Meine neue Kamera ist alt, unscharf und langsam – und genau deshalb so perfekt

Es muss nicht immer das neuste vom Neuen sein, um Spaß und Freude an Technik zu erleben.

Manchmal ist »gut genug« gut genug. (Bildquelle: Duy Linh DinhGameStar Tech) Manchmal ist »gut genug« gut genug. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)

In der heutigen Zeit werden uns rund um die Uhr neue Tech-Produkte, Features und Funktionen präsentiert, die uns alle davon überzeugen wollen, dass wir immer das Neuste und Beste benötigen. Einerseits treibt das den technischen Fortschritt nach vorn, aber es schürt auch den Überkonsum.

So ist es auch in der Kameraindustrie: Neue Kameras sind schärfer, schneller und präziser. Heißt das, dass alte Geräte deswegen schlecht sind?

Nein. 

Ich war zuletzt auf der Suche nach einer günstigen Kamera, um Vögel und andere Tiere auf meinen Spaziergängen zu fotografieren. Ich bin bei einer 10 Jahre alten Kamera und einem sehr speziellen Objektiv fündig geworden. 

Sie haben mich vor allem daran erinnert, was mir beim Fotografieren am wichtigsten ist: Spaß.

Duy Linh Dinh
Duy Linh Dinh

Linh fotografiert schon seit Kindertagen. An seine erste Kamera erinnert er sich noch sehr gut. Die hatte nämlich einen eingebauten MP3-Player und konnte Fotos und Videos anzeigen – nur der Name ist ihm entfallen.

Seine erste Systemkamera war die Sony Alpha 65. Seitdem hat er etliches Equipment ausprobiert: von analogen Klassikern bis hin zu High-End-Vollformat-Kameras. Heute weiß er, dass nicht die Ausrüstung entscheidend war, denn die beste Kamera ist einfach die, die ihr dabei habt.

Welche Anforderungen hatte ich an die Kamera?

Ich bin gerne in der Natur unterwegs und gehe oft spazieren. Dabei beobachte ich die verschiedenen Vögel hier in der Umgebung und ab und zu bekomme ich auch mal einen Fuchs zu Gesicht. 

Weil mir allerdings ein Tele-Objektiv fehlt, konnte ich die Tiere nie näher betrachten und fotografieren, ohne sie zu stören. Also habe ich mich auf die Suche nach passender Ausrüstung gemacht.

Meine Anforderungen waren folgende:

  • 600-mm-Brennweite im Vollformat: Das entspricht bei einem Handy etwa 26-fache Vergrößerung. So kann ich die Tiere mit genügend Abstand und noch ohne Stativ fotografieren.
  • Günstig: Da ich nur gelegentlich Tiere auf meinen Spaziergängen fotografiere, wollte ich nicht zu viel Geld hineinstecken. Meine Schmerzgrenze lag bei 300 Euro.
  • Kompakt: Was nützt mir das beste Tele-Objektiv, wenn es einfach zu groß und schwer ist? Ich wollte eine möglichst kompakte Option, damit die Hürde zum Mitnehmen gering bleibt.

Wer sich ein wenig mit Fotografie auskennt, denkt sich jetzt sicher: »Träumt der? Ein günstiges 600-mm-Objektiv, das auch noch kompakt sein soll?«.

Es stimmt. Diese drei Anforderungen sind fast schon widersprüchlich zueinander. Also musste ich einige Kompromisse eingehen, um den »Traum« dennoch zu verwirklichen.

Welche Optionen gibt es?

Bei meiner Suche haben sich drei Möglichkeiten offenbart:

Ein Teleobjektiv für meine Vollformat-Systemkamera: Ausgeschlossen. Vollformat-Objektive sind sündhaft teuer und weit entfernt davon, »kompakt« zu sein. Große Bildsensoren benötigen großes Glas.

Eine Bridgekamera: Hierbei handelt es sich um Kameras, die zwar aussehen wie digitale Spiegelreflexkameras, aber sie haben ein fest verbautes Objektiv – oftmals mit viel Zoom. Viele dieser Kameras zoomen bis oder sogar über 600 mm, aber mit einem großen Kompromiss: die darin verbauten Bildsensoren sind meistens winzig. 

Bridgekameras tauschen ihren großen Zoom gegen Bildqualität ein. Trotzdem rückten hier einige Modelle in meine engere Auswahl, da mir in erster Linie wichtig ist, die Tiere sehen und fotografieren zu können und nicht jedes Haar einzeln zählen zu können.

Eine Reisezoomkamera: Das sind kompakte Digicams mit viel Zoom. Auch in diesem Bereich gibt es viele Optionen, die meine drei Anforderungen erfüllen, aber die Nachteile decken sich mit denen von Bridgekameras.

Dann bin ich auf Spiegelobjektive gestoßen …

Was ich schlussendlich gekauft habe

Das Objektiv: Beim Browsen durch den Gebrauchtmarkt bin ich auf das Samyang 300mm F/6.3 gestoßen. Das Objektiv wurde für nur 120 Euro angeboten, ist kleiner als eine Cola-Dose und stellt an einer Micro-Four-Thirds-Kamera, dank des zweifachen Crop-Faktors, eine 600-mm-Brennweite im Vollformat dar. 

Fotografie-Begriffe einfach erklärt:
Vollformat

Der Sensor dieser Kameras ist genauso groß wie ein klassisches Negativ aus der analogen Zeit (35mm). Er fängt besonders viel Licht ein, was für eine hohe Bildqualität und einen schön unscharfen Hintergrund dank geringer Tiefenschärfe sorgt.

Micro-Four-Thirds-Kamera (MFT)

Diese Kameras nutzen einen deutlich kleineren Sensor (trotzdem noch deutlich größer als bei heutigen Smartphones), wodurch die gesamte Ausrüstung besonders kompakt und leicht bleibt. Das System ist ein herstellerübergreifender Standard, sodass ihr Objektive verschiedener Marken (zum Beispiel Panasonic und Olympus / OM System) flexibel kombinieren könnt.

Brennweite

Die Brennweite (in Millimetern angegeben) bestimmt, wie viel der Umgebung auf das Bild passt. Eine kleine Brennweite (Weitwinkel) zeigt ein weites Sichtfeld, während eine große Brennweite (Tele) entfernte Motive nah heranbringt.

Crop-Faktor

Dieser Wert beschreibt, wie viel kleiner ein Sensor im Vergleich zum Vollformat ist und wie stark sich dadurch der Bildausschnitt verengt. Ein Objektiv wirkt an einer Kamera mit Crop-Faktor also »herangezoomter« als an einer Vollformatkamera.

Das Samyang-Objektiv ist ein sogenanntes Spiegelobjektiv. Statt vieler Glaselemente sind im Inneren Spiegel verbaut, die das Licht mehrmals umlenken. So wird trotz geringer Größe eine starke Vergrößerung ermöglicht – viele Astro-Teleskope funktionieren so. 

Obwohl dieses Objektiv eine so lange Brennweite bietet, ist es gerade zu winzig. (Bildquelle: Duy Linh DinhGameStar Tech) Obwohl dieses Objektiv eine so lange Brennweite bietet, ist es gerade zu winzig. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)

Spiegelobjektive haben aber viele Nachteile und Eigenheiten, weshalb sie bei den meisten Fotografen und Fotografinnen eher unbeliebt sind:

  • Manueller Fokus: So gut wie alle Spiegelobjektive werden manuell von Hand fokussiert.
  • Feste Blende: Klassische Kameraobjektive können mithilfe von intern verbauten Blendenlamellen die eintretende Menge des Lichts steuern, etwa um eine größere Schärfentiefe zu erreichen. Das geht bei Spiegelobjektiven nicht. Das Samyang-Objektiv hat eine Blende von F/6.3 – nicht mehr und nicht weniger.
  • Donut-Bokeh: Bei klassischen Objektiven werden Highlights in unscharfen Bereichen der Fotos als runde Lichtkugeln dargestellt. Bei Spiegelobjektiven sind es Licht-Donuts.
  • Kontrastarm: Spiegelobjektive haben meistens einen sehr geringen Kontrast. Wem das nicht gefällt, muss diesen entweder in der Kamera oder bei der Nachbearbeitung erhöhen.

Von vorne betrachtet, sehen wir einen der intern verbauten Spiegel. Das runde Stück in der Mitte ist ebenfalls einer, der nach innen gerichtet ist. (Bildquelle: Duy Linh DinhGameStar Tech) Von vorne betrachtet, sehen wir einen der intern verbauten Spiegel. Das runde Stück in der Mitte ist ebenfalls einer, der nach innen gerichtet ist. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)

Trotz der Nachteile hat dieses Objektiv mein Interesse geweckt. Es erfüllt meine Anforderungen und lädt ein, mich zu entschleunigen. Obendrein bietet es einen einzigartigen Look (das Donut-Bokeh). 

Jetzt brauchte ich nur noch eine passende Micro-Four-Thirds-Kamera, um die Brennweite auf 600 mm zu verdoppeln.

Die Kamera: Mir fiel die Wahl ganz leicht. Die Olympus OM-D E-M10 Mark II (rollt von der Zunge, ich weiß). Ich habe die Kamera früher selbst besessen und sie bot genau die Dinge, die mir für dieses kleine Projekt wichtig waren:

  • Micro-Four-Thirds-Sensor für zweifachen Crop-Faktor und höhere Bildqualität als bei Bridgekameras oder Smartphones
  • Sehr kompaktes Gehäuse – perfekt für das kleine Objektiv
  • Effektive Sensor-Bildstabilisierung für verwacklungsfreie Bilder ohne Stativ. Das ist besonders wichtig bei der langen Brennweite des Objektivs.
  • Eingebauter Sucher, der beim Fotografieren bei hellem Tageslicht hilft

Die Olympus OM-D E-M10 Mark II ist eine Micro-Four-Thirds-Kamera, die inzwischen 10 Jahre alt ist. Trotzdem schießt sie heute noch genau so schöne Fotos. (Bildquelle: Duy Linh DinhGameStar Tech) Die Olympus OM-D E-M10 Mark II ist eine Micro-Four-Thirds-Kamera, die inzwischen 10 Jahre alt ist. Trotzdem schießt sie heute noch genau so schöne Fotos. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)

Das Beste: Die Kamera ist auf dem Gebrauchtmarkt für unter 200 Euro erhältlich. Ich habe ein Angebot für 130 Euro entdeckt und zugeschlagen. 

Insgesamt habe ich für dieses kleine 600-mm-Setup also 250 Euro bezahlt. 

Warum die Limitierung meine Kreativität befeuert

In der modernen Wildlifefotografie ist Technik oft alles. Wer Vögel im Flug fotografieren will, greift normalerweise zu Kameras mit KI-gestütztem Autofokus, der Augen in Millisekunden erkennt, und Objektiven, die so scharf sind, dass man jede Feder einzeln zählen kann. Kostenpunkt? Oft im hohen vierstelligen Bereich.

Mit meinem 250-Euro-Setup habe ich nichts davon. Und wisst ihr was? Das ist das Beste, was mir passieren konnte.

Der Fokus auf den Moment: Weil ich manuell scharfstellen muss, beobachte ich die Tiere intensiver. Ich warte darauf, dass sich ein Vogel kurz beruhigt oder eine bestimmte Position einnimmt. Es fühlt sich bewusster an, als die Arbeit der Kamera zu überlassen. Ich bin wieder aktiv am Entstehen des Bildes beteiligt.

Akzeptanz von Fehlern: Ja, viele Bilder landen im Papierkorb. Manchmal ist der Fokus einen Millimeter daneben, manchmal ist das Donut-Bokeh im Hintergrund zu unruhig. Aber bei einem Investment von 250 Euro ist der Druck weg. Ein misslungenes Bild ist kein Weltuntergang, sondern eine Lektion für das nächste Mal.

Leichtes Gepäck, freier Kopf: Da die Kombi so klein ist, habe ich sie bei jedem Spaziergang immer dabei. Die beste Kamera ist die, die man dabei hat – und nicht die, die wegen ihres Gewichts zu Hause im Schrank verstaubt.

Was bedeutet das für euch?

Natürlich möchte ich niemandem auf die Füße treten. Wenn ihr Profi seid oder eure Leidenschaft darin liegt, die technisch perfektesten Wildlife-Aufnahmen zu machen, dann ist High-End-Equipment absolut gerechtfertigt. Teure Hardware hat ihre Daseinsberechtigung; sie macht schwierige Aufgaben einfacher und zuverlässiger.

Für alle anderen, die einfach nur Spaß an der Technik oder einem Hobby haben wollen, gilt: Lasst euch nicht einreden, dass ihr das Beste braucht, um anzufangen oder Freude zu haben.

Ob es die alte Grafikkarte ist, mit der man Indie-Perlen statt Triple-A in 4K spielt, oder eben eine 10 Jahre alte Kamera für die Vogelfotografie: Die Hardware sollte dem Spaß dienen, nicht umgekehrt. 

Es macht mir sogar mehr Freude, aus vermeintlich »schwacher« Hardware das Maximum herauszukitzeln, als sich auf die Automatik der neuesten Generation zu verlassen.


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Freude an Technik ist mehr als Datenblätter

Dieses Projekt hat mir gezeigt, dass wir nicht selten technische Datenblätter mit echtem Erleben verwechseln. Das Samyang 300mm und die alte Olympus sind eine Einladung zur Entschleunigung.

Am Ende des Tages geht es darum, draußen zu sein, die Natur zu genießen und sich über einen Schnappschuss zu freuen, der trotz (oder gerade wegen) der alten Technik gelungen ist. Es muss nicht immer das 6.000-Euro-Setup sein, um den Fuchs im Wald festzuhalten.

Denn am Ende zeigt mein kleiner Ausflug in die Welt der Spiegelobjektive vor allem eines: 

Manchmal ist »gut genug« eben gut genug.

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