Beweismittel [KI-]Gesichtserkennung ist, empfehle ich, gründlicher zu ermitteln.
Bereits die achte dokumentierte Falschverhaftung in den USA
Der Fall Angela Lipps ist laut The Independent kein Einzelfall, sondern der achte dokumentierte Fall einer Falschverhaftung in den USA, der auf einen fehlerhaften Treffer einer KI-Gesichtserkennung zurückgeführt wird.
Der erste öffentlich bekannte Fall in den Vereinigten Staaten datiert auf das Jahr 2020 (via New York Times), als ein Mann namens Robert Williams in Detroit festgenommen wurde. Vier Jahre nach dem Vorfall schloss Williams einen Vergleich mit der Stadt ab.
Ein solcher steht auch für Lipps im Raum, die laut eines weiteren Berichts der WDAY News inzwischen mit zwei Anwälten für eine entsprechende Rechtsklage zusammenarbeitet.
Fargos Bürgermerister Tim Mahoney erklärte indes lapidar, dass «die Ausstellung eines Haftbefehls für Frau Lipps zeigt, dass ein Gericht ausreichenden Tatverdacht als gegeben ansah«.
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