Seit Dezember 2023 streitet die New York Times mit OpenAI und Microsoft vor einem Bundesgericht in Manhattan. Inzwischen sind mehrere Verlagsklagen in einem Verfahren gebündelt.
Anfang September haben die Parteien ihre Argumente für ein »Summary Judgment« vorgelegt, also ein Urteil ohne Geschworenenprozess. Am 17. September 2026 ist dieser Antrag der Verlage in weitgehend ungeschwärzter Fassung öffentlich geworden.
Gleich im ersten Absatz zitieren die Anwälte einen höherrangigen Microsoft-Mitarbeiter, der vom »größten Diebstahl von Arbeit in der Geschichte der Menschheit« gesprochen haben soll.
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KI zerstört unsere Spiele nur, wenn wir es zulassen
Microsoft-Forscher im Zentrum
Das Zitat stammt – wie so einige weitere brisante Aussagen im Verlauf der Klageschrift – von Brent Hecht, der bei Microsoft als »Partner Director of Applied Science« geführt wird.
Zudem ist er an der Northwestern University tätig und befasst sich laut seinem Microsoft-Profil mit KI-Ökosystemen, von denen »KI-Nutzer, KI-Firmen und die Produzenten von Inhalten und Daten gleichermaßen profitieren sollen«.
Es ist nicht Hechts einzige Formulierung, die für Stirnrunzeln sorgt.
- Auch die Verteidigung von OpenAI und Microsoft nimmt er sich zur Brust: Kämen sie mit der »Fair Use«-Argumentation durch, würde das den Grundgedanken dieser Idee zur Farce machen.
- Zudem äußerte Hecht die Sorge, OpenAI könnte einen Filter einsetzen, der die Ausgabe von Verlagsinhalten unterdrückt. Das käme einer »versehentlichen Vertuschung« gleich, weil Rechteinhaber dann schlechter nachvollziehen könnten, was ins Training geflossen ist.
- Einen solchen Filter hat OpenAI den Verlagen zufolge direkt nach Beginn der Klagen gebaut – und zwar nur für Inhalte von Klägern. Sie sehen darin den Versuch, ihnen die Beweissuche zu erschweren.
Zwischen Klickeinbruch und »Doom Loop«
Die Verlage selbst wollen vor allem zeigen, dass ChatGPT und Copilot Nachrichtenseiten nicht ergänzen, sondern ersetzen. Genau darum dürfte sich der Streit um die »Fair Use«-Interpretation drehen – eine Schranke im US-Urheberrecht, bei der unter anderem zählt, ob die neue Nutzung dem Original Konkurrenz macht.
- Bei Copilot fällt die Klickrate auf Seiten der Times um 87 bis 93 Prozent niedriger aus als bei der klassischen Bing-Suche – belegt durch Microsoft-interne Messungen.
- Vom ChatGPT-Chef Nick Turley stammen zwei andere Einschätzungen: Verlage stünden vor einer existenziellen Bedrohung, und die eigenen Produkte würden Nachrichtenangebote mit jeder Verbesserung stärker ersetzen.
- Microsoft-Chef Satya Nadella stimmte unter Eid zu, Chatbots hätten den Weg zur Originalquelle ersetzt, indem sie die Information direkt auf der KI-Plattform liefern. Microsoft wertet das gegenüber Ars Technica aber als eine »Beobachtung zum Wandel der Mediennutzung« und nicht als Aussage zu den Gerichtsfragen.
Ein weiteres Microsoft-Papier, das laut der Klageschrift ebenfalls von Hecht stammt, warnt indes vor einem »Doom Loop«: Die eigene Content-Strategie schwäche Modelle und Web gleichermaßen.
Für das »Mid-Training« – eine späte Phase, in der Modelle mit gezielt ausgewählten Daten nachgeschärft werden – griff OpenAI demnach auf mehr als 91.000 Kopien von Artikeln der klagenden Verlage zurück.
Nadellas Maßstab und Brockmans »ah nice«
Ebenso heikel ist eine Aussage von Nadella: Hätte er gewusst, dass OpenAI Inhalte hinter Bezahlschranken abgegriffen und damit trainiert hat, hätte er Microsofts Recht genutzt, ein Neutraining der Modelle zu verlangen – so zumindest seine Befragung unter Eid. Grundsätzlich müsse lizenzieren, wer solche Inhalte fürs Training oder für Chatbot-Antworten nutzt.
Bei OpenAI sah man das offenbar etwas lockerer: Ein knappes »ah nice« soll OpenAI-Präsident Greg Brockman laut der Klageschrift geschrieben haben, als ihm ein Mitarbeiter einen Kniff zum Umgehen der NYT-Bezahlschranke schilderte.
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Microsoft geht auf Abstand
Offiziell distanziert sich Microsoft – insbesondere von den Zitaten von Hecht.
- Hechts Aussagen spiegelten die Sicht eines einzelnen Mitarbeiters, seien keine juristische Analyse und nicht die Haltung des Konzerns, erklärte ein Microsoft-Sprecher etwa gegenüber Ars Technica.
- Microsoft-Sprecher Alex Haurek erklärte indes gegenüber der New York Times, die Nutzung sei transformativ und Copilot kein Ersatz für den Journalismus der Verlage.
- OpenAI stützt sich für seine Argumentation wiederum (via Axios) auf die Urteile Kadrey gegen Meta und Bartz gegen Anthropic, in denen KI-Training als »Fair Use« durchging.
Steven Lieberman, der die »New York Daily News« und sieben weitere Zeitungen vertritt, hält gegenüber der Washington Post dagegen: Die erstmals öffentlichen Belege zeigten, dass OpenAI und Microsoft wussten, dass ihr Vorgehen falsch war. Beide hätten darauf gepocht, die Dokumente vertraulich zu behandeln, damit die Öffentlichkeit sie nicht zu sehen bekommt.
Ob und in welchem Umfang der Fall 2027 vor Geschworenen verhandelt wird, soll Richter Sidney Stein in den nächsten Monaten klären.
