Ich habe für GameStar bereits den einen oder anderen Test geschrieben, aber selten habe ich mich so schwer mit der Einordnung eines Geräts getan, wie mit den Kiwi Ears.
Ja, es sind Kopfhörer, aber es sind auch IEMs, also In-Ear-Monitors, und gedacht für HiFi-Liebhaber, Musikerinnen und Musiker sowie Leute in der Tontechnik. Das macht die Zielgruppe potenziell sehr klein.
Nichtsdestotrotz könnten die Astral euer Interesse finden, weil sie für ein HiFi-Produkt vergleichsweise fair bepreist sind: 300 Euro. Deshalb lest ihr hier keinen klassischen Test, sondern warum ausgerechnet diese Kopfhörer euer Tor in die Welt von HiFi sein könnten.
HiFi, ChiFi und IEMs
Bevor ich euch meine 4 Gründe nenne, wieso die Kiwi Ears Astral ein guter Einstieg in HiFi sind, erkläre ich euch kurz und knapp diese drei Begriffe.
- HiFi (High Fidelity): Bezeichnet besonders hochwertige, originalgetreue Audiowiedergabe. Ziel ist ein möglichst naturgeträuer Klang ohne Verzerrung.
- ChiFi (Chinese HiFi): Umgangssprachlicher Begriff für günstige, aber doch recht hochwertige Audioprodukte aus China, die oft viel Klang fürs Geld bieten.
- IEM (In-Ear Monitor): Spezielle In-Ear-Kopfhörer, ursprünglich für Musikerinnen und Musiker auf der Bühne entwickelt. Sie sind heute auch bei Audiophilen beliebt, da sie tief im Ohr sitzen und sehr detailreichen Klang liefern. Außerdem sind sie immer kabelgebunden.
All diese drei Begriffe treffen auf die Kiwi Ears Astral zu. Mit 300 Euro sind die Knöpfe zudem extrem fair bepreist, denn IEMs können mehrere tausend Euro kosten, wenn es um authentisches Studioequipment geht.
Ein Hinweis noch: Die Grenzen zwischen In-Ear-Kopfhörern und IEMs verwischt mittlerweile. Hochwertig In-Ears werden mittlerweile bereits als IEMs bezeichnet, auch wenn es technisch betrachtet nicht korrekt ist. Bedenkt das, wenn ihr nach IEMs Ausschau haltet.
Wenn ihr also mit dem Gedanken spielt, HiFi eine Chance zu geben, findet ihr nachstehend meine 4 Gründe, warum gerade dieses Modell ein Türöffner sein kann.
4 Gründe für die Kiwi Ears Astral
1. Naturbelassener Klang
Hinweis: Ich weiß natürlich, dass Musik über Spotify komprimiert ist. Nichtsdestotrotz werde ich der Einfachheit halber Links zum Streaming-Dienst verwenden, damit ihr die Songs anhören und nachvollziehen könnt, was ich meine.
Ich mache da jetzt keinen Hehl draus: Die Astral sind richtig schmackhaft klingende Kopfhörer, die im Vergleich zu normalen In-Ears Referenzklang liefern. Dafür sorgen ein dynamischer Treiber, sechs Balanced-Armature-Treiber sowie eine Frequenzweiche.
- Der neutrale Klang ist detailreich und vor allem für Gesang und Instrumentalsongs gedacht wie Hello von Adele oder YYZ von Rush.
- Der Bass ist im Vergleich sehr trocken und spielt sich nicht in den Vordergrund. Gut hört man das bei Bad Guy von Billie Eilish.
- Die Höhen sind relativ weich und gleichmäßig; sie stechen ebenfalls nicht hervor. Gerade das Saxophon in Metaknight’s Revenge von Super Soul Bros. besitzt weichere Spitzen.
Besonders gut hat mir Modern Crusaders von Enigma gefallen. Der Song ist sehr unaufgeregt, die Instrumente fließen ineinanderüber. Gerade mit den Astral klingt das Lied einfach butterweich und natürlich.
Link zum Spotify-Inhalt
Das klingt alles erstmal vertraut, wenn ihr Kopfhörertests von mir kennt. Allerdings gibt es einen gravierenden Unterschied: Wir sind Musikhören mit Kopfhörern gewohnt, die von Natur aus durch Algorithmen beeinflusst sind. Hinzu kommen etwaige Presets oder Equalizer, mit denen ihr das Hörerlebnis nach eurem Gusto anpasst.
Das gibt es hier nicht. Oder, um es mit einer englischsprachigen Weisheit zu sagen: »What you hear is what you get«. Die Astral sind bewusst so natürlich gehalten; lediglich der Bass und die Hochtöne sind Mü hervorgehoben.
Das bedeutet auch, dass eure Audioquelle möglichst hochwertig sein sollte.
- Dateien in unkomprimierten FLAC-Format
- HiFi-Streamingdienste wie Tidal
- Musik in Masterqualität
2. Hochwertige Verarbeitung
Eigentlich muss ich nicht viel mehr machen, als euch das Kabel zu zeigen:
Das Kabel ist für IEMs ein elementarer Teil; Kabelbruch muss unter allen Umständen vermieden werden. Dementsprechend ist das Kabel nicht nur ineinander geflochten, sondern besitzt eine zusätzliche Ummantelung. Ihr müsstet es schon irgendwo einklemmen oder mit der Schere zu Leibe rücken, um es kaputtzumachen.
Und sollte doch mal ein Unglück passieren, lässt sich die Strippe austauschen. Die Speaker könnt ihr nämlich einfach abziehen.
Ins selbe hochwertige Horn stoßen auch die Knöpfe selbst. Die sind aus Resin, Kunstharz, gestaltet. Das kennt man sonst von Schmuck, Skulpturen oder Zahnprothesen. Das Material macht die Speaker leicht und robust. Außerdem klingt es besser als handelsübliches Plastik.
3. Hübsches Aussehen
Zugegeben, über Optik lässt sich sicher streiten. Aus Erfahrung weiß ich aber, dass gerade bei In-Ears in Sachen Design nicht viel zu holen ist. Zu klein und im Grunde auch nicht so wichtig.
Gerade deshalb empfinde ich die ins Resin eingelassenen glitzernden Applikationen als richtig schick! Zusammen mit dem Logo und dem glatten Kunstharz macht das optisch und haptisch richtig was her.
Auch das geflochtene Kabel ist ein echter Hingucker. Ich liebe es einfach, wenn Aussehen und Funktion Hand in Hand gehen.
4. Wenige Accessoires
Das mag erstmal wie ein Nachteil klingen, aber weniger Accessoires bedeuten auch weniger Verwirrung. Im Lieferumfang enthalten sind lediglich:
- Die Kopfhörer selbst
- Das Kabel
- 3 Paar Tips
- 2 Klinkenstecker (3,5 mm und 4,4 mm)
- 2 Paar austauschbare Gitter für die Speaker
Ich bin froh, dass der Hersteller hier gespart hat und nicht bei der Technik selbst. Am Ende des Tages reicht das Paket nämlich für den Heimnutzer oder die Heimnutzerin allemal aus.
Zum Öffnen klicken
- Treiber-Konfiguration: Hybrid-Setup mit 1x 10 mm Bioceramic Dynamic Driver (Subwoofer) und 6 Balanced Armature (BA) Treibern (zwei Dual-Mittelton-BA + Dual-Ultra-Hochton-BA)
- Frequenzgang: 10 Hz – 22 kHz
- Impedanz: 23 Ω (±1 Ω)
- Empfindlichkeit: 105 dB (±1 dB)
- THD: < 1 % (geringe Verzerrung)
- Gehäuse: Resin mit Wachsfilter
- Gewicht: Etwa 12 g pro Stück
Was mir an den Kiwi Ears Astral nicht gefallen hat
Jetzt sind 300 Euro im HiFi-Bereich am unteren Ende. Das heißt, ihr müsst Abstriche hinnehmen. Die sind je nachdem wie ihr zu Klang- und Kopfhörerqualität steht, aber gar nicht so wild.
- Wenige Tips: Im Paket finden sich nur drei Paar Tips. Das reicht im Normalfall aus, aber wenn die nicht in eure Hörgänge passen, bringen die besten Kopfhörer nichts.
- Zurückhaltender Bass: Das ist weniger ein Problem der Astral, sondern mehr ein Phänomen »normaler« Kopfhörer, wo tiefe Töne oft künstlich hervorgehoben sind. So wie der Rest des Klangs ist der Bass hier vergleichsweise steril, was je nach Hörer oder Hörerin aufstoßen könnte.
- Kein Schnickschnack: Die IEMs besitzen kein alternatives Bluetooth, kein Mikrofon oder praktische Funktionen wie Noise Cancelling.
- Kabel geht über die Ohren: Das ist mehr ein persönliches Problem von mir. Ich mag es nicht, wenn In-Ears Bügel für die Ohren haben. Das ist hier zwar nicht so, aber das Kabel ist so geschwungen, dass es über die Oberseite der Ohren geht. Selber Effekt also.
Alternativen
- Noble Audio Knight: Die Knöpfe kosten ebenfalls 300 Euro, sind noch ein Eckchen neutral im Klang. Im Lieferumfang ist zudem kein Case enthalten.
- Yanyin Canon Pro: Diese IEM stammen ebenfalls von einem chinesischen Hersteller und sind im Vergleich kleiner und optisch zurückhaltender. Hier dürft ihr den Bass über die Frequenzweiche sogar ein wenig feinjustieren. Kostenpunkt: rund 350 Euro.
Fazit
Dafür, dass ich nicht wusste, wie ich über die Kiwi Ear Astral am besten schreibe, sind es am Ende doch recht viele Worte geworden. Ich mache es nochmal kurz und knapp:
- Die In-Ears überzeugen mit weitestgehend neutralem Klang, der nur Bass und Höhen ein wenig anhebt.
- Verarbeitung und Design sind super.
- Mit 300 Euro sind sie am unteren Ende der HiFi-IEMs und somit optimal für den Einstieg für Interessierte geeignet.
Seid euch aber bewusst, dass die Astral mit keinerlei Zusatzfunktionen kommen. Kein Bluetooth, kein ANC, kein Mikro, nichts. IEMs sind rein auf ihren Klang optimiert.
Das heißt auch: Ihr könnt sie nicht am Handy nutzen und für den Flieger sind sie auch ungeeignet. Wenn ihr eure Lieblingsmusik richtig neutral hören und wissen wollt, mit was für Equipment Profis arbeiten, sind die Astral eine gute Gelegenheit zum Einstieg.
Braucht ihr Musik zum Testen, habe ich einen Artikel samt Playlist für euch.
Ich hoffe, dieser Artikel war für euch ein nachvollziehbarer Türöffner in die Welt der In-Ear-HiFi mit ein wenig ChiFi als Beilage. Es ist immer schwer, gute Audiogeräte zu erklären, wenn man sie nicht selbst gehört hat – und das sagt jemand, der allein schon drei unterschiedliche Paar Kopfhörer für unterschiedliche Szenarien zu Hause hat.
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