Ich verbringe beruflich mindestens acht Stunden am Tag vor dem Bildschirm. Mein größtes privates Hobby ist Gaming, da kommen täglich also nochmal zwei, drei, manchmal vier Stunden vor der Mattscheibe oben drauf. Außerdem natürlich das Smartphone. Also kein Wunder, dass ich nach durchschnittlich zehn Stunden LCD-Geflimmere absolut keinen Bock habe, auch noch meine Bücher und Comics vom Bildschirm abzulesen.
Außerdem liebe ich Papier. An den Seiten schnuppern, blättern, den Einband knicken, an die Seiten kritzeln – ich bin altmodisch, ich liebe die Haptik eines dicken Schmökers in der Hand. In einer luftleeren idealen Welt würde ich immer lieber zum physischen Buch greifen.
Nur quittiert mir mein Bankkonto jeden Monat, dass ich definitiv in keinem luftleeren Raum lebe – vor allem als Comic-Fan nicht.
Comics sind sau teuer und teils verflucht schwierig zu ergattern. Letztes Jahr wollte ich (motiviert durch Marvel Rivals) mal ein paar Wolverine-Comics nachholen. Alleine die ersten zwei Bände kosten mich zusammen 84 Euro, Band 3 ist zudem vergriffen, hier müsste ich sogar 97 Euro für ein einziges, gebrauchtes (!) Buch latzen. Könnt ihr hochrechnen, was mich alle 15 Bände kosten würden.
Und da sitze ich hier im Büro, die tränenüberströmten Wangen in meinen Händen vergraben, als Kollege Paul um die Ecke kommt, mein Leid erspäht und mir sein Tablet ins Gesicht hält: »Probier doch mal Marvel Unlimited«, sagt er.
Gesagt, getan. Und so gerne ich an Papier schnuppere, nach sechs Monaten mit Marvel Unlimited gibt's für mich kein Zurück mehr.
Was ist Marvel Unlimited und was kostet es?
Marvel Unlimited ist quasi ein Netflix für Comics. Ich zahle monatlich 10 Euro oder 70 Euro fürs ganze Jahr, um im Gegenzug Zugriff auf über 30.000 Comics aus 80 Jahren Marvel-Historie zu bekommen. Das ist eine ordentliche Stange Geld, die ihr euch gut überlegen solltet. Aber falls ihr wirklich Bock auf Comics habt, dann ist der Gegenwert verglichen mit den Kosten gedruckter Sammelbände unglaublich.
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Sobald ihr Zugriff habt, könnt ihr auf Tablet oder Smartphone die Marvel Unlimited App aufrufen, euch irgendeinen Comic schnappen und loslesen. Und da wären wir schon bei Grund Nummer 1, warum ich Marvel Unlimited so klasse finde.
Vorteil 1: Die schiere Auswahl
Marvel selbst spricht ja von 30.000 Comics im Sortiment und ich habe jetzt noch (!) nicht händisch nachgezählt, aber mein Comic-Geschmack ist sehr, sehr breit gestreut – und bisher konnte ich die App noch kein einziges Mal an ihre Grenzen treiben.
Obskure X-Men-Comics aus den 90ern? Gibt's. Ihr wollt den berühmten Civil War der 2000er nachlesen? Gibt's. Ihr möchtet die berühmt-berüchtigten 1970er nachholen, in denen Iron Man dem Alkohol verfiel? No problemo. Hey, ich kann sogar die allerersten Captain-America-Ausgaben lesen ... also bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurückreisen.
Selbst völlige Exoten wie Avengers 1959 oder bizarre Events wie Acts of Vengeance oder Maximum Security findet ihr problemlos. Ihr müsst nur dann mit Einschränkungen leben, wenn ihr die absolut aktuellsten Comics lesen möchtet. Auf Marvel Unlimited landen die neuesten Ausgaben in der Regel erst nach drei, vier Monaten.
Zum Glück haben viele der besten Comics eh schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Wollt ihr das alles in Paperback-Format nachholen, zahlt ihr ein kleines Vermögen. Marvel Unlimited macht euch das deutlich, deutlich komfortabler möglich. Apropos Komfort ...
Vorteil 2: Die Smart-Panel-Funktion
Die Smart-Panel-Funktion ist ein ziemlicher Zankapfel und ich verstehe die Kritiker, aber reden wir erstmal über den Vorteil: Wenn ich Smart Panel aktiviere, dann zerlegt die App eine Comicseite und zoomt im Prinzip Panel für Panel durch die Handlung.
Ich persönlich kann damit vor allem die ganz alten Comics viel, viel flüssiger lesen, denn bis in die 80er hinein sind Marvel-Comics ziemliche Textwüsten. Und wenn du plötzlich eine Seite vor dir hast, die wie eine Datenschutzerklärung der Sparkasse aussieht, dann nimmt einem das schon mal die Puste.
Ich habe das Bild hier im Querformat, damit es euch nicht den Bildschirm zerschießt - im Hochformat seht ihr natürlich ohne Smart Panel die komplette Seite auf einen Blick. (Bildrechte: Marvel)
Aber klar, Comic-Seiten sollten eigentlich in ihrer Gesamtheit konsumiert werden und nicht Panel für Panel, weil viele Seiten ihre Magie überhaupt erst dadurch entfalten, dass Inhalte über einzelne Panels hinausragen oder das Geschehen in zwei Folgebildern von Mikro zu Makro wechselt. Die berühmten 3x3-Raster aus Alan Moores Watchmen verlieren ihre Wirkung, wenn ich sie mir von einer App zersägen lasse.
Im Alltag wechsle ich ziemlich dynamisch zwischen beiden Modi hin und her, generell könnt ihr dank Touchscreen auf den Seiten hin- und herschwenken, -zoomen und -schieben, wie ihr lustig seid. Klingt vielleicht wie eine Kleinigkeit, aber gerade für Menschen mit Sehschwäche sind solche Zooms ein ziemlicher Segen, den Papierseiten so nicht bieten.
Außerdem habt ihr digital keinen sogenannten »Gutter Loss«. Falls ihr den Begriff nicht kennt: Stellt euch vor, ihr schlagt ein fantastisches zweiseitiges Artwork von Iron Mans neuer Rüstung auf, doch rund ein Zehntel dieser tollen Splash Page geht verloren, weil ihr euren dicken Sammelband eben nur so weit aufknicken könnt, ohne den Einband zu brechen. Besonders bei den teuersten Omnibus-Sammelbänden mit über 1.000 Seiten ist das ein Riesenproblem.
Hier seht ihr mal den Gutter Loss in der physischen Variante verglichen mit dem Artwork in der App. (Bildrechte: Marvel)
Vorteil 3: Der Stöber-Faktor
Comics sind in der Welt des Papiers ohnehin immer ein Commitment. Wenn ich als X-Men-Neuling zum Beispiel vom legendären Chris Claremont erfahre und dessen Comics nachholen möchte, dann lege ich für den günstigsten Sammelband aktuell 40 bis 50 Euro auf den Tisch. Und dann weiß ich ja noch immer nicht, ob mir die Geschichten überhaupt taugen.
In Marvel Unlimited kann ich viel ungezwungener stöbern. Zum Beispiel habe ich mal mit dem Thor der 90er angefangen und die Miss Marvel der späten 70er nachgeholt, dann springe ich anlässlich von Thunderbolts zur ersten Mini-Serie eines USAgent, von dort zu den Ultimate X-Men der frühen 2000er.
Wenn in Marvel Rivals eine neue Figur angekündigt wird, zum Beispiel aktuell Rogue, dann schnappe ich mir einfach irgendeine Rogue-Serie und mache mich mit dem Charakter vertraut. Diese Art von Flexibilität ist Gold wert in einem Universum hunderter potenziell interessanter Figuren. Allerdings hat diese Vielfalt auch einen großen Nachteil.
Zu meckern gibt's trotzdem was
Nichts schreckt Comic-Neulinge so sehr ab wie die eine große Frage: Wo zum Geier fange ich an? 30.000 Comics werden hier zum Fluch, wenn du deine Inhalte für deine potenzielle Zielgruppe nicht kuratierst. Marvel Unlimited leistet da bereits eine ganze Menge: Wenn ihr mit den großen Helden einsteigen wollt – Iron Man, Black Widow und so weiter –, dann findet ihr alle möglichen Einstiegs-Leselisten, bei denen ihr bloß auf Start klicken müsst.
Und auch die großen Events gibt's als separate Reading Guides, in denen die Myriaden an Tie-In-Ausgaben, Nebenschauplätzen und Hauptheften schön sortiert werden.
Aber hier deckt Marvel Unlimited noch lange nicht alles ab. Für viele Geschichten müsst ihr trotzdem eigenständig Recherche betreiben, um zum Beispiel herauszufinden, wo ihr Ms. Marvel weiterlesen könnt, nachdem ihr Solo-Heft in den 80ern eingestellt wurde.
Oder ihr habt auf Netflix Into the Spiderverse gesehen und interessiert euch für Spider-Man 2099 ... viel Spaß beim Zusammensuchen all seiner Auftritte. Und dann gibt's ja auch noch diverse kleine Crossover, wo eine Story in Iron Mans Comic beginnt, bei Thor weitergeht, um schließlich in Spider-Man zu enden. Auch hier müsst ihr euch händisch alle Ausgaben zusammensuchen.
Alles kein Weltuntergang, keine Frage. Wenn ihr euch für eher obskure Figuren interessiert, ist die Chance eh groß, dass ihr wisst, was ihr wollt. Aber falls ihr darauf hofft, dass Marvel Unlimited euch jedwede Recherche abnimmt, um in die Welt der Comics einzusteigen: Ganz so einfach ist es dann doch nicht.
Trotzdem gibt's selbst für mich als Papierfan kein Zurück mehr. Durch Marvel Unlimited spare ich Unmengen an Geld, wer monatlich abonniert, kann auch monatlich kündigen, außerdem bekomme ich Stand jetzt (anders als bei Amazon) für mein Geld eine komplett werbefreie Erfahrung, mit der ich die Welt der Comics so bequem genießen kann wie nie zuvor.
Oh, und falls ihr keinen Bock auf Marvel habt, dann bietet DC mit Universe Infinite einen sehr ähnlich Dienst – den werde ich dann demnächst mal ausprobieren.
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