Das größte Flugzeug der Welt hat nur einen Verwendungszweck [Best of GameStar]

Die Radia Windrunner soll helfen, Onshore-Windräder mit längeren Rotorblättern zu bauen, selbst in entlegenen Gebieten.

Die Radia Windrunner soll, wenn es nach ihren Müttern und Vätern geht, den Markt für Windräder auf den Kopf stellen. Quelle: Radia Die Radia Windrunner soll, wenn es nach ihren Müttern und Vätern geht, den Markt für Windräder auf den Kopf stellen. Quelle: Radia

Sie soll Rekorde brechen und uns das Werkzeug an die Hand geben, um quasi überall gewaltige Windräder aufzustellen - die Radia Windrunner.

Mit einer Länge von 109 Metern wollen die Köpfe hinter dem Flugzeugkonzept alle bisherigen Frachtflugzeuge in den Schatten stellen und dank eines ausgefeilten Frachtraumkonzeptes mit einem Volumen von 8.200 Kubikmetern komplette Rotorblätter schlucken und zu fast jedem Ort der Welt bringen können. Doch was soll das Ganze? Sie wollen das Buch zur Aufstellung von Windrädern neu schreiben. Dabei hat das Projekt inzwischen auch das Interesse des US-Verteidigungsministeriums geweckt, das den Flieger für den Transport schwerer Militärgüter (Dual-Use) mitprüft

Größenvergleich einer Radia Windrunner (links) mit einer Antonov An-124 sowie einer Boeing 747-400 ganz rechts. Quelle: Radia Größenvergleich einer Radia Windrunner (links) mit einer Antonov An-124 sowie einer Boeing 747-400 ganz rechts. Quelle: Radia

Auf die Länge kommt es an…

On- vs. Offshore: Beim Einsatz von Windanlagen wird zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen Arten unterschieden: Windräder auf dem Land, on-shore, vom Englischen an der Küste, sowie off-shore als Bezeichnung für alle Windräder auf dem Wasser, vorrangig dem Meer.

Technisch gesehen, sind sich beide Konzepte recht ähnlich, sie unterscheiden sich in erster Linie durch die Konstruktion des Unterbaus zur Verankerung und der Länge der Rotorblätter.

Ein Rendering einer Radia Windrunner in einem im Aufbau befindlichen Windpark in einer kargen Steppe. Quelle: Radia Ein Rendering einer Radia Windrunner in einem im Aufbau befindlichen Windpark in einer kargen Steppe. Quelle: Radia

Beim möglichen Stromertrag pro Anlage gibt es einen eindeutigen Sieger. Offshore-Windräder schaffen mit 15 MW Nennleistung oftmals das Dreifache ihrer Brüder an Land.

Die Onshore-Windräder werden abseits der zumeist schwächeren sowie unregelmäßigeren Windströmungen von einem konstruktiv bedingten Aspekt zurückgehalten: die Spannweite ihrer Rotorblätter. Derzeit ist ein Blatt über Land im Schnitt rund 50, maximal 70 Meter lang. Im Meer kommen sie auf über 100 Meter, die Spitzenreiter erreichen sogar 120 Meter.

Rotorblätter von der Fabrik zum Windrad zu bringen, ist keine einfache Aufgabe. Wenn es durch Städte geht, klappt das in der Regel nur nachts. Hierfür werden oft ganze Straßenzüge und Autobahnabschnitte gesperrt. Quelle: Radia Rotorblätter von der Fabrik zum Windrad zu bringen, ist keine einfache Aufgabe. Wenn es durch Städte geht, klappt das in der Regel nur nachts. Hierfür werden oft ganze Straßenzüge und Autobahnabschnitte gesperrt. Quelle: Radia

Warum ist die Länge entscheidend? Kein schlechter Witz, sondern eine berechtigte Frage. Denn je länger das einzelne Rotorblatt, desto größer wird auch der Radius der an der Rotornabe verwurzelten Konstruktion.

Dies erhöht die Fläche in der Luft und damit auch die Menge an Bewegungsenergie, die dem Wind in einer festgelegten Zeitspanne entnommen werden kann. So erklärt sich auch die oben bezifferte Diskrepanz zwischen On- und Offshore hinsichtlich der Energieausbeute.

Auch an Land wären größere Rotorblätter sinnvoll, da so weit mehr Gebiete Strom liefern könnten. Es geht Radia nämlich im Kern um drei Ziele:

  • Höherer Ertrag in bestehenden Gebieten.
  • Bisher wenig lohnende Zonen mit weniger Wind nutzen zu können.
  • Und komplett neue, bisher nicht oder kaum erreichbare Gebiete auf der Welt mit Windparks auszustatten (Radia nennt dieses Konzept „GigaWind“).

Warum sind die maritimen Rotorblätter länger? Der einzige Grund für den eklatanten Unterschied in der Länge der Rotorblätter ist ihr Transport. Jedes einzelne der aus Verbundwerkstoffen bestehenden Monstren – meist drei – muss von der Fabrik bis zum letztendlichen Aufbauort transportiert werden.

Daher können die Blätter kaum noch länger werden. Denn schon jetzt ist der Transport ein Puzzle- und Geschicklichkeitsspiel, wenn nicht gar eine Art Lkw-Ballett.

Ein Flugzeug, gebaut, um einen Faktor aus der Gleichung zu nehmen

Beladung der Windrunner Seitenansicht: eine beladene Windrunner Beladung der Windrunner Seitenansicht: eine beladene Windrunner

Selbst die angedachten über 100 Meter langen Rotorblätter sollen problemlos in den immensen Frachtraum passen. Quelle: Radia

Wo Wind ist, soll auch ein Windrad stehen können: Die als größtes Frachtflugzeug der Welt konzipierte Radia Windrunner soll die Geografie zwischen Fabrik und Aufstellungsort aus der Gleichung nehmen. Ferner soll das Rotorblatt möglichst nah zum Zielort gebracht werden - vom Flugzeug selbst. Das Versprechen: Aufbau von Windrädern an quasi jedem Ort der Welt.

Der Laderaum ist 105 Meter lang (bei 109 Meter Gesamtlänge) und bietet mit 8.200 Kubikmetern Frachtvolumen das Zwölffache einer Boeing 747-400. Die Blätter sollen einfach über ein hochklappbares Cockpit (Nose-Loading) eingerollt werden können. Das Flugzeug könnte schließlich mit der Fracht am Zielort selbst auf unbefestigten, provisorischen Pisten landen.

Das Flugzeug soll keine aufwendig in die Landschaft gelegten Landebahnen brauchen. Eine von Geröll und Bewuchs freigeräumte Erdstrecke reicht angeblich aus. Quelle: Radia Das Flugzeug soll keine aufwendig in die Landschaft gelegten Landebahnen brauchen. Eine von Geröll und Bewuchs freigeräumte Erdstrecke reicht angeblich aus. Quelle: Radia

Hierdurch soll der traditionell per Schwerlasttransporten zurückzulegende Weg möglichst minimiert werden. Selbst abgelegene Regionen wie Hochplateaus in Gebirgen könnten so zur Heimat für gewaltige Windräder werden.

Wann fliegt die erste Windrunner? Laut Radia soll es bis zum Ende des Jahrzehnts (Ziel: Erstflug 2029) dauern, bis wir die erste Windrunner in der Luft - oder gar im regulären Betrieb sehen. Allerdings erscheint uns diese Zeitspanne sehr optimistisch zu sein:

Die Boeing 777X ist als quasi nur neue Version eines bewährten Typs seit mehr als 15 Jahren in Entwicklung und hat sich bereits mehrfach verzögert. Aus der einstmals geplanten Markteinführung 2019 ist, Stand heute, frühestens 2026 geworden. Es ist daher durchaus denkbar, dass Radia mit der Windrunner ebenfalls auf ungeahnte Probleme stößt und sich der erste Start entsprechend verzögert.

Immerhin hat Radia inzwischen starke Partner wie Leonardo und Aernnova an Bord, was die Realisierung wahrscheinlicher macht.

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